Nutzung

Geschützte hochmobile Sanitätseinrichtung der Ebene 2b

Das System ghm R2B ist eine geschützte, hochmobile (ghm) sanitätsdienstliche Behandlungs- einrichtung für die erste notfallchirurgische und intensivmedizinische Versorgung innerhalb der ersten zwei Stunden nach Verwundung. Hierdurch kann der Einsatz chirurgischer Teams auch im Rahmen hochintensiver Gefechte der mechanisierten Landstreitkräfte in relativer Nähe zum Ort der Verwundung sichergestellt werden.

4./Sanitätsregiment 2 in Hammelburg im Rahmen der European Challenge 2020 mit einem Rettungszentrum der Role2E.
Foto: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Historie

Die in der sanitätsdienstlichen Unterstützung von Land­streitkräften bestehende Fähigkeitslücke in der notfallchirur­gischen Erstversorgung wurde bereits vor annähernd zehn Jahren durch die Integrierte Arbeitsgruppe Fähigkeitsanalyse anerkannt und später im Rahmen der sogenannten Umklapp­strategie in den aktuellen Planugs­ bzw. Rüstungsprozess überführt. 2023 soll nunmehr durch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) die Ausschreibung und anschließende Vertrags­erstellung erfolgen. Das Ergebnis, die geschützte hochmobile Sanitätseinrichtung Role 2B (ghm R2B), wird die Fähigkeit des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr (ZSanDstBw) im Bereich der notfallchirurgischen Erstversorgung mechanisier­ter Kräfte nachhaltig stärken. Des Weiteren werden zeitge­mäße Anforderungen an Funktion, Mobilität und Schutz einer modernen militärischen Behandlungseinrichtung umgesetzt. Die Bundeswehr (Bw) verfügt mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr über ein durchhaltefähiges, an den aktuellen wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen aus­gerichtetes militärisches Gesundheitssystem. Leitlinie für die Qualität der sanitätsdienstlichen Versorgung in Auslandsein­sätzen und Missionen der Bundeswehr ist die Gewährleistung eines Ergebnisses, das qualitativ dem fachlichen Standard in Deutschland entspricht, insbesondere ist dabei das Einhalten der fachlich abgeleiteten und durch die NATO vorgegebenen Zeitlinien zu beachten.

Um diese Vorgaben und insbesondere diese Zeitlinien in einem hochmobilen Gefecht in einem Landes­ und Bündnis­verteidigungs­(LV/BV)Szenario zu gewährleisten, ist der ab­gestimmte Einsatz der erforderlichen sanitätsdienstlichen Fähigkeiten im Sinne einer Rettungskette für die Soldaten, den Einsatzbedingungen und ­gebieten entsprechend aus­zubringen. Mit dem modularen Aufbau von Sanitätseinrichtun­gen (SanEinr) wird das Konzept der Rettungskette nachhaltig unterstützt.

Sie umfasst neben der Selbst­ und Kameradenhilfe vor Ort vier Behandlungsebenen (sogenannte Roles bzw. NATO Roles) mit unterschiedlichem Leistungsspektrum:

  • die allgemeinmedizinische und erste rettungsmedizinische Versorgung (Role 1),
  • eine erste notfallchirurgische Versorgung (Role 2),
  • die klinisch­fachärztliche Akutversorgung im Einsatz (Role 3) und
  • die abschließende stationäre und ambulante Behandlung, inklusive der sich anschließenden Rehabilitation in Deutschland (Role 4).

Die Behandlungsebene 2 unterteilt sich in drei grundsätzliche Kategorien:

  • Role 2 Forward (F) als begrenzt durchhaltefähiges Element,
  • Role 2 Basic (B) mit ersten chirurgischen Fähigkeiten sowie einer begrenzten Fähigkeit zur „stationären“ Patientenversorgung und
  • Role 2 Enhanced (E) mit erweiterten medizinischen Fähigkeiten.
Ebenen der Rettungskette.
Grafik: Kdo SanDstBw

Die Patientensteuerung erfolgt dabei grundsätzlich nicht starr im Sinne eines konsekutiven „Abarbeitens“ der Ebenen, son­dern erfolgt idealtypisch lage­ bzw. verletzungsadaptiert. Die verwundeten Soldatinnen und Soldaten werden möglichst verzugslos in die für ihre Behandlung am besten geeignete SanEinr transportiert.

