Generalstabsarzt Backus: „Golden Hour ist nicht tot!“

Aus den Erfahrungen der Ukraine ziehen die Bundeswehrmediziner konkrete Lehren: Tourniquets, Bluttransfusionen „nach vorne“ und der Einsatz von Drohnen zur Versorgung Verwundeter sind zentrale Elemente eines adaptiven Systems, das Soldaten unter extremen Bedingungen rettet. Im Interview erklärt Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus, Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, zudem, warum die Golden Hour auch in modernen Kriegsszenarien nicht tot ist – und wie der Sanitätsdienst der Bundeswehr dafür sorgt, dass verwundete Soldaten schnell und effizient medizinisch stabilisiert werden. Das Interview führte Navid Linnemann.

„Die Golden Hour ist nicht tot!“, sagt Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus im Defence-Network-Interview.
„Die Golden Hour ist nicht tot!“, sagt Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus im Defence-Network-Interview.
Foto: Bundeswehr / Erdmann
Einleitend die Frage, Herr Generalstabsarzt, worin liegen die wesentlichen Aufgaben des Kommandos Gesundheitsversorgung?

Im Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr (KdoGesVersBw) kommen humanmedizinische, pharmazeutische, veterinärmedizinische und zahnmedizinische Aspekte gleichermaßen zum Tragen. Wir sind das Fachkommando der Bundeswehr mit gleichzeitiger truppendienstlicher Verantwortung für alle zentral zusammengefassten Sanitätskräfte der Bundeswehr.

Als truppendienstliches Führungskommando führen wir drei Bausteine: Die ambulante Versorgung mit allen medizinischen Versorgungseinrichtungen für die hausärztliche Versorgung der Soldaten, aber auch die Role-1-Versorgungskräfte bis ins Einsatzgebiet. Die mittlere Säule ist die Sanitätsakademie der Bundeswehr als Ausbildungs-, Forschungs- und Lehreinrichtung sowie Träger der Fähigkeiten für den Gesundheitsschutz. Die dritte Säule beinhaltet die klinische Versorgung, wo alle Sanitätsverbände und Bundeswehrkrankenhäuser zusammengefasst sind, um die Role 2, 3 und 4-Elemente der Rettungskette abzubilden.

Unsere fach- und truppendienstliche Führungsverantwortung nehmen wir durch den Stab KdoGesVersBw wahr. Die truppendienstlichen Aufgaben – Personalgeschäft, Materialgeschäft, Operationsplanung – werden durch die klassischen Führungsgrundgebiete abgebildet. Hinzu kommen die fachbezogenen Aufgaben, wo die vier Approbationen ihren Niederschlag finden.

Das Ganze ist fachlich in einer Matrix-Organisation mit dem Unterstützungskommando in Bonn eng vernetzt, welches dann als Medical Component Command fungiert, analog zu Land, Air und Maritime Component Command, um die medizinische Führungs- und Fachexpertise in die operative und strategische Ebene einzubringen.

Die Rettungskette, wie sie idealtypisch für den Sanitätsdienst der Bundeswehr verläuft.
Die Rettungskette, wie sie idealtypisch für den Sanitätsdienst der Bundeswehr verläuft.
Grafik: ZSanDstBw
Und Ihr persönlicher Schwerpunkt als Kommandeur? Gibt es etwas, bei dem Sie sagen: „Da bin ich momentan dabei, aktiv eine Veränderung herbeizuführen?“

Wir sind als Sanitätsdienst wie die Bundeswehr insgesamt auf dem Weg in veränderte Rahmenbedingungen – von knapp 30 Jahren internationalem Krisenmanagement zurück zum Ursprungsauftrag der Landes- und Bündnisverteidigung. Hier geht es darum, im Bündnis exterritorial Elemente der Streitkräfte zur Verfügung zu stellen.

