25 Jahre DWT Marineworkshop – Eine Tradition wird fortgeführt

Vom 25.-27.09.2023 konnte zum 25. Mal der DWT-Marineworkshop in Linstow, ca. 70 km südlich von Rostock durchgeführt werden. Inzwischen eine Tradition – fiel der diesjährige Workshop zusammen mit zwei weiteren bedeutsamen Daten:
– 175 Jahre deutsche Marinen
– 75 Jahre Verfassungskonvent
Beide genannten Daten weisen hin auf eine auf der Basis einer Verfassung stehenden und damit der Demokratie zutiefst verbundenen Deutschen Marine. Diese Gedanken prägten den gesamten Verlauf der Tagung.
Mehr als 600 Teilnehmer folgten den Präsentationen und Diskussionen des 25. DWT-Marineworkshops.
Foto: cpm GmbH

Der diesjährige Marineworkshop war aber auch ein Treffen der maritimen Familie, bestehend aus Vertretern des Marinekommandos, der Flotte, dem maritimen Teil des BMVg, der Abteilung See im BAAINBw und der maritimen Industrie. Auch in diesem Jahr war der Workshop wieder eine Leistungsschau industriellen Know-Hows, dargestellt durch Vorträge im Plenum, Poster und einer Ausstellung. Insgesamt 60 Aussteller zeigten Produkte und Lösungen für Marineanwendungen, 650 Anmeldungen zu den Vorträgen und der Veranstaltung zeugten von der Wichtigkeit des Meinungs- und Informationsaustauschs zu maritimen Fragestellungen.

Die Tagung stand unter dem Motto „Gestaltungsansätze einer Marine der Zukunft“ mit dem Untertitel „Hoch die Fahrt und hart das Ruder – gemeinsam für eine einsatzfähige Marine“.

Bereits in seiner Einführung stellte der fachlich Leitende, Herr Gerdemanns von Fa. MTG die Frage: Wie hart darf man eigentlich das Ruder legen; wie hoch darf die Geschwindigkeit sein? Und: wer ist eigentlich mit gemeinsam gemeint? Wer ist der Kapitän und führt damit die Regie, wer ist der Rudergänger, der den Kurs anlegt, wer ist im Maschinenraum? Fragen die gerade in der aktuellen Sicherheitspolitischen Debatte einer Beantwortung bedürfen.

Konzepte zu neuartigem Küstenschutz wurden durch Exponate auf den Ständen (hier Waffenmix für einen neuartigen Küstenschutz auf dem Stand der Diehl Defence) ergänzt.
Foto: cpm GmbH

Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Kaack, ging in seiner Keynote auf wesentliche aktuelle Fragestellungen für die Marine ein. Dabei zeigt der vor genau einem Jahr stattgefundene Angriff auf Nordstream 1 und 2 genau die Defizite auf. Z.B. ist sehr genau bekannt, wie das „Seabed“ unter uns aussieht, wir haben aber keine Kenntnisse über die Ereignisse auf dem „Seabed“ und können es auch nicht effektiv schützen. Mit der konzeptionellen Grundvorstellung Marine 2035+ wurden zu Beginn dieses Jahres die Rahmenbedingungen für die Marine aufgestellt und veröffentlicht. Ziel ist dabei, Schiffe verfügbar zu haben, die in See stechen können, eine einsatzbereite Marine also. Dies zeigt aus Sicht der Marine folgende Schwerpunkte auf:

  • Ertüchtigung der Bestandsflotte (Auffüllen der Munitionsvorräte, Erhöhen der Einsatzbereitschaft, Auffüllen und Ergänzen der ET/AT-Vorräte und Führungsfähigkeit)
  • Haupteinsatzgebiet ist die Nordostflanke der NATO
  • Notwendigkeit der Fähigkeit zur mehrdimensionalen Seekriegführung
  • Forderung der Fähigkeit zum Unmanned Betrieb – dies ist kein Selbstzweck, sondern die zwangsläufige Folge aus dem demographischen Wandel in unserer Gesellschaft, die zu Personaleinsparungen im Betrieb wo immer möglich zwingt.
  • Für die Ausrüstung ist der Faktor Zeit die bestimmende Größe. Dabei geht Schnelligkeit vor Perfektion,
  • Dies alles ist nur erreichbar durch einen möglichst frühzeitigen und fachlich orientierten Informationsaustausch zwischen Marine, öAG und Industrie. Dabei geht es darum zu wissen, was technisch möglich ist, andererseits aber auch mitzuteilen, was operationell erforderlich ist. – Verlässlichkeit ist Basis für Vertrauen
  • Verlässlichkeit einerseits, dass Material zeit- und fähigkeitsgerecht durch die Industrie geliefert wird, Verlässlichkeit andererseits aber auch so, dass eine industrielle Planbarkeit erfolgen kann.

