ALA.COM will Polens nächster großer DefenceTech-Player werden

Drohnen, Kampfboote, Raketenartillerie und eine eigene Führungssoftware – und das alles gleichzeitig zum Marktstart. Mit ALA.COM betritt ein Neuling die polnische Rüstungsbranche, der größer denken will als fast jedes andere Start-up der Branche. Gegründet von einem FinTech-Unternehmer, besetzt mit Schlüsselfiguren aus etablierten polnischen Programmen, doch bislang ohne einen einzigen Kunden. Was steckt hinter den ambitionierten Ankündigungen aus dem Grenzgebiet zur Ukraine? Defence Network hat nachgefragt.

Video: ALA.COM

Mit ALA.COM betritt ein neuer privater Rüstungshersteller den polnischen Verteidigungsmarkt – und das mit einem ambitionierten Anspruch. Das Unternehmen mit Sitz in Rzeszów (nahe der Grenze zur Ukraine) wurde von Dawid Rożek gegründet. In Polen bekannt wurde er mit dem erfolgreichen FinTech-Unternehmen des ZEN.COM. Bereits zum Marktstart kündigte ALA.COM gleich ein komplettes Portfolio aus unbemannten Luft- und Seesystemen, Raketenartillerie sowie einer eigenen Führungssoftware an.

Ziel sei es, moderne Waffensysteme vollständig in Europa zu entwickeln, zu produzieren und unabhängig von außereuropäischen Technologien anbieten zu können. Ob ALA.COM diesen Anspruch einlösen kann, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen. Bislang stehen den weitreichenden Ankündigungen nur wenige öffentlich bekannte technische Details oder Referenzprojekte gegenüber.

Zumindest die Anfangsfinanzierung scheint zu stehen: Wie Defence Network auf Nachfrage erfahren konnte, verfügt ALA.COM über ein Stammkapital in Höhe von 15 Millionen polnischen Złoty, was rund 3,5 Millionen Euro entspricht. „Angesichts der Expansionspläne und des dynamischen Wachstums des Unternehmens wird sich dieses Kapital im Laufe der Zeit erhöhen“, so eine Sprecherin weiter.

Branchenperspektivisch kommt ALA.COM aus dem Nichts

Die Voraussetzungen für den Einstieg in den Rüstungsmarkt sind auch jenseits der Finanzierung beachtlich. Das neu gegründete Unternehmen verfügt bereits über die erforderlichen polnischen Genehmigungen zur Herstellung und zum Handel mit Waffen, Munition, Explosivstoffen sowie militärischer Technologie und hat nach eigenen Angaben ein erfahrenes Team aus der polnischen Rüstungsindustrie zusammengestellt.

Dazu gehören unter anderem der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Huta Stalowa Wola, Jan Szwedo, der maßgeblich an Programmen wie KRAB, RAK, BORSUK und der Modernisierung des Raketenwerfers WR-40 Langusta beteiligt war, der Drohnenexperte Grzegorz Łobodziński sowie der Explosivstoff- und EOD-Spezialist Piotr Peksa.

Es ist dieses Netzwerk aus erfahrenen und respektierten Playern der polnischen Rüstungsindustrie und der Berühmtheit seines Gründers, welches dem Unternehmen aus dem Stand nach ganz vorne verhelfen soll. Erste Joint Ventures seien bereits in Planung. „Darüber hinaus ist ALA.COM in der Lage, M&A-Transaktionen (Merger and Acquisition) abzuschließen und durchzuführen“, heißt es weiter.

Große Produktpalette – aber bislang wenig Substanz

Was aber bedeutet das in konkreten Produkten? Bereits zum Marktstart kündigt ALA.COM etwas an: Das Unternehmen präsentiert mit HUSARIA eine Familie unbemannter Luftfahrzeuge, die sowohl FPV-Kampfdrohnen als auch Loitering Munition mit größerer Reichweite umfassen soll.

Auf der Website werden bereits geplante Reichweiten, Geschwindigkeiten und Nutzlasten angegeben, ohne davon zu sprechen, ob die Systeme bereits getestet wurden. Die HUSARIA-Familie wird vielmehr als „in development“ bezeichnet.

Unbemannte Drohne M1 Husaria mit Druckpropeller im Flug über einer bewaldeten Flusslandschaft bei Dunkelheit
Die digitale Grafik zeigt das unbemannte Starrflügelluftfahrzeug „M1 Husaria“ von ALA.COM. Die Drohne ist Teil einer ganzen Produktfamilie aus Polen.
Foto: ALA.COM

Ergänzt wird das Portfolio durch die HARPUN-Familie unbemannter Überwasserfahrzeuge für Aufklärung, den Schutz kritischer Infrastruktur und Kampfeinsätze sowie die 122-mm-Raketenartilleriesysteme ALA WR-40 und ALA WR-80. Verbunden werden sollen sämtliche Systeme über die eigene Führungssoftware ALA COMMAND, die nach Unternehmensangaben ein gemeinsames Lagebild nach NATO-Standard bereitstellen und Operationen über alle Domänen hinweg koordinieren soll.

