Ägäis – Der ewige Streit

Heute ist der 30. August – Zafer Bayramı, der „Tag des Sieges“. Ein symbolträchtiges Datum, an dem die noch nicht existierende Türkei im Jahr 1922 das Königreich Griechenland besiegte. Zwar gab es seither keinen offenen Krieg zwischen den heutigen NATO-Partnern, doch dafür andauernd wiederkehrende Spannungen, Krisen und Konflikte. In den letzten Wochen spitzte sich in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer die Lage wieder zu. Defence Network beschreibt die Hintergründe und legt einen Fokus auf die militärische Aufrüstung einer international beliebten Urlaubsregion.

Fregatte TCG Salihreis (F 246) führt eine Formation türkischer Kriegsschiffe und U-Boote vor einer bergigen Küste an
Die Flotte der türkischen Marine wächst angesichts des Streits um die Ägäis und das östliche Mittelmeer.
Foto: Türkische Marine

Mit dem heutigen Nationalfeiertag wird in der Türkei an den entscheidenden Sieg der türkischen Befreiungsarmee unter Atatürk – damals noch Mustafa Kemal Pascha – über die griechische Armee erinnert. Im Zuge des Zerfalls des Osmanischen Reiches nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg drangen griechische Truppen über das heutige Izmir mehrere Hundert Kilometer nach Anatolien ein.

Erst mit der Schlacht von Dumlupınar 1922, bei der sich auf beiden Seiten jeweils über 200.000 Mann gegenüberstanden, gelang der türkischen Seite die Wende. Die Nationalbewegung aus Ankara (zu der Zeit noch konkurrierend gegen den osmanischen Sultan in Istanbul) konnte durch diesen Sieg den Unabhängigkeitskrieg gegen Griechenland entscheiden. Ein wesentliches Ereignis, das später zur Gründung der heutigen Türkei führte.

Nach der Staatsgründung versuchten sich die beiden Nachbarstaaten auszusöhnen; konfliktfrei lief dies in den vergangen einhundert Jahren jedoch nicht ab. Insbesondere der Zypernkonflikt zeugt davon. Internationales Engagement seitens der USA, aber auch Deutschlands verhinderten mehr als einmal offene Kriege in der Ägäis.

Mustafa Kemal Atatürk in Militäruniform auf dem Hügel Kocatepe während der Schlacht von Dumlupınar im August 1922
Eine der berühmtesten Fotografien von Mustafa Kemal Pascha (links) zeigt ihn am 30. August 1922 vor der der Schlacht von Dumlupınar. Der Sieg dieses Tages ebnete ihm den Weg zur Staatsgründung der Türkei 1923.
Foto: gemeinfrei

Zeitsprung in die Gegenwart: Nach der letzten ernsten Krise aufgrund türkischer Öl- und Gasbohrungen wurde im Dezember 2023 von dem griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan die Athener Erklärung unterzeichnet. Das Abkommen sollte für freundschaftliche Beziehungen und gute Nachbarschaft sorgen.

Manche Beobachter sprachen von „Erdbebendiplomatie“, da die Beziehungen aufgrund solidarischer Hilfe Athens infolge des verheerenden Erdbebens in der Türkei ins Rollen gekommen waren. Regelmäßige Gipfeltreffen sollten die Beziehungen beider Länder verbessern.

Diese Phase relativer Ruhe scheint nun zu Ende zu gehen. Griechische Windkraft- und Solarpläne auf See und die Ausrufung zweier Meeresschutzgebiete durch die Türkei haben den ewigen Streit neu befeuert: Wem gehört die Ägäis?

Eine mögliche griechische Drohnenbasis auf Rhodos und ein Zwischenfall mit einer türkischen Drohne über Alexandroupolis waren nur zwei der Schlagzeilen im August, die bei den Ägäis-Anrainern für Unmut sorgten.

Was derzeit zwischen den beiden NATO-Partnern zu beobachten ist, lässt sich als „kontrollierte Konfrontation“ beschreiben. Es ist eine Eskalationsstrategie unterhalb der Kriegsschwelle, mit der vor allem Ankara militärisch Fakten schafft, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Doch der Streit ist längst nicht mehr isoliert von den Kriegen und Bündnisverschiebungen im gesamten Nahen Osten zu betrachten. Dazu später mehr.

