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Volles Haus beim Tag der Infanterie 2023

Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie gab es im vergangenen Jahr nur einen Tag der Infanterie „Light“. Bei der diesjährigen 25. Ausführung kehrte man zur alten Stärke und einem vollen Haus zurück. Erstmals nahm als NATO-Neumitglied auch eine finnische Delegation am Tag der Infanterie teil. Unter anderem war der finnische Inspekteur der Infanterie vor Ort. Weitere ausländische Teilnehmer waren militärische Abordnungen aus der Schweiz, Österreich (u.a. Kommandant Zentrum Infanterie) und Frankreich. Der Tag der Infanterie ist eine gemeinsame Veranstaltung der Infanterieschule und des Bund der Deutschen Infanterie e.V. Im Rahmen des Tages der Infanterie wurde auch die Fahne des Bund der Deutschen Infanterie vorgestellt, als sichtbares Zeichen/Corporate Identity und Verbundenheit zwischen Tradition und Zukunft sowie Identitätsstiftendes Zeichen. Auch wurde in der Kaserne auf dem Lagerberg der „Garten der Steine“ eröffnet.
Schwerer Waffenträger
Foto: André Forkert, cpm GmbH

Der Tag des Festvortrages war der 505. Tag des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Daher sprach der Hausherr und General der Infanterie, Brigadegeneral Michael Matz, explizit die Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte und Spezialisten vor Ort an. Neben der Ukraine und ihre Auswirkungen auf das Heer und die Infanterie schwebte das Thema „Mittlere Kräfte“ über allem. General Matz sagte auch, dass beim Antrittsbesuch von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius an der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg Mitte Mai 2023 der Minister in diesem Leuchtturmprojekt des Heeres gebrieft wurde. Als eines der großen und bedeutenden Bauvorhaben in Hammelburg nannte er die neue Schießbahn.

Herausforderungen für das Heer

Den Festvortrag hielt Generalleutnant Harald Gante, seit 23. März 2023 stellvertretender Inspekteur des Heeres und Kommandeur Einsatz im Kommando Heer. Der Kommandeur Einsatz führt die unterstellten Divisionen und ist damit der Kommandeur des Feldheeres.

Auch er nahm direkt zu Beginn seines Vortrages „Herausforderungen für das deutsche Heer“ Bezug zur Ukraine. So berichtete er, dass der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, parallel an einer Besprechung in Strausberg zur Bestandsaufnahme und Auswertung zur dauerhaften Verlegung einer Brigade nach Litauen. Die Ankündigungen des Ministers werden damit konkreter. Die Brigade soll weitestgehend national gestellt werden. Die enhanced Forward Presence Battle Group Litauen soll parallel weiterhin bestehen und den multinationalen Anteil abbilden. Ab 2025 kommt dann noch eine ganze mechanisierte Division hinzu. Sie soll für den NATO-Auftrag eine Abrufbereitschaft von 10 bis 30 Tagen haben. Auch hier geht es um eine Verlegung nach Litauen bzw. ins Baltikum. Insgesamt sind bei dem Thema aber noch viele Fragen offen und abhängig von politischen Entscheidungen. Daher wird es immer wieder zu Anpassungen kommen müssen.

ENFORCER
Foto: André Forkert, cpm GmbH

Weitere Erkenntnisse aus dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine zeigen die Bedeutungen der Artillerie, Schutz gegen Bedrohung aus der Luft, Logistik (hier vor allem die enorme Munitionsversorgung, u.a. für die Artillerie), Aufklärung, Operieren unter Schutz und Elektronischer Kampf. Zusammenfassend sagte er, der Krieg zeigt die Relevanz der Landstreitkräfte, die Entscheidung wird auf den letzten Metern gewonnen. Alte Themen haben auf einmal wieder Relevanz, als Beispiel nannte der General zum Beispiel den Kampf aus und um Stellungssysteme. Viele der Geschehnisse in der Ukraine zeigen ganz klar die Defizite des Heeres auf. So stellte er ganz konkret auch Teile der aktuellen Konzeptionen in Frage, da sie den aktuellen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Als Beispiel nannte er die Munitions-Versorgung für die Artillerie rund 30 km hinter der Forward Line of own Troops (FLOT), oder die Aufklärungstiefe – rund 150 km in der Ukraine. Schwerpunktthemen für die Infanterie sind daher der Panzervernichtungstrupp, Urban Warfare (Angriff & Verteidigung), Kampf in und um Stellungssysteme und Unmanned Aerial Systems (UAS/Drohnen).

