In diesem Gastbeitrag von Oberst i.G. Martin Heidgen, Abteilungsleiter II, sowie weiteren Autoren aus dem Planungsamt der Bundeswehr, werden einige konkrete Vorhaben angesprochen – insbesondere das Future Combat Air System (FCAS), Schwarmtechnologie und Künstliche Intelligenz (KI) – und dabei nicht nur deren Zusammenhänge und wesentliche Details aufgezeigt, sondern auch der übergreifende Beitrag des Planungsamtes der Bundeswehr (PlgABw) bei der Entwicklung solcher zukunftsweisender Fähigkeiten. Der Artikel erschien zuerst im CPM Forum 6/2025.
Bereits bei FCAS, welches in einer trinationalen Kooperation entsteht, wird deutlich, dass hier keine Plattform, kein EUROFIGHTER „nächster Generation“ in der Entstehung ist, sondern unter anderem der Schwarmgedanke unter dem Stichwort „Systems of Systems“ bestimmend wirkt.
Im Rahmen von Zukunftsentwicklung und Innovation treibt das PlgABw die Schwarmtechnik für kleine Drohnen bzw. Abwehrmechanismen gegen solche Systeme voran, um deren konkrete Erkenntnisse in weitere Vorhaben wie beispielsweise einen Aufklärungs- und Wirkverbund einzubringen. Darüber hinaus geht es darum, die Kernfähigkeiten, die Schlüsselerkenntnisse für weitere „Systeme von Systemen“ zu skalieren und so zur operativen Dominanz der Streitkräfte beizutragen.
Die für Schwärme benötigte Schlüsseltechnologie ist „AI“, artificial intelligence, oder eben Künstliche Intelligenz. Ausgewählte Aspekte und Vorhaben aus dem Aufgabenbereich des PlgABw dazu werden in der Folge dargestellt und es wird beleuchtet, wie diese „ins System kommen“ und was im PlgABw dazu unternommen wird.
FCAS und dessen Kern, das Next-Generation-Weapon System (NGWS)
FCAS – ein gemeinsames Projekt von Deutschland, Frankreich und Spanien – zählt derzeit zu den größten und ambitioniertesten Rüstungsprojekten Europas. Erklärtes Ziel des Programms ist es, die Nachfolge der heutigen Kampfjetgeneration wie EUROFIGHTER TYPHOON und Dassault RAFALE sicherzustellen und ein vernetztes Luftkampfsystem der Zukunft zu entwickeln.
Der Ansatz des Programms unterscheidet sich u.a. in seiner Natur/Art/Systematik grundlegend von allen bisherigen Entwicklungsprojekten als schlichte Nachfolge der aktuellen Generation. Die Perspektive wird nicht, wie in der Vergangenheit üblich, auf eine Plattform, sondern auf den Systemverbund bzw. das „System of Systems“ ausgerichtet. Im Vordergrund steht die Kernfrage, welche Fähigkeiten notwendig sind – der Lösungsraum, wie diese erfüllt werden sollen und mit welcher oder welchen Plattformen, bleibt bewusst offen.
Der Nukleus des FCAS bildet hierbei das Next-Generation-Weapon System (NGWS), das die Next Generation Fighter (NGF), die Remote Carrier (RC) sowie die Combat Cloud verbindet. Die Entwicklung dieser einzelnen Komponenten ist von Beginn an durch den „System of Systems“-Ansatz miteinander verbunden und soll die Schlagkraft und Überlebensfähigkeit gegenüber traditionellen Systemen signifikant erhöhen. Mit dem NGF als Command Fighter und den modular einsetzbaren RC wird der zukünftigen Luftwaffe die notwendige Flexibilität und Breite an Fähigkeiten zur Verfügung gestellt, um auf dem Gefechtsfeld in der Dimension Luft bestehen zu können.
Mit einer umfassenden Betrachtung der Luftstreitkräfte auf dem Weg zu einem FCAS wird deutlich, dass der Blick nicht allein auf das NGWS ausgerichtet bleiben kann. Zwei weitere wesentliche Komponenten sind gleichermaßen entscheidend für ein Gelingen des Programms:
- das Einbinden bestehender (Waffen-)Systeme in den Systemverbund, wie bspw. das Waffensystem EUROFIGHTER als „legacy“-Plattform sowie
- das Schaffen von Schnittstellen zur Anbindung des FCAS an weitere Dimensionen (z.B. Land), um wesentlich zur dimensionsübergreifenden Operationsfähigkeit beizutragen.
Neben dem Gestalten des Anforderungsmanagements an ein FCAS bzw. NGWS sowie der übergeordneten konzeptionellen Grundlagenarbeit trägt das PlgABw mit der notwendigen Expertise zu diesen beiden Teilaspekten bei. In der Rolle als zentraler Bedarfsträger obliegt es uns, die aktuellen und zukünftigen Waffen- und Unterstützungssysteme aller Dimensionen so aufeinander auszurichten, dass diese sich reibungslos in ein Gesamtsystem, eine Gesamtarchitektur einfügen lassen.
