Der Drohnen-Vorfall am Flughafen Leipzig

Die Bundesanwaltschaft hat im Fall der Drohne am Flughafen Leipzig/Halle die Ermittlungen an sich gezogen. Aktuell kommen immer mehr Details ans Licht, aber es gibt auch nach wie vor noch viele offene Fragen. Nur eines ist sicher, es gibt in Deutschland reale Bedrohungen für die kritische Infrastruktur sowie einen anscheinend nicht ausreichenden Schutz.

Drohne über einer Baustelle mit Hochhäusern und Kränen in Leipzig, überlagert mit einer digitalen Grafik zur Datenerfassung
Eine Lösung zur Abwehr von Drohnen.
Grafik: Netline

Kurz vor Mitternacht am Dienstag bemerkte ein Busfahrer am Flughafen Leipzig/Halle eher durch Zufall eine Drohne in der Nähe der südlichen Start- und Landebahn, unweit eines ukrainischen Antonow-Transportflugzeugs. Laut Sicherheitskreisen, die von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zitiert wurden, brachte er sie mit einem Tritt zum Absturz. An der Drohne war ein Sprengsatz befestigt, der, wie die Ermittler inzwischen bestätigten, Semtex enthielt. Beide Start- und Landebahnen wurden gesperrt und mehrere Flüge, darunter ein Passagierflugzeug, umgeleitet.

Die Bundespolizei untersuchte die Drohne mit einem Bombenentschärfungsroboter und entfernte den Zünder. Sie war neben einer Antonov An-124-100-150, einem der ukrainischen Schwerlastflugzeuge, abgestürzt. Zunächst hieß es, der Flieger sei mit Munition – vermutlich für die Ukraine – beladen gewesen. Dieses wurde mittlerweile dementiert. Aber eigentlich ist das nur zweitrangig. Über den Flughafen Leipzig/Halle werden Güter in die Ukraine regelmäßig ausgeflogen, aber auch Schwerlasttransporte für die Bundeswehr in alle Welt durchgeführt. Der Flughafen ist das Drehkreuz in Bezug auf die NATO Strategic Airlift International Solution (SALIS), die auch durch die Bundeswehr intensiv genutzt wird.

SALIS ist ein multinationales Programm, das den teilnehmenden europäischen Staaten garantierten Zugang zu schweren Transportflugzeugen verschafft. Es stellt Großraumtransportflugzeuge für militärische Einsätze sowie für Katastrophenhilfe- und humanitäre Missionen bereit. Konkret zu den schon erwähnten Frachtflugzeugen des Typs Antonow An-124-100. Jede Maschine kann bis zu 120 Tonnen transportieren.

Damit haben die Nutzer einen garantierten Zugriff auf die Transportleistung eines Flugzeuges mit einer Vorlaufzeit von 72 Stunden, ein weiteres mit sechs Tagen Vorlaufzeit, ein drittes mit neun Tagen Vorlaufzeit sowie weitere Optionen je nach Bedarf. Neun Nationen sind beteiligt: Belgien, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Norwegen, Polen, die Slowakei und Slowenien. Dies verdeutlicht, warum gerade dieser Flughafen so brisant ist.

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen, und der Bundesinnenminister bezeichnete eine mit Sprengstoff beladene Drohne als eine neue Gefahrenart. Die Ermittlungen sollen klären, wer die Drohne geschickt hat und wie sie auf das Gelände gelangte. Eines ist bereits klar: Eine bewaffnete Drohne befand sich auf dem Gelände eines großen Frachtflughafens und wurde von einer Person entdeckt, die sie zufällig sah.