Aber was bedeutet das konkret in der Umsetzung jetzt für das Deutsche Heer? Der Schwerpunkt wird dabei bei der Landes- und Bündnisverteidigung (LV/BV) liegen, dabei dürfen die anderen Aufträge nicht weniger ernst genommen werden. Denn neben der LV/BV wird es auch in Zukunft weiterhin noch das Internationale Krisen- und Konfliktmanagement (IKM) geben. IKM wird weiterhin einsatzspezifische Ausbildungen für die Auslandseinsätze benötigen. Und IKM-Missionen wie in Mali stellen nach wie vor die aktuell risikoreichsten Aufträge dar.

Die Unterstützung der Ukraine – mit Material, Ausbildung, etc. – stellte den aktuell wichtigsten Auftrag dar. Dieser verdrängt aber vieles andere und führt zu enormen Einschnitten bei der eigenen Truppe. General Gante:“ Die Ausbildungsleistung für die Ukraine hat die gleiche Qualität wie die Verlegung der Brigade nach Litauen.“ Das Heer hat ein Specialized Training Command in Strausberg sowie zwei Ausbildungs-Hubs für diese EU-Operation aufgebaut. Dies alles bindet enorm Personal. Eine weitere Herausforderung ist die Sprache, da die meisten Ukrainer nicht über Englischkenntnisse verfügen. Als Übersetzer setzt das Heer deutsche Soldaten mit Russischkenntnissen ein, aber auch dieses führt zu Problemen. Der Schwerpunkt der Ausbildung verlegt sich immer mehr in den Bereich Führerausbildung. Hinzu kommt die materielle Unterstützung durch die Abgaben der Waffensysteme. Der General betonte, die Abgaben sind steuerbar, aber die Ersatzteilpakete tun weh, da sie der Truppe fehlen und damit zu deutlich weniger einsatzbereiten Systemen führt. Bei der Ausbildung gibt es aber noch ganz andere, profane Hemmnisse. So werden die Ukrainer zum Teil an Kalaschnikow-Gewehren ausgebildet. Waffen und Munition ist vorhanden, doch sie dürfen auf deutschen Schießbahnen nicht geschossen werden. Hier stehen die Überbürokratisierung und fehlende Flexibilität der Verwaltung mal wieder im Weg. Nach wie vor scheinen nicht alle Anteile auf ein „Kriegs-Mindset“ umgestellt zu haben.

Die NATO-Verpflichtungen im Rahmen von LV/BV binden auch immer mehr Kräfte, parallel zur Ausbildung für die Ukraine, Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), enhanced Forward Presence Battle Group Litauen (eFP BG LTU), enhanced Vigilance Activities Brigade Litauen (eVA Bde LTU) und das Kräftedispositiv für den Auftrag der Militärischen Evakuierungsoperationen. Dies alles bindet Kräfte, so dass praktisch keine freien Reserven mehr zur Verfügung stehen. Als Belastung kommen steigende Übungsvorhaben an der Ostflanke hinzu. Mit Quadriga 24 werden diese 2024 noch einmal gesteigert. Dies gilt als Vorbereitung für die Bereitstellung der Division 2025. Die Kosten dafür werden über den Einzelplan 14 finanziert, dies muss zu Einsparungen in anderen Bereichen führen.

Die Mobilisierung, Halten und Verjüngung des Personalkörpers ist eine weitere Herausforderung für die Streitkräfte. Hier bedarf es einen kompletten neuen Einsatz des Staates.

CARACL
Foto: André Forkert, cpm GmbH

Ausrüstung des Heeres

Der Plan Heer sieht den Umbau der 10. Panzerdivision bis 2025 vor, die 1. Panzerdivision soll bis 2027 folgen und die Division Schnelle Kräfte bis 2029. Dies beinhaltet auch die Ausstattung mit entsprechendem Material. Der Schwerpunkt für das Heer ist dabei die Aufstellung der Mittleren Kräfte. General Gante nannte bezeichnete sie als Schlüsselrolle und Scharnierfunktion bei der Auftragserfüllung. In Seinem Vortrag zeigte er aber, dass die Ausrüstung für Infanteriekräfte in weiten Teilen noch nicht finanziell hinterlegt sind. Aber sie sind für die Fähigkeit essenziell. Dazu gehören unter anderem Pionierausstattung, Anteile Aufklärung und Artillerie. Konkret wurden das Brückensystem LEGUAN auf BOXER und die RCH 155 mm angezeigt.

