Manufacturing Rodeo auf der AUSA

Tobias EhlkeTobias Ehlke

Die US Army will ihre industrielle Basis unter Belastung testen und sucht mit finanzierten Wettbewerben nach neuen Lösungen. Der Krieg gegen den Iran zeigt, warum beides zusammengehört. Ein Blick aus Washington auf eine Aufgabe, die uns in Deutschland ebenso betrifft.

Besucher und US-Soldaten in Dienstanzügen im Foyer des Tagungszentrums während der Rüstungsmesse AUSA
Blick in das Foyer des Tagungszentrums während der Jahrestagung der Association of the United States Army (AUSA).
Foto: CPM / Tobias Ehlke

Die Amerikaner gehen zuweilen schon mal eigene Wege ihren Vorhaben Namen zu geben. „Manufacturing Rodeo“ heißt eine Initiative, die der amtierende US-Heeresminister Adam Telle zum Auftakt der AUSA in Washington angekündigt hat. Gemeint ist ein industrieller Stresstest: Anfang kommenden Jahres sollen Fertigung und Lieferketten gezielt unter Druck gesetzt werden. Die Army will herausfinden, wo ihre industrielle Versorgung an Grenzen stößt.

Der Krieg gegen den Iran gibt dieser Ankündigung einen sehr konkreten Hintergrund. CNN berichtete Anfang August unter Berufung auf Quellen mit Kenntnis eines internen Bestandsberichts, die USA hätten fast 80 Prozent ihrer Terminal High Altitude Area Defense (THAAD) Abfangflugkörper verbraucht. Demnach wäre nur noch rund ein Fünftel des Vorkriegsbestands übrig gewesen. Verteidigungsminister Pete Hegseth widersprach dem Bericht. Auch die öffentlich verfügbaren Schätzungen unterscheiden sich deutlich. Die 20 Prozent sind deshalb kein gesicherter aktueller Depotstand – und beziehen sich ausdrücklich auf THAAD, nicht auf die gesamte amerikanische Flugabwehrmunition.

Bereits eine Center for Strategic and International Studies (CSIS)-Analyse von Ende Juli beschrieb allerdings erheblich reduzierte Bestände bei Patriot und THAAD. Die Autoren warnten, dass die USA und ihre Partner dadurch größere Risiken bei der Abwehr eingehen müssten. Selbst eine militärische Supermacht muss also sehr genau darauf achten, wie lange ihre Munition reicht. Auch Defence Network berichtete. Lieferketten stehen hinter der strategisch-taktisch-operativen Bedeutung einer Fähigkeit somit voll im Fokus und global offensichtlich bereits im Stresstest. 

Vor diesem Hintergrund gefällt mir die Idee des Manufacturing Rodeo ausgesprochen gut. Wir üben schließlich auch mit unseren Streitkräften, um Schwächen zu entdecken, bevor sie im Einsatz zum Problem werden. Es ist nur folgerichtig, die industrielle Versorgung dahinter ebenfalls einer Belastungsprobe zu unterziehen.

Messestand von Anduril auf einer Fachmesse mit verschiedenen unbemannten Drohnensystemen der Altius-Familie und VTOL-Modellen
Messeauftritt des Rüstungs- und Technologieunternehmens Anduril auf der AUSA 2026.
Foto: CPM / Tobias Ehlke

Als Unternehmer weiß ich, wie viel zwischen der Entscheidung für zusätzliche Kapazitäten und einer zuverlässig laufenden Fertigung liegt. Maschinen, Personal und Zulieferer u.v.m. müssen zusammenkommen. Ein vergleichsweise unscheinbares Bauteil kann am Ende darüber entscheiden, ob ein teures Gesamtsystem ausgeliefert wird. Solche Abhängigkeiten möchte man rechtzeitig kennen.

Auch nach dreißig Tagen hoch intensiven Gefechts zählt’s

Bei der Bewertung militärischer Systeme schauen wir verständlicherweise auf deren Leistungsfähigkeit. Reichweite, Präzision und Schutzwirkung sind wichtig. Der Iran-Krieg führt uns aber vor Augen, wie eng diese Eigenschaften mit der verfügbaren Stückzahl und dem Nachschub verbunden sind.

Intensive Verteidigung verbraucht ebenfalls Munition. Und die muss ersetzt werden können, während der Einsatz weiterläuft. Mich interessiert als ehemaliger Soldat deshalb, ob der Schutz der Einheit / Verband auch nach Wochen intensiver Gefechte noch trägt. Als Unternehmer interessiert mich, ob die Produktion dahinter diesen Bedarf dauerhaft bedienen kann.

Modell des zweistufigen Abfangflugkörpers Steelfin auf einem beleuchteten Podest vor Messebesuchern
Der zweistufige Abfangflugkörper Steelfin von Andruil.
Foto: CPM / Tobias Ehlke

Das erklärt auch, weshalb neue Anbieter hier auf der AUSA so viel Aufmerksamkeit bekommen. Anduril hat mit Steelfin eine neue Familie von Abfangflugkörpern vorgestellt und rückt dabei die modulare Auslegung und eine skalierbare Fertigung in den Mittelpunkt. Das ist zunächst ein Entwicklungsversprechen. Ob es eingelöst wird, muss sich zeigen. Die Richtung ist dennoch bemerkenswert: Die Herstellbarkeit in großen Mengen wird ausdrücklich zum Argument für das Produkt.