Inspekteur Marine schlug dazu die gemeinsame Entwicklung einer nationalen Marineschiffbaustrategie vor, die die zukünftige Forderungslage an Schiffe einerseits abbildet (werden wir weiterhin „Hotelstandard“ bei der Unterbringung an Bord wollen, wie sieht eine Intensivnutzung über den Zeitraum von 30 Jahren aus oder müssen wir uns nicht an Innovationsprinzipien annähern und Schiffe frühzeitiger ersetzen), andererseits aber auch aufzeigt mit welchen Ressourcen Marineschiffbau zukünftig erfolgen soll.

Abteilungsleiter Ausrüstung im BMVg, Vizeadmiral Stawitzki ging darauf ein unter welchen Rahmenbedingungen Marinerüstung aktuell erfolgt. Dabei spielt auch aus seiner Sicht der Faktor Zeit die bestimmende Rolle. Alles andere tritt in den Hintergrund. Allerdings muss – so Stawitzki – dabei beachtet werden, dass die verfügbaren Kräfte sowohl auf Seiten des öAG, als auch auf Seiten der Industrie limitiert sind. Zudem geht es aus seiner Sicht nicht nur um den Vertragsschluss bei der Beschaffung, sondern darum, dass das bestellte Material sowohl zeit- als auch forderungsgerecht abgeliefert wird. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Vertrags- und Projektmanagement sowohl auf Amts- als auch auf Industrieseite und die gegenseitige Zusammenarbeit. Ein gutes Beispiel hierfür sei das Programm F126, bei dem ein gemeinsames Projektmanagement am Ort der Werft eingerichtet sei. Kritikern widersprechend ging er auf die Erfolge gerade der letzten zwei Jahre ein und damit darauf, was noch in der letzten Legislaturperiode für die Marine erreicht werden konnte. Flottendienstboote Kl 404, Betriebsstoffversorger Kl 707, 2. Los Korvette K130 sind nur wenige Beispiele für Programme, die die Fähigkeiten der Marine deutlich verbessern würden. Wichtig sind für ihn auch die Bestandseinheiten. Sie sind das Rückgrat der Marine. Hier geht es für ihn um das Sicherstellen der Einsatzfähigkeit, d.h. die Beseitigung vorhandener Obsoleszenzen. Mit Blick auf die Zukunft stellte er die Aktivitäten zum Einsatz von Lasern auf Fregatten, F&T-Aktivitäten zu manned/unmanned MCM und weiteres vor.

Ein Mock-up der neuen Eurodrohne war einer der Publikumsmagnete auf der begleitenden Ausstellung des DWT-Marineworkshops.
Foto: cpm GmbH

Oliver Burkhard, CEO der tkMS, stellte eingangs seiner Keynote fest, dass die Zeitenwende zunächst zu „einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Industrie, Politik und Amtsseite geführt“ habe. Im Weiteren ging er darauf ein, dass insbesondere die Ressourcenfrage (Personal) für die Industrie in Zukunft bestimmend sei. Es kommt, so stellte er fest, der Zeitpunkt, an dem die offenen Stellen nicht mehr besetzt werden könnten, hier sei eine nationale Strategie erforderlich. Als eine Möglichkeit zur Abhilfe stellte er Gedanken zu einer zukünftigen Neujustierung der Marineschiffbaulandschaft vor. Dabei komme es aus seiner Sicht auf eine geregelte und koordinierte Zusammenarbeit zwischen den maritimen Firmen (sowohl Groß- als auch mittelständisch) an, er wolle kein Heer von Juristen, die sich gegenseitig vor die Vergabekammern ziehen, sondern eine gemeinsame Vorgehensweise zum Wohle der Deutschen Marine. Dabei komme es darauf an, nicht „klein – klein“ vorzugehen, sondern eine konzertierte Aktion zu starten.

