Der Iran wird häufig als relativ homogener Staat wahrgenommen, geprägt von einer dominierenden persischen Identität. Generalmajor a.D. Corneliu Pivariu zeichnet in seiner Analyse für das Institut IFIMES allerdings ein anderes Bild. Die mutmaßlichen Minderheiten sind demnach eben keine Minderheiten, sondern stellen rund 40 Prozent der Bevölkerung. Und sie sind eng mit Nachbarländern verbunden, etwa mit Aserbaidschan, oder organisiert, wie etwa die iranischen Kurden.
Generalmajor a.D. Corneliu Pivariu (Rumänien), der neben seiner militärischen Karriere auch Chefredakteur des internationalen Magazins Geostrategic Pulse war, beschreibt in seiner Analyse für das in Ljubljana, Slowenien, sitzende International Institute for Middle East and Balkan Studies (IFIMES) den Iran als einen multiethnischen Staat mit zahlreichen Minderheiten, deren politische und geografische Verteilung erhebliche geopolitische Bedeutung besitzt. Neben der persischen Mehrheit, die etwa 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung ausmacht, leben demnach im Iran große Minderheiten wie Aserbaidschaner (rund 16 bis 20 Prozent), Kurden (etwa acht bis zehn Prozent) und Luren (ca. sechs Prozent) sowie kleinere Gruppen wie Araber, Belutschen und Turkmenen.
Auffällig ist dabei vor allem die geografische Verteilung: Viele dieser Minderheiten leben in Grenzregionen und stehen zudem in engem ethnischem oder kulturellem Kontakt mit den Nachbarstaaten – als Beispiele seien hier Aserbaidschan, der Irak, die Türkei sowie Pakistan genannt.
Die Präsenz der Minderheiten
„Ethnische Minderheiten haben sich stets aktiver an Protesten und regimekritischen Bewegungen beteiligt als die persische Mehrheitsbevölkerung“, so Pivariu. „Einige Studien schätzen, dass etwa die Hälfte der iranischen Bevölkerung ethnischen oder sprachlichen Minderheiten angehört, und diese Gemeinschaften standen oft an der Spitze der politischen Opposition.“
Dies solle allerdings nicht nur als Chance, sondern auch als Risiko angesehen werden, da diese Minderheiten nicht unbedingt die Zukunft des gesamten Landes inklusive dessen persischer Mehrheitsbevölkerung im Auge hätten, sondern durchaus den Anschluss an ihre eigene kulturelle „Heimat“ befürworteten, was wiederum die Gefahr regionaler Abspaltung mit sich bringe.
„Das iranische Regime betrachtet drei Regionen als besonders sensible Bereiche der inneren Sicherheit: Iranisch-Kurdistan (Westen), Iranisch-Belutschistan (Südosten), Arabisch-Chuzestan (Südwesten, eine Ölförderregion)“, so Pivariu. „Diese Gebiete vereinen drei destabilisierende Elemente: eine ausgeprägte ethnische Identität, eine andere Religionszugehörigkeit (viele Gemeinschaften sind sunnitisch) und ein unter dem nationalen Durchschnitt liegendes wirtschaftliches Niveau.“
Aserbaidschaner – Ein unterschätzter Faktor
Aserbaidschaner stellen demnach 16 bis 20 Prozent der Bevölkerung des Iran. Sie leben hauptsächlich im Nordwesten des Landes. Wie bei dem persischen Teil der Bevölkerung handelt es sich vor allem um Schiiten.
„Obwohl es eine starke ethnische Identität gibt, sind die Aserbaidschaner relativ gut in die Staatsstruktur integriert und bekleiden wichtige Positionen innerhalb der Elite. Aus diesem Grund ist ihr Sezessionspotenzial begrenzt, auch wenn kulturelle Verbindungen zur Republik Aserbaidschan bestehen“, bewertet Pivariu, fügt allerdings hinzu: „Aus strategischer Sicht könnte jedoch die aserbaidschanische Minderheit das größte systemische Risiko für die Stabilität des iranischen Regimes darstellen.“
Dies ergebe sich allein aus deren Anzahl – fast doppelt so viele wie Kurden – als auch die Konzentration dieser Minderheit im Nordwesten des Landes mit mehreren wichtigen Städten und wirtschaftlichen Zentren.
