Rüstung

Digitalisierung der Beschaffung – Anbindung der Beschaffungskanäle

Das Projekt „Anbindung der Beschaffungskanäle NSPA, NETMA und FMS an die Standard-Anwendungs- Software-Produkt-Familien (SASPF) zur Sicherstellung der Einsatzversorgung und logistischen Unterstützung neuer Waffensysteme“ (kurz „Anbindung BeKa“) dient der Schaffung des Datenaustauschs für Beschaffungs- und Vertriebsvorgänge mit NATO-Agenturen und Zollbehörden sowie deren Rechnungswesenintegration in SASPF und Digitalisierung der Ein- und Ausfuhrabgabenabwicklung für die Bundeswehr.

Aufnahme von Gebirgsjägern im Rahmen der Einsatzprüfung „Fliegen im Gebirge“ des Mehrzweckhubschraubers NH90 vom Transporthubschrauberregiment 30 in Mittenwald.
Foto: Bundeswehr/Christian Ney

Die IT-Strategie Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) verfolgt das Ziel, SASPF umfassend und flächendeckend in die Bundeswehr einzuführen. Dazu wird die trotz des voranschreitenden SASPF-Rollouts bis heute immer noch mit zahlreichen veralteten „Insellösungen“, Medienbrüchen und teilweise redundanten Datenhaltungen gekennzeichnete IT- Landschaft der Bundeswehr durch die Einführung integrierter IT-Systeme und enger Ausrichtung an marktgängigen Standardlösungen modernisiert. Wesentliches Ziel der Realisierung des Programms SASPF ist der ganzheitliche Ansatz zur prozessorientierten, funktionsbereichs-übergreifenden Integration von Betriebsabläufen.

Im Rahmen des Projektes „Anbindung BeKa“ soll die Ablösefähigkeit folgender Altverfahren und überholter Datenaustauschformate hergestellt werden:

  • MEDIKUS (Material-Engpass-Dispositions-Kontroll- und Unterstützungs-System),
  • Spec2000M bzw. Ablösung des Spec2000M-Moduls (wird im Agenturverfahren für NH90 und UH TIGER genutzt),
  • FMS TA/TS (FMS, Teilverfahren Transportabwicklung und Transportsteuerung): nur im Umfang Ein- und Ausfuhrabgabenabwicklung,
  • Zollabwicklung BWB.

Im Zuge der bisherigen Einführung von SASPF ist bisher nur eine geringe Anzahl an Beschaffungskanälen für die Zentrallogistik angebunden worden. Neben der Anbindung des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) als zentralem Beschaffungskanal sind dies die NSPA, die NETMA sowie FMS.

Die NSPA ermöglicht die logistische Bewirtschaftung verschiedenster Waffensysteme über die Datenaustauschformate MILSTRIP und ASD S2000M .

Die NETMA unterstützt die logistische Bewirtschaftung der Waffensysteme EUROFIGHTER und TORNADO auf Basis der multinational bindenden Vereinbarungen (Guidance Documents). Die entsprechenden Daten werden im Format ASD Spec2000M ausgetauscht. FMS ist ein Technologieprogramm der US-Regierung, das ausländischen Partnern den Erwerb von Rüstungsgütern und/oder Dienstleistungen ermöglicht. Der Datenaustausch basiert auf dem Format MILSTRIP.

Die dem Projekt „Anbindung BeKa“ zugrunde liegenden Forderungen leiten sich direkt aus den Teilkonzeptionen „Logistik“, „Logistische Lage“ und „Bereitstellung und Bevorratung“ ab. Nicht zuletzt geht es dabei auch um die zwingend notwendigen Forderungen in SASPF, die sich aus der Unterstützung der Einsätze oder der Einführung neuer, nur mit SASPF zu unterstützenden Waffensystemen ergeben. Die Forderungen der Konzeption der Bundeswehr resultieren aus den Fähigkeitskategorien Führungsfähigkeit, Unterstützung und Durchhaltefähigkeit sowie der Teilkonzeption Logistik.

