Mit dem Bild des Feuers als älteste Innovation der Menschheit eröffnete Generalarzt Jens Diehm, Director des NATO Multinational Medical Coordination Centre / Centre of Excellence (MILMED COE) heute den ersten NATO Medical Innovation Workshop. Ziel der neuen Veranstaltung in Budapest: Sanitätsdienste, Wissenschaft und Industrie an einen Tisch zu bringen. Gesucht werden Antworten auf die Frage, wie sich unter heutigen Einsatzbedingungen die bestmögliche medizinische Versorgung sicherstellen lässt. Zeitansatz ab heute: 853 Tage.

Auch die Militärmedizin benötigt Innovationen. Denn während sich die Kriegsführung seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine enorm gewandelt hat, kann niemand erwarten, dass dies nicht auch bei der Militärmedizin der Fall ist. Auch hier müssen die Sanitätsdienste mit Innovationen auf die neuen Bedingungen des Gefechtsfelds – allen voran der Drohnenkrieg – reagieren. Generalarzt Diehm wählte jedoch ein Beispiel, das kaum älter und kaum zweischneidiger sein könnte: das Feuer.
Das Feuer habe die Menschheit gewärmt, Nahrung genießbar gemacht und sei damit über Jahrtausende Treiber der menschlichen Entwicklung gewesen – zugleich aber auch immer eine Gefahr geblieben, an der man sich verbrennen kann. „Das ist die andere Seite der Medaille, und so ist es fast immer bei Innovation“, folgerte Diehm auch für andere Entwicklungen. Neue Technologien und Konzepte könnten genauso nutzen, wie auch schaden; zurückdrängen ließen sie sich allerdings nicht mehr. Die einzige Wahl bestehe darin, zu lernen, mit ihnen umzugehen und aus ihnen Nutzen zu ziehen.
Medical Innovation – Inspiriert aus der Ukraine
Damit richtete Diehm den Blick zugleich auf die Ukraine. Dort verändert ein Gegner – der sich nicht an den Schutzstatus des Roten Kreuzes hält – systematisch den Charakter der Kriegsführung. Innovation sei deshalb kein rein technisches Thema. Sie betreffe genauso Konzepte, Ausbildung und das Mindset in Streitkräften und Bevölkerung.

Generalarzt Diehm nannte die ukrainische Gesellschaft als positives Beispiel, die während des Krieges nicht nur unzählige unterschiedliche Drohnenlösungen abseits einzelner Großkonzerne hervorgebracht, sondern deren Sanitätsdienst auch mitten im Krieg die gesamte medizinische Versorgungskette digitalisiert habe. Sein zentraler Appell in Budapest lautete entsprechend: „Wir müssen lernen, das, was wir bereits haben, anders und besser zu nutzen, statt Innovation allein an neuer Ausrüstung festzumachen.“
Genau deshalb, so Diehm weiter, bringe der Workshop drei Parteien zusammen: die militärmedizinischen Dienste der NATO-Nationen, Wissenschaft und Forschung sowie die Industrie. Innovation und Planung fänden bislang zu oft im nationalen Alleingang statt – mit dem Risiko, Synergien zu verschenken und Standardisierung zu erschweren. Der Workshop solle deshalb als Plattform dienen, auf der Erfahrungen, Ideen und industrielle Entwicklungen ausgetauscht werden können, eng abgestimmt mit den zuständigen NATO-Kommandostrukturen.
Generaloberst Zsolt: Innovation ist mehr als neue Technik
Begrüßende Worte richtete auch Generaloberst Sándor Zsolt, Generalstabschef der ungarischen Streitkräfte, an die Teilnehmenden. Auch er betonte, dass Innovation im militärischen Kontext zwar meist zuerst mit künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen, Drohnen oder digitalen Medizingeräten assoziiert werde, tatsächlich aber weit mehr umfasse: neue Ideen, veränderte Prozesse, neue Einsatzkonzepte, Organisationsformen, Ausbildungsmethoden und engere Kooperation.

Entscheidend sei nicht, ob sich etwas technisch umsetzen lasse, sondern ob es tatsächlich weiterhelfe. „Die eigentlichen Fragen“, so Generaloberst Zsolt, „lauten: Ist die Innovation wirklich wichtig? Löst sie das eigentliche Problem? Verbessert sie die Effektivität oder Effizienz? Lässt sie sich unter realen Bedingungen umsetzen? Und unter Strich: Verbessert die Innovation die Ergebnisse und hilft sie uns, zu überleben?“
Generaloberst Zsolt begrüßte zudem den Anspruch des Workshops, sich nicht in langfristiger Grundlagenforschung zu verlieren, sondern Lösungen zu priorisieren, die sich realistisch innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate umsetzen lassen – von verbesserten Verfahren über Trainingsinnovationen bis zu digitalen und interoperablen Werkzeugen.
Als NATO-Rahmennation für das MILMED COE wolle Ungarn hier eine aktive und verlässliche Rolle für die Allianz und die Trägernationen des Zentrums übernehmen.
Die beste Versorgung unter schlechtesten Bedingungen
Die alles überschreibende Fragestellung zu Beginn des ersten NATO Medical Innovation Workshop könnte man heute Morgen so zusammenfassen: Wie lässt sich für militärmedizinisches Personal eine Arbeitsumgebung schaffen, die der bestmöglichen Versorgung möglichst nahekommt; wissend, dass sie nie an die Bedingungen ziviler Krankenhäuser heranreichen wird?

Während medizinisches Personal im zivilen Betrieb auf verlässliche Stromversorgung, Diagnosegeräte, Labore, Operationssäle, spezialisierte Materialien und funktionierende Kommunikationssysteme zurückgreifen kann, müssen militärische Sanitätskräfte Verwundete oft unter extremen Temperaturen, in Dunkelheit, in unwegsamem Gelände oder unter feindlichem Beschuss versorgen. Dazu kommen begrenztes Material, eine gestörte Kommunikation, ungewisse Evakuierungszeiten von der Front und mitunter eine hohe Anzahl gleichzeitig zu behandelnder Schwerverletzter.
Genau in diesem Spannungsfeld will der NATO Medical Innovation Workshop ansetzen. Bei der heute in Budapest gestartete Veranstaltung sollen Streitkräfte, Wissenschaft und Industrie drei Tage lang gemeinsam daran arbeiten, die Lücke zwischen ziviler und militärischer Versorgungsrealität so klein wie möglich zu halten. Zeit dafür bleiben noch genau 853 Tage. Dann nämlich, so einer der ersten Redner des Workshops, ist der 1. Januar 2029 und damit das Jahr, in dem Russland nach Geheimdiensteinschätzungen, ein NATO-Land angreifen könnte.
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