Die dazu notwendige Patiententransportorganisation stellt einen integralen Bestandteil der Rettungskette und damit der notfallmedizinischen Versorgung dar. Für die Rettungskette im Einsatz sind NATO­einheitliche Vorgaben hinsichtlich der Zeit­linien für die Behandlung von verwundeten Soldatinnen und Soldaten festgelegt. Als zeitliche Vorgabe für die Versorgung stellt die 10min­1­2­Stunden­Regel hierbei den medizini­schen Standard dar. Die Einhaltung dieser Zeitlinien, also die Zeit zwischen Verwundung und Beginn der Behandlung, die auf den Erkenntnissen vieler Einsätze sowie internationaler Erfahrungen in der Traumaversorgung basieren, ist entschei­ dend für das Überleben und den Genesungsprozess eines ver­wundeten Soldaten.

Grundsätzlich wird angestrebt, eine erweiterte chirurgische Versorgung nach zwei Stunden sicherzustellen. Ist dies vor dem Hintergrund von Einsatz­ und Gefechtsbedingungen nicht möglich, ist eine entsprechende Versorgung nach spätestens vier Stunden zu gewährleisten. Medizinisch ist dies nur vertret­bar, wenn spätestens nach zwei Stunden erste lebensrettende intensivmedizinische und chirurgische Maßnahmen (Damage Control Resuscitation [DCR]/Damage Control Surgery [DCS]/ Tactical abbreviated surgical care [TASC]) in einer dazu befä­higten SanEinr durchgeführt werden (1­2­4 Stunden­Regel; sog. Extended timelines).

Die Verlässlichkeit der Rettungskette ist ein entscheiden­der Faktor für die Operationsplanung. Schwer verwundete Soldatinnen und Soldaten wurden daher in IKM­Einsätzen vorzugsweise initial im Lufttransport verlegt (Forward Air MedEvac). Dieser hat grundsätzlich Vorrang, da damit weiter­gehende gesundheitliche Folgeschäden minimiert und die Überlebensfähigkeit des Patienten entscheidend verbessert werden können. In einem LV/BV­Szenario ist der Einsatz dieser Art des Forward Air MedEvac im Regelfall nicht möglich. Den­noch muss sichergestellt werden, dass eine erste chirurgische Fähigkeit zur Unterstützung von Streitkräften in räumlicher Nähe zu den Orten des zu erwartenden bzw. tatsächlichen Aufkommens von Patienten eingesetzt werden kann. Diese Fähigkeit soll mit der geplanten ghm R2B, einer ei­genbeweglichen und somit schnell verfügbaren, geschützten Behandlungseinrichtung mit ersten qualifizierten intensiv­medizinischen und chirurgischen Fähigkeiten erbracht werden.

Fähigkeitslücke

Die künftige ghm R2B beruht auf den zu Beginn der Planungen seitens der NATO übergreifend geforderten Fähigkeiten einer geschützten, eigenbeweglichen SanEinr der Behandlungs­ebene 2. Diese Forderung gilt noch heute und entspricht der Definition der aktuellen Role 2B.

Planungsleitend für die bislang vorhandenen Behandlungs­einrichtungen waren oftmals die Aufgaben der Bw im inter­nationalen Krisenmanagement. Daher sind die in der Bundes­wehr vorhandenen Systeme für die Behandlungsebene 2 zwar grundsätzlich verlegefähig, verfügen aber derzeit nicht über den Mobilitätsgrad, der zur Unterstützung moderner mechani­ sierter Truppe im hochmobilen Gefecht notwendig ist. Darüber hinaus sind Auf­ und Abbau der bestehenden Systeme zeitauf­wändig und personalintensiv. Die vorhandenen Einrichtungen können aus eigener Kraft keine Ortsveränderung durchführen, es werden dafür zusätzliche Transport­ und Umschlagmittel benötigt bzw. gebunden. Diese Betrachtungsweise hat sich in den letzten Jahren, spätestens jedoch nach Annexion der Krim, geändert. Planungsleitend muss nunmehr die sanitätsdienst­liche Unterstützung in einem modernen LV/BV­Szenario sein. Mit der ghm R2B wird die sanitätsdienstliche Versorgung der Bundeswehr in der Behandlungsebene 2 um den Baustein einer geschützten und eigenbeweglichen SanEinr derartig er­gänzt werden, dass eine durchgehende sanitätsdienstliche Unterstützung von Landstreitkräften im mobilen Gefecht sichergestellt werden kann.