Der Streitpunkt: Seegrenzen

Im Kern des Konflikts steht eine seit Jahrzehnten ungelöste Frage nach Grenzverläufen und Wirtschaftszonen rund um die griechischen Ägäis-Inseln. Griechenland beruft sich auf das UN-Seerechtsübereinkommen (SRÜ) von 1982, wonach auch kleinen Inseln volle Meereszonen zustehen. Nach dieser Lesart würde ein Großteil der Ägäis griechisches Hoheitsgebiet oder zumindest griechische Wirtschaftszone sein.

Die Türkei hält dagegen mit der Doktrin „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat): Sie besagt, dass Inseln nahe der türkischen Küste – wie die Dodekanes-Inseln – wegen ihrer Nähe zum türkischen Festland nur stark eingeschränkte oder gar keine eigenen Meereszonen beanspruchen dürften. Nach dieser Logik erhebt Ankara Anspruch auf rund 462.000 Quadratkilometer Meeresfläche in Schwarzem Meer, Ägäis und östlichem Mittelmeer – ein Gebiet, das bis an die Ostküste Kretas reichen und griechische Inseln zu Enklaven in sonst türkischen Gewässern machen würde.

Schematische Karte des türkischen Konzepts Mavi Vatan mit beanspruchten Seegebieten im Schwarzen Meer, der Ägäis und dem Mittelmeer
Zuschnitt einer schematischen Karte, die das türkische Konzept „Mavi Vatan“ (Blaue Heimat) mit den beanspruchten Seegebieten im Schwarzen Meer, der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer zeigt.
Foto: Wikimedia / Cihat Yaycı / CC BY-SA 4.0

Der Begriff stammt ursprünglich aus türkischen Marinekreisen der 2010er-Jahre und wird seit einigen Jahren aktiv von der Regierung Erdoğan vorangetrieben. Präsident Recep Tayyip Erdoğan selbst hat wiederholt betont, keinen Zentimeter von dieser Position abzurücken: „Wir werden nicht den kleinsten Schritt zurückweichen, wenn es darum geht, unsere Blaue Heimat zu verteidigen, die ein untrennbarer Teil unseres Vaterlandes ist“, erklärte er laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı vor AKP-Provinzvorsitzenden. Im Frühjahr kündigte Ankara an, diese Doktrin auch in Gesetzesform gießen zu wollen.

Die völkerrechtliche Bewertung

Nach Auffassung von Völkerrechtlern ist die türkische Position in ihrem Kern nicht haltbar. Das Seerechtsübereinkommen von 1982 – heute weithin auch als kodifiziertes Völkergewohnheitsrecht anerkannt, an das somit selbst Nichtvertragsstaaten wie die Türkei faktisch gebunden sind – sieht vor, dass Inseln grundsätzlich über dieselben Meereszonen verfügen wie Festlandküsten: eigenes Küstenmeer, Anschlusszone, ausschließliche Wirtschaftszone und Festlandsockel.

Die zentrale türkische Behauptung, Inseln stünde in halbgeschlossenen Meeren mit dicht beieinanderliegenden Küsten grundsätzlich kein eigener Festlandsockel zu, findet im geltenden Vertrags- wie Gewohnheitsrecht keine Stütze – im Gegenteil erkennt selbst die Türkei diesen Grundsatz dem Grunde nach an, etwa wenn sie sich in ihrem Memorandum mit Libyen ebenfalls auf die Existenz von Meereszonen um Inseln bezieht.

Soldaten der türkischen Marine in weißen Uniformen in Formation auf dem Deck eines Kriegsschiffs während der Übung Mavi Vatan
Soldaten der türkischen Marine in weißen Uniformen bilden das Motto „Mavi Vatan“.
Foto: Türkische Marine

Athen wiederum verweist zudem auf internationale Gerichte: In mehreren Fällen – etwa bei der Abgrenzung zwischen Großbritannien und Frankreich im Ärmelkanal oder in der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs zu Inselstaaten und Archipelen – wurde Inseln grundsätzlich eigenständiges Anrecht auf Meereszonen zuerkannt, wenn auch mit im Einzelfall reduzierter Gewichtung gegenüber großen Festlandküsten bei der konkreten Grenzziehung.

Was passieren würde, wenn „Mavi Vatan“ tatsächlich Gesetz wird

Sollte Ankara die laut türkischer Presse für Oktober vorgesehene Gesetzesinitiative wahr machen, würde dies auf die international anerkannten Seegrenzen wohl keinen Einfluss haben. Ein nationales Gesetz kann fremde Souveränitätsrechte völkerrechtlich schlicht nicht verändern.