Das ist nichts Neues. Leipzig hat Ähnliches schon einmal erlebt. 2024 explodierte ein Brandsatz in einem Logistikzentrum desselben Flughafens – Teil eines Komplotts, das westliche Sicherheitsbehörden dem russischen Geheimdienst zuschreiben. Und es unterscheidet diesen Vorfall von denen in München und anderen deutschen und internationalen Flughäfen. Hier war die Drohne bewaffnet und entsprach nicht einer zivilen 08/15-Konfiguration. Und auch hier liegt vermutlich der Grund der Nichtentdeckung. Deutschland rüstet die größten Flughäfen nach und nach mit entsprechenden Schutzsystemen aus. Dies ist bisher nicht überall geschehen, zudem sind diese Systeme vor allem auf die Entdeckung und Bekämpfung ziviler Drohnen ausgerichtet. Und damit auf die typischen dort verwendeten Frequenzen der Funksteuerung. Das in der Regel 2.400 bis 2.483,5 MHz (2,4 GHz) und 5.725 bis 5.850 MHz (5,8 GHz). Professionelle und militärische Systemen nutzen andere Frequenzen und Systeme.

Das Muster ist dokumentiert. Im Juli 2026 veröffentlichte das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) eine Studie über Drohnenaktivitäten in Europa, die 144 Vorfälle in dreizehn Ländern zwischen August 2024 und Februar 2026 umfasste. Allein im Jahr 2025 registrierte die deutsche Bundespolizei über tausend verdächtige Drohnenflüge. Kopenhagen, Oslo, München, Brüssel und Vilnius haben daraufhin den Flugbetrieb eingestellt.

Die wichtigste Erkenntnis der Studie liegt jedoch in den Vorfällen selbst. Die europäischen Überwachungskapazitäten, so das Fazit, reichten nicht aus, um niedrig fliegende, nicht identifizierte Drohnen zuverlässig zu verfolgen. Die Konsequenz zeigt sich in den Akten: Viele der bekanntesten Sichtungen blieben ungeklärt. Die dänische Polizei benötigte neun Monate für die Auswertung nach der Schließung des Flughafens Kopenhagen und wertete dazu Zeugenaussagen, Fotos, Videos, Überwachungskamera- und Radaraufzeichnungen aus. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie Drohnenaktivitäten weder nachweisen noch ausschließen konnten. Flughäfen wurden trotzdem geschlossen. Zwei Jahre lang reagierte Europa auf Ereignisse, die es nicht zuverlässig erfassen konnte.

„Was wir jetzt erleben, ist die Ausbreitung des modernen Gefechtsfelds in zivile Gebiete. Drohnen sind das deutlichste Beispiel: Wir haben ihre Entwicklung in Kriegsgebieten seit 2016 verfolgt, und was wir jetzt an Flughäfen und Kraftwerken sehen, entspricht größtenteils dem, was wir dort beobachtet haben“, das sagt Shai Palti, CEO der israelischen Netline Communications Technologies.

Was hat sich geändert? Die meisten geschützten Bereiche orten Drohnen über ihre Funkverbindung, das Signal, das zwischen Drohne und Pilot ausgetauscht wird. Findet man die Verbindung, findet man die Drohne. Das funktioniert gut, und die meisten Drohnen nutzen sie immer noch. Diese Methode setzt jedoch voraus, dass die Verbindung besteht. Diese Voraussetzung wird nun auf zwei Arten hinfällig. Eine Drohne kann während des Fluges eine haardünne Glasfaser von mehreren Kilometern Länge hinter sich abrollen und ihre Anweisungen über diese statt über Funk empfangen. Ein westliches Beispiel für diese Technologie hat Defence Network bereits hier vorgestellt. Oder die Drohne erhält ihre Route vor dem Start und fliegt sie völlig autonom. In jüngster Zeit hat sich diese Autonomie hin zu KI-basierter visueller Steuerung entwickelt, wobei die Drohne erkennt, wonach sie sucht, anstatt vorgegebenen Koordinaten zu folgen.

