Wenn in Deutschland über kritische Infrastruktur gesprochen wird, denken viele zuerst an Stromnetze, Rechenzentren, Glasfaserleitungen, Krankenhäuser oder Behörden-IT. Das ist richtig, aber unvollständig. Denn ein wachsender Teil unserer digitalen Infrastruktur befindet sich nicht am Boden, sondern hunderte oder tausende Kilometer über uns. Lesen Sie hier einen Gastbeitrag von Dr. Stefan Frey, Co-Founder & Managing Director Vyoma, über digitale Souveränität und den Weltraum als Teil davon.

Satelliten liefern Navigationssignale für Verkehr, Logistik und Landwirtschaft. Sie ermöglichen Kommunikation in abgelegenen Regionen, liefern Wetterdaten für Katastrophenschutz und Energieplanung, unterstützen Finanztransaktionen, helfen bei der Überwachung von Lieferketten und sind längst ein zentraler Bestandteil moderner Verteidigungsfähigkeit. Kurz gesagt: Unser Alltag hängt an Satelliten, auch wenn wir sie selten sehen.
Gerade deshalb muss Europa seine Debatte über digitale Souveränität erweitern. Wer über Cloud-Infrastruktur, Halbleiter, Cybersicherheit und Datenräume spricht, darf den Orbit nicht ausklammern. Europa kann seine kritische Infrastruktur nur schützen, wenn es unabhängig weiß, was mit den eigenen Satelliten geschieht.
Der Orbit wird voller und damit strategischer
Der erdnahe Orbit hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Immer mehr Satelliten werden gestartet, neue Konstellationen entstehen, private und staatliche Akteure drängen in den Weltraum. Diese Entwicklung eröffnet enorme Chancen: bessere Kommunikation, präzisere Erdbeobachtung, neue Dienste für Wirtschaft, Forschung und Sicherheit.
Gleichzeitig steigt das Risiko. Mehr Objekte im Orbit bedeuten mehr potenzielle Kollisionen. Weltraumschrott kann Satelliten beschädigen oder zerstören. Hinzu kommen gezielte Störungen: Satelliten können geblendet, manipuliert, gejammt, gespooft oder durch Cyberangriffe beeinträchtigt werden. Auch verdächtige Annäherungen anderer Objekte sind längst keine theoretische Gefahr mehr.
Der Weltraum ist nicht nur ein Ort wissenschaftlicher Entdeckung oder kommerzieller Innovation. Er ist ein strategischer Raum– wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und geopolitisch.
Der blinde Fleck in der Debatte über kritische Infrastruktur
Die Debatte zur kritischen Infrastruktur in Europa ist in den vergangenen Jahren deutlich ernster geworden. Das ist eine notwendige Entwicklung. Cyberangriffe, geopolitische Spannungen, Sabotageakte und hybride Bedrohungen haben gezeigt, wie verwundbar moderne Gesellschaften sind.
Doch in dieser Debatte endet der Blick häufig am Boden. Wir sprechen über Rechenzentren, Unterseekabel, Energieversorgung, Telekommunikationsnetze und Behörden. Was dabei oft fehlt, ist die Infrastruktur im Orbit, auf der viele dieser Systeme direkt oder indirekt aufbauen.
Das ist ein gefährlicher blinder Fleck. Denn wenn Satelliten ausfallen, gestört werden oder nicht mehr zuverlässig betrieben werden können, hat das Folgen weit über die Raumfahrtbranche hinaus. Navigation kann ungenauer werden, Kommunikationsdienste können beeinträchtigt sein, Wetter- und Klimadaten können fehlen, militärische Lagebilder können lückenhaft werden, Rettungs- und Kriseneinsätze können erschwert werden.
Satelliten sind keine Spezialinfrastruktur für wenige Experten. Sie sind Teil der Grundversorgung einer vernetzten Gesellschaft. Deshalb gehören sie auch in den Mittelpunkt europäischer Resilienz- und Sicherheitsstrategien.