Im Rahmen der Industrieausstellung wurden viele Exponate gezeigt. Aber im Gegensatz zu den vergangenen Veranstaltungen gab es eine Änderung. Das für die Industrieausstellung zuständige Amt für Heeresentwicklung in Köln ließ nur Firmen und ihre Exponate zu, die sich bereits in der Nutzung befinden, oder zumindest beauftragt sind und damit demnächst zulaufen. Damit waren Neuheiten eher rar. Insgesamt stellten sich 21 Firmen mit ihren Produkten vor.

Rheinmetall zeigte unter anderem den kürzlich ausgewählten CARACAL als Luftlandeplattform sowie den Schweren Waffenträger Infanterie, in der australischen Ausführung. Diese beinhaltet den Rheinmetall LANCE-Turm und das GTK BOXER Fahrmodul. Die australische Variante hat im hinteren Kampfraum jedoch noch vier Sitze für Infanteristen, die deutsche Ausführung wird hier keine Sitze und dafür das Munitionsdepot haben.

Weitere Exponate waren:

DIEHL Defence zeigte die Loitering Munition LIBELLE. Hier ist für die Zukunft auch eine High-Power-Electro-Magnetics (HPEM) Variante angedacht. Sie könnte als Drohne militärische Fahrzeuge (Land, Luft, See), Kommandostände, etc. attackieren. Ebenfalls bei DIEHL war der Polaris MRZR-D4 von Diederich Engineering Systems (D.E.S.) mit einer Fernbedienbaren Waffenstation EOS R150 (70 kg Dachlast) und einem MG6 (Dillon Aero M134D) zu sehen. Die Waffenstation kann aber alle schweren Handwaffen der Bundeswehr aufnehmen und verfügt über das 3D EchoGuard-Radar von Echodyne. Damit kann die Waffe als Counter-UAV System genauso wie gegen Erdziele eingesetzt werden. Am Heck trägt das Fahrzeug ein Mehrfachstartgerät für sechs LIBELLEN. Diese werden bedient über ein Tablet vom Kommandantenplatz aus. Die LIBELLE biete 30 Minuten Flugzeit mit bis zu 100 km/h Fluggeschwindigkeit.

LIBELLE
Foto: André Forkert, cpm GmbH

Dynamit Nobel Defence (DND) zeigte die Loiterung Munition SPIKE Fire Fly. Das System ist schnell einsatzbereit, wiegt unter 3 kg und bietet eine Flugzeit von 15 Minuten mit Reichweiten bis 1.000 m.

Rohde & Schwarz zeigte vor Ort erstmals die echten Funkgeräte der SOVERON SDR Familie. SOVERON HR (Handheld) und VR (Vehicle) sind neben den L3 Harris PRG-117F für die Heeresanteile VJTF ausgewählt.

THEON Sensor zeigte vor Ort u.a. die Nachtsichtbrille MIKRON mit den 16 mm-Röhren. Bisher wurden davon knapp 8.000 an die Bundeswehr – hier als Bildverstärkerbrille, querschnittlich – sowie rund 3.000 an Belgien ausgeliefert. Bis Ende 2024 wird die Bundeswehr alle bisher bestellten 25.000 Stück erhalten. Endmontage und Wartung erfolgt in Wetzlar.

Als Effektoren zeigte Hirtenberger vor Ort den 60 mm Kommando-Mörser mit zugehöriger Munition, MBDA den ENFORCER (Leichtes Wirkmittel 1800+) inklusive VR-Trainer und Heckler & Koch die G95A1 und G95KA1. Sie werden das G36 ablösen. Auch wurde die kampfwertgesteigerte MG4 A3 Variante gezeigt. Sie wurde in der Bedienung, Handhabung und Ergonomie dem MG5 angepasst. Diese Anpassung wird im Heer schon lange angedacht und gewünscht, bisher aber nicht ausgeschrieben. Schmidt & Bender hatte als Neuheit das 1.8×24 PMII Digital dabei. Es bietet ein Absehen in der 1. Ebene und ein digitales Display in der 2. Ebene sowie einen parallaxfreien CC-Modus für den Kampf auf nahen Distanzen. Bei Rheinmetall wurde ein Mock-Up der SSW40 (Squad Support Weapon) gezeigt. Dabei handelt es sich um eine selbstladenden 40 mm-Granatwerfer. Das Magazin fasst 5 Patronen. Die Waffe soll die Lücke zwischen der HK69 Granatpistole 40 mm und der Granatmaschinenwaffe (GraMaWa) schließen. Sie wirkt bis auf 900 m und kann MV-Patronen mit jedoch einer größeren Wirkung. Diese bieten auch eine Air-Burst-Fähigkeit und Ziele hinter Deckungen zu bekämpfen. Neben der Bundeswehr hat auch Kanada und die skandinavischen Länder Interesse an so einer Lösung, so Rheinmetall.

