Impulse für einen neuen Planungsprozess

Die sicherheitspolitische Lage und der damit verbundene Paradigmenwechsel hin zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) stellen die Bundeswehr vor grundlegende strukturelle und planerische Herausforderungen. Vollausstattung, Reaktionsgeschwindigkeit und Durchhaltefähigkeit haben sehr hohe Priorität. Dadurch steigt der Druck, bestehende Planungsprozesse zu beschleunigen und gleichzeitig kürzer werdenden Innovationszyklen gerecht zu werden. Wie kann dies durch einen planerischen Fokuswechsel auf verteidigungsbereite Organsationselemente gelingen? Ein Debattenbeitrag.

Planungsprozess: Kernelemente eines neuen Planungsprozesses zum Erreichen einer verteidigungsbereiten Bundeswehr. Bild: ©Bundeswehr/ Hinz
Kernelemente eines neuen Planungsprozesses zum Erreichen einer verteidigungsbereiten Bundeswehr.
Foto: Bundeswehr / Hinz

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat auf der Bundeswehrtagung im November 2025 den Auftrag erteilt, einen neuen Planungsprozess für die Bundeswehr zu entwickeln, der „Beschleunigung und Innovation vereint“.

Als Inhouse-Beratung der Bundeswehr verstehen wir uns auch als Impulsgeber und haben in diesem Kontext mit Bundeswehr-spezifischer Expertise sowie externer Perspektive zentrale Hebel identifiziert, um bestehende Planungsmechanismen zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Ziel ist ein Planungsansatz, der den besonderen Rahmenbedingungen des Verteidigungsressorts gerecht wird und zugleich konsequent auf die Aufstellung verteidigungsbereiter Strukturen ausgerichtet ist.

1. Ergebnisorientierung als leitendes Prinzip

Ein neuer Planungsprozess muss konsequent ergebnisorientiert sein. Relevantes Gesamtergebnis muss die verteidigungsbereite Bundeswehr sein, die den politischen Vorgaben und den NATO-Verpflichtungen Deutschlands gerecht wird.

Der Planungsprozess soll hier als verbindendes Element der aktiven Steuerung aller finanzwirksamen Maßnahmen im Verteidigungsressort zur Erreichung dieses Gesamtergebnisses dienen. Seine Prozessschritte müssen über klar definierte Zwischenergebnisse zum BHO-konformen Gesamtergebnis führen.

Daraus folgt unmittelbar die Frage, wonach sich planerisches Handeln primär richten soll.

2. Organisationselemente als zentraler Betrachtungsgegenstand

Die bislang dominierende, abstrakte fähigkeitsorientierte Betrachtung war für die Zeit, in der Auslandseinsätze strukturbestimmend für die Bundeswehr waren, sinnvoll: Einsatzkontingente konnten jeweils mit Blick auf benötigte Fähigkeiten modular zusammengestellt werden. Heute ist die Landes- und Bündnisverteidigung strukturbestimmend.

Für die Herstellung der dafür faktisch aus dem Stand heraus verteidigungsbereiten Bundeswehr greift die reine fähigkeitsorientierte Betrachtung jedoch zu kurz. Es kommt nunmehr darauf an, die Verteidigungsbereitschaft aller Teile der Gesamtorganisation, sogenannter Organisationselemente, zielgerichtet herzustellen.

Schematische Abbildung dimensionsspezifischer Organisationselemente der Grobstruktur
Schematische Abbildung dimensionsspezifischer Organisationselemente der Grobstruktur.
Grafik: Autorenteam

Deren konkrete Ausgestaltung ist aus einem Mix von Fähigkeitsforderungen – unter Berücksichtigung nationaler und der in ihrer Granularität dimensionsabhängig ausgeprägten NATO-Vorgaben – als auch operativen Kräfteansätzen in Verbindung mit Bereitschaftsgraden abzuleiten. So kann beispielsweise berücksichtigt werden, dass Tier-1-Kräfte zur Sicherstellung der kurzfristigen Verfügbarkeit des gesamten Kräftedispositivs eine entsprechend höhere materielle Ausstattung benötigen.