Für die vollständige logistische Überführung von Waffensystemen nach SASPF ist es erforderlich, neben der Anbindung des Beschaffungskanals „BAAINBw“ an SASPF ebenso die angesprochenen Beschaffungskanäle NSPA, NETMA und FMS zu realisieren. Dabei steht auch die Möglichkeit im Vordergrund, zwischen verschiedenen Beschaffungskanälen zu wechseln, um so Beschaffungshindernisse umgehen bzw. den Ausfall eines Beschaffungskanals in bestimmten Fällen ausgleichen zu können.

Mit dem Projekt „Anbindung BeKa“ soll neben dem Schließen bestehender Fähigkeitslücken und der Ablösung von Altverfahren die Vollmigration unter SASPF ermöglicht werden. Mit der Umsetzung wird darüber hinaus die Führungsfähigkeit erheblich verbessert, die Einnahme neuer Strukturen in der Bundeswehr unterstützt sowie ein erheblicher Beitrag zum Entfall der bisher notwendigen, domänenbedingten Ausbildung der Nutzer der Altverfahren ermöglicht.

Der Eurofighter mit der Sonderfolierung "Eagle Star 2.0" überfliegt gemeinsam mit einem Kampfjet F16 der israelischen Luftwaffe die Küste von Tel Aviv anlässlich der Feierlichkeiten zum 75. Jubiläum der Staatsgründung.
Foto: Bundeswehr/Christian Timmig