Nichts davon ist experimentell. Im Februar 2026 erreichte erstmals eine Glasfaserdrohne die Stadt Charkiw, und ein ukrainischer Experte für elektronische Kampfführung erklärte anschließend, dass eine Ortung mittels Funkwellen gegen sie wirkungslos sei. Diese Drohnen sind zudem klein, langsam, fliegen tief und größtenteils nichtmetallisch, was sie für Radar schwer erkennbar und häufig zu Fehlalarmen macht.

Sie sind jedoch nicht lautlos. Der Auftrieb einer Drohne entsteht durch Luftbewegung, und Luft, die stark genug ist, um eine Drohne in der Luft zu halten, erzeugt Geräusche. Eine Drohne kann ohne Funkverbindung gebaut werden. Sie kann aber nicht geräuschlos fliegen.

„Wenn eine Drohne über Funk fliegt, können wir sie orten und stören. Das deckt immer noch den Großteil des verfügbaren Materials ab. Fliegt sie über Glasfaser, gibt es keine Funkverbindung, die wir orten oder stören könnten. Die Ortung muss sich dann auf die Spuren stützen, die die Drohne unweigerlich hinterlässt“, so Shai Palti.

Wo die Reaktion begonnen hat

Die Arbeit hat in beide Richtungen begonnen: zur Abwehr und zur Ortung. Zur Abwehr hat Deutschland ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum in Berlin eröffnet, und die Bundespolizei stellt eine Einheit von rund 130 Beamten für Flughäfen und sensible Bereiche auf, die Berichten zufolge mit Störsystemen und Abfanggeräten ausgestattet sein soll. Auch die Bundeswehr darf unter bestimmten Bedingungen Drohnen im Inland abfangen. Doch hier gilt jeweils, diese Einheiten müssen erst aktiviert und gerufen werden, bieten keinen dauerhaften Schutz an neuralgischen Punkten.

Alexander Dobrindt, der Bundesminister des Innern sowie andere Politiker regten auch an die Industrie rechtlich zu befähigen in ihren eigenen Bereichen Drohnen bekämpfen zu dürfen. Hier stellt sich die Frage, warum dies nicht schon längst umgesetzt wurde? In Deutschland ist man wenig vorausschauend, es wird immer nur reagiert, nie agiert. Das muss sich ändern, ansonsten wird man den hybriden Bedrohungen schutzlos gegenüberstehen.

Bei der Detektion machte die Ostflanke den Anfang. Das lettische Verteidigungsministerium gab im Dezember 2025 bekannt, dass das Land als erstes NATO-Mitglied eine akustische Drohnenerkennung entlang der gesamten Ostgrenze eingeführt habe, und kündigte für 2026 eine deutliche Erhöhung der Ausgaben für unbemannte Systeme an. Im Januar 2026 richtete die U.S. Army eine formelle Anfrage an die Industrie bezüglich der passiven akustischen Erkennung kleiner Drohnen.

Was ist ein akustischer Sensor?

Bei der akustischen Sensorik gibt es zwei wesentliche Herausforderungen. Die erste besteht darin, auf große Entfernung genau das zu hören, was man hören möchte. Ein Mikrofon-Array erfasst Geräusche aus der Umgebung und ermittelt die jeweilige Herkunftsrichtung; es nimmt jedoch auch Wind, Verkehr, Generatoren, Regen, Maschinen und Menschen wahr. Im Vergleich dazu ist das Geräusch einer Drohne schwach.

Die zweite Herausforderung besteht darin zu entscheiden, ob es sich bei einem dieser Geräusche tatsächlich um eine Drohne handelt. Die herkömmliche Methode sieht vor, im Vorfeld zu bestimmen, wie eine Drohne klingt, und einen Detektor zu entwickeln, der diesem Profil entspricht. Er findet genau das, wofür er konzipiert wurde. Die Alternative ist ein KI-Modell, das anhand von Aufnahmen trainiert wird und das Geräusch selbst erlernt, anstatt auf einer vorgegebenen Beschreibung zu basieren – zudem lässt es sich neu trainieren, wenn ein neuer Drohnentyp auftaucht, was heutzutage ständig geschieht.