Gerade die Bezeichnungen WR-40 und WR-80 lassen aufhorchen. Die Abkürzung „WR“ wird in Polen traditionell für Raketenwerfer verwendet und erinnert unmittelbar an den bekannten WR-40 Langusta. Da mit Jan Szwedo einer der prägenden Köpfe hinter dessen Modernisierung heute zum Führungsteam von ALA.COM gehört, liegt die Vermutung nahe, dass vorhandenes Know-how in die Entwicklung eingeflossen ist.

Geflügelte Husaren – Das Bild bleibt unscharf

Ob die angekündigten Systeme jedoch vollständige Neuentwicklungen darstellen oder auch bestehende Produkte übernommen werden, lässt sich derzeit nicht beurteilen. ALA.COM veröffentlichte bislang lediglich ein paar technischen Daten, aber noch keine echten Fotos, oder Erprobungen zu den Systemen. Grafiken und Daten auf der Website haben lediglich einen ankündigenden Charakter. Immerhin, das von Defence Network oben verlinkte Video zeigt zumindest Produkte, die jedoch auch Mockups sein könnten.

Auch wirkt die Auswahl der angekündigten Produkte willkürlich. Zwar ergibt die Kombination aus fliegenden und schwimmenden unbemannten Systemen im Portfolio durchaus Sinn – doch wie passt Raketenartillerie da herein?

MAN-Militär-Lkw mit Mehrfachraketenwerfer bei Dunkelheit auf nassem Untergrund vor einer bewaldeten Hügellandschaft
Ein dreiachsiger Militär-Lkw des Herstellers MAN, der mit einem Mehrfachraketenwerfer vom Typ WR-40 ausgerüstet ist. ALA.COM will diese polnische Raketenartillerie anbieten.
Foto: ALA.COM

Vielleicht so: Das „ALA“ in ALA.COM leite sich vom lateinischen Wort für „Flügel“ ab, das auch die Flügel einer militärischen Formation bezeichnet. Außerdem solle der Name an die berühmten geflügelten Husaren erinnern. „Als rein polnisches Unternehmen“, so die Sprecherin, „strebt ALA.COM danach, an die besten militärischen Traditionen der Republik Polen anzuknüpfen.“

Die angekündigten Systeme – unbemannt fliegend, schwimmend und Raketenartillerie – könnten schlicht eine kleine Anfangsbefähigung sein, für ein zukünftiges Systemhaus, welches in allen Dimensionen der polnischen Rüstung mitspielen will.

Wer zahlt die Rechnung?

Dreieinhalb Millionen Euro dürften dafür allerdings kaum ausreichen. Damit das Unternehmen tatsächlich wachsen und zum militärischen Vollsortimentler werden kann, müssen schnell Produkte verkauft und Verträge gezeichnet werden.

Danach sieht es aber noch nicht aus, wie Defence Network vom Unternehmen erfahren konnte: „Derzeit hat ALA.COM noch keine Vereinbarungen über die Lieferung von Produkten mit Endkunden geschlossen, auch nicht mit den Streitkräften der Republik Polen.“

Unbemanntes Oberflächenfahrzeug Harpun A1 mit Sensormast und Antennen bei rauer See unter bewölktem Himmel
Illustration: Ein unbemanntes Oberflächenfahrzeug (USV) des Typs Harpun A1 navigiert bei rauer See.
Foto: ALA.COM

Gegenüber Defence Network erklärte ALA.COM allerdings, dass bereits Interesse verschiedener Organisationen bestehe und entsprechende Gespräche vorbereitet würden. Man hoffe, bereits in den kommenden Monaten bedeutende Verträge oder Partnerschaften bekanntgeben zu können.

Ein weiterer Baustein in Polens DefenceTech-Offensive

Unabhängig davon, wie weit die einzelnen Programme tatsächlich fortgeschritten sind, zeigt ALA.COM vor allem eines: Die polnische Verteidigungsindustrie entwickelt sich zunehmend zu einem attraktiven Umfeld für private DefenceTech-Unternehmen.

Während andere Start-ups zunächst mit einem einzelnen Produkt an den Markt gehen, verfolgt ALA.COM von Beginn an einen deutlich umfassenderen Ansatz und präsentiert sich als Anbieter eines vollständigen Gefechtsökosystems. Das erinnert an die deutsche Eurobotics. Der Unterschied hier besteht jedoch darin, dass Eurobotics mit der Intec Group im Hintergrund auf ein Fundament aus der Rüstungsindustrie setzen kann.

Ob die Strategie der Polen aufgeht, wird erst die Praxis zeigen. Für Deutschland – und seine Herausforderungen in der Automobilindustrie – ist diese Entwicklung dennoch bemerkenswert. Polen baut seine industrielle Basis im Verteidigungssektor konsequent aus und schafft neben den etablierten Herstellern immer mehr Raum für private Unternehmen auch aus anderen Branchen, die schnelle Entwicklungszyklen, Softwarekompetenz und unbemannte Systeme miteinander verbinden.

Sollte es ALA.COM gelingen, die eigenen ambitionierten Ankündigungen in marktreife Produkte und belastbare Aufträge zu überführen, könnte das Unternehmen mittelfristig zu einem weiteren Wettbewerber auf dem europäischen Rüstungsmarkt werden. Gleichzeitig zeigt der Markteintritt, dass Innovationen im DefenceTech-Bereich zunehmend auch außerhalb der traditionellen Rüstungsunternehmen entstehen.

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