Einer meiner Schwerpunkte ist die Reorganisation des Sanitätsdienstes auf diesen Kernauftrag mit den Änderungen in der medizinischen Versorgungsstrategie. Gleichzeitig müssen wir einen Aufwuchs von Sanitätskräften herbeiführen – eine gewaltige Ausbildungs- und Organisationsfrage. Die Kapazitäten müssen infrastrukturell, ausbildungstechnisch und in geeigneter Attraktivität geschaffen werden. Das sind meine Schwerpunkte für die nächsten 24 Monate.

Wir wurden als KdoGesVersBw zum 1. April 2025 aufgestellt und mussten zum 30. September Full Operational Capability melden.

Das war eine rein formale Meldung. Wir handeln nach der Devise Fight tonight und müssen die material- und personaltechnischen Aufwüchse so annehmen, dass wir die Organisationsstruktur parallel entwickeln und realisieren. Ab 2027 könnte eine noch tiefere Iteration notwendig werden – die Zeichen sind deutlich erkennbar, dass Konflikte an der osteuropäischen Grenze intensiver werden könnten.

Gibt es hierbei bestimmte Herausforderungen, auf die Sie stoßen? Ist beispielsweise Personal noch schwierig zu bekommen – hier auch das Stichwort „Neuer Wehrdienst“.

Wir sind in der glücklichen Lage, sehr attraktive Fachausbildungen anbieten zu können. Der Gesundheitsmarkt bietet noch Möglichkeiten, aber die Situation wird schwieriger. Geeignetes Personal für Gesundheitsfachberufe im Demografiewandel zu finden, betrifft den gesamten Gesundheitsmarkt. Wir haben allerdings noch gute Bewerberzahlen, die wir nutzen müssen.

Das Problem der letzten Jahre war, dass wir nicht die passende Struktur hatten – nicht die geeigneten Dienstpostenumfänge. Bei der Strukturentscheidung der Bundeswehr von 2010 wurden klare Obergrenzen festgelegt, in denen wir gefangen waren. Ohne Dienstpostenzuweisungen und Haushaltsmittel konnten wir geeignetes Personal nicht vom Markt abwerben, obwohl wir gewollt hätten.

Das hat sich geändert und im letzten Jahr deutlich Fahrt aufgenommen. Jetzt gilt es, schnell zu sein, die günstige Situation auszuschöpfen und Personal in die Ausbildung zu bringen. Wir müssen Ausbildungskonzepte entwickeln, um auch den neuen Wehrdienst optimal zu nutzen. Da sehe ich gute Chancen; aber es ist viel Arbeit.

Stichwort Bildung. Sie sprachen eben die Sanitätsakademie als mittlere Säule im Kommando Gesundheitsversorgung der Bundeswehr an. Wie ist die Akademie aufgestellt?

Die Sanitätsakademie der Bundeswehr ist mehr als nur eine Schule. Es ist einerseits eine Sanitätsschule mit Ausbildungsgängen für Sanitätspersonal aller Laufbahngruppen und Fachlehrgängen. Wir werden zukünftig ein Ausbildungszentrum schaffen, das in Analogie zu Heer, Luftwaffe und Marine dann in diesem Aspekt dem Schulcharakter Rechnung trägt.

Der zweite Teil ist die wehrmedizinische Forschung und Lehre im klassischen Sinne. Das fängt bei einem neu geschaffenen Masterstudiengang „Digitalisierung und Gesundheitswesen“ mit der Universität der Bundeswehr München an, explizit für fachausgebildetes Sanitätspersonal. In absehbarer Zeit gibt es in der medizinischen Versorgung nichts mehr ohne IT-Software. Die Digitalisierung ist einer der Key-Enabling-Prozesse, die wir vorantreiben müssen.

Der Sanitätsakademie sind Ressortforschungseinrichtungen unterstellt: die Institute für Mikrobiologie, für Pharmakologie und Toxikologie, für Radiobiologie, für Präventivmedizin. Diese machen für die Bundesrepublik und die Streitkräfte spezifische Forschung. Medizinischer ABC-Schutz ist ein großer Schwerpunkt, wo wir weltweit führend sind.

