Seit fast zwei Jahren ist Oliver Dörre CEO von HENSOLDT und hat das Unternehmen in dieser Funktion in eine neue Ära geführt, in der es permanent neue Trends und Entwicklungen aufgreift. Dies bei gleichzeitiger Lösung aller Herausforderungen, welche die aktuelle Weltpolitik für ein börsennotiertes Rüstungsunternehmen mit sich bringt. Defence Network sprach mit Dörre über seine weiteren Planungen, über den möglichen Ausbau des Unternehmens sowie über seine Einschätzung der zukünftigen Sicherheitslage. Die Fragen stellte Dorothee Frank.
Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten in verschiedenen Rüstungsunternehmen gearbeitet. Was bedeutet die Zeitenwende für Sie?
Dörre: Die Zeitenwende hat – endlich – die Anforderungen der Bundeswehr zur Erfüllung ihrer Aufgaben auf dem Gefechtsfeld in den Vordergrund gerückt. Das ist ein grundlegender Paradigmenwechsel in der militärischen Beschaffung: Zuvor galt das Prinzip „Beschaffung nach Kassenlage“, jetzt gilt „Beschaffung nach Bedarf“. Das heißt, während früher die Budgets entscheidend waren und Lieferfristen bzw. Stückzahlen zweitrangig, kann man heute umgekehrt davon ausgehen, dass das Budget für das Notwendige zur Verfügung steht.
Dementsprechend bauen wir unsere Kapazitäten massiv aus. Für uns steht drei Dinge im Vordergrund: Liefern, liefern, liefern! Die Voraussetzungen dafür hat die Zeitenwende geschaffen.
Wie hat sich HENSOLDT unter Ihrer Führung entwickelt?
Dörre: HENSOLDT ist kontinuierlich gewachsen. Aber genauso wichtig ist die strategische Neuausrichtung, die ich kurz nach meinem Amtsantritt mit unserer „North Star“-Strategie eingeleitet habe: HENSOLDT entwickelt sich weg vom reinen Sensoranbieter hin zu einem Systemhaus der neuen Generation, einem „Neo-Systemhaus“. Das bedeutet, dass wir den Schwerpunkt auf Software-definierte Systeme und die Systemintegration legen, dass wir aber im Sinne möglichst schneller Lieferfähigkeit die für ein Gesamtsystem notwendigen Partner unter Einbeziehung agiler Start-ups zusammenbringen.
Planen Sie neue Standorte?
Dörre: Wir arbeiten intensiv am Ausbau unserer Kapazitäten, der auf drei Säulen beruht: Erstens, Sicherung unserer Lieferketten, zweitens Ausschöpfen von Effizienzreserven an den existierenden Standorten und drittens Aufbau neuer Kapazitäten. Dazu haben wir ein modernes Logistikzentrum in Betrieb genommen, haben mit Firmen der Automobilindustrie Vereinbarungen für einen erleichterten Übergang von Mitarbeitern geschlossen – zuletzt mit Aumovio – und bauen derzeit neue Standorte im Umfeld unser bestehenden Werke in Ulm, Oberkochen und Wetzlar auf.
Reden wir über die Verteidigung der kriegswichtigen Unternehmen. Ist HENSOLDT auch als Unternehmen auf den Ernstfall vorbereitet – Stichworte z.B. Strom oder Schutz vor Drohnenangriffen?
Dörre: Wir haben unsere Sicherheitsprozesse geschärft und sind vorbereitet. Darüber hinaus haben wir eine eigene Abteilung „Business Continuity Management“ eingerichtet, die an einer kontinuierlichen Anpassung und Verbesserung arbeitet. Sehen Sie es mir bitte nach, dass ich aus Sicherheitsgründen keine Details nennen kann.
Was kann hierbei überhaupt die Industrie leisten und was muss vom Staat kommen?
Dörre: Die Industrie kann – und tut das ja auch schon – die Innovationszyklen der Technologie ummünzen in konkrete Produkte, die den Sicherheitsbehörden helfen, den immer neuen Bedrohungen bestmöglichst zu begegnen. Dazu setzt der Staat den institutionellen und regulatorischen Rahmen und bietet Planungssicherheit für die notwendigen Investitionen.
Welche Änderungen, etwa in der Beschaffung, würden Sie sich außerdem von der Regierung wünschen?
Dörre: Ich halte nichts von der verbreiteten pauschalen Kritik an den Beschaffungsbehörden. Allein schon die Zahl der geschlossenen Verträge zeigt, dass wir mit der Straffung der Entscheidungen schon gut vorangekommen sind. Natürlich kann man sich bei den administrativen Prozessen und Regularien noch manche Verbesserung vorstellen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Vorschriften, wie die Zertifizierung, technische Spezifikation oder Truppenversuchsphasen den Sinn haben sicherzustellen, dass das Geld der Steuerzahler sinnvoll ausgegeben wird und dass die beschafften Systeme ohne Gefahr für die Nutzer einwandfrei funktionieren.
Gibt es neue Trends, die sich für Ihr Unternehmen aus dem Ukraine-Krieg ergeben haben?
Dörre: Die Erfahrungen im Ukraine-Krieg sind wichtig, aber nicht eins zu eins auf andere mögliche Konflikte übertragbar. Die große Rolle, die Drohnen auf dem Gefechtsfeld spielen und die Herausforderungen zu ihrer Abwehr, ist sicherlich einer der Trends, die auf viele Einsatzgebiete ausstrahlen. Darüber hinaus die Erkenntnis, dass das Gefecht der verbunden Waffen – auch die Rolle der klassischen Artillerie und des Kampfpanzers – unverändert relevant ist. Man darf nicht einzelne Entwicklungen absolut setzen und z.B. Drohnen gegen Kampfpanzer ausspielen. In der Luftverteidigung wird inzwischen wieder allgemein anerkannt, dass wirklichen Schutz gegen Bedrohungen aus der Luft nur eine integrierte Luftverteidigung bieten kann, die alle „Schichten“ vom Nächstbereich bis zum erdnahen Luftraum abdecken muss.
Wie stellen Sie sicher, dass Sie alle neuen Entwicklungen erkennen und aufgreifen?
Dörre: Wir pflegen engen Kontakt sowohl mit den Streitkräften als auch mit multinationalen Organisationen wie der NATO und mit internationalen Forschungseinrichtungen und Universitäten. Hier stellen wir unsere neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen vor und nehmen umgekehrt Erfahrungen aus dem Einsatz und technologische Fortschritte andernorts auf. Das ist eine kleine, hochspezialisierte Community, in der wir sehr aktiv sind.
Zum Abschluss: Herr Dörre, glauben Sie noch an ein Europa des Friedens, wie es vor dem Ukraine-Krieg zu bestehen schien?
Dörre: Als Mensch glaube und hoffe ich, dass wir einen stabilen Frieden schaffen können. Als Staatsbürger weiß ich, dass dieser Frieden aktiv gestaltet und verteidigt werden muss. Und als Offizier beziehungsweise Entscheidungsträger in der Verteidigungsindustrie bin ich bereit, alles zu tun, damit unsere Streitkräfte diese Aufgabe der Friedenssicherung mit der bestmöglichen Ausrüstung erfüllen können.
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