Die Summe aller Organisationselemente ergibt die Grobstruktur, die planerisch als Zielbild auf der Zeitachse anzusteuern ist. Die Wirksamkeit eines Organisationselements ergibt sich aus seiner Organisationsform, der personellen und materiellen Ausstattung, der verfügbaren Infrastruktur sowie der Ausgestaltung des Betriebs. Diese Größen werden in den Fachplanungen der sogenannten Planungskategorien (Organisation, Rüstung, Personal, Infrastruktur, Betrieb ) ausgestaltet.

Zentraler Betrachtungsgegenstand sind folglich verteidigungsbereite Organisationselemente und die zu deren Herstellung synchronisiert zu realisierenden personellen, materiellen und infrastrukturellen Ressourcen in allen Planungskategorien.

3. Architekturbasierte Betrachtung zur Sicherstellung der Verteidigungsfähigkeit

Ein einzelnes Organisationselement ist in der Regel nicht oder bestenfalls bedingt verteidigungsbereit. So bedarf beispielsweise eine Kampfbrigade der entsprechenden Force Multiplier aus Logistik – einschließlich Sanität – und Führungsunterstützung, um im Gefecht erfolgreich bestehen zu können. Zugleich können verteidigungsbereite Organisationselemente zu mehreren Fähigkeiten beitragen. Zudem wirken sich strukturelle Veränderungen, neue Technologien oder Anpassungen in den Taktiken und Verfahren regelmäßig übergreifend über mehrere Organisationselemente aus. All diese Wechselwirkungen und Abhängigkeiten lassen sich nur durch einen vernetzten, architekturbasierten Ansatz systematisch erfassen.

Eine operationelle Architektur für die Bundeswehr ermöglicht es, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und quantitative (z. B. Anzahl erforderlicher unterstützender Organisationselemente) sowie qualitative Anforderungen (z. B. Kommunikationsbeziehungen) konsistent abzuleiten. Auf diese Weise kann die Verteidigungsfähigkeit der Gesamtstruktur im Verbund – auch über einen schrittweisen Aufwuchs betrachtet – abgesichert werden.

4. Dezentrale Umsetzung bei größtmöglicher Flexibilität

Ein wesentlicher Hebel für Beschleunigung und Innovationsfähigkeit liegt in einer stärker dezentral verantworteten Ausgestaltung und Umsetzung beauftragter Maßnahmen. An die Stelle zentraler Detailplanung und -steuerung treten in allen Planungskategorien klar definierte Rollen, Ergebnisvorgaben und finanzielle Korridore, innerhalb derer dezentral entschieden und gehandelt wird.

Delegation fördert Agilität, verkürzt Entscheidungswege und ermöglicht die schnelle Integration neuer Ideen (z.B. die Anwendung neuer Technologien) und damit Innovationen. Die zentrale Planung übernimmt dabei primär eine Management- und Steuerungsfunktion: Sie behält das Zusammenspiel von Material-, Infrastruktur- und Personalbereitstellung im Blick und stellt sicher, dass das Gesamtergebnis erreicht wird: die synchron bereitgestellten Ressourcen in allen Planungskategorien für die jeweils verteidigungsbereiten Organisationselemente.

Schematische Abbildung des Prozessvorschlages Bundeswehr weiterentwickeln.
Schematische Abbildung des Prozessvorschlages Bundeswehr weiterentwickeln.
Grafik: Autorenteam

Zentrales Merkmal des Ansatzes „Bundeswehr weiterentwickeln“ ist die klare Ausrichtung auf das Gesamtergebnis und die dafür notwendigen Ergebnisse in allen Teilprozessen. Eindeutige Zieldefinitionen, klare Rollenzuordnungen und eine durchgängige Ergebnisverantwortung bilden den Rahmen.

Der Ansatz verbindet eine übergreifende Planung mit der frühzeitigen Einbindung aller beteiligten Ämter und Organisationsbereiche an definierten Schnittstellen sowie einer dezentralen Realisierung innerhalb der jeweiligen Verantwortung. Dies gewährleistet gleichermaßen einen ganzheitlichen übergreifenden Blick wie auch eine Nutzerfokussierung.

