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Mindset Landes- und Bündnisverteidigung im Kommandobereich Feldjäger

Die Landes- und Bündnisverteidigung fordert die Feldjäger mehr denn je – nicht nur technisch, sondern vor allem mental. Zwischen Kaltstartfähigkeit, militärischer Härte und psychischer Belastungsgrenze setzt die Truppe heute auf ein modernes Resilienzkonzept, das Stress beherrschbar macht und Führung im Ernstfall stärkt. Unser Fachbeitrag aus dem Kommando Feldjäger wirft einen Blick in ein Ausbildungsprogramm, das Soldatinnen und Soldaten befähigt, Aufträge auch unter extremem Druck sicher, entschlossen und einsatzbereit zu erfüllen.

Feldjäger: Jederzeit resilient einsatzbereit – orange und grün Bw/Thomas Leonhardt
Jederzeit resilient einsatzbereit – orange und grün.
Foto: Bundeswehr / Thomas Leonhardt

Die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) steht als Leitmotiv im Fokus der truppen- und lehrgangsgebundenen Ausbildung in allen Organisationsbereichen der Bundeswehr.

Das Ziel der Erhöhung der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte durch die Befähigung in Kaltstart- und Durchhaltefähigkeit ist elementar und wird daher mit äußerstem Nachdruck verfolgt. Dabei stellen neben der materiellen und personellen Kriegstüchtigkeit auch die psychische Befähigung und Bereitschaft zur Kriegsführung das Fundament für eine erfolgreiche Auftragserfüllung dar. Diese muss den Soldatinnen und Soldaten nicht nur ausgebildet, sondern verinnerlicht werden.

Die vielschichtigen Herausforderungen eines Einsatzes – das Erleben von Tod, Panik, Chaos, Zerstörung, Leid und Elend, aber auch die Angst vor der eigenen Verwundung, Verstümmelung und Gefangennahme können Soldatinnen und Soldaten an ihre psychische Belastungsgrenze bringen. Da der bewaffnete Kampf als die schärfste Form einer militärischen Auseinandersetzung bewertet wird, liegt der Schwerpunkt einer militärischen Ausbildung auf dem „Führen mit Auftrag.

Das stellt das oberste Führungsprinzip in der Bundeswehr dar und muss deshalb von allen Führerinnen und Führern in Frieden, Krise und Krieg angewandt und beherrscht werden. Das zum Führen mit Auftrag notwendige hohe Maß an Übereinstimmung im Denken und Handeln beruht auf soldatischer Erziehung und Ausbildung, auf einem gemeinsamen Zeichenvorrat sowie gleichem taktischen Verständnis.

Die administrativen Querschnittsaufgaben im Grundbetrieb verleiten dazu, intellektuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die Notwendigkeit bürokratischer Verfahren zu überhöhen und das Verweilen in Komfortzonen zuzulassen. Die militärpolizeiliche Leistungserbringung in der LV/BV stellt jedoch höchste Anforderungen an die moralischen, handwerklichen, mentalen und körperlichen Fähigkeiten der Feldjäger.

Erfolgreiches Führen mit Auftrag setzt neben den taktischen Aspekten auch eine hohe psychische Resilienz voraus. Dazu kommt aber auch ein resilienter Führungswille und eine situativ anpassbare, eskalationsfähige und ggf. unverzügliche Durchsetzungsfähigkeit. Das Führen mit Auftrag, und das Ausführen von diesen, ist in der LV/BV komplexer, ungewohnter und intuitiver.

Dabei beschreibt Resilienz sowohl statische Schutzfaktoren als auch dynamische Anpassungs- und Entwicklungsprozesse, die interdisziplinär als Schlüsselkonzept der Stress- und Traumaresistenz Verwendung findet. Resilienzkompetenzen sind unabdingbar, um auf lange Sicht erfolgreich mit zukünftigen Krisensituationen umgehen und diese adäquat ohne mentale Schwächung bewältigen zu können.

