Zwei Tage „Wirtschaftsfaktor Rüstung“ des Handelsblatts in Düsseldorf und es wird offensichtlich, dass die „Zeitenwende“ doch den Regeln des klassischen Hype-Cycles folgt. Nach dem Hype das „Tal der Tränen“. Der Moment, in dem Realität und Ernüchterung einsetzen. Der Moment, in dem spürbar wird, dass eben doch nicht alles von heute auf morgen geschehen kann. Und vor allem nicht alles gleichzeitig.

Der Hype-Cycle lehrt aber auch, dass jetzt die eigentliche Arbeit beginnt. Realistische Erwartungen treffen auf technische und organisatorische Umsetzbarkeit und über den Pfad der Erleuchtung gelangen wir schlussendlich in die eigentliche Produktivität.
Was einer Passage aus der Odyssee gleicht, ist am Ende rein menschlich. Eine ganze Generation in Gesellschaft und Verwaltung kennt nur den Friedensbetrieb. Die Auslandseinsätze waren weit weg und allein schon durch Mandatierung und Kommentierung zeitlich begrenzt. Heute steht dem gewachsenen Bewusstsein eine neue Art der Bedrohungslage entgegen. Hybride und klassische Bedrohungen, gepaart mit einer neuen Art der Kriegführung stellen die Resilienz der handlungsverpflichteten Akteure und Organisationen auf eine harte Probe.
Resilient ist dabei eine Organisation, wenn ihre einzelnen Einheiten so flexibel eingesetzt werden können, dass die Summe der Einheiten erfolgreich auf neue externe Faktoren reagieren kann. Die Beschaffung großer Plattformen und Systeme wie Fregatten ist nur in Teilen vergleichbar mit der Entwicklung und Bereitstellung tausender „Fire and Forget“-Effektoren.
Im Gefecht lernt man Taktik und Masse. Das ist historisch belegt wie schreckliche Realität in der Ukraine. Für eine gesamtgesellschaftliche Resilienz braucht es aber mehr. Der Blick muss geweitet werden. Sowohl Masse als auch High-Tech, sowohl Neues als auch Bewährtes muss beschafft und eingesetzt werden.
Eine Beschaffung, die auf den goldenen Einzelfall perfektioniert ist, trifft auf veränderte taktische Notwendigkeiten. An dieser Bipolarität treffen unterschiedliche Komplexitäten aufeinander – technologisch, taktisch und kulturell. Die Erfahrungen aus der Ukraine bilden dabei nur die eine Seite der Medaille und nicht alles ist direkt übertragbar. Insbesondere dann nicht, wenn das Ziel weiterhin Abschreckung ist und nicht die massenhafte Nutzung des eingeführten Wehrmaterials. Resilienz entsteht durch Standardisierung, Wiederholbarkeit und Geschwindigkeit. Das ist keine Frage neuer Beschleunigungsverfahren, sondern eine Frage der Kultur und Haltung.
Vor diesem Kulturwandel steht aber nicht nur die beschaffende Seite. Auch die Industrie muss sich neu orientieren und in einer komplexen Gemengelage aus verkürzten Entwicklungszyklen, fehlender Produktions-Infrastruktur und industriepolitischer Souveränität eine neue Art der Resilienz finden.

Steht das System vor einem AK-47 Moment?
Ein Blick in die Geschichte. Der Erfolg des Sturmgewehrs Kalaschnikow war nie geprägt durch seine Präzision. Grobe Toleranzen machten die AK robust und im einfachsten Maschinenbau in Masse reproduzierbar. Die Sowjetunion verschenkte (Industriepolitik) die Baupläne und es entstanden Produktionslinien von Polen bis China. Die AK als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln.
Der Bogen zur Drohne liegt da nur nahe. Nur mit einer gravierenden Verschiebung. Einfache, billige, dezentral produzierte Technik. Klingt nach Kalaschnikov. Doch diesmal hat nicht mehr der Staat den Finger am Hahn, sondern die Teile kommen zuhauf aus dem (meist chinesischen) Konsumgütermarkt. Von Motoren bis Akkus. Das macht diesen AK-47 Moment viel mehr zu einem industriepolitischen als zu einem rein militärischen.
Und somit treffen zwei Produktionslogiken aufeinander. Resilienz kann daher im Umkehrschluss nicht bedeuten auf das eine oder das andere zu setzen. Auch wenn es der Hype gerade suggeriert. Klassische Wehrtechnik aus den etablierten Primes muss gleichzeitig und tragfähig beschafft werden, genauso wie billig und dezentral gefertigte Effektoren. Klingt langweiliger als Hochglanzbroschüren und Unicorns, aber Lieferketten, Schnittstellen und Maschinenbau in belastbaren Multi-Use Ökosystemen bilden echte Resilienz und vor allem Souveränität. Hier beginnt Resilienz und vor allem Souveränität. Die Abschreckungsprämisse beginnt bei der glaubhaften Fähigkeit, in Masse produzieren zu können! Sowohl Depot als auch Skalierungsfähigkeit und es schließt sich die Kalaschnikov Parabel. Der Wert lag nicht an der Masse, sondern an der latenten industriellen Kapazität.

Souveränität bedeutet nicht eine Autarkie. Diese wäre heutzutage auch gar nicht mehr möglich. Sie bedeutet strategische Redundanz an den neuralgischen Punkten. Chips, Batterien, Optik etc. An kritischen Stellen die Stärke Europas ausspielen, um nicht erpressbar zu sein und industriepolitisch weiterhin marktfähig zu bleiben.
Vom Hype zur Substanz auf dem Pfad der Erleuchtung. Wehrfähigkeit und gesellschaftliche Resilienz müssen auf Dauer, jederzeit skalierbar und vor allem souverän durchhaltefähig sein.
Mensch und Maschine müssen zusammenspielen. Das Starren auf die Drohne verengt den Blick. Um den Kalaschnikov-Moment zu verstehen, muss auf die Herstellung dahinter schauen.
Text: Laurence Greeb,
Director bei der Unternehmensberatung evolvens
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