Die Artillerie erfüllt heute weit mehr als nur die klassische Aufgabe der Feuerunterstützung. Moderne Systeme wirken als vernetztes Präzisionsinstrument, mit dem sich gegnerische Kommandozentren, Logistikknoten, Flugabwehrstellungen und Bereitstellungsräume tief hinter der Front bekämpfen lassen. Darüber hinaus können durch das Verbringen temporärer Minensperren ganze Räume für Fahrzeuge unpassierbar gemacht und der Handlungsspielraum des Gegners massiv eingeschränkt werden.

Die sogenannte „Deep-Strike-Capability“ sowie die Fähigkeit, die Bewegungsfreiheit des Gegners durch Sperren einzuschränken, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Streitkräfte müssen heute in der Lage sein, den Gegner nicht nur an der Frontlinie zu binden, sondern seine gesamte operative Tiefe anzugreifen und nachhaltig zu stören. Wer gegnerische Logistik zerstört, Nachschubwege unterbricht und Führungsstrukturen lahmlegt, kann den Verlauf eines Konflikts maßgeblich beeinflussen.
Die Gefechtsfelder des 21. Jahrhunderts zeigen deutlich, dass die Artillerie trotz technologischer Revolutionen nicht an Bedeutung verloren hat – ganz im Gegenteil. Die Raketenartillerie spielt eine Schlüsselrolle. Systeme mit großer Reichweite und hoher Präzision ermöglichen es, Ziele in mehreren hundert Kilometern Entfernung innerhalb kürzester Zeit zu bekämpfen. Raketenartillerie verbindet enorme Feuerkraft mit operativer Reichweite.
Dank ihrer Eigenschaften zwingt sie angreifende Kräfte, ihre Logistik-Hubs und Nachschublinien weit nach hinten zu verlegen. Dies verlangsamt Planung und Durchführung sämtlicher Operationen – selbst grundlegende logistische Abläufe – erheblich. Gleichzeitig wird das schnelle Zusammenziehen gepanzerter Kräfte erschwert, wodurch Verteidigern mehr Zeit bleibt, sich auf entsprechende Vorstöße vorzubereiten.
Bei einer starken gegnerischen Flugabwehr ist Luftüberlegenheit zudem nicht immer gewährleistet. Luftunterstützung bleibt darüber hinaus – wenn auch deutlich weniger als früher – weiterhin witterungsabhängig. Hinzu kommt, dass moderne Gefechtsfelder zunehmend GNSS-gestörten oder vollständig GNSS-denied sind, was Präzision beeinträchtigen und Kosten erhöhen kann. Artillerie hingegen ist weitgehend wetterunabhängig, dauerhaft verfügbar und vergleichsweise kosteneffizient. Gerade die Kombination aus Drohnenaufklärung, digitaler Feuerleitung und weitreichender Raketenartillerie schafft eine neue Qualität der Gefechtsführung. Aus diesem Grund investieren zahlreiche Staaten massiv in den Ausbau ihrer Deep-Strike-Fähigkeiten.
Doch was bedeutet eigentlich „tief hinter den feindlichen Linien“ – und mit welchen Effektoren soll diese Fähigkeit erreicht werden?
Aktuell sprechen wir von Reichweiten zwischen 30 und 150 km als neuem Standard. Gleichzeitig richtet sich der Blick bereits auf Distanzen von über 300 km für die Bekämpfung hochwertiger Ziele.
Die Bundeswehr hat sich nach Evaluierung der Lage für das PULS-System von Elbit Systems entschieden. Gleichzeitig wurde erkannt, wie wichtig eine nationale Produktionskapazität ist. Entsprechend wurde eine inländische Fertigung der Munition als verbindliche Forderung definiert.
Vor diesem Hintergrund unterzeichnete Diehl Defence gemeinsam mit Elbit Systems ein Abkommen zur Fertigung der Rakete EXTRA-S sowie der Training Rocket 122mm für den deutschen und europäischen Markt. Neben der teilweisen Weiterentwicklung – insbesondere im Bereich der Übungsmunition – umfasst dies auch den Aufbau einer inländischen Produktion und Lieferung.
Die EXTRA-S ist eine hochpräzise Rakete mit einer Reichweite von bis zu 150 km, die speziell für Einsätze in Umgebungen mit gestörtem GPS-Signal entwickelt wurde. Sie verfügt über einen 120 kg schweren Gefechtskopf, der wahlweise als Penetrations- oder Fragmentationsgefechtskopf ausgelegt werden kann.
Der Penetrationsgefechtskopf dient dazu, harte Ziele wie Gebäude oder gepanzerte Fahrzeuge zunächst zu durchdringen, bevor die Explosion erfolgt. Dies wird durch hohe Masse, robuste Materialien und eine verzögerte Zündung erreicht. Der Fragmentationsgefechtskopf hingegen ist darauf ausgelegt, bei der Detonation eine große Anzahl von Splittern zu erzeugen, um weiche Ziele und leichte Fahrzeuge auf größerer Fläche wirksam zu bekämpfen.
Bei der Training Rocket 122m wurde eine Deutladung integriert, die eine auch aus großen Entfernungen sichtbare Staubexplosion erzeugt, ohne dabei signifikante Hitze zu entwickeln. Dadurch wird die Brandgefahr im Zielgebiet minimiert. Auch die Reichweite von 5 bis 15 km wurde gezielt an die Übungsplätze des deutschen Kunden angepasst.
Bereits bei der Planung der Produktionslinien wurde zudem Predator Hawk berücksichtigt – eine Rakete mit Einsatzreichweiten von bis zu 300 km.
SkyStriker demonstriert operative Leistungsfähigkeit bei Live-Demonstration
Um das Effektorenbild abzurunden, arbeitet Diehl Defence gemeinsam mit Elbit Systems auch im Bereich der Loitering Munition zusammen. Mit dem SkyStriker soll eine leistungsfähige Lösung für mittlere und große Reichweiten angeboten werden, die sowohl container- und kanistergestützt als auch direkt aus dem EuroPULS verbracht werden kann. Die operative Leistungsfähigkeit des SkyStriker-Systems wurde Mitte September im Rahmen einer umfassenden Live-Demonstration von Diehl Defence und Elbit zielsicher unter Beweis gestellt.

