Der Fokus auf die Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV), nationale Beschleunigungsgesetze wie das BwBBG und EU-Instrumente wie EDIRPA erhöhen den Takt im Defence-Markt. Komplexe Technische Lieferbedingungen (TL) und Vergabespezifikationen müssen zügig in Materialien, Komponenten, Ausrüstungen und Prozesse überführt werden, die im Schutzsystem normkonform zusammenwirken. Dabei stehen Hersteller von Schutzausrüstung vor der Herausforderung, Kosten, regulatorische Anforderungen und Versorgungssicherheit gleichzeitig auszubalancieren. Vom 21. bis 24. April 2026 trafen diese Aufgabenfelder auf der Techtextil und Texprocess in Frankfurt auf die passenden Lösungspartner entlang der textilen Wertschöpfungskette.
Über 150 Aussteller mit spezialisiertem Defence-Angebot adressierten die drängenden Bedarfe eines internationalen Fachpublikums aus Beschaffung, Forschung und Technologie (F&T) sowie wehrtechnischer Industrie. Insgesamt zählten Techtextil und Texprocess über 36.000 Besucher*innen und 1.700 Aussteller aus 112 Ländern. Dabei verknüpften die beiden Leitmessen alle textilen Bausteine und Arbeitsschritte, aus denen einsatzfähige Schutzsysteme entstehen. Denn in der Praxis entscheidet sich Versorgungssicherheit dort, wo Fasern, Garne, Schmaltextilien, Ausrüstungen und Verarbeitungsexpertise lückenlos ineinandergreifen.
„Gerade im Defence-Bereich zählt, ob Innovationen technisch funktionieren, zuverlässig verfügbar sind und in belastbaren Stückzahlen verarbeitet werden können. Die Techtextil ist hierfür die ideale Plattform. Sie bringt die Partner zusammen, die aus Materialkompetenz einsatzfähige Lösungen entwickeln“, sagt Sabine Scharrer, Director Brand Management Technical Textiles & Textile Processing, Messe Frankfurt.
Von der Spezifikation zur Schutzwirkung
Moderne Schutztextilien müssen mehrere strikte Vorgaben vereinen: von IR-Signaturmanagement über Hitze- und Chemikalienschutz bis hin zur mechanischen Robustheit und Waschbeständigkeit. Selbst Klettsysteme, Nähgarne und elastische Bänder müssen mechanischen Extrembelastungen standhalten und die IR-Remission unterstützen.
Optimieren Hersteller diese Parameter einzeln, geht das zulasten des Gewichts, des Wasserdampfdurchgangswiderstands oder des Tragekomforts. Dabei bestimmen diese Faktoren unmittelbar die Durchhaltefähigkeit der Einsatzkräfte. Ein wirksames Schutzsystem erfordert daher zwingend das perfekt abgestimmte Zusammenspiel vieler spezialisierter Komponenten. Umso wertvoller ist eine Plattform wie die Techtextil, die all diese Technologien und Partner an einem Ort vereint.
„Technische Textilien lassen sich nicht auf einzelne Kennwerte reduzieren. Bei Schutzbekleidung entscheidet die Wechselwirkung zwischen Material, Körper und Einsatzszenario“, sagt Dr. Simon Annaheim, Empa. „Simulationen können Materialien gezielter vorselektieren und Entwicklungszyklen verkürzen. Die praktische Validierung bleibt aber unverzichtbar.“
Der PFAS-Ausstieg erhöht die Komplexität zusätzlich. Wasser-, öl- und schmutzabweisende Ausrüstungen bleiben für viele Schutzanwendungen relevant. Vor allem Ölabweisung, wie sie viele Vergabeunterlagen fordern, ist je nach Einsatzprofil nur schwer funktionsgleich zu ersetzen. Auf der Techtextil 2026 konnten technische Einkäufer*innen, Entwicklungsverantwortliche, Materialexpert*innen und Systemanbieter diese komplexen Anforderungen direkt mit Spezialist*innen aus Materialentwicklung, Prüfung und industrieller Verarbeitung diskutieren, Impulse bekommen und Lösungen erarbeiten. So band das neue Segment „Textile Chemicals & Dyes“ die chemische Vorstufe enger an textile Anwendung und Verarbeitung an.
Treffpunkt einer resilienten Defence-Lieferkette
Im Defence-Markt wächst der Druck, das Sourcing sicherheitsrelevanter Produkte geografisch zu bündeln. Gleichzeitig belasten hohe Energiepreise, Bürokratie und globale Preisunterschiede die Fertigung an Standorten wie Europa. Neben alternativen Bezugsquellen für Materialien wie Fasern, Garne oder Ausrüstungen sind vor allem belastbare Partner gefragt, um gemeinsam zukunftssichere Ansätze für die Materialwahl, Veredelung und Verarbeitung zu erarbeiten.
Da technologisches Spezialwissen auf unzählige Akteure verteilt ist, braucht es für einen Marktüberblick eine entsprechende Plattform. So trafen in Frankfurt wehrtechnische Systemhäuser, Konfektionäre und technische Einkäufer*innen auf jene Partner, die sie benötigen, um Schutzlösungen zu spezifizieren, zu sourcen oder in die Serienfertigung zu überführen. Etablierte Anbieter nutzten die Leitmessen gezielt, um die passenden Entwicklungs-, Produktions- und Lieferpartner zu finden. Für Unternehmen, die ihr Portfolio in Richtung Defence erweitern, diente die Techtextil als Kompass in einem Markt, der tiefe Normkenntnis, Vergabekompetenz und belastbare Referenzen verlangt.
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