Die akustische Erkennung wurde für militärische Zwecke entwickelt und erprobt; derzeit erfolgt ihre Anpassung an zivile Standorte. Die Bewertungskriterien stehen bereits fest: Eine militärische Evaluierung untersuchte akustische Systeme hinsichtlich Erfassungsreichweite, Genauigkeit der Richtungsbestimmung, Fehlalarmrate, Zuverlässigkeit und Netzwerkfähigkeit – und das unter den Lärmbedingungen von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen. Dieselben Fragen stellen sich auch bei einem Flughafen.

Vier Ebenen – und die bereits installierten Systeme

Es gibt vier Möglichkeiten zur Drohnenerkennung, die jeweils unterschiedliche Schwachstellen aufweisen können. Radar erfasst Objekte, doch eine Drohne könnte in jene Kategorie von Echos fallen, die das System gezielt ignoriert. Die Funkfrequenzerkennung bildet an den meisten geschützten Standorten die Hauptebene; sie ist präzise und verfügt über eine hohe Reichweite, solange die Drohne Signale aussendet. Optische Systeme identifizieren, was sie sehen können; ihre Funktion wird jedoch durch Dunkelheit oder Hindernisse beeinträchtigt. Akustische Systeme funktionieren hingegen auch ohne direkte Sichtverbindung, bei Dunkelheit und schlechtem Wetter, wenngleich über kürzere Distanzen.

Nur wenige große Standorte beginnen bei Null. Flughäfen und Seehäfen setzen bereits Radarsysteme für andere Zwecke ein, die jedoch für Objekte von der Größe einer Drohne ungeeignet sind. Ein solches System liefert einen stetigen Strom kleiner Echos, ohne dass sich eine Drohne von einem Vogel unterscheiden ließe; folglich muss das Bedienpersonal entweder jedes einzelne Signal überprüfen oder die Überwachung ganz aufgeben. Hier schafft die akustische Erfassung Klarheit: Ein Vogel hat keinen Motor. Durch die Ergänzung um eine passive Erfassungsebene lässt sich die bereits vorhandene Ausrüstung effektiver nutzen.

Was Europa jetzt angehen kann

Europa sollte den Vorfall in Leipzig als Warnung begreifen. Die Detektion macht die eine Hälfte des Problems aus – und zwar jene, die sich bereits jetzt lösen lässt.

Mittels Funkfrequenzerfassung lässt sich heute der Großteil dessen aufspüren, was über europäische Anlagen hinwegfliegt. Was jedoch unentdeckt bleibt, sind Drohnen, die über Glasfaserkabel gesteuert werden, sowie autonom fliegende Drohnen – und der Einsatz auf Schlachtfeldern zeigt, dass beide Typen bereits verwendet werden. Die akustische Erfassung ist eine Methode, die nicht auf Funksignalen basiert.

Die zweite Hälfte des Problems liegt noch im Ungewissen. Es gibt eine ernsthafte Debatte über Abwehrmaßnahmen: Was darf gestört („gejammt“) werden? Was darf abgeschossen werden? Wer ist befugt zu handeln? Und welche Auswirkungen hat dies auf andere Luftraumnutzer? Die Klärung dieser Fragen wird Zeit in Anspruch nehmen. Die Frage der Detektion hingegen hängt nicht von diesem Ergebnis ab und ist vergleichsweise eindeutig zu beantworten.

Der Vorfall in Leipzig wird zu einer Untersuchung und voraussichtlich zu neuen Verfahrensabläufen führen. Die Frage, die man jedem Flughafen, Seehafen und Kraftwerk in Europa stellen sollte, ist jedoch spezifischer: Wenn heute Nacht eine Drohne auftaucht – wer bemerkt sie?

 

Text: Redaktion / af

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