FCAS, welches sich als Basis aller Luftkriegsoperationen ab 2040 versteht, ist als ein Teil des Gesamtsystems der deutschen Streitkräfte zu begreifen. Das PlgABw als projekt- und dimensionsübergreifende Steuerungsinstitution in der Zukunftsentwicklung der Bundeswehr befindet sich in der einzigartigen Lage, das FCAS in ein streitkräftegemeinsames „System-of-Systems“ umzusetzen.
Einsatz von Schwarmtechnologie
Während im Krieg gegen die Ukraine der quantitative und qualitative Einsatz von Unmanned Aerial Systems (UAS) stetig steigt und das Gefechtsfeld beiderseits der Frontlinie kilometerweit in eine „gläserne“ Todeszone verwandelt hat, gilt für die Bundeswehr die alte Weisheit, sich nicht auf den letzten, sondern auf den nächsten Krieg vorzubereiten. Dazu reicht es nicht, wenn sich die Bundeswehr auf die Abwehr und den Einsatz von Drohnen einstellt, vielmehr muss von Anfang an in Drohnenschwärmen gedacht werden.
Schwarmtechnologie beschreibt den koordinierten Einsatz einer Vielzahl (teil-) autonomer Plattformen, die durch dezentrale Entscheidungsfindung, einfache Verhaltensregeln und gemeinsame Ziele komplexe Aufgaben in einem Schwarmorganismus erfüllen können. Entscheidend dabei ist, dass eine Vielzahl von Systemen durch wenige bzw. idealerweise einen einzigen Bediener gemeinsam und taktisch sinnvoll eingesetzt werden können.
Die rasante Entwicklung bei autonomen oder automatisierten Funktionen, vornehmlich durch Algorithmen der KI, ermöglicht technologische Fortschritte, die die Realisierung im militärischen Kontext – zu Lande, zu Wasser, in der Luft, im Weltraum und Informationsraum – ermöglichen.
Im Einsatz erzielen Schwärme folgende Vorteile:
- Robustheit durch Dezentralität: „Echte“ Schwärme sind dezentral organisiert (also verfügen nicht nur über je eine Verbindung eines jeden Elements an eine Zentralstation) und damit inhärent fehlertolerant. Der Ausfall einzelner Einheiten beeinträchtigt nicht zwangsläufig die gesamte Missionsfähigkeit – eine Eigenschaft, die besonders in hochdynamischen, gestörten Umgebungen von entscheidender Bedeutung ist.
- Skalierbare Wirkung: Fähigkeit, simultan über große Räume hinweg zu wirken und Ziele in großer Anzahl zu erfassen oder anzugreifen, erzeugt ein nicht-lineares Kräfteverhältnis gegenüber klassischen Einzelsystemen.
- Überlastung gegnerischer Verteidigung: Ein koordinierter Angriff von Dutzenden oder Hunderten von Kleinstsystemen stellt traditionelle Abwehrsysteme vor erhebliche Herausforderungen hinsichtlich Reaktionszeit, Munitionsverbrauch und Entscheidungsfindung.
- Adaptives Verhalten und Autonomie: Durch Echtzeitkommunikation und kollektive Entscheidungsprozesse können Schwärme ihr Verhalten an die Umgebung anpassen, Bedrohungen umgehen oder neue Ziele priorisieren – auch bei gestörter Führung.
Bei der Bundeswehr wird die Schwarmtechnologie erstmals in Verbindung mit einem neu zu schaffenden „Aufklärungs- und Wirkverbund“ zum Einsatz kommen. Kernstück ist dabei ein Unmanned Management System, das nicht nur eine zusammenhängende Führung durch Verbindung der Aufklärungs- und Wirkkomponenten ermöglicht, sondern auch die Voraussetzung für eine dezentrale Schwarmtechnologie bzw. -architektur der Einzelkomponenten schafft. Dabei müssen die einzelnen Schwarmkomponenten sowohl eine gewisse Rechenleistung „on the edge“ mitbringen als auch eine direkte Verbindung zu den anderen Schwarmelementen aufbauen, damit der dezentrale, fehlertolerante Ansatz gelingt. Konkret heißt das, einzelne Schwarmkomponenten können durch einen Gegner bekämpft (z.B. abgeschossen) werden, ohne dass die Gesamtmission gefährdet wird.
Schwarmtechnologie erweitert das Anwendungsspektrum unbemannter Systeme. Sie bietet strategische, operative und taktische Vorteile, setzt jedoch gleichzeitig neue Anforderungen an Organisation, Technik und Führung. Schwarmtechnologie verstehen wir im PlgABw daher als prioritäres Entwicklungsvorhaben – nicht als Zukunftsvision, sondern als realistische Fähigkeit für die Bundeswehr im Aufbau.
Wie kommt die KI in die Systeme?