Fähigkeitslücken

  1. Fehlen eines einheitlichen und leistungsfähigen IT-Systems in der Zentrallogistik
    Durch die Nutzung der Altverfahren in der Zentrallogistik entstehen Verzögerungen in der Ersatzteilversorgung. Darüber hinaus ist der Weiterbetrieb der Altverfahren in den Bereichen Softwarepflege, Ausbildung und Pflege der Schnittstellen zu SASPF immer noch mit nicht unerheblichem Mehraufwand verbunden. Nur durch eine medienbruchfreie Materialbewirtschaftung kann zeitnah den Einsatzerfordernissen entsprochen und eine Gefährdung der Einsatzversorgung nachhaltig verhindert werden. Die bisher z.T. domänenspezifischen ausgelegten Ausbildungen können einheitlich auf die Systemlandschaft SASPF ausgerichtet werden.
  2. Fehlende Fähigkeit zur wirtschaftlichen Nutzung der Dispositionsdaten der Zentrallogistik für die Bestände der Bundeswehr
    Die Nutzung der Altverfahren beschränkt die Verfügbarkeit der Daten auf einen Bruchteil des Datenumfangs, der gegenüber der integrierten Datenbereitstellung im System SASPF verfügbar wäre. Insbesondere Serialisierungs- und Chargendaten stehen somit noch nicht zur Verfügung. Darüber hinaus bestehen Altverfahren aus drei getrennten Domänen und getrennten Bestandsnachweisen, womit Materialbestände der Streitkräfte sich nicht ohne Aufwände zu einem Gesamtbestand zusammenführen lassen. Dieser Aspekt gewinnt insbesondere nach Übernahme der Materialverantwortung für die Einsatzreife im BAAINBw eine große Bedeutung.
  3. Fehlendes durchgängiges IT-System für Beschaffung, Disposition und Haushaltsmanagement in der Zentrallogistik
    Derzeit ist nur für Artikel, die komplett in die Versorgungskette in SASPF überführt sind, eine Disposition in SASPF möglich. Dies betrifft nur die Artikel, deren Beschaffungskanal auch an SASPF angeschlossen ist. Eine durchgängige Transparenz in einem IT-System, z.B. für die Bewirtschaftung von Haushaltsmitteln, ist derzeit nur für diesen Anteil möglich.
  4. Fehlende Fähigkeit zur Kostentransparenz/Controlling bei der Beschaffung über NETMA und NSPA
    Ohne hinreichende Prozessintegration des Rechnungswesens ist die Kostentransparenz als Voraussetzung für einen effizienten Haushaltsmitteleinsatz nur mit erheblichem manuellem Zusatzaufwand herstellbar.
  5. Fehlendes IT-Verfahren für die logistische Unterstützung bei Einführung von neuen Waffensystemen
    Derzeit kann SASPF nur für Waffensysteme genutzt werden, wenn die Anbindung aller der jeweils benötigten Beschaffungskanäle an SASPF realisiert ist. Eine nur anteilige Anbindung führt entweder zu einem erhöhten personellen Mehraufwand, da Schnittstellen und Offline-Verfahren zu bedienen sind, oder aber dazu, dass ein Waffensystem in ein Altverfahren eingeführt werden muss.
  6. Migration der zentralen Materialbewirtschaftung und Nutzungsleitung von Altverfahren nach SASPF
    Während die Lagereinrichtungen und mittlerweile größtenteils die Logistischen Ebenen I und II nach SASPF migriert sind, ist der Fortschritt der Migration der zentralen Materialbewirtschaftung (LogEbene III) nach SASPF noch vergleichsweise gering. Mit stetigem Rollout wird SASPF das vorherrschende Verfahren in der Logistik. Das Logistikzentrum der Bundeswehr (LogZBw) wurde auf SASPF ausgerichtet, der Rollout von Artikelspektren hängt diesem jedoch hinterher. Dieser Umstand führt zu einem erhöhten Pflegeaufwand der Materialien (sowohl in SASPF als auch in SinN ), erhöhtem Ausbildungsbedarf des Fachpersonals (in SinN und SASPF), Datenschiefständen zwischen den Bewirtschaftungsverfahren SinN und SASPF sowie einem Betrieb von zusätzlichen Schnittstellen in der Materialbewirtschaftung.
  7. Führungsfähigkeit
    Die unterbrechungsfreie und verzugsarme Informationsversorgung in der Logistik ist im Besonderen für die Zentrallogistik derzeit nicht gegeben. Nur durch die konsequente Nutzung von SASPF als Mittel der logistischen Führung kann dieser Mangel abgestellt werden. Insbesondere der Mischbetrieb von Altverfahren und SASPF und unterschiedlicher Nachweisverfahren (SASPF und Altverfahren) erschweren die Führungsfähigkeit, da unterschiedlichste Datenquellen zum Erkenntnisgewinn erforderlich sind. Die hierbei gewonnenen Daten können aufgrund unterschiedlicher Datenformate nur bedingt zusammengeführt werden.
  8. Unterstützung und Durchhaltefähigkeit
    Die Logistische Unterstützung erfordert eine prozessorientierte und streitkräftegemeinsame Ausrichtung und die Nutzung leistungsfähiger Informationssysteme zur Beschaffung, Disposition und Materialverfolgung mit vollständiger Integration in das Rechnungswesen. Dies wird erst durch die umfassende Nutzung von SASPF für die Zentrallogistik erreicht werden.
Realisierungsanteile des Projektes P-129 „Anbindung BeKa“.
Grafik: Bundeswehr/BAAINBw G4.2

Das aus drei Realisierungsanteilen bestehende Projekt „Anbindung BeKa“ hat im Kern die Bereitstellung einer integrierten, effizienten und durchgängigen IT-Unterstützung zum Ziel. Im „Realisierungsanteil 1“ ASD Spec2000M (RA1) werden im ersten Schritt zu den Versionen 2.1 und 7.0 der ASD S2000M die Kapitel 2 und 3 sowie erforderliche Erweiterungen (Anteile aus Kapitel 4 und Anteile außerhalb ASD S2000M) als generisches Rahmenregelwerk* in SASPF abgebildet. Im zweiten Realisierungsschritt des RA1 werden die Spezifika für die betroffenen Waffensysteme umgesetzt, die den Umgang mit dem Regelwerk definieren.

Im „Realisierungsanteil 2“ MILSTRIP (RA2) für die Anbindung an die NSPA wird ein weiteres, waffensystemspezifisch parametrisierbares Werkzeug (regelwerkbasiert und customizingfähig) zur zentralen Durchführung und Überwachung der betroffenen Agenturprozesse entwickelt. Analog zu oben beschriebenem Ansatz für RA1 erfolgt die Umsetzung in zwei Realisierungsschritten. Im ersten Schritt wird das generische Regelwerk als Werkzeug entwickelt, um die erforderlichen Funktionalitäten für den Datenaustausch mit der NSPA vorzubereiten. Im zweiten Schritt werden die Spezifika für die betroffenen Waffensysteme umgesetzt, die den Umgang mit dem o.g. Regelwerk definieren.