Die Struktur des Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw).
Die Struktur des Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr (ZSanDstBw).
Grafik: ZSanDstBw

In krisenhaften Situationen greift die Bundesregierung auf diese Expertise zurück – zuletzt bei der Corona-Pandemie, wo das Institut für Mikrobiologie als Referenzlabor die Erregerfeststellung vornahm. Im Fall Navalny detektierte das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr den Giftstoff.

Und im Bereich Forschung?

Hier kann ich Ihnen zwei interessante Forschungsvorhaben nennen: Das erste betrifft die Beatmungvon Lungen. Die Lunge spielt bei Infektionen der Atemwege eine große Rolle, wie bereits die Covid-Pandemie zeigte. Wir haben ein spezifisches Forschungsvorhaben aufgesetzt, um Detektionsmöglichkeiten zu verbessern.

Das zweite Vorhaben behandelt das Thema Sepsis – die systemische Infektionserkrankung. Septische Patienten haben in Deutschland trotz bester intensivmedizinischer Versorgung eine Letalität von ca. 30 Prozent. Wir erforschen, ob es Botenstoffe gibt, die frühzeitig detektierbar sind, um gegenzusteuern, bevor das Vollbild entsteht. Das ist für uns von besonderem Interesse im Einsatz außerhalb eines bestmöglichen Gesundheitsversorgungssystems.

Ein Langfristziel ist, dass die wehrmedizinische Forschung, die bis 1945 hohes Renommee genoss, dann aber ins Hintertreffen geriet, wieder salonfähig wird im universitären Kontext. Dazu haben wir zwei Forschungsverbünde – Nord und Süd – aufgesetzt. Die zivilen Universitäten zeigen unter dem sicherheitspolitischen Wandel zunehmend Interesse an einer Zusammenarbeit auch auf diesem Gebiet.

Kommen wir von einer eher strategischen auf die taktische Ebene. Im vergangenen Jahr erschien bei uns ein Artikel mit dem Titel „Der Tod der Golden Hour“. Darin wurde geschildert, dass der russische Angriffskrieg in der Ukraine die Vermutung nahelegt, dass die Golden Hour so nicht mehr durchführbar ist. Die Begründung: Schutzzeichen werden von der russischen Seite nicht mehr gewahrt und dort verwundeten Kameraden können nicht innerhalb einer Stunde geborgen werden. Was halten Sie von dieser These?

Es ist eine These, die plakativ in den Raum gestellt worden ist und natürlich in gewisser Weise effektheischend und auch interesseweckend ist. Das soll auch so sein. Das Thema „Golden Hour“ beschäftigt uns seit über 20 Jahren. Ich stelle die provokante Frage: Gibt es nur eine Golden Hour? Und die Antwort ist: Nein, die gibt es nicht.

Militärmedizinische Versorgung fokussiert auf die Besonderheiten eines militärischen Szenarios mit anderen Rahmenbedingungen als im Frieden. Die Militärmedizin ist eine Komponente katastrophenmedizinischer Versorgung. Das Attentat am Breitscheidplatz zeigte, dass wir auch im tiefsten Frieden in der Lage sein müssen, medizinische Versorgungsmaßnahmen anzuwenden, um möglichst vielen Opfern das Überleben zu ermöglichen.

Die Golden Hour ist hierbei ein Versorgungsprinzip, das beschreibt, was in welchen Zeitabständen passiert, wenn Schädigungen eintreten. Wenn ich nicht zu bestimmten Zeitfenstern Gegenmaßnahmen einleite, laufen unweigerlich pathophysiologische Zustände beim Verletzten ab, die im schlechtesten Fall den Tod bedeuten, weil sie unwiderruflich sind.