Künstliche Intelligenz ist heute weit mehr als ein technologisches Schlagwort, sie ist ein entscheidender Hebel für militärische Überlegenheit, insbesondere auch in der Dimension Luft, wo die Geschwindigkeit von Entscheidungen besonders über Erfolg oder Scheitern entscheidet. Doch die Integration von KI in fliegende Waffensysteme ist kein Selbstläufer. Es geht nicht nur darum, leistungsfähige, neuronale Netzwerke zu entwickeln, sondern sie sicher, verantwortungsvoll und operativ wirksam in die Struktur der Streitkräfte zu bringen. Hier nimmt das Planungsamt der Bundeswehr eine zentrale Rolle als neutrale, übergreifende Instanz ein, die Technologie, Taktik und Truppe verbindet.
Aufgabe des PlgABw ist es, KI nicht isoliert als technisches Experiment zu betrachten, sondern im Kontext komplexer Einsatzszenarien zu bewerten und voranzubringen. Ob im Rahmen von Multi-Domain Operations (MDO), hier z.B. bei der Vernetzung von Drohnenschwärmen oder im Austausch mit internationalen Partnern, KI muss nahtlos in bestehende und zukünftige Systemarchitekturen eingebettet werden. Um diese nahtlose Einbettung zu erreichen, werden bereits im PlgABw Forschungsvorhaben mit zukünftigen und bestehenden Projekten und Vorhaben frühzeitig miteinander verzahnt.
Dazu arbeitet das PlgABweng mit dem Cyber Innovation Hub, dem EloKa-Bataillon 912, der Industrie und Wissenschaft zusammen. Ein zentrales Konzept hierbei ist das sogenannte „Käfigmodell“, bei dem KI-gestützte Entscheidungshilfen parallel zu deterministischen Prozessen laufen und der Input in das Modell stark kontrolliert wird. Dies ermöglicht eine kontinuierliche Validierung, schafft Vertrauen und stellt sicher, dass der Mensch stets die letzte Entscheidung trifft.
Ein weiterer Baustein ist ein KI-Management-Konzept, das wir im Rahmen von Software Defined Defence (SDD) gemeinsam mit dem Zentrum für Digitalisierung der Bundeswehr mitgestalten. Es definiert Standards für die Entwicklung, Zulassung und den Einsatz von KI – von der Datenqualität über Cybersicherheit und Updatefähigkeit bis hin zur Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Denn nur wer versteht, wie eine KI zu einer Empfehlung gelangt, kann sie auch verantwortungsvoll nutzen.
Mit Blick auf die Nachvollziehbarkeit bzw. die Vertrauenswürdigkeit vorgeschlagener Entscheidungen soll ein „Führungszeugnis“ für KI-Assistenten im Rahmen von Führungsentscheidungen dem Menschen behilflich sein, den vorgeschlagenen Entscheidungsweg einzuordnen. Dieses Führungszeugnis muss dabei wichtige „Charaktereigenschaften“ wie z.B. Aggressivität, Experimentierfreudigkeit oder Stabilität abbilden und für den Benutzenden leicht zugänglich darstellen.
Letztlich geht es nicht darum, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, sondern um die Schaffung eines intelligenten, menschlich kontrollierten Systems, welches blitzschnell eine qualitativ hochwertige Handlung vorschlägt. KI wird damit zum Force Multiplier, aber nur, wenn sie sicher, kontrollierbar und im Dienst der Bundeswehr steht. So bringen wir KI nicht nur in die Systeme, sondern auch in die Truppe verlässlich, durchdacht und zukunftsfähig.
Fazit für die Bundeswehr
Die Komplexität der Bundeswehr als moderne, digitale und leistungsfähige Armee beherrschbar zu machen, ist der Mehrwehrt, der im PlgABw gerade bei zukunftsweisenden Themen entsteht und sich an den ausgewählten Beispielen aufzeigen lässt. Das PlgABw sucht mit methodischer Kompetenz und dem ganzheitlichen dimensionsübergreifenden Blick auf das Gefechtsfeld in engem Schulterschluss mit den Dimensionen nach Lösungen für Herausforderungen in sämtlichen Gestaltungsbereichen und Planungskategorien. Partnerschaften, sowohl international als auch mit der (nationalen) Industrie, spiegeln sowohl Mindset als auch Forderungslage und sind uns und den Bedarfsdeckern bei der Umsetzung wesentliches Anliegen.
Autoren: Oberst i.G. Martin Heidgen, Abteilungsleiter II, Planungsamt der Bundeswehr, sowie ein Autorenteam zudem bestehend aus: OTL i.G. Martin Krumholz, Referent bei PlgABw II 1 (2) „Luft/Weltraum“ (Anteil FCAS), OTL i.G. Tobias Treml, Referent bei PlgABw I 1 (1) „Grundlagen Innovation“ (Anteil Schwärme), TRR Arvid Wolff, Referent bei PlgABw II 1 (4) „Führung/Informationsraum“ (Anteil KI).
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