Daueraufmerksamkeit und Konzentration als Resilienzkompetenz für Präzisionsschützen im Aufgabenbereich Feldjägerwesen Bundeswehr Bw/Jens Hörig
Daueraufmerksamkeit und Konzentration als Resilienzkompetenz für Präzisionsschützen im Aufgabenbereich Feldjägerwesen Bundeswehr.
Foto: Bundeswehr / Jens Hörig

Im Aufgabenbereich Feldjägerwesen der Bundeswehr entstand 2021 ein theoriegeleitetes modulares, manual- und digital-gestütztes Resilienztraining, das nach erfolgreicher Validierung und Evaluation in die militärische Ausbildung einfloss und seitdem an der Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr unterrichtet wird. Hierbei erhalten die Absolventinnen und Absolventen eine Qualifizierung in vier Einstufungen: Basis, Fortgeschrittene, Experten und Führungskräfte.

Das Resilienztraining z. B. für Führungskräfte soll insbesondere:

  • den Willen, Verantwortung zu delegieren, ohne sich der Gesamtverantwortung zu entziehen, erhöhen,
  • die Bereitschaft und Fähigkeit fördern, Handlungsfreiheit im Sinne der Absicht der übergeordneten Führung zu nutzen und zu gewähren,
  • eine angemessene Bereitschaft, Fehler zu akzeptieren und auch
  • Instrumente zur Auftragsdurchsetzung, gerade wenn Leib und Leben des Geführten gefährdet sind, anbieten.

Die Kriegstauglichkeit definiert sich nach klassisch-militärisch doktrinärer Ableitung aus den allgemeinmilitärischen Fertigkeiten („Fahren, Funken, Schießen“), dem Beherrschen der allgemeinen sowie verwendungsspezifischen Führungs- und Einsatzgrundsätze und der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Im Hinblick darauf wurde bereits im Zuge der Implementierung des Resilienzkonzepts im Feldjägerwesen der Bundeswehr – methodisch und didaktisch in Form eines Kompatibilitätstrainings – die allgemeinmilitärischen und verwendungsspezifischen Ausbildungsinhalte im Gesamtkontext der LV/BV mit den Inhalten aus dem Resilienztraining verbunden.

Ein eingebettetes Resilienztraining in Ausbildung und Übung trägt zur Optimierung dieser drei Säulen bei. Das hat sich insbesondere in der Ausbildung der „robusten“ militärpolizeilichen Spezialisierungen nachweisbar gezeigt. Indirekt wirken sich daher passgenaue Resilienzanteile zusätzlich auf die Erhöhung der Kaltstartfähigkeit, Einsatzbereitschaft sowie Durchhaltefähigkeit aus.

Hierbei wird ein dreiphasiges aufeinander aufbauendes Ausbildungsformat im blended learning Ansatz angewandt, gefolgt durch eine vierte Phase der eigenverantwortlichen Wiederholung der psychologischen Inhalte zur Erfolgssicherung.

Abb 1: Ausbildungskonzept der Resilienz in der Erziehung LV/BV
Ausbildungskonzept der Resilienz in der Erziehung LV/BV.
Grafik: Bundeswehr / KdoFjgBw

Die Inhalte des Trainings der Resilienz werden in vier Kompetenzblöcken ausgebildet:

  1. Stress- und Schlafmanagement,
  2. Kommunikations-, Problemlöse-, Konflikt- und Anpassungskompetenz,
  3. Kompetenz im Aufbau eines tragfähigen sozialen Umfelds sowie
  4. Kompetenz im Umgang mit moralischen Dilemmata.

In den einzelnen Kompetenzblöcken werden mentale Techniken, Methoden und Verfahren zum Aufbau von o. g. Resilienzkompetenzen vermittelt und individuelle Entwicklungsprozesse aktiviert, ausgebaut oder weiterentwickelt.

Wichtig ist, dass die vermittelten Techniken – z. B. die Stresskontrolltechniken – regelmäßig geübt werden müssen und somit (teil-)automatisiert werden, da die Inhalte (Methoden und Techniken) oft nur durch Wiederholungen und Übungen ihre volle Wirkung entfalten können.