1.  Teilprozess: Zielbild fortschreiben

Die Weiterentwicklung der Bundeswehr ergibt sich aus politischen Vorgaben, multinationalen Verpflichtungen, Analysen und Szenarbetrachtungen, Forschungs- und Technologieimpulsen, Innovationsaktivitäten, Erkenntnisse aus Einsätzen und Konflikten sowie weiteren Vorschlägen aus den Organisationsbereichen. Die Abbildung dieser Anforderungen an die Bundeswehr erfolgt über zu definierende Organisationselemente, die in ihrer Gesamtheit die Grobstruktur ergeben und deren Realisierung in mehreren Schritten evolutionär erfolgt.

Deren systemische Operationalisierung erfolgt in Form einer architekturbasierten Ausdifferenzierung aller Organisationselemente unter Berücksichtigung von personellen Obergrenzen und strukturrelevanten, politischen Entscheidungen. Um die Entwicklung der Bundeswehr auf der Zeitachse vollständig abbilden zu können, ist die Nutzung von virtuellen Organisationselementen für künftige Fähigkeiten explizit eingeschlossen, z.B. wenn sich für neue Lösungsansätze einzelne Parameter erst im Lauf der Entwicklung ergeben.

Evolutionäres Zielbild Bw als Entwicklung der Grobstruktur auf der Zeitachse (illustrativ)
Evolutionäres Zielbild Bw als Entwicklung der Grobstruktur auf der Zeitachse (illustrativ).
Grafik: Autorenteam

Im Ergebnis entsteht eine architekturbasierte, auf Jahresscheiben abgebildete Grobstruktur – das evolutionäre Zielbild Bundeswehr.

2. Teilprozess: Streitkräfteplanung durchführen

Auf Basis eines Soll-Ist-Vergleichs werden Anpassungsbedarfe der Organisationselemente identifiziert:  Neu aufstellen, quantitativ und qualitativ weiterentwickeln oder auflösen. Unter Einbindung der militärischen und zivilen Organisationsbereiche erfolgt deren ganzheitliche Ausgestaltung. Im Ergebnis sind notwendige Maßnahmen zur Zielerreichung identifiziert, die Machbarkeit evaluiert und eine Kostenschätzung erfolgt.

Die übergreifende Planung beauftragt nach einer Gesamtbewertung aller identifizierten Maßnahmen und deren Priorisierung im Systemkontext die Fachplanungen mit der Maßnahmeninitiierung und -umsetzung. Für die detaillierte Definition und Ausplanung der Maßnahmen in den Planungskategorien sind die jeweiligen Fachplanungen im Rahmen ihrer Ergebnisverantwortung zuständig.

3. Teilprozess: Streitkräfteplanung umsetzen

Zur Erfüllung der Zielvorgaben durch die übergreifende Planung gestalten die Fachplanungen eigenverantwortlich die Realisierung entlang finanzieller Korridore unter Einbeziehung von Innovationsimpulsen und den künftigen Nutzern (mil. Organisationsbereiche). Sie informieren das Portfoliomanagement regelmäßig über den Status der Zielerreichung. Im Portfoliomanagement ist dann zu koordinieren, dass die Ergebnisse in den Planungskategorien auf der Zeitachse in Summe zu den verteidigungsbereiten Organisationselementen führen – entsprechend dem Evolutionären Zielbild der Bundeswehr.

Fazit

Der Vorschlag für einen zukunftsfähigen Planungsprozess für die Bundeswehr verbindet Ergebnisorientierung, organisatorische Klarheit und dezentrale Umsetzung. Die konsequente Ausrichtung auf verteidigungsbereite Organisationselemente, deren Ausgestaltung auf Grundlage einer architekturbasierten Betrachtung und klar definierten Ergebnisvorgaben schaffen Voraussetzungen für Geschwindigkeit, Transparenz und Innovationsfähigkeit. So wird Planung zu dem erforderlichen wirksamen Steuerungsinstrument für die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr.

Autorenteam:
Das Autorenteam um Simon Kiunke besteht aus Mitgliedern des Expertenteams „Planung & Steuerung“ der BwConsultung GmbH

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