Großkampftag für Europas Satellitenindustrie – Verträge für IRIS² und OneWeb

Einen Monat nachdem die Rahmenvereinbarung zu IRIS² stand, folgen jetzt Taten: Beim International Space Summit in Paris haben Aerospacelab und Airbus ihre Einzelverträge für Europas Satellitenkonstellation unterzeichnet – zusammen ein Auftragsvolumen von mehreren Milliarden Euro. Parallel dazu hat Eutelsat bei Airbus weitere 229 OneWeb-Satelliten bestellt. Beide Programme aus Europas Satellitenindustrie laufen künftig durch dasselbe Werk: die Airbus-Serienproduktion in Toulouse.

Modell des IRIS²-Satelliten mit entfalteten Solarpanelen vor schwarzem Hintergrund
Künstlerische Darstellung eines Satelliten der geplanten Konstellation IRIS² mit entfalteten Solarpanelen vor schwarzem Hintergrund.
Foto: Airbus

Anfang August hatten die Europäische Kommission und das SpaceRISE-Konsortium die Verhandlungen zu IRIS² abgeschlossen und damit festgelegt, welche Unternehmen aus Europas Satellitenindustrie an Europas neuer Flaggschiff-Satellitenkonstellation beteiligt sind: Airbus Defence and Space, Thales Alenia Space, OHB – und mit Aerospacelab ein Newcomer aus Belgien. Klar war damals bereits die grobe Struktur: 348 Satelliten insgesamt, davon 330 im niedrigen Erdorbit (LEO) und 18 im mittleren Erdorbit (MEO). (Defence Network berichtete.)

Was zu diesem Zeitpunkt noch fehlte, waren die konkreten Aufträge. Die sind jetzt da. Am Rande des International Space Summit in Paris wurden heute gleich zwei Verträge für das LEO-Segment von IRIS² unterzeichnet – und sie ergeben in der Summe die im August gemeldete Zahl von 330 LEO-Satelliten.

Aerospacelab: Rekordauftrag für den Newcomer

Den größeren Batzen sichert sich Aerospacelab. Das 2018 gegründete belgische Unternehmen erhält von Eutelsat, das im SpaceRISE-Konsortium für das LEO-Segment federführend ist, den Auftrag zum Bau von 264 Satellitenplattformen – nach eigenen Angaben der größte Einzelauftrag in der Geschichte der europäischen Raumfahrt. Das Auftragsvolumen: 2,4 Milliarden Euro. Vorausgegangen war ein Wettbewerbsdialog mit Eutelsat, aus dem Aerospacelab als Sieger hervorging.

Grafische Darstellung von Aerospacelab-Satelliten der IRIS²-Konstellation im Erdorbit vor der Erde bei Tag-Nacht-Übergang
Eine grafische Darstellung zeigt Satelliten des Herstellers Aerospacelab für die europäische IRIS²-Konstellation.
Illustration: Aerospacelab

„Die Wahl von Aerospacelab für IRIS² spiegelt eine bewusste industrielle Entscheidung wider – ein entscheidender Moment für ganz Europa“, kommentierte CEO Benoît Deper. Gebaut werden die Satelliten in der noch im Bau befindlichen Megafactory im belgischen Charleroi, die eigens auf Aufträge dieser Größenordnung zugeschnitten sei. Für Aerospacelab bestätigt der Vertrag, was sich bereits im August andeutete: Der Newcomer steigt vom Nischenanbieter zum Systempartner auf Augenhöhe mit den etablierten Branchengrößen auf.

Airbus und Thales Alenia Space: die souveräne Schicht

Den zweiten Teil des LEO-Segments übernehmen Airbus und Thales Alenia Space gemeinsam. Der von Airbus unterzeichnete Initial-Vertrag umfasst mindestens 66 Satelliten der sogenannten ersten Schicht, die bis 2029 ausgeliefert werden soll. Anders als die kommerziell geprägten Aerospacelab-Satelliten bildet diese Schicht die „souveräne Säule“ von IRIS²: Sie liefert militärische Ka-Band-Kapazitäten für Verteidigung, Sicherheit und Notfalldienste.