In jeder der vier Phasen steht die Selbstoptimierung im Vordergrund. Fertigkeiten sollen verbessert und die individuelle Selbstreflexion angestoßen, das Potential der Teilnehmenden aktiviert und die Führungskompetenz erweitert werden.

Außerdem werden zu vier Zeitpunkten die Resilienzkompetenzen der Teilnehmenden anhand eines Wissenstests evaluiert (vor Phase 1, nach Phase 2, ein Monat und drei Monate nach der praktischen Umsetzungsphase), dieses Vorgehen sichert zusätzlich die Nachhaltigkeit sowie den Transfer in den Dienstalltag.

„Online Arbeitsphase I“ Informationsvermittlung und Erkenntnisgewinn:

Medieninhalte mit individueller Eigenleistung als Arbeitsbeitrag (Selbststudium).

Die Teilnehmenden erhalten in dieser Phase grundlegende Inhalte zur eigenständigen Vorbereitung: erste theoretische Grundlagen sollen ein Grundwissen vermitteln und das Verstehen fördern.

„Online Arbeitsphase II“ Angeleitetes Online-Training mit Kompetenzerwerb:

Digitale Vertiefung inkl. Erstkonfrontation und Sensibilisierung (virtuelle Imputphase), digitale Weiterbildung mit externen Referenten.

Überdurchschnittliches Reaktionsvermögen kann trainiert werden.
Überdurchschnittliches Reaktionsvermögen kann trainiert werden.
Foto: Bundeswehr / Isabel Biegerl

Es findet eine Ergänzung der theoretischen Grundlagen durch digitale Vorträge von Bundeswehr internen sowie externen Referenten statt. Die in Online Arbeitsphase I bereitgestellten Inhalte werden durch zusätzliche Erläuterungen vertieft, kontextualisiert und durch Expertise externer Referenten mit praktischen Beispielen untermauert.

„Praktische Umsetzung“ Umsetzung des Erlernten in die Praxis / Kompatibilität:

Praktische Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder über LV/BV-bezogene Lagen mit erziehungsschwierigen Handlungsbedarfen (praktischer Anteil als Präsenz).

Es wird ein dreitägiges praxisnahes und forderndes Übungsformat (Trainingskreislauf) mit LV/BV-bezogenen Szenarien auf dem Truppenübungsplatz inszeniert, das die Teilnehmenden in Kleingruppenstärke absolvieren müssen. Ziel ist nicht nur das Beweisen von militärischem Können, sondern auch die erfolgreiche Anwendung der erlernten Stresskontrolltechniken, Resilienzkompetenzen und Zeigen einer schnell einsetzenden Entspannungsfähigkeit.

Die Szenarien dafür werden militärisch und einsatzpsychologisch entwickelt mittels einer Variation von vielfältigen Stressoren (sozial, motorisch, kognitiv, sensomotorisch). Es wird darauf geachtet, dass die Teilnehmenden gefordert, aber nicht überfordert werden (d. h. nur ein Stress-Intensitätsspektrum von 60 bis 70 Prozent). Dabei werden die Kleingruppen durchgehend militärisch und psychologisch begleitet.

Zu Beginn und Ende der praktischen Umsetzungsphase wird ein Leistungstest in Form eines Parcours durchgeführt, um Adaptionsprozesse und Bewältigungsstrategien der Teilnehmenden zu aktivieren.

„Nachhaltigkeit“: Erfolgssicherung durch eigenverantwortliches Vertiefen der psychologischen Inhalte für nachhaltigen Lernerfolg. 

Um die Nachhaltigkeit und einen langfristigen Lernerfolg zu sichern, ist eine regelmäßige wiederholte Auseinandersetzung mit den vermittelten psychologischen Inhalten unerlässlich (vgl. Online PhaseI). Nur so kann deren langfristige Verankerung im deklarativen-expliziten Gedächtnis gefördert und im Sinne des prozeduralen-impliziten Gedächtnisses in Handlungskompetenz überführt werden. Sprich: damit Methoden wie Stresskontrolltechniken z. B. Atemübungen unter Stress im Ernstfall wirksam – am besten automatisiert – zur Anwendung kommen, ist eine regelmäßige Übungspraxis und ein Abruftraining erforderlich.