Die Auswirkungen von „Mavi Vatan“ wären langfristiger Natur: Türkische Behörden erhielten eine nationale gesetzliche Grundlage, um maritime Raumordnungspläne, Energiegenehmigungen und internationale Grenzabkommen systematisch anzufechten. Praktische Beispiele sind beispielsweise Ausschreibungen für Öl- und Gasexploration oder die neuen griechischen Off-Shore-Pläne für Windkraft und Solar in der Ägäis, die in diesem Monat bereits für Verstimmung sorgten.

Ein solches Gesetz würde den ewigen Streit um die Ägäis und das östliche Mittelmeer weiter zementieren – mit unvorhersehbaren Folgen, denn auch wenn bisher jede Spannung kurz vor Ausbruch eines Krieges gelöst werden könnte, gibt es keine Garantie auf Frieden.

Militarisierung der Inseln

Ein zweiter Streitpunkt betrifft den Status und die Militarisierung der Ägäis-Inseln selbst. Nach den Verträgen von Lausanne (1923) und Paris (1947) müssen viele Dodekanes-Inseln, darunter Rhodos, Kos und Lemnos, entmilitarisiert bleiben. Ankara wirft seinem Nachbarn seit Langem vor, sich daran nicht zu halten, insbesondere die vergangenen drei Jahre unter der „Athener Erklärung“ habe Griechenland zur Aufrüstung genutzt.

Am 24. August 2026 berichteten türkische und zyprische Medien, Griechenland baue am Flughafen Maritsa auf Rhodos eine Infrastruktur für den Einsatz von Aufklärungsdrohnen auf. Wenige Tage später sorgte ein Bericht der Zeitung Kathimerini für Aufsehen, wonach dort eine dauerhafte Basis für V-BAT-Aufklärungsdrohnen des US-Herstellers Shield AI entstehen solle. Diese senkrechtstartenden Drohnen sollen zur Meeresüberwachung, Schiffserkennung und Kontrolle der östlichen Ägäis eingesetzt werden.

Aufklärungsdrohne V-BAT von Shield AI mit Mantelpropeller am Heck im Flug vor bewölktem Himmel
Eine senkrechtstartende Aufklärungsdrohne des Typs V-BAT von Shield AI
Foto: Shield AI

Rhodos wäre damit nach Skyros der zweite dauerhafte militärische Drohnenstützpunkt des Landes. Das griechische Verteidigungsministerium dementierte allerdings einen tatsächlichen Drohnen-Stützpunkt und sprach von einer flexiblen, bedarfsabhängigen Stationierung.

Das türkische Verteidigungsministerium reagierte unmittelbar auf die Berichte und erinnerte an den entmilitarisierten Status von Rhodos. Im selben Atemzug lobte die Türkei jedoch die am 23. August 2026 begonnene Verlegung eines griechischen Patriot-Luftabwehrsystems (MIM-104) von der Insel Karpathos nach Kreta als positiven Schritt. Das zeigt, wie engmaschig Ankara jede griechische Truppenbewegung auf den Inseln verfolgt und wie feinfühlig man diplomatisch auf eskalierende, aber auch deeskalierende Bewegungen reagiert.

Andererseits drang im Nordosten des griechischen Festlandes nur Stunden nach der Rhodos-Warnung eine türkische Drohne in griechischen Luftraum ein und flog in die Nähe des Flughafens bei Alexandroupolis, während dort gerade ein Passagierflugzeug zum Start rollte. Griechische F-16 stiegen auf und drängten die Drohne ab.

Türkische Luftraumverletzungen sind dabei keine Seltenheit, nahmen zuletzt jedoch wieder zu. Allein am Tag des 18. August 2026 registrierte Athen 25 Verstöße türkischer Kampfjets und Drohnen.

Auf militärischer Ebene positionierte sich Griechenlands Verteidigungsminister Nikos Dendias bereits im Frühjahr 2026 deutlich offensiver als sein Regierungschef: Griechenland werde „die Ägäis viel besser schützen als bisher“, man verfüge über die Fähigkeit, mit auf den Inseln stationierten Raketensystemen Ziele anzugreifen, erklärte er bei einer Konferenz am 28. April 2026 – eine Aussage, die in der Türkei prompt als „provokativ und aggressiv“ zurückgewiesen wurde.

Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis klang demgegenüber rhetorisch versöhnlicher. Noch am Dienstag sagte er: „Natürlich wollen wir gute nachbarschaftliche Beziehungen mit der Türkei. Wir verhandeln jedoch über nichts, was über die Abgrenzung von Festlandsockel und ausschließlicher Wirtschaftszone in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer hinausgeht.“

Energie & Wirtschaft – eigentlicher Kern des Streits

Hinter der juristischen Fassade des Konflikts steht ein wirtschaftliches Interesse: Es geht um Energie.

Nachdem Griechenland im Juli 2025 zwei Meeresschutzparks im Ionischen Meer und in der südlichen Ägäis ausgerufen hatte, zog die Türkei Mitte August 2026 mit zwei eigenen nationalen Meeresparks nach – einer zwischen den griechischen Inseln Limnos und Samothraki, ein zweiter im Gebiet um die östlichste griechische Insel Kastellorizo, das diese von den übrigen Dodekanes-Inseln abschneiden würde.

Türkisches Bohrschiff Yavuz eskortiert von den Fregatten F 493 und F 245 der türkischen Marine auf offener See
Das türkische Bohrschiff „Yavuz“ war bereits öfter Grund für diplomatische Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei.
Foto: Türkische Marine

Beide Seiten erklären diese Gebiete zu Naturschutzzonen; beide Seiten werfen der jeweils anderen vor, in Wahrheit Gebietsansprüche zementieren zu wollen – mit wirtschaftlichen Folgen. Noch konkreter wird der Kern des Streits am Great Sea Interconnector (auch EuroAsia Interconnector genannt): einem knapp zwei Milliarden Euro teuren, rund 1.200 Kilometer langen Unterseekabel, das Griechenland über Zypern mit Israel verbinden und Zypern erstmals ans europäische Stromverbundnetz anschließen soll.

Die EU stuft das Projekt als „Vorhaben von gemeinsamem Interesse“ ein und fördert es mit Hunderten Millionen Euro. Just jener Abschnitt östlich der griechischen Insel Kasos wird von der Türkei seit längerem blockiert. Jetzt auch durch das ausgerufene Meeresschutzgebiet.

Zuletzt war Anfang August wieder Bewegung in das Projekt gekommen, nachdem der französische Infrastrukturinvestor Meridiam mit 66 Prozent bei GSI eingestiegen war und ein französisches Forschungsschiff die Meeresboden-Erkundung übernehmen sollte. Für Brüssel geht es dabei um weit mehr als ein einzelnes Infrastrukturprojekt: Zypern bliebe ohne das Kabel der einzige EU-Mitgliedstaat ohne Anbindung an das europäische Stromnetz.

Kurzer Exkurs: Regionale Verflechtungen

Der Ägäis-Streit lässt sich immer weniger losgelöst vom Nahen Osten betrachten. Erst vor wenigen Wochen besiegelten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan in Mekka ein Beistandsabkommen, das jeden bewaffneten Angriff auf einen Bündnispartner als Angriff auf alle drei wertet. Von manchen Beobachtern bereits als „sunnitische NATO“ bezeichnet, ist unklar, ob es sich tatsächlich gegen den Iran richtet oder einfach nur dem gegenseitigen Austausch von militärischem Know-how dienen soll.

Recep Tayyip Erdoğan, Mohammed bin Salman und Shehbaz Sharif unterzeichnen Regierungsabkommen in einem Saal in Saudi-Arabien
Unterzeichnung des Mekka-Verteidigungspakts unter einem Porträt des saudi-arabischen Königs Salman bin Abdulaziz Al Saud (v.l.n.r.): der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman und der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif.
Foto: Präsidialamt Türkei

Für Ankara dürfte das Bündnis auch ein Gegengewicht gegen die aus eigener Wahrnehmung entstandene Achse aus Israel, Griechenland und Zypern im östlichen Mittelmeer zu bilden. Seit dem Gaza-Krieg hat sich der Ton zwischen Ankara und Tel Aviv drastisch verschärft.

Israelische Sicherheitskreise stufen die Türkei inzwischen neben dem Iran als größte strategische Bedrohung ein. Beide Länder verfolgen beispielsweise in Syrien gegensätzliche Ziele und gerieten dort bereits mehrfach in Berührung ihrer jeweiligen Einflusssphären, etwa als Israel den für eine geplante türkische Militärpräsenz vorgesehenen Luftwaffenstützpunkt nahe Idlib bombardierte.