CeoTronics zeigte das CT-DECT Case 12 als neuste Generation. Dabei handelt es sich um eine mobile Basisstation, mit der bei umfangreichen Einsatzlagen schnell ein digitales Vollduplex-Kommunikationssystem aufgebaut werden kann. Die weiterentwickelte Version ermöglicht eine verzögerungsfreie und drahtlose Gruppenkommunikation für bis zu 12 Teilnehmer. Das DECT-Funksystem (DECT = Digital Enhanced Cordless Telecommunications) kann zur autarken Nahbereichskommunikation eingesetzt oder an Bordverständigungsanlagen von Fahrzeugen (Intercom) angeschlossen werden. Der robuste, gegen Umwelteinflüsse resistente kleine Koffer verfügt über zwei externe CT-ComLink-Schnittstellen (rot und blau), mit denen die Funktionalität erweitert werden kann. Damit kann zum Beispiel auch direkt ein Headset angeschlossen werden. Das System nutzt die moderne USB-C Schnittstelle für externe digitale Geräte, aber in der Form von gehärteten Steckern. Dank der neuen Software können Kommunikationsgruppen direkt im Koffer gebildet werden. Auch ist nun Hot Swapping (Tausch der Batterien bei Weiterbetrieb) durchgeführt werden. Außerdem wurde das System nach FDNDV (Feststellung der Nichtbeeinträchtigung der Verkehrssicherheit) für die Nutzung im NH90 und CH-53 freigegeben.

MOSKITO TI+
Foto: André Forkert, cpm GmbH

Safran zeigte das MOSKITO TI+. Das MOSKITO TI ist schon länger am Markt und kombiniert neun Funktionen in einem kompakten Gerät mit einem Gewicht von 1,3 kg. Das TI ist digital und bietet neben dem Tag-Kanal auch einen ungekühlten Nachtsichtkanal. Zur Ausstattung gehören GPS, Laser-Pointer, Laserentfernungsmesser, Foto- und Video-Aufnahmemöglichkeit, digitaler Kompass, Winkelmesser, etc. Jetzt kommt mit Mapping eine Software-Erweiterungen hinzu. Das TI kann der unterschiedlichen Sensoren auch gleich die Koordinaten des angelaserten Zieles auswerfen. Doch diese müssen natürlich vor Weitergabe und Waffeneinsatz überprüft werden. Das TI+ zeigt die Zielkoordinate gleich auf einer Karte/Luftbild anzeigen und so kann der Nutzer einen visuellen Abgleich durchführen, z.B. ob es das korrekte Gebäude/Ziel ist. Oder ich kann hinter einer Deckung meine eigene Position ermitteln, und dank Karte ein Ziel in der Nähe über die Karte auswählen und die Koordinaten ermitteln. Ohne mich aus der Deckung wagen zu müssen. Die benötigten Kartendaten (militärische Karten, Satellitenkarten) lassen sich über USB und dank 128 GB-Speicher einfach und schnell aufspielen. 2024 sollen über die Karten weitere Funktionen eingeführt werden, vor Ort wurde ein Entwicklungsmuster gezeigt. Dank eines neuen Akku-/Batteriefaches kann jetzt auch eine längere Laufzeit geboten werden.

Neben der Industrieausstellung zeigten das Seebataillon (mit Minentauchern, Aufklärungskompanie, Bordeinsatzkompanie 1 und Küsteneinsatzkompanie), die Sanitätsstaffel Einsatz, Gebirgsjäger sowie das Kommando Spezialkräfte (KSK) ebenfalls Ihre Ausrüstung statisch und dynamisch. Unter anderem mit einer Boarding-Vorführung des Seebataillons oder dem KSK am Fast-Roping-Turm.

 

André Forkert, cpm GmbH

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