Bauplan für Multi-Domain-Wirkketten und Kollaboration

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Die moderne Kriegsführung erreicht derzeit einen entscheidenden Wendepunkt. Die Ära, in der die operative Überlegenheit primär durch die Leistung spezialisierter und isolierter Plattformen definiert wurde, ist beendet. In einem Umfeld, das zunehmend durch asymmetrische Bedrohungen sowie technologisch hochgerüstete Gegner geprägt ist, stößt der traditionelle Ansatz der plattformzentrierten Führung an seine strukturellen Grenzen.

Drei unbemannte VTOL-Nurflügler fliegen in Formation vor bewölktem Himmel
Diehl Defence NEWT-T (Network Enabled Weapon Technologies - Testbed) im Flug.
Foto: Diehl Defence

Der Wendepunkt der militärischen Evolution

Das fundamentale Hindernis der letzten Jahrzehnte war das sogenannte „Legacy Swivel Chair“-Modell. In diesem Modell blieben kritische Informationen in domänenspezifischen Silos gefangen, was die manuelle Übertragung von Daten zwischen den Systemen durch menschliche Analysten erforderlich machte. Da dieser Prozess für die extrem hohen Geschwindigkeiten moderner Gefechte zu langsam und zu fehleranfällig ist, muss der Übergang von der plattformzentrierten Kriegsführung hin zu einer vernetzten, intelligenten Architektur („Defence Web“) vollzogen werden.

Das Strategische Fundament: NATO Multi-Domain Operations & die Vernetzungsdimensionen

Die operative Transformation basiert auf dem Konzept der Multi-Domain Operations (MDO) der NATO. Multi-Domain Operations stellt keine bloße Erweiterung bestehender Konzepte dar, sondern eine grundlegende Neudefinition der operativen Durchführung durch die Orchestrierung von Aktivitäten über die fünf Kampfdomänen Air, Land, Maritime, Space und Cyber hinweg.

Diese Synchronisierung zielt darauf ab, koordinierte Effekte in drei entscheidenden Dimensionen zu erzielen. Die virtuelle Dimension umfasst das Sammeln und Handhaben von Daten, um ein kohärentes digitales Lagebild zu erstellen. Die kognitive Dimension fungiert als das „Gehirn“ des Systems, in dem die Entscheidungsfindung durch kognitive Assistenzsysteme beschleunigt wird. Die physische Dimension schließt den Kreis, indem sie die Entscheidungen in kinetische oder elektronische Wirkungen umsetzt. Der entscheidende Hebel liegt dabei in der Kompression des Zyklus zwischen Sensor, Entscheidung und Effektor, was die operationelle Letalität massiv steigert.

Diese strategischen Vorgaben stellen eine bedeutende technologische Herausforderung dar, da die Transformation von der Theorie in die operative Realität eine drastische Neugestaltung der Architektur erfordert. Es gilt die Frage zu beantworten, wie die Silos endgültig aufgebrochen werden können, um ein System zu schaffen, das nicht mehr nur als Sammlung einzelner Komponenten zusammenarbeitet, sondern als eine einzige, intelligente und autonome Entität fungiert. Die Antwort liegt im konsequenten Übergang von der konventionellen Vernetzung hin zu einem voll integrierten „Combined JADC2“ (Combined Joint All-Domain Command and Control). Erst diese tiefe Integration ermöglicht es, die theoretische Orchestrierung in messbare operative Wirkung zu übersetzen.

Die technologische Transformation: Vom Silo zum „Defence Web“

Die strategischen Ziele der NATO lassen sich nur durch einen strengen technologischen Paradigmenwechsel erreichen. Die Maßgabe ist, sich von proprietären Systemen und herstellergebundenen „Lock-in“-Effekten zu lösen und stattdessen auf modulare, offene und jederzeit Upgrade-fähige Architekturen zu setzen.

Das Rückgrat dieser neuen Ära ist der MOSA-Ansatz (Modular Open Systems Approach). Durch eine konsequente „Application Programming Interface (API)“-Philosophie wird ein offenes Ökosystem geschaffen, das sogenannte „Partner Pick-ups“ ermöglicht und die nahtlose Integration externer Plattformen erlaubt.

Diese Architektur führt zur Etablierung zweier synergetischer Netzwerke. Das „Defence Web“ nutzt eine integrierte „Data Fabric“, um Sensoren über alle Domänen hinweg direkt mit vereinheitlichten „Command-Nodes“ zu verbinden und so den manuellen Analyse-Flaschenhals zu eliminieren. Parallel dazu bildet das Gefechtsnetzwerk die dynamische Spitze der Wirkkette. In diesem dezentralen Netzwerk wird die Wirkung nicht durch die Größe einer einzelnen Plattform, sondern durch die hochgradig synchronisierte Synergie vernetzter Effektoren erzielt.

