Ramstein-Treffen: Ukraine kämpft um jede Abfangrakete

Heute findet das nächste Treffen der Ukraine Defense Contact Group statt – auch als Ramstein-Treffen bekannt. Bereits gestern rief Kyjiw ein außerordentliches Treffen mit der NATO ein, um auf die dramatische Lücke bei Interceptoren für die Luftverteidigung aufmerksam zu machen. Nach Aussage des ukrainischen Verteidigungsministers geht es nicht nur um Flugkörper, sondern auch um Geld.

Jewhenij Chmara, der Verteidigungsminister der Ukraine – sprach mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte vor dem Ramstein-Treffen über mangelnde Luftverteidigungsfähigkeiten.
Jewhenij Chmara, der Verteidigungsminister der Ukraine – sprach mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte vor dem Ramstein-Treffen über mangelnde Luftverteidigungsfähigkeiten.
Foto: Verteidigungsministerium Ukraine

Gestern früh kam es relativ spontan zu einem außerordentlichen Treffen des NATO-Ukraine-Rats in Brüssel. Zwei Tage zuvor hatten die beiden wichtigsten Protagonisten – NATO-Generalsekretär Mark Rutte und der ukrainische Verteidigungsminister Jewhenij Chmara – bereits telefoniert. Es soll um die Prioritäten für das eigentliche Ramstein-Treffen der Ukraine Defense Contact Group abzustimmen.

Die Dringlichkeit soll in Brüssel unmissverständlich klar gemacht worden sein, berichten die Ukraine. Es käme jetzt insbesondere auf die Geschwindigkeit an, nicht auf Menge. Die Verfügbarkeit von Luftverteidigungssystemen würden darüber entscheiden, ob die Ukraine geschwächt oder gestärkt aus diesem Winter hervorgehe.

Woran es der Ukraine fehlt

Im Zentrum des ukrainischen Bedarfs stehen Abfangraketen für die vorhandenen Patriot-Systeme. Das System aus den USA ist das international bekannteste Raketenabwehrsystem der Ukraine.

Bereits vergangene Woche bat die Ukraine beim Treffen der EU-Verteidigungsminister um die begehrten Interceptoren – erfolglos. EU-Außenbeauftrage Kaja Kallas rief die Mitgliedstaaten dazu auf, ihre Bestände zu prüfen und ältere Patriot-Raketen abzugeben. Beobachter gehen davon aus, dass Spanien und Griechenland noch eine Vielzahl an Abfangraketen besitzen, die zudem an das Ende ihrer Nutzungsdauer kommen.

Finanzielle Mittel für den Kauf hätte die Ukraine durchaus; vor zwei Wochen wurden weitere EU-Hilfen in Höhe von 6,1 Milliarden Euro bewilligt.

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich bereits Anfang August: Bei einem Großangriff gelang es der ukrainischen Luftverteidigung aus Mangel an Munition nicht, auch nur eine einzige russische Rakete abzufangen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zudem erklärt, die Ukraine habe 2026 nur etwa ein Drittel so viele Abfangraketen erhalten wie im Vorjahreszeitraum.

Auch eine Möglichkeit der Abwehr ballistischer Raketen: IRIS-T von Diehl Defence.
Auch eine Möglichkeit der Abwehr ballistischer Raketen: IRIS-T von Diehl Defence.
Foto: Sascha Schuermann

Neben der Patriot-Munition fehlt es auch an Flugkörpern für NASAMS, IRIS-T, SAMP/T und HAWK – also für praktisch die gesamte Bandbreite der von der Ukraine betriebenen Luftverteidigungsysteme gegen Raketenbedrohungen.

Ramstein-Treffen: Wer liefern kann

Der Ukraine Defense Contact Group gehören rund 50 Staaten an, doch was können Sie liefern? Nur zwanzig Staaten – inklusive der Ukraine – nutzen das System, nicht alle davon sind beim Ramstein-Treffen dabei.

Auch der Blick auf die Bestände an PAC-2- und PAC-3-Interceptoren ist ernüchternd. Die USA verfügten laut Schätzungen vor dem Krieg mit dem Iran über rund 2.300 PAC-3-Abfangraketen. Nach deren Einsatz gegen iranische Angriffe sollen davon nur noch etwa 800 übrig, ein Rückgang um rund 65 Prozent. Auch die beiden gelegentlichen Teilnehmer am Ramstein-Treffen Jordanien und Katar werden aufgrund der angespannten Lage in der Region keine Munition an die Ukraine abgeben. Einen ähnlichen Grund – wenngleich mit anderer Ursache – nennt Griechenland.

Davon benötigt die Ukraine einige: Das Luftverteidigungssystem Patriot aus den USA.
Davon benötigt die Ukraine einige: Das Luftverteidigungssystem Patriot aus den USA.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Deutschland wiederum hat seinen Bestand vor allem durch mehrfache eigene Abgaben an die Ukraine spürbar reduziert. Zusätzliche 600 PAC-3-Raketen sind bestellt, dazu kommen gemeinsam mit Rumänien, Spanien und den Niederlanden bestellte 800 PAC-2-Raketen. Entscheidend ist: All diese Bestellungen müssen erst einmal produziert werden. Bei einer PAC-3-Fertigung von derzeit nur rund 50 bis 60 Raketen pro Monat werden diese Aufträge alles andere als zeitnah ausgeliefert. Auch die in Deutschland geplante PAC-2-Produktion dürfte frühestens 2027 anlaufen.

Aus der Erfahrung der vergangenen Ramstein-Treffen am ist heute eine Mischung aus neuen Finanzierungszusagen und politischen Bekräftigungen erwartbar. Ob es tatsächlich zu zusätzlichen, kurzfristig wirksamen Interceptor-Lieferungen kommt, bleibt jedoch offen: Frühere Zusagen zogen sich teils über Monate hin, bevor Lieferungen tatsächlich erfolgten.

Es sind demnach sowohl mangelnde Verfügbarkeit als auch politischer Wille, die eine adäquate Luftverteidigung der Ukraine derzeit erschweren. Das heutige Ramstein-Treffen dürfte insofern weniger einen Durchbruch bringen als einen weiteren Verhandlungsschritt zwischen ukrainischen Bedarfen und der darauf reagierenden internationalen Hilfsbereitschaft.

Ein möglicher Fortschritt bei der Freigabe von EU-Mitteln aus dem 90-Milliarden-Euro-Fonds könnte da für die Ukraine tatsächlich hilfreich sein. Das Land hat dessen Einsatz für den Kauf von PAC-3-Abfangraketen in den USA beantragt. Doch ob die USA weitere Bestände abgeben oder auf die geplante Produktionssteigerung vertrösten, bleibt abzuwarten.

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