Das SkyStriker-System ist eine elektrisch betriebene Loitering Munition der neuesten Generation, die speziell für taktische Präzisionswirkungen über große Distanzen entwickelt wurde. Mit einer Reichweite von über 200 km und einer Loiter-Zeit von mehr als zwei Stunden deckt das System ein breites Spektrum von Missionsanforderungen ab. Dank des Elektroantriebs zeichnet sich das System zudem durch eine extrem niedrige akustische und thermische Signatur aus, was seine Detektion erschwert.
SkyStriker ist in verschiedenen Staaten bereits ein einsatzerprobtes, zuverlässiges System. Durch die hochauflösende Videoaufklärung sowie die Fähigkeit zur autonomen Verfolgung und dadurch präzisen, effektiven Bekämpfung lassen sich Kollateralschäden minimieren. Durch die hohe operative Flexibilität kann SkyStriker von einer Vielzahl von Plattformen aus gestartet werden – darunter bodengebundene Fahrzeuge, Container, Luftfahrzeuge sowie das für die Bundeswehr, und andere europäischen Nationen, relevante Raketenartilleriesystem EuroPULS. Dies ermöglicht es den Streitkräften die ISR- und Strike-Fähigkeiten zu nutzen.
Im Zentrum der Demonstration stand die Reichweite des Systems sowie die „Hand-Over“-Funktion, die bei einer Entfernung von 80 km erfolgreich durchgeführt wurde. Das System demonstrierte dabei seine Fähigkeit, Ziele autonom zu erkennen, zu verfolgen und mit höchster Präzision zu bekämpfen. Während der Live-Demonstration wurde SkyStriker aus einem Kanister gestartet, um ein Ziel aufzuklären, zu verfolgen und anschließend erfolgreich zu treffen. Auch das Zusammenwirken mit der SkyLark 1 eVTOL Aufklärungsdrohne verlief reibungslos. Dies verdeutlicht die nahtlose Integration in komplexe Intelligence, Surveillance and Reconnaisance (ISR)-Unmanned Aerial Vehicle (UAV)-Netzwerke und die damit verbundenen Möglichkeiten für hochspezialisierte „Seek & Strike“-Missionen.
Die Kooperation zwischen Diehl Defence und Elbit Systems zielt darauf ab, den wachsenden Bedarf an hochmodernen, autonomen Systemen in Deutschland zu decken und im Fall einer Anforderung deutsche Produktionskapazitäten aufzubauen. Während Elbit Systems die strategische Markterschließung vorantreibt, übernimmt Diehl Defence die Fertigung, Montage sowie die Integration und Qualifizierung direkt in Deutschland.

Neue Bedrohungen erfordern mitunter auch bewährte Lösungen. Um der realen Gefahr durch vorstoßende Panzerverbände zu begegnen, rückt auch die SMArt-Munition zur Bekämpfung aufgelaufener Kräfte wieder verstärkt in den Fokus.
Bei der SMArt-Munition geht es derzeit darum, bewährte und funktionierende Systeme miteinander zu kombinieren, um Kunden schnell und kosteneffizient beim Schließen bestehender Fähigkeitslücken beziehungsweise beim Aufbau neuer Fähigkeiten zu unterstützen.
Die Zukunft des Gefechtsfeldes wird somit nicht nur von Informationsüberlegenheit geprägt sein, sondern vor allem von der Fähigkeit, diese Informationen unmittelbar in präzise und weitreichende Feuerkraft umzusetzen. Genau deshalb bleibt die Artillerie – insbesondere die Raketenartillerie – eine der wichtigsten Waffengattungen unserer Zeit.
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