Der Fähigkeitsgewinn der sanitätsdienstlichen Unterstüt­zung liegt dabei neben dem passiven Schutz der Einrichtung v.a. in einer schnellen Herstellung der Aufnahmebereitschaft und der Fähigkeit zum raschen taktischen Verlegen.

Verwundete werden in der Notfallaufnahme einer Role2E während der Übung Donau-Samariter des SanRgt3 für die weitere Behandlung vorbereitet.
Foto: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Verwendungszweck und Funktionsbereiche

Die ghm R2B soll mit ihrer hochmobilen Fähigkeit für die un­mittelbare DCR und DCS bei Patienten im Bereich der vorderen Einsatzräume von Landstreitkräften eingesetzt werden. Gera­de im Hinblick auf ein Landes­ und Bündnisverteidigungs­-Sze­nar ist die unmittelbare Nähe der SanEinr zur Kampftruppe zur schnellen Versorgung gemäß den vorgegebenen Zeitinterval­len der Rettungskette unabdingbar. Um die fachlich vorgege­benen Zeitlinien für die erste notfallchirurgische, ­medizinische und intensivmedizinische Versorgung der Patienten einhalten zu können, ist es zwingend erforderlich, dass die ghm R2B den sanitätsdienstlich zu unterstützenden mechanisierten Verbänden des Heeres folgen kann. Dieses erfordert insbeson­dere hinreichend kurze Auf­ und Abbauzeiten und eine hohe Mobilität der Trägerfahrzeuge, selbst in schwierigem Gelände. Die ghm R2B ist explizit für die Erstbehandlung von kritisch verwundeten Patienten vorgesehen, die eine direkte Verbrin­ gung in eine im rückwärtigen Einsatzraum befindliche Behand­lungseinrichtung absehbar nicht überleben würden.

Es ist planerisch beabsichtigt, das Gesamtsystem ghm R2B innovativ aufzustellen. Die Container sollen hochmobil aus­gestaltet werden, um hierdurch erforderliche Ladevorgänge für den Wechsel von Marsch­ zu Betriebszustand zu redu­zieren oder idealerweise sogar zu vermeiden. Die eigentliche SanEinr besteht aus verschiedenen Funktionsbereichen, die, miteinander verbunden, das Gesamtsystem ergeben. In den Multifunktionscontainern (MultiCon) werden sowohl die not­fallmedizinische Erstversorgung, als auch notfallchirurgische Eingriffe zur Blutungsstillung und Stabilisierung der Patien­ten vorgenommen. Zur Realisierung dieses Grundprinzips sind grundsätzlich vielfältige konstruktive Ausgestaltungen denkbar, der künftige Auftragnehmer greift diesbezüglich im Zuge der Planung und Realisierung auf eine enge Begleitung durch die Projektleitung im BAAINBw und den Bedarfsträger zurück. Nach einer zeitlich begrenzten intensivmedizinischen Betreuung, die ebenfalls im MultiCon durchgeführt wird, wird der Patient transportfähig gemacht, um in einer der nächst­höheren Behandlungsebenen schnellstmöglich weiterbetreut zu werden. Das System soll in Summe eine Kapazität von sechs Behandlungsplätzen für die Bereiche notfallmedizini­ sche Erstversorgung, notfallchirurgischen Eingriff und intensiv­medizinische Post­OP­Betreuung bieten (Redundanz der medizinischen Fähigkeiten). Planungsvorgabe ist eine sequen­tielle Versorgung von bis zu vier schwerstverletzten Patienten und vier weiteren Patienten, mit leichtem bis mittelschwerem Verletzungsmuster, innerhalb eines Tages.

Ausblick

Durch die Rüstung der ghm R2B wird im Rahmen der sani­tätsdienstlichen Unterstützung von Landstreitkräften eine Fähigkeitslücke in der notfallchirurgischen Erstversorgung auf Basis eines eigenbeweglichen, schnell verfügbaren, geschütz­ten hochmobilen Systems geschlossen. Das System, das die chirurgische Notfallversorgung „nach vorne“ bringt, reduziert die Abhängigkeit von der knappen und wetterabhängigen Ressource Air MedEvac und stellt eine durchgehende flexible sanitätsdienstliche Unterstützung von Landstreitkräften im mobilen Gefecht sicher.

 

 

Autorenteam Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr

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