Das Entscheidende: Habe ich die Rahmenbedingungen, den Patienten in kürzester Zeit in die bestmögliche Versorgungseinrichtung zu bringen? Im Zivilen behandeln wir einen Herzinfarktpatienten nicht zu Hause bis zur Endtherapie, sondern der Notarzt leitet wesentliche Maßnahmen ein und transportiert ihn schnellstmöglich in die Klinik. Bei einem Trauma ist es genauso.

Und in der Militärmedizin ist es nicht anders. Das Arbeitsumfeld des Soldaten ist das Schlachtfeld. Wenn er dort eine körperliche Schädigung erleidet, muss ich als Militärmediziner schauen: Kann ich mit wenig Griffen die Transportstabilität herstellen, um ihn in die bestmögliche Einrichtung zu bringen?

Aber gerade das funktioniert auf dem Schlachtfeld der Ukraine nicht.

Ja, das ist unter kriegerischen Bedingungen nicht immer möglich. Die Golden Hour ist ein Versorgungsprinzip. Wenn die Rahmenparameter stimmen – Luftüberlegenheit, Kampfüberlegenheit, Ressourcenüberlegenheit –, wende ich diese Möglichkeiten an. Im Vietnam-Krieg waren die Amerikaner zu einem Zeitpunkt so überlegen, dass sie alles mit Scoop and Run machten. Es gab aber auch damals Situationen, wo das nicht mehr ging. Da muss ich andere Versorgungsprinzipien einbringen, die aber immer zum Ziel haben: Ich stabilisiere den Patienten.

Sanitäter behandeln einen Übungspatienten nach der Ankunft in der Rettungsstation bei der Übung Strong Blue auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz.
Sanitäter behandeln einen Übungspatienten nach der Ankunft in der Rettungsstation bei der Übung Strong Blue auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz.
Foto: Bundeswehr / Grueterich

In der taktischen Verwundetenversorgung – das zeigt uns die Ukraine – muss ich schauen, welche Möglichkeiten ich habe, um eine medizinische Versorgungsleistung an die Soldaten zu bringen, damit sie ein bestmögliches Überleben haben. Wir Militärmediziner beraten die militärische Führung, und es muss abgewogen werden, was höher zu gewichten ist.

Ein kriegerisches Szenario produziert unweigerlich – durch Waffenwirkungen, durch großkalibrige Waffen – andere Ausfallraten als friedensschaffende Maßnahmen in Afghanistan, Mali oder Kosovo. Bei LV/BV stehen mindestens zwei gleichstarke Kräfte gegenüber.

Die besondere Perfidie in der Ukraine ist, dass moralische Kriegsführung als Wirkmittel benutzt wird. Die Russen gehen explizit gegen Versorgungseinrichtungen vor, ob militärisch oder zivil. Sie beschießen Krankenhäuser, Sanitätseinrichtungen, gehen gezielt mit Drohnen auf Sanitätsfahrzeuge.

Die Ukraine ist dazu übergegangen, zu verschleiern, dass es ein Sanitätsfahrzeug oder eine Sanitätseinrichtung ist. Die zweite Stufe: möglichst in geschützte Infrastruktur gehen, unterhalb der Grasnarbe, in verdeckte Bereiche. Die dritte Stufe: Patiententransport weitestgehend in der Dunkelheit, wo Aufklärung erschwert ist.

Das bedeutet: Ich kann das Scoop-and-Run-Prinzip, die Golden Hour nicht jederzeit anwenden. Ich muss medizinische Versorgungsleistung weit nach vorne bringen – das Prolonged Field Care Prinzip. Ich kann nicht jeden Soldaten mit allen Fähigkeiten ausstatten, dass er wie ein Arzt handeln kann, aber wir wissen, welche Verletzungsmuster gehäuft auftreten.

Welche Verletzungen sind dies und welche Versorgungsprinzipien müssen demnach angewendet werden?

