Welche konkrete wirtschaftliche Bedeutung hat die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie heute für Nordrhein-Westfalen – in Bezug auf Arbeitsplätze, Umsatz oder Investitionen?
Wir beobachten derzeit einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Verteidigungsgütern. Davon profitieren nicht nur die ursprünglichen Rüstungshersteller, sondern vor allem die Zulieferer und Dienstleister weiter unten in der Lieferkette – also diejenigen, die Komponenten oder Dual-Use-Güter produzieren.
Dies in konkreten Zahlen auszudrücken, ist schwierig, da nicht explizit nachverfolgt wird, welches Teil letztendlich in ein Verteidigungsgerät eingebaut wird. Über diese kurzfristigen wirtschaftlichen Impulse hinaus erwarten wir jedoch auch längerfristige Wachstumseffekte: Verteidigungsprojekte und Grundlagenforschung sind oft eng miteinander verflochten, und das zahlt sich mittel- und langfristig durch technologische Innovationen aus, die auch kommerziell genutzt und vermarktet werden können. Hier ist die Abschätzung der Wachstumseffekte natürlich noch schwieriger.
Wie kann die Rüstungsindustrie zum Strukturwandel im Ruhrgebiet beitragen, beispielsweise durch den Ersatz von Arbeitsplätzen, die in traditionellen Branchen verloren gegangen sind?
Die Rüstungsindustrie ringt derzeit um Fachkräfte und zieht Talente aus einer Vielzahl anderer Branchen an – darunter die Automobilindustrie, den Maschinenbau, die Elektronik/Mechatronik, die Robotik, Cybersicherheit/IT, die Signal- und Datenverarbeitung sowie das Projekt- und Qualitätsmanagement, um nur einige zu nennen.
Doch die Rüstungsindustrie kann die Herausforderungen, denen die Industrie insgesamt gegenübersteht – insbesondere energieintensive Branchen –, nicht ausgleichen. Das ist schlichtweg nicht möglich, schon allein deshalb, weil die Rüstungsindustrie nur einen relativ kleinen Teil der Gesamtindustrie ausmacht.
Eine starke Rüstungsindustrie kann daher immer nur ein Teil einer umfassenderen industriellen Neuausrichtung sein. Damit die Industrie wirklich innovativ und zukunftsfähig wird, müssen sich auch andere Wirtschaftssektoren weiterentwickeln und wachsen.
Wie beurteilen Sie die Abhängigkeit deutscher und europäischer Rüstungsunternehmen von US-amerikanischen Zulieferern und Technologien, und was kann NRW tun, um zur Diversifizierung der Lieferketten beizutragen?
Deutsche und europäische Rüstungsunternehmen sind nach wie vor in erheblichem Maße von US-amerikanischen Zulieferern und Technologien abhängig – insbesondere in Bereichen wie Elektronik, Sensoren, Software-Stacks und ITAR-regulierten Komponenten. Dies gilt nicht nur für den Verteidigungsbereich, sondern ist ein allgemeines technologisches Problem. Die Herausforderung für Europa ist struktureller Natur: fragmentierte Nachfrage, langsame Beschaffungszyklen und unzureichende Größenordnung bei Schlüsseltechnologien. Infolgedessen dominieren US-Firmen Bereiche wie fortschrittliche Halbleiter, Software für Verteidigungszwecke und kritische Subsysteme für Drohnen und Fahrzeuge.
NRW kann eine bedeutende Rolle dabei spielen, diese Abhängigkeit zu verringern. NRW verfügt über eine große industrielle Basis, spezialisierte KMU, starke Forschungseinrichtungen und große Rüstungsunternehmen. Drei Hebel stechen dabei besonders hervor:
Erstens: Stärkung kritischer Technologien wie sicherer Elektronik, Energiesysteme und ausfallsicherer Software, um stärkere europäische Wertschöpfungsketten aufzubauen. Zweitens: Stärkung von Systemintegratoren durch die Verbesserung der Testinfrastruktur, die Beschleunigung von Zulassungsverfahren und die Förderung von Dual-Use-Innovationen. Drittens: Förderung der europäischen Zusammenarbeit in Bereichen wie Sensortechnologien, UAS-Abwehr, Munition und mobile Energiesysteme.
Meine nächste Frage richtet sich nicht an die Wirtschaftsministerin, sondern an die Parteipolitikerin: Die Haltung Ihrer Partei zur heimischen Rüstungsindustrie hat sich seit Beginn des Krieges in der Ukraine grundlegend geändert – und wo sehen Sie persönlich noch Grenzen?
Frieden, Menschenrechte und Völkerrecht stehen weiterhin im Mittelpunkt unserer Politik. Doch wir haben gelernt, dass diese Werte nicht allein durch Dialog verteidigt werden können, wenn ein Land angegriffen und seine Souveränität bedroht wird.

Hinweis: Dieses Interview mit Mona Neubaur erschien zuerst im begleitenden Messeheft am ersten Tag der EUDEX. Sie können es hier einsehen.
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