Für die Ägäis ist das relevant, weil sich Griechenland und Israel tatsächlich militärisch immer enger zusammenschließen – dazu weiter unten mehr. Aus Ankaras Sicht bestätigt diese Kooperation den Eindruck einer sich formierenden griechisch-israelisch-zyprischen Achse.

Ein weiteres Puzzlestück zeigt, wie eng die Ägäis-Frage auch andere Konfliktregionen beeinflusst. Im Gegensatz zu anderen europäischen NATO-Staaten verfügt Griechenland noch über größere Reserven an Patriot-Abwehrraketen. Trotz wachsenden Drucks aus Brüssel und direkter Bitten etwa von Deutschlands Außenminister Johann Wadephul lehnt Athen eine Abgabe an Kiew bislang ab. In Athen räumt man der eigenen Verteidigungsfähigkeit gegenüber Ankara schlicht eine höhere Priorität ein.

Rüstung: der maritime Wettlauf in Zahlen

Die Ägäis-Frage ist längst kein Streit mehr, der nur diplomatisch und juristisch ausgefochten wird, sondern zunehmend eine Frage militärischer Fähigkeiten. Auf beiden Seiten wird maritim aufgerüstet, mit deutlichem Fokus auf unbemannte Systeme.

Türkische Aufrüstung

Einen guten Eindruck konnte Warsight, die internationale Schwester von Defence Network, auf der Veranstaltung „Teknofest Mavi Vatan 2026“ in der vergangenen Woche erhalten. Dort präsentierte Ankara den Ausbau seiner unbemannten Seestreitkräfte. Eines der dort gezeigten Systeme ist „Tufan“, ein von Aselsan entwickeltes und bei Ares Shipyard gebautes Kamikaze-Überwasserdrohnenboot (USV), das erstmals im Mai auf der SAHA vorgestellt wurde (Defence Network berichtete).

Gut acht Meter lang, über 50 Knoten schnell, eine Reichweite von 200 Seemeilen (370 km) und mit Plat für explosive Ladung soll Tufan Überwasserziele und Küsteninfrastruktur angreifen können. Laut Aselsan-Chef Ahmet Akyol hat die Serienproduktion bereits begonnen.

Am Stand des türkischen Rüstungsunternehmens ASELSAN werden Modelle unbemannter maritimer Systeme präsentiert: das unbemannte Überwasserfahrzeug „TUFAN" sowie mehrere autonome Unterwasserfahrzeuge der Baureihe „KILIÇ" in verschiedenen Größen, ausgestellt auf einer beleuchteten Wassersimulationsfläche vor Messepublikum.
Am Stand des türkischen Rüstungsunternehmens ASELSAN werden Modelle unbemannter maritimer Systeme präsentiert: das unbemannte Überwasserfahrzeug „TUFAN" sowie mehrere autonome Unterwasserfahrzeuge der Baureihe „KILIÇ" in verschiedenen Größen, ausgestellt auf einer beleuchteten Wassersimulationsfläche vor Messepublikum.
Foto: Navid Linnemann

Ergänzt wird das türkische Portfolio unbemannter Systeme durch die Unterwasser-Kamikazedrohnen-Familie Kiliç, das autonome Unterwasserfahrzeug Deringöz sowie die unbemannte amphibische İ-Zaha von FNSS. Die vertikal startende Aufklärungsdrohne Bayraktar Kalkan von Baykar wurde während des Events offiziell in die Flotte der türkischen Marine übernommen.

Auch bemannt baut die Türkei derzeit ihre Fähigkeiten deutlich aus. So gab der Kommandeur der türkischen Marine laut Warsight bekannt, türkische Werften bauten derzeit 61 Kriegsschiffe – 37 für die eigenen Streitkräfte, 24 für den Export. Nach dem türkischen Drohnenträger TCG Anadolu baut das Land derzeit auch seinen ersten Flugzeugträger.

Den politischen Bogen des Teknofests spannte AKP-Sprecher Ömer Çelik, der die maritime Rüstungsschau explizit in den geopolitischen Kontext einordnete: „Wenn wir uns die Spannungsgebiete und Konfliktachsen weltweit anschauen, wird einmal mehr deutlich, wie wertvoll und strategisch unser ‚Mavi Vatan‘-Ansatz ist.“

Griechische Aufrüstung

Athen kontert mit einem milliardenschweren, weitgehend auf israelische Technologie gestützten Programm: dem Luftverteidigungssystem „Schild des Achilles“ (Aspida Achillea) im Wert von bis zu 3,5 Milliarden Euro, das die israelischen Systeme Spyder, David’s Sling und Barak MX kombiniert und binnen 35 Monaten einsatzfähig sein soll.