Unbemannter Technologieerprobungsträger NEWT in Nurflügelbauweise mit zwei Rumpftriebwerken auf einer Asphaltfläche
Das „Network Enabled Weapon Technologies – Testbed“ (NEW-T) von Diehl Defence.
Foto: Diehl Defence

Die Frage nach dem „Gehirn“: Verteilte Intelligenz

Eine der zentralen Fragen lautet: „Wo befindet sich das „Gehirn“ der Wirkkette?“

Anstatt auf zentralisierte Kommandoposten zu vertrauen, die in modernen Szenarien gefährliche Flaschenhälse bilden, muss eine verteilte Intelligenz angestrebt werden.

Durch den Einsatz von KI-Agenten wird der Zyklus zwischen Detektion und Wirkung stark komprimiert. Während menschliche Operateure durch die schiere Datenmenge limitiert sind, ermöglicht die KI eine Datenverarbeitung in Millisekunden. Das Ziel ist es, den Menschen in die Rolle des „Mission Commanders“ für strategische Entscheidungen zu heben, während das operative Tempo durch die automatisierte, kognitive Vorarbeit der KI vorgegeben wird. Dies stellt die Handlungsfähigkeit auch in feindlich kontrollierten Umgebungen sicher.

Die Diehl Defence Lösung: Der nationale MDO-Demonstrator

Die technologische Umsetzung ist bei Diehl Defence durch den Aufbau eines nationalen MDO-Demonstrators bereits greifbar, der die Integration von Space, Air und Land real erprobt. Dieser Demonstrator nutzt hochgradig vernetzte Assets, um die Zukunft der Kriegsführung zu gestalten.

Die modulare Plattform-Suite, zu der Systeme wie das NEWT-T (Network Enabled Weapon Technologies – Testbed) gehören, ermöglicht es, die Geschwindigkeit und Präzision der Wirkketten unter realen Bedingungen zu validieren. Durch die Integration von Middleware wie dem „Fire Control Layer“ wird eine nahtlose Verbindung zwischen Sensoren und Effektoren geschaffen. Unter Nutzung von Schnittstellen wie dem IBCS wird zudem eine echte Space-Air-Land-Integration realisiert, bei der Daten aus dem Weltraum direkt in die Boden- und Luftkapazitäten einfließen.

Roadmap & Ausblick: Die technologische Souveränität sichern

Die Transformation von starren, silobasierten Strukturen hin zu einem dynamischen und kognitiven „Defence Web“ ist eine strategische Notwendigkeit, um die operative Überlegenheit in der Multi-Domain-Ära zu gewährleisten. Der nationale MDO-Demonstrator dient hierbei als das entscheidende Sprungbrett, um diese Vision in eine greifbare operative Realität zu überführen.

Die Roadmap zur Realisierung dieses Systems ist klar definiert und folgt einem dreistufigen Prozess:

Phase 1: Validierung der Kern-Integration (Gegenwart): Der Fokus liegt auf der unmittelbaren Nutzung der vorhandenen Diehl Defence Assets wie NEWT-T, FEANIX-T und OWE RAAVEN. Ziel ist die erfolgreiche Demonstration der Space-Air-Land-Integration sowie die Validierung der Funktionsweise des „Fire Control Layers“ (FCL).

Phase 2: Erweiterung des Ökosystems (kurzfristig): In dieser Phase wird die Skalierbarkeit des Demonstrators durch die Integration von Partner-Plattformen und experimentellen „Unmanned Combat Aerial Vehicle“ (UCAVs) über offene Schnittstellen bewiesen. Dabei wird das Prinzip der „Partner Pick-ups“ praktisch umgesetzt, um ein breit aufgestelltes technologisches Netzwerk zu schaffen.

Phase 3: Volle Integration in das „Combined JADC2“ (langfristig): Das finale Ziel ist die Transformation des Demonstrators zu einem voll funktionsfähigen Prototyp für das zukünftige europäische Verteidigungssystem. Dies beinhaltet den tiefen Zugriff auf die LuWES Cloud (Luftgestützte Wirkung im Elektromagnetischen Spektrum) und die vollständige Orchestrierung im Sinne einer globalen, multidimensionalen Wirkkette.

Modell des Lenkflugkörpers FEANIX von Diehl Defence vor einer Schautafel zur vernetzten Operationsführung auf der ILA
FEANIX, der “Future Effector - Adaptable, Networked, Intelligent, Xpendable” von Diehl Defence.
Foto: Diehl Defence

Diehl Defence liefert hierfür nicht nur die notwendigen Technologien, sondern stellt mit seinen MOSA-konformen Plattformen das ideale Fundament für diesen MDO-Demonstrator bereit. Das Unternehmen ist im System der „Systems of Systems“ vollumfänglich interoperabel mit weiteren OEM-Plattformen und deren Technologien. Darüber hinaus verfügt es über das strategische Framework der NATO und die technologische Reife. Diehl Defence lädt Partner dazu ein, diese Plattformen gemeinsam zu nutzen, um die Zukunft der vernetzten Kriegsführung aktiv zu gestalten. Was in einem nächsten Schritt folgt, ist der gemeinsame Antrieb, die Silos endgültig zurück zu lassen und das „Defence und Gefechts-Web“ als die neue Standardarchitektur zu etablieren.

 

Autor: Dirk Krogmann, Dipl.-Physiker; Senior Vice President (SVP) Neue Technologien & Innovation, Diehl Defence

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