In einem weiteren Beitrag stellte der Amtschef des Planungsamts der Bw, Generalmajor Gäbelein, die Entwicklungsperspektiven unter dem Gesichtspunkt der verfügbaren Haushaltsmittel vor. Nimmt man den aktuellen Haushalt und den mittelfristigen Finanzplan, dann wird der Einzelplan 14 spätestens im Jahr 2027 durch den Betrieb „aufgefressen“ werden. Somit seien die finanziellen Rahmenbedingungen der einschränkende Faktor bei den Entwicklungsperspektiven. Das aktuelle Fähigkeitsprofil 2023 (noch nicht gebilligt) orientiert sich einerseits an den Zusagen Deutschlands an die NATO (NDPP), andererseits an der nationalen Ambition. Diese wird/wurde erarbeitet in Form vonDie Zielbilder der Inspekteure (Marine 2035+ für die Marine) stellen diese „National Amibition“ dar. Die Auswertung zeigt, dass nicht alles gleichzeitig gehen könne, sondern ein OrgBereich-übergreifendes strukturiertes Vorgehen erforderlich sei. Dies geschehe unter der FF des Generalinspekteurs. Die kurz- und mittelfristige Verfügbarkeit von HH-Mitteln zwinge aber auch zu kleinen Schritten. Hierzu müssten innovative Ideen frühzeitig in den Haushalt eingebracht werden (noch bevor die Arbeiten in der Forschungs- und Technologiephase abgeschlossen seien), was einen Dialog mit den beteiligten Stellen aus Forschung, Planung und Industrie erfordere. Wichtig sei es auch den Weg eines „spiral development“ zukünftig mehr zu beschreiten. Dazu sei ein strukturiertes architekturbasiertes Vorgehen nötig, bei dem zunächst auf Basis marktverfügbarer Komponenten eine Grundbefähigung erreicht werde und die Vollbefähigung entweder durch Erhöhung der Stückzahl oder Verbesserung der Fähigkeiten nach einer Entwicklungszeit erreichbar sei.

Vorträge zur Eurodrohne, zur Northern Schipbuilding Cooperation und zur Rolle des Unterwasserlagebildes ergänzten den ersten Tag und gaben Einblicke in aktuelle Fragestellungen und Projekte der Marine.

Wie in den letzten Jahren erfolgreich praktiziert, wurde auch in diesem Jahr der erste Tagungstag durch eine Postersession mit insgesamt 16 Postern zu aktuellen technologischen Fragestellungen abgeschlossen. In der Bewertung kann festgestellt werden, dass gerade durch die Poster ein tiefer Einblick in Fachliche Themen gegeben werden konnte, was die eher politischeren Themen des Plenums in geeigneter Weise ergänzte.

Beispiel eines Vierfachwerfers mit Spike Raketen auf dem Stand der Diehl Defence.
Foto: cpm GmbH

Klimatische Veränderungen auch im maritimen Umfelds werden zukünftig unser Denken und Handeln stärker bestimmen. „Die Arktis im Wandel: ein neuer Wirtschafts- und Operationsraum?!“ – mit diesem Thema wurde auf geänderte Chancen und Möglichkeiten einerseits als auch mögliche Bedrohungsänderungen andererseits hingewiesen. Neue Verkehrsrouten (ohne die Einschränkungen des Panama- und Suez-Kanals), Rohstoffressourcen, aber auch neue Bedrohungen zeigen die Auswirkungen des Klimawandels gerade in den Polarregionen auf. Dies betrifft auch deutsche Interessen. Deutschland als außenhandelsorientiertes, aber auch außenhandelsabhängiges Land ist maßgeblich beeinflusst durch die sich erschließenden Möglichkeiten und Bedrohungen. Insbesondere auch die chinesischen Interessen (obwohl kein Arktis-Anrainer-Staat) mit der Polar-Silk-Road könnten für Deutschland und das NATO-Bündnis wichtig werden.

Zukunftsweisender Küstenschutz, Der Weg der Fregatte 125 in den Einsatz, sowie notwendige Arbeiten zum Fähigkeitserhalt der Tender der Klasse 404 die auch nach 30 Dienstjahren fit gemacht werden müssen für die Resteinsatzdauer von etwa 10 Jahren und die Luftgestützte Seefernaufklärung mit SeaGuardian der Firma General Atomics rundeten die Inhalte des 25. Marineworkshops ab.

Abgeschlossen wurde der Workshop wie auch im vergangenen Jahr durch eine Paneldiskussion in diesem Jahr mit dem Thema „Gemeinsam für eine einsatzbereite Marine – (Wie) kann eine agile Produktentwicklung, Beschaffung und Instandhaltung im Dreieck aus Marine, öAG und Industrie gelingen?“. Zunächst stellte der Abteilungsleiter See im Detail dar, wie mit Produktentwicklungszentren in der Kooperation der WTD`n, der Marine und der Industrie Lösungen zu technologischen Fragestellungen erarbeitet werden können, wie agil Beschaffung schon heute laufen kann und wie mit dem Kauf der Warnowwerft und der Einstellung von ca. 450 Mitarbeitern auch in der Instandhaltung von Marineeinheiten Agilität erreicht werden kann. Prof Mantwill von der Universität der Bundeswehr Hamburg stellte dar, wie man eine Welt, die durch Vulnerabilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt ist durch Einsatz von IT-Prozesstechnik beherrschbar machen kann. Nichts anderes sei die Beschaffungswelt, sodass es darauf ankomme diese Verfahren auch dort anzuwenden. Markus Rothmaier von Fa. Hensoldt zeigte seinerseits auf, dass (inter-)nationale Industriekooperation eine besondere Bedeutung für die erfolgreiche und schnelle Beschaffung haben kann. Er wies auf die Bedeutung des EDF sowie die Rolle