Dabei unterstützen sowohl die kompakte Handreichung, ein Handbuch, als auch ein eigens für die Onlinephase I entwickeltes Trainingsbegleitmanual. Die Handreichung bietet – ähnlich einer Taschenkarte – auf wenigen Seiten einen prägnanten Überblick über die Kerninhalte des Resilienzkonzepts und der Kompetenzmodule.  Das Handbuch beleuchtet ausgewählte militärpolizeilich und verwendungsspezifisch relevante Inhalte wie die Psychologie des Schusswaffengebrauchs, des Nahkampfs oder der Stressimpfung.

Das Trainingsbegleitmanual liefert den Teilnehmenden einen ersten Überblick und bildet eine fundierte Basis für eigenverantwortliches Lernen: Fragen zum Selbstcheck stoßen gezielt die Selbstreflexion an und Übungen zu den einzelnen Blöcken unterstützen den Transfer der Theorie in die Praxis. Auch die bundeswehreigenen (PTBS-Coach, TrainSleep, etc.) sowie frei verfügbare Apps oder Webseiten bieten Anleitungen zu Atemtechniken, Achtsamkeitstrainings oder Entspannungsübungen und können zur Vertiefung genutzt werden.

Die Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr erprobt seit einigen Jahren den Einsatz von Virtual Reality (VR). Hier können auch verschiedene militärische Hochstresssituationen mit variablem Stresslevel abgebildet werden, in dem die Teilnehmenden beliebig oft ihre Stresskontrolltechniken, Resilienzkompetenzen und Entspannungsfähigkeit üben können.

Steigerung der Fokussierung durch Einsatz von Atemtechniken Bw/Thomas Leonhardt
Steigerung der Fokussierung durch Einsatz von Atemtechniken.
Foto: Bundeswehr / Thomas Leonhardt

Ausblick – Kommando Feldjäger

Frei nach dem Motto train as you fight sollen die praktische Umsetzung und Verbindung des Kompetenztrainings der Resilienz im Feldjägerwesen der Bundeswehr mit militärischen Lagen Hinweise auf die auf Wirksamkeit liefern und bei der Zielgruppe eine breite Akzeptanz anstoßen. Durch die Befähigung von Multiplikatoren, einfache psychologische Grundlagen zu vermitteln, sollen nicht nur dienstgradgruppenübergreifende Erziehungseffekte gesichert, sondern auch die Resilienzkompetenzen in die Fläche getragen werden.

Eigene (Übungs-) Erfahrungen, die persönliche (mentale) Vorbereitung auf den Ernstfall und das aktive Auseinandersetzen fördern die Weitergabe des Gelernten und die Transferleistung auf reale Aufträge – sowohl Kernaufgaben sowie Unikatfähigkeiten – und Sicherstellung der Einsatzbereitschaft, Durchhalte- und Kaltstartfähigkeit.

Es werden zudem Kohäsions- und Synergieeffekte vorangetrieben: die gemeinsame Übung bietet Chancen für gegenseitiges Lernen und die Entwicklung neuer Denk- und Handlungsansätze. Durch die gezielte Nutzung der unterschiedlichen Stärken kann die wechselseitige Effizienzsteigerung der Feldjäger und des Wachbataillons weiter optimiert werden.

Die aus der praktischen Übung gewonnenen Erkenntnisse können im Anschluss zur Optimierung der Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung einen zielgerichteten Beitrag leisten und somit auch insgesamt die Umsetzung des Kompetenztrainings der Resilienz für die anderen Fähigkeitsbereiche im UstgBerBw nachträglich vorantreiben sowie die Kriegstüchtigkeit der Truppe auf psychologischer Ebene steigern.

 

Autoren aus dem Kommando Feldjäger:
Oberregierungsrätin von Lüdinghausen, TrEinsPsych Feldjägerregiment 1
Oberstleutnant Thiel, StvKdr Feldjägerregiment 1
Regierungsdirektor Dr. Gorzka, Bundesministerium der Verteidigung

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