Ein Kampfhubschrauber Tiger vom Kampfhubschrauberregiment 36 fliegt einen Angriff auf zugewiesene Bodenziele auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz.
Foto: Bundeswehr/Marco Dorow

Für RA1 und RA2 wurde ebenfalls die Entscheidung zur Entwicklung eines Beschaffungscockpits als dem zentralen Werkzeug zur Überwachung und Durchführung der Agenturprozesse mit einer Oberfläche nach modernen Maßstäben getroffen. Das Beschaffungscockpit unterstützt die Überwachung verschiedener Beschaffungsprozesse. Dem Anwender wird damit ein umfassender und transparenter Überblick über die Agenturvorgänge mit allen Transaktionen (Nachrichten) und deren Status sowie die Möglichkeit zur zeitnahen Reaktion auf eingegangene Nachrichten gegeben.

Der Realisierungsanteil 3 Eu3A (RA3) beinhaltet die Realisierung einer IT-Unterstützung zur Ein- und Ausfuhrabgabenabwicklung der Bundeswehr (kurz: Eu3A). Für die Herstellung der Ablösefähigkeit der SinN „FMS (TA/TS)“ und „Zollabwicklung BWB“ wird dazu die Lösung SAP GTS im Rahmen des Realisierungsanteils Eu3A neu bei der Bundeswehr eingeführt.

Systemarchitektur „RA1 und RA2“.
Grafik: Bundeswehr/BAAINBw G4.2

Bedeutung der Schliessung der Fähigkeitslücke für die Fähigkeitsentwicklung

  • Im Systemzusammenhang der Bundeswehr soll ein automatisierter, prozessübergreifender Datenaustausch zu vor- und nachgelagerten Prozessen der Materialbewirtschaftung, Beschaffung und Rechnungswesen innerhalb SASPF sichergestellt und eine Nutzung durch Anwendende im Grundbetrieb und Einsatz ermöglicht werden.
  • Der Zentrallogistik steht ein leistungsfähiges und ebenenübergreifendes IT-Verfahren für Planung, Information, Disposition und Beschaffung von Material und Dienstleistung zur Verfügung.
  • Die Anbindung der Beschaffungskanäle bewirkt, dass der Zulauf neuer Waffensysteme reibungslos erfolgen kann.
  • Der Großteil des Artikelspektrums der Bundeswehr wäre in SASPF beschaff- und bewirtschaftbar.
  • Es wird eine produktbezogene Kostentransparenz hergestellt (vollumfängliche Integration des Rechnungswesens).
Systemarchitektur „RA3“ (GTS-Schiene).
Grafik: Bundeswehr/BAAINBw G4.2
  • Cockpitlösungen zur Anbindung von SinN sowie Schnittstellen entfallen, so dass die manuelle Überwachung entfällt und entsprechende Fehlerquellen beseitigt werden.
  • Durch die Realisierung der Ein- und Ausfuhrabgabenabwicklung in SASPF kann diese integrativ, medienbruchfrei und zukunftsorientiert betrieben werden.
  • Betroffene SinN (z.B. FMS, MEDIKUS, Zollabwicklung BWB) können abgeschaltet werden, so dass Nutzer nur noch in SASPF arbeiten und nur noch hierfür ausgebildet werden müssen.
  • Die Realisierung des Projektes erlaubt zudem eine schnellere und genauere logistische Unterstützung in Bündnis und Einsatz.

Das Projekt „Anbindung BeKa“ leistet im Rahmen der IT-Unterstützung durch SASPF mit der Schaffung eines automatisierten, prozessübergreifenden Datenaustausches zu vor- und nachgelagerten Prozessen der Materialbewirtschaftung, Beschaffung und des Rechnungswesens in SASPF einen unverzichtbaren Beitrag auf dem Weg zur „Digitalisierung Bundeswehr“.

 

 

Autorenteam BAAINBw G4.2

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