„Diese strategische Dimension ist vor dem Hintergrund der jüngsten Spannungen zwischen dem Iran und der Republik Aserbaidschan noch deutlicher geworden“, beschreibt Pivariu. „Nachdem am 5. März 2026 Drohnen aus dem Iran Ziele in der Region Nachitschewan angegriffen hatten, bezeichnete der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev den Vorfall als ‚terroristischen Akt‘, berief den Sicherheitsrat ein und forderte von Teheran eine offizielle Erklärung. Auch wenn die iranischen Behörden eine direkte Verantwortung bestritten, zeigt dieser Vorfall, wie schnell die Beziehungen zwischen dem Iran und dem benachbarten Aserbaidschan eskalieren könnten, insbesondere angesichts der großen aserbaidschanischen Bevölkerung auf iranischem Boden.“
Kurden als traditionelle Opposition
Die zweitgrößte Minderheit des Landes sind Kurden, die etwa acht bis zehn Prozent der Bevölkerung stellen, was rund drei bis fünf Millionen Menschen entspricht. Anders als die persische Mehrheit und die aserbaidschanische Minderheit sind viele iranische Kurden Sunniten.
Zudem verfüge die kurdische Minderheit im Iran über eine lange politische Tradition. Bereits 1946 entstand mit der kurzlebigen Republik Mahabad der erste moderne kurdische Staat, damals noch unterstützt von der Sowjetunion. Nach der islamischen Revolution in 1979 kam es erneut zu kurdischen Aufständen gegen das neue Regime. Auch heute sei die kurdische Minderheit zum Teil organisiert, die beiden größten Organisationen sind die Democratic Party of Iranian Kurdistan (KDPI) sowie die Kurdistan Free Life Party (PJAK). Problemtisch bei der PJAK ist allerdings, dass sie ideologisch der international als Terrororganisation und auch in Deutschland verbotenen PKK nahesteht.
„Die Kurdenfrage wird aus mehreren strategischen Gründen oft als Irans größte interne Schwachstelle angesehen. Erstens haben die Kurden eine lange Tradition politischer und militärischer Organisation und sind eine der politisch aktivsten Minderheiten im Iran. Zweitens spielt die in der Region gesammelte Erfahrung mit Autonomie eine wichtige Rolle: Die Existenz der Autonomen Region Kurdistan im Irak und die Konsolidierung einflussreicher kurdischer Gebilde in Syrien haben einen politischen und symbolischen Präzedenzfall geschaffen, der die nationalen Bestrebungen der Kurden beflügelt.“
Allerdings enden hier aus Sicht von Pivariu auch schon die Parallelen, „weil kein wichtiger Akteur bereit ist, die geopolitischen Kosten für die Entstehung eines unabhängigen kurdischen Staates zu tragen“. Der Experte betont: „In einem möglichen Szenario der Destabilisierung des Iran könnten die Kurden eine bedeutende Rolle spielen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sie zum entscheidenden Akteur eines Regimewechsels werden. Das realistischste Szenario wäre eines, in dem kurdische Bewegungen eher als peripheres Druckmittel eingesetzt werden, während die entscheidende Entwicklung von der Dynamik der politischen Krise innerhalb der herrschenden Elite in Teheran abhängt.“
Wahrscheinlichkeit der Destabilisierung des Iran
Obwohl die Minderheiten also einen großen Anteil an der Bevölkerung ausmachen schließt Pivariu, dass sie wahrscheinlich nicht direkt zum Regimewechsel im Iran beitragen werden. Und dass ihre Sezessionsbestrebungen – zumindest vorerst – das Land nicht zersplittern werden.
„Erstens bleibt die iranische nationale Identität nach wie vor ein wichtiger Faktor für den Zusammenhalt“, so Pivariu. „Viele Angehörige von Minderheiten identifizieren sich nicht nur mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit, sondern auch mit dem iranischen Staat, was das Potenzial für separatistische Mobilisierung verringert. Zweitens sind die politischen und militärischen Organisationen dieser Minderheiten oft zersplittert und stehen sogar in Konkurrenz zueinander, was es schwierig macht, eine kohärente und geeinte Opposition gegen das Regime in Teheran zu bilden.“
Gleichzeitig dürfe man nicht vergessen, dass die Bevölkerung im Iran auch das Bild des Zerfalls von Jugoslawien vor Augen habe – mit allen bekannten Konsequenzen für die dort lebenden Menschen, bis hin zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Ansätze von Völkermord.
„Ein weiterer begrenzender Faktor ist schließlich die in der iranischen Gesellschaft weit verbreitete Angst vor einer ethnischen Fragmentierung des Staates. Für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung ist die Aussicht auf ein ‚Jugoslawien-Szenario‘, das durch den Zerfall des Staates und interne Konflikte gekennzeichnet ist, ein starkes Argument für die Aufrechterhaltung der territorialen Integrität und der Stabilität des iranischen Staates“, schließt Pivariu und betont zum Ende seiner Analyse: „Letztendlich wird die Stabilität des Iran weniger von der Stärke seines Sicherheitsapparats abhängen als vielmehr von der Fähigkeit des Staates, die ethnischen Konfliktlinien zu bewältigen, die seine Gesellschaft durchziehen.“
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