Neue Ideen brauchen eine echte Chance

In diesen Zusammenhang gehört eine zweite Initiative, die auch mir bislang nicht hinlänglich bekannt war: xTech|Disrupt Fires. Hinter dem etwas sperrigen Namen steckt ein Wettbewerb der US Army. Gesucht werden kostengünstige Marschflugkörper mittlerer Reichweite und Abfangmittel gegen Drohnen. Für die Abwehrlösungen ist die Einbindung in vorhandene Führungs- und Luftverteidigungsstrukturen ein wesentlicher Punkt.

Interessant finde ich vor allem, wie die Army diese Suche organisiert. Unternehmen reichen zunächst ihre Konzepte ein. Es folgen Präsentationen vor Fachleuten und schließlich eine praktische Demonstration. Über die Wettbewerbsphasen hinweg sind bis zu 20 Millionen US-Dollar an Preisgeldern vorgesehen. Vier Finalisten sollen jeweils eine Million Dollar erhalten, um ihre Systeme für die Demonstration 2027 weiterzuentwickeln. Danach können bis zu vier Gewinner jeweils weitere vier Millionen Dollar bekommen. Anschlussverträge sind möglich, aber nicht garantiert. 

Die Army beschreibt also einen Bedarf, öffnet den Wettbewerb und finanziert einen Teil des Weges zum praktischen Nachweis. Gerade für kleinere Unternehmen und Anbieter, die bisher nicht zum klassischen Kreis der Rüstungslieferanten gehören, kann das entscheidend sein.

Wer eine gute Idee hat, braucht schließlich mehr als die Gelegenheit, sie auf einer Messe vorzustellen. Entwicklung kostet Geld. Erprobung ebenfalls. Und ohne Zugang zu den militärischen Nutzern lässt sich schwer beurteilen, ob eine technisch überzeugende Lösung im Alltag einer Truppe überhaupt funktioniert.

Emblem der Association of the United States Army (AUSA) im Foyer eines Kongresszentrums mit Tagungsbesuchern und Soldaten in Dienstanzügen
Das kreisförmige Emblem der Association of the United States Army (AUSA) hängt zentral im Foyer eines Kongresszentrums. Darunter versammeln sich zahlreiche Tagungsbesucher sowie Angehörige der US-Streitkräfte in Dienstanzügen.
Foto: CPM / Tobias Ehlke

Natürlich ist auch ein solcher Wettbewerb noch keine Beschaffung. Sein Wert entscheidet sich daran, ob aus erfolgreichen Demonstrationen später nutzbare Fähigkeiten werden. Aber die Teilnehmer bekommen einen konkreten Bedarf, fachliche Rückmeldung und finanzielle Mittel für den nächsten Schritt. Damit lässt sich als Unternehmer arbeiten. Gleichzeitig entsteht ein inhärentes Ökosystem zwischen Amts- u. Industrieseite, das auf Vertrauen und einem gemeinsamen Missionsziel basiert. 

Was wir daraus mitnehmen sollten

Für mich gehören Manufacturing Rodeo und xTech zusammen. Die Army will überprüfen, wie belastbar ihre industrielle Versorgung ist, und gleichzeitig zusätzliche Anbieter und Lösungen erschließen. Das ist ein Ansatz, den wir uns genau anschauen sollten.

Ich möchte daraus keine Geschichte machen, in der in Amerika alles funktioniert und bei uns nichts. Schon die Diskussion über die amerikanischen Munitionsbestände zeigt, wie groß die Probleme auch hier sind. Und die angekündigten Vorhaben müssen ihre Wirkung erst noch beweisen.

Für Deutschland wünsche ich mir allerdings dieselbe Bereitschaft, industrielle Zusagen praktisch zu überprüfen und neuen Anbietern einen nachvollziehbaren Weg in die Beschaffung zu eröffnen. Wir brauchen beides: verlässliche etablierte Hersteller und Unternehmen, die mit neuen Ideen dazukommen. Zusätzliche eine bewegliche und pragmatische Amtsseite.

Dafür müssen Auftraggeber und Industrie Verantwortung übernehmen. Der Staat muss Bedarf und Finanzierung so verlässlich gestalten, dass Investitionen möglich werden. Unternehmen müssen belastbare Lieferzusagen machen und Schwierigkeiten rechtzeitig offenlegen. Die Truppe wiederum muss früh eingebunden sein, damit am Ende etwas ankommt, mit dem sie ihren Auftrag erfüllen kann.

Ein großer Auftrag ist ein guter Anfang. Entscheidend wird, wann daraus eine ausgebildete, ausgerüstete und dauerhaft versorgbare Truppe entsteht. Abschreckung braucht einen Liefertermin. Ob wir ihn halten können, sollten wir vorher ausprobiert haben.

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