Airbus fertigt dabei die Plattformen und integriert die Nutzlast von Thales Alenia Space – am selben Standort für Europas Satellitenindustrie, der bereits die neue OneWeb-Satellitengeneration für Eutelsat produziert: dem Airbus-Werk in Toulouse. „Es ist ein Privileg, zu diesem strategischen Programm beizutragen, das die digitale Souveränität und strategische Autonomie Europas stärken wird“, so Alain Fauré, Leiter von Space Systems bei Airbus Defence and Space.

Auffällig ist die Formulierung „mindestens 66 Satelliten“ – sie lässt Raum für eine spätere Aufstockung offen.

Eutelsat bestellt gleichzeitig 229 weitere OneWeb-Satelliten

Während IRIS² auf dem Papier reifte, wuchs am selben Tag ein zweites, vom oben erwähnten unabhängiges Programm: Eutelsat hat bei Airbus in Anwesenheit des französischen Forschungs- und Raumfahrtministers Philippe Baptiste eine „Authorisation to Proceed“ für 229 zusätzliche OneWeb-Satelliten unterzeichnet. Sie kommen zu den bereits 440 bei Airbus bestellten Satelliten hinzu, deren Auslieferung und Start kurz bevorstehen – macht in Summe 669 neue OneWeb-Satelliten aus Airbus-Produktion.

Grafische Darstellung eines Airbus-OneWeb-Kommunikationssatelliten für Eutelsat mit entfalteten Solarpaneelen vor Sternenhintergrund
Airbus soll auch neue OneWeb-Kommunikationssatelliten für Eutelsat bauen.
Foto: Airbus

Bei OneWeb handelt sich um Eutelsats bereits seit Jahren betriebene, rein kommerzielle LEO-Konstellation mit aktuell über 600 Satelliten in 1.200 Kilometer Höhe, die weltweit Hochgeschwindigkeits-Internet mit geringer Latenz bereitstellt – es ist praktisch die europäische Version von Elon Musks Starlink, nur halt kleiner. Die neue Bestellung dient in erster Linie dem Ersatz alternder Satelliten sowie der Erweiterung der Kapazität – etwa durch verbesserte digitale Kanalisierer und die Möglichkeit, künftig Zusatznutzlasten mitzuführen.

Eutelsat-CEO Jean-François Fallacher verknüpfte beide Programme in seinem Statement dennoch explizit: OneWeb-Nachrüstung und IRIS² seien zusammen „ein solider Fahrplan“, um das LEO-Geschäft auszubauen und die eigene Rolle „im Zentrum der Zukunft einer souveränen Konnektivität in Europa“ zu festigen.

Europas Satellitenindustrie im Aufwind

Bemerkenswert am heutigen Tage st weniger die einzelne Meldung als die Gesamtschau für Europas Satellitenindustrie: Drei Verträge, zwei Programme und ein besonderes Werk. Airbus bedient mit derselben Toulouse-Fabrik künftig sowohl das sicherheitspolitisch aufgeladene IRIS²-Programm als auch das kommerzielle OneWeb-Nachrüstungsgeschäft – und unterstreicht damit seinen Anspruch, die zentrale industrielle Drehscheibe für Europas Satelliteninfrastruktur zu sein.

Gleichzeitig zeigt der Rekordauftrag für Aerospacelab, dass die EU-Kommission und SpaceRISE bei IRIS² bewusst auch auf neue, schnell skalierende Akteure setzen und nicht ausschließlich auf etablierte Platzhirsche.

Für IRIS² bedeutet der 10. September damit den Übergang von der Ankündigung zur Umsetzung: Mit den jetzt unterzeichneten Verträgen für 264 (Aerospacelab) plus mindestens 66 (Airbus/TAS) Satelliten ist das komplette LEO-Segment der Konstellation vertraglich unter Dach und Fach – rund zwei Jahre bevor die ersten operativen Konnektivitätsdienste für autorisierte staatliche Nutzer in der EU sowie Norwegen und Island starten sollen.

Text: Redaktion

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