Hinzu kommen 36 israelische PULS-Mehrfachraketenwerfer von Elbit Systems mit Reichweiten von 35 bis 300 Kilometern, israelische Heron-1-Aufklärungsdrohnen sowie weitere V-BAT-Systeme.

Die neue griechische Fregatte Kimon (Kennung F601) aus Frankreich.
Die neue griechische Fregatte Kimon (Kennung F601) aus Frankreich.
Foto: Griechische Marine

Zur Modernisierung der bemannten Flotte gehört das französische FDI-Fregattenprogramm: Nach der ersten Einheit „Kimon“ soll die zweite Fregatte „Nearchos“ im Oktober 2026 an die Marine übergeben werden, eine dritte („Formion“) folgt zum Jahresende. Über das EU-Programm SAFE (Security Action for Europe) hat sich Griechenland zudem 787,7 Millionen Euro für Luftverteidigung, Drohnenabwehr und Munition gesichert. Insgesamt plant Athen bis 2030 rund 25 bis 28 Milliarden Euro in die Verteidigung zu investieren.

Wann aus Streit Krieg wird

Am heutigen „Tag des Sieges“ wird in der Türkei noch einmal bewusst, wie lange militärische Konflikte zwischen den Nachbarn schon zurückreichen. (Man könnte auch an die Kriege zwischen Byzanz und Osmanen bzw. Seldschuken erinnern.) Dennoch sind Griechenland und die Türkei heute trotz aller Rhetorik weiterhin durch die NATO miteinander verbunden, was einen offenen bewaffneten Konflikt strukturell unwahrscheinlich macht.

Beide Regierungen wissen um die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Kosten einer echten Eskalation, und Athen wie Ankara betonen unverändert ihr Interesse an offenen Kommunikationskanälen und Diplomatie. Mitsotakis und Erdoğan trafen sich zuletzt häufiger.

Zwei Kriegsschiffe fahren bei Sonnenuntergang in Formation auf offener See als dunkle Silhouetten vor orangefarbenem Himmel
Für manche sind es die schönsten Urlaubsregionen, für andere is es das Potenzial für einen ewigen Streit: die Ägäis und das östliche Mittelmeer an den Küsten der Türkei.
Foto: Türksiche Marine

Doch während Griechenland mit dem Status Quo in der Ägäis und dem östlichen Mittelmeer weitgehend zufrieden ist, verschwinden die türkischen Forderungen und das wirtschaftliche Interesse nicht von selbst. Es geht nicht nur um einzelne Felsen oder unbewohnte Inseln, sondern um Erdgas- und Ölvorkommen, um Fischereirechte, um Energie-Infrastrukturprojekte wie den Great Sea Interconnector und um die Kontrolle über Seewege und -räume.

Sollte die Türkei mit ihrer Auffassung durchdringen, dass griechische Inseln nur eingeschränkte oder gar keine eigenen maritimen Zonen erzeugen, würde sich das Kräfte- und Wirtschaftsraumverhältnis in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer massiv zugunsten Ankaras verschieben. Genau das hält den ewigen Streit lebendig: Für Griechenland steht ein substanzieller Teil des wirtschaftlichen Einflussgebiets auf dem Spiel, für die Türkei die Möglichkeit, sich als dominierende Seemacht im östlichen Mittelmeer zu etablieren.

Solange beide Seiten ihre kontrollierte Konfrontation als Mittel der Abschreckung und Verhandlungsmacht verstehen, statt als Vorbereitung auf einen tatsächlichen Waffengang, dürfte der Streit auch weiterhin das bleiben, was er seit Jahrzehnten ist: ein chronisches Risiko für Zwischenfälle, aber kein weiterer Krieg.

Defence Network folgen

Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Die wichtigsten Nachrichten aus Verteidigung und Wehrtechnik — auf Ihrem Kanal.

Aktuelle Meldungenaus Verteidigung & Wehrtechnik
Einordnung mit Substanzvon der Fachredaktion
Kurz & auf den Punktalles Wichtige in Minuten
QR-Code zur Newsletter-Anmeldung
Anmeldeformular wird geladen …

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwendete Schlagwörter

ÄgäisAufrüstungGriechenlandInselnKonfliktmaritimMilitärStreitTürkei