Digitale Souveränität braucht eigene Daten
Der entscheidende Punkt ist: Man kann nur schützen, was man beobachten, verstehen und bewerten kann. Genau hier beginnt die Frage der Souveränität.
Wenn Europa im Krisenfall nicht über eigene, verlässliche Daten zur Lage im Orbit verfügt, entsteht Abhängigkeit. Dann sind Behörden, Betreiber und sicherheitsrelevante Organisationen darauf angewiesen, dass andere Akteure die notwendigen Informationen bereitstellen – rechtzeitig, vollständig und im europäischen Interesse.
Das reicht nicht aus. Digitale Souveränität bedeutet nicht nur, eigene Daten zu speichern oder eigene Cloud-Lösungen aufzubauen. Sie bedeutet auch, über eigene Lagebilder zu verfügen, wenn kritische Infrastruktur bedroht ist. Im Orbit heißt das: Europa muss wissen, welche Objekte sich wo befinden, welche Bewegungen ungewöhnlich sind, welche Risiken für Satelliten bestehen und wann schnelles Handeln erforderlich ist.
Eine eigenständige Weltraumlage ist deshalb kein Luxusprojekt und kein Nischenthema der Raumfahrt. Sie ist eine Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.
Europa braucht eine neue Sicherheitsarchitektur für den Orbit
Was ist zu tun? Europa braucht eine leistungsfähige, unabhängige und moderne Fähigkeit zur Weltraumlageerfassung. Dazu gehören eigene Sensoren am Boden und im All, präzise Daten, automatisierte Analyseverfahren und die Fähigkeit, Satellitenbetreiber frühzeitig vor Risiken zu warnen.
Dabei geht es nicht nur um das Sammeln von Informationen. Entscheidend ist, aus Daten schnell belastbare Entscheidungen abzuleiten. Bei tausenden aktiven Satelliten und einer wachsenden Zahl von Trümmerteilen kann Kollisionsvermeidung nicht dauerhaft auf manuellen Prozessen beruhen. Der Orbit braucht ein intelligentes Verkehrsmanagement – vergleichbar mit einer Flugsicherung, aber für einen Raum, in dem Objekte mit enormer Geschwindigkeit unterwegs sind und Fehler gravierende Folgen haben können.
Europa sollte diese Aufgabe nicht allein staatlich denken. Notwendig ist ein enges Zusammenspiel von Institutionen wie der ESA, nationalen Behörden, Verteidigungsakteuren, Satellitenbetreibern, Forschungseinrichtungen und innovativen Unternehmen. Gerade Startups und New-Space-Unternehmen können neue Technologien schneller entwickeln, testen und operationalisieren. Sie sind ein wichtiger Teil einer europäischen Sicherheits- und Innovationsarchitektur.
Weltraumsicherheit ist digitale Resilienz
Die zentrale Erkenntnis lautet: Die Sicherheit unserer digitalen Gesellschaft endet nicht an der Atmosphäre. Wer Kommunikation, Navigation, Datenflüsse, Logistik, Energieversorgung, Katastrophenschutz und Verteidigungsfähigkeit absichern will, muss den Orbit mitdenken.
Europa hat in den vergangenen Jahren viel über technologische Abhängigkeiten gelernt. Bei Cloud-Infrastrukturen, Chips, Energie, Rohstoffen und Lieferketten ist das Bewusstsein gewachsen, dass Souveränität nicht erst im Ernstfall aufgebaut werden kann. Dasselbe gilt für den Weltraum.
Wenn Europa resilienter werden will, braucht es eigene Fähigkeiten, eigene Daten und eigene Reaktionsmöglichkeiten im Orbit. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Denn der Orbit wird voller, die Risiken nehmen zu und die geopolitische Bedeutung von Satelliten wächst.
Digitale Souveränität endet nicht in der Cloud. Sie reicht darüber hinaus, wo unsere Gesellschaft längst abhängig ist, ohne es im Alltag zu bemerken: in den Orbit.
Text: Dr. Stefan Frey,
Co-Founder & Managing Director Vyoma
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