Es gibt Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind – die führen einfach unweigerlich zum Tod. Und es gibt Verletzungen, die, wenn man frühzeitig beispielsweise ein Tourniquet ansetzt oder beim Spannungspneumothorax – einer Lungenverletzung bei der Luft in den Brustkorb eintritt und die Lunge zusammenpresst – mit einer Nadel entlastet werden kann, der Patient überleben kann.

Diese Dinge bilden wir in spezifischen Lehrgängen für alle Soldaten aus. Eine besonders begabte Klientel wird ergänzt um die Ausbildung zum Einsatzersthelfer Bravo mit zusätzlichen Qualitäten. Dann kommt das Fachpersonal zum Tragen.

Mir kommt es darauf an, dass verstanden wird: Mit der plakativen Aussage „Die Golden Hour ist tot“ wird man der Fragestellung nicht gerecht. Genauso ist das Thema Golden Day zu bewerten– eine Plakativbotschaft, die dem militärischen Führer die Suggestion gibt, er hat einen Tag Zeit. Fakt ist: Aus militärmedizinischer Sicht muss ich zu bestimmten Zeitfenstern bestimmte medizinische Maßnahmen ergreifen, die den Verletzten eine Überlebenswahrscheinlichkeit geben.

Die Golden Hour ist ein Versorgungsprinzip und nie alleinig, genauso wie Prolonged Field Care nicht das alleinige Prinzip ist. Ich muss auf eine bestimmte Situation unterschiedliche Antworten haben. Darauf bereitet sich der Sanitätsdienst vor. Das ist eine Ressourcenfrage.

Sind diese Lehrinhalte etwas relativ Neues, was aus den Erfahrungen der Ukraine resultiert, oder gehen Sie schon länger in diese Richtung?

Wir haben spezialisierte Kräfte – KSK, Kampfschwimmer, Fallschirmjäger – die bereits seit vielen Jahren in militärischen Operationen eingesetzt werden. In der NATO haben wir einen intensiven Austausch mit z.B. Amerikanern, Briten, Franzosen mit militärerfahrener Expertise, worauf wir diese Konzepte entwickelt haben.

Den Einsatzersthelfer Alpha und Bravo gibt es seit 2010, aus der Erkenntnis der kriegerischen Auseinandersetzung in Afghanistan, wo wir erkannten, dass wir mit Sanitätspersonal alleine in Combat Zones nicht ausreichend wirken können.

„Die Golden Hour ist nicht tot!“, sagt Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus, Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, im Gespräch mit Navid Linnemann.
Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus, Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, im Gespräch mit Navid Linnemann.
Foto: Bundeswehr / Erdmann

Das Ziel jeder Anstrengung der Militärmedizin ist, vermeidbare Tote nicht aufkommen zu lassen – die „Died of Wounds“, die aufgrund ihrer Verwundung sterben, aber hätten gerettet werden können. Im Gegensatz zu „Killed in Action“ – eine Verletzung, die mit dem Leben nicht vereinbar ist. Beide zusammen ergeben die Gesamtstatistik an Verstorbenen durch Waffenwirkung.

Die Erkenntnisse gibt es schon lange, auch aus dem letzten Jahrhundert. Für unsere Anpassungen haben wir sämtliche Register aus Kriegen seit 1945 ausgewertet, auch Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. Medizin ist eine empirische Wissenschaft, die sich immer weiterfort entwickelt.

Sie sagen gerade, dass die Erkenntnisse in der Medizin ein fortlaufender Prozess sind – Welche sind denn die jüngsten Erkenntnisse aus dem Ukraine-Konflikt?

Der letzte große Gamechanger war die Anwendung des Tourniquets. Als ich im Studium war, war klar: Wenn es blutet, wird abgedrückt. Wenn das nicht reicht, kommt ein Druckverband und notfalls noch ein weiterer. Abbinden war die absolute Ultima Ratio, die eigentlich gar nicht angewendet werden durfte. In den frühen 90er-Jahren fanden Sie auf keinem Rettungsmittel ein Tourniquet. Es war verpönt.

Heute hat jedes deutsche Rettungsmittel mehrere Tourniquets. Das ist die Maßnahme, weil sie zeitsparend und suffizient ist – es blutet nicht mehr. „Stop the bleeding“ ist eine der wesentlichen Erstmaßnahmen im Traumaversorgungsalgorithmus. Das haben wir schon in Afghanistan erkannt, das ist aber zunehmend verfeinert worden. Das ist Standard auch in der ukrainischen Armee. Wir bilden ukrainische Soldaten und sanitätsdienstliches Personal aus.

Zweiter Punkt – eine wesentliche Erkenntnis aus Ukraine und Gaza: Blut nach vorne. Das ist nicht trivial, weil Blutprodukte bestimmte Lagerungs- und Transportbedingungen erfordern. Im Frieden ist das bereits fragil, im zivilen Setting mit Transportboxen aber gut möglich. In einem kriegerischen Szenario ist das ungleich schwieriger.

Wir sind mittlerweile wieder auf ein Verfahren zurückgekommen, das im letzten Jahrhundert breite Anwendung fand: Vollblut, Warmblut. Das hat Gaza und Ukraine gezeigt: Vollblutapplikation rettet maßgeblich Leben. Das wird ein weiterer Gamechanger sein. Wenn ich zu bestimmten Zeitfenstern kein Blut nach vorne bringen kann, verliere ich den Patienten möglicherweise, weil die Stressreaktion die medizinischen Maßnahmen überwiegt.

Wir forschen seit Jahren an alternativen Blutprodukten – kryokonserviertes Plasma, Thrombozyten, Erythrozytenkonzentrate. Mittlerweile geht man wieder zu Vollblut über, weil das von allen aktuellen Alternativen die besten Effekte erzielt.

Wie bereitet sich denn die Bundeswehr darauf vor, das nach vorne zu bringen? Aus der Ukraine höre ich, dass dort mit Drohnen geliefert wird und dass die Kameraden im Schützengraben dann das gelieferte Blut geben müssen?

Wir haben sogenannte Konsiliargruppen in den Fachgebieten, auch eine für Transfusionsmedizin. Wir arbeiten mit dem Paul-Ehrlich-Institut und dem Bundesgesundheitsministerium an Rahmenbedingungen, weil Vollblut in Deutschland im Frieden kein Versorgungsprinzip ist. Wir brauchen als für die Anwendung eine Ausnahmegenehmigung, die wir bereits erwirkt haben. Bestimmte Verfahren müssen noch angepasst werden.

Wir haben zudem erkannt, dass bestimmte Anwendungsverfahren für das Feld zu komplex sind – die müssen noch einfacher werden. Wir brauchen Praktikabilität. Wenn das im Feld geht, muss die Frage erlaubt sein: Ist es nicht auch ein Versorgungsprinzip für den Frieden? Das Thema Überstandardisierung ist in jeder Hinsicht ein breites Thema.

Ein Ersthelfer führt an einem Übungspatienten am Casualty Collection Point (CCP) einen Bodycheck durch während der Informations- und Lehrübung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr 2025 in Feldkirchen.
Ein Ersthelfer führt an einem Übungspatienten am Casualty Collection Point (CCP) einen Bodycheck durch während der Informations- und Lehrübung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr 2025 in Feldkirchen.
Foto: Bundeswehr / Grueterich

Wir denken darüber nach, welche Sanitätsbausteine wir ausstatten: vom abgesetzten Sanitätstrupp, der zu Fuß mit der Truppe geht, über Sanitätsfahrzeuge mit Kühlbox bis zu Hubschraubern, Rettungsstationen und Einsatzlazaretten mit Blutbanken.

Seit zwei Jahren läuft ein Projekt: Drohnen für den Sanitätsdienst. Man muss dabei grundsätzlich zwei Komponenten unterscheiden: Drohneneinsatz für sanitätsdienstliche Wirkleistung und die zum Schutz von Sanitätseinrichtungen.

Wir brauchen Aufklärungsdrohnen, um frühzeitig Gefahren zu detektieren. Wir nutzen aber auch Drohnen, um Sanitätsmaterial und Patienten zu transportieren. Es gibt Forschungsvorhaben, auch mit europäischen Geldern, bei der eine Großdrohne bereits Patienten transportiert hat.

Sie meinen wahrscheinlich die Grille: Wie ist da der Stand der Dinge?

Ich habe da schon selbst drin gelegen. Vom Grundsatz geht das sehr gut. Jetzt müssen luftfahrt- und zulassungsrechtliche Aspekte geprüft werden. Bei der NATO-Übung Vigorous Warrior im Baltikum im Sommer werden wir dann einen Flugversuch machen.

Die Idee ist zunächst nicht, hochkomplex verletzte Patienten zu transportieren – das wäre erst der nächste Schritt – sondern jene Verwundeten, die vor Ort transportstabil gemacht werden können. Eine einfache Schussverletzung: z.B. ein Durchschuss am Oberarm oder Oberschenkel. Dieser ist versorgt, stabil, sodass auf dem Transport keine Komplikation zu erwarten ist, bei der unmittelbar eine medizinische Versorgung erforderlich wäre. Diese Patienten – Klasse D3 oder D4 – könnten mit so einem System transportiert werden und entlasten damit den bodengebundenen Transport mit Fachpersonal.

Ich verstehe den Ansatz mit einer Drohne, um nicht beispielsweise den Abschuss eines bemannten Helikopters zu riskieren. Aber was sagen Sie zu der Kritik aus der Ukraine, dass eine Grille auch ein leichtes Ziel wäre? Wäre dann nicht ein unbemanntes Bodenfahrzeug einfacher oder sicherer?

Das eine schließt das andere nicht aus. Wir reden über autonome Systeme, wo nur das Führungsfahrzeug bemannt ist. Solch ein System würden Sie einsetzen, wenn Sie im Raum längere Zeit stehen. Dann haben Sie Kenntnis, wie der Gegner agiert, wo er Luftwirkmittel hat und wie lange er braucht, um sie einzusetzen. Dann haben Sie eine Raumzeitberechnung.

Die Collecting Points, wo Verwundete zusammengeführt sind, werden angeflogen, die Drohne landet, Patient rein und dann raus – das Zeitfenster so kurz, dass selbst bei Detektion der Gegner zeitlich nicht mehr wirken kann. So wird moderner Krieg geführt: Raumzeitberechnungen, auch KI-gestützt. Der Gegner hat ab Zeitpunkt X die Möglichkeit aufzuklären und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Entweder ist die Raumzeitberechnung günstig und das System kann vom Risiko abgewogen eingesetzt werden – oder nicht.

Das Gleiche Prinzip haben Sie auch am Boden. Wenn wir glauben, dass Bodendetektion schwieriger ist als Luftdetektion, dann glauben wir das auch nur. In Wirklichkeit ist es mittlerweile das Gleiche. Wir haben im Gefechtsübungszentrum Versuche gemacht, wo man relativ einfach Wärmesignaturen bei guter Tarnung trotzdem detektieren kann. Die Militärtechnik entwickelt sich eben immer weiter.

Sie haben nicht das ultimativ geschützte System. Der Gegner ist darauf aus, Sie zu zerstören. Das ist sein Ziel, sonst würde er den Krieg nicht führen. Die Idee der deutschen Streitkräfte ist, so potent aufzutreten, dass im Sinne der Abschreckung der Gegner sich überlegt, ob er wirklich die Chance hat zu gewinnen. Der Gegner wird immer dann antreten, wenn er die Chance aufs Gewinnen sieht. Er fragt nicht nach Ausfällen oder Kosten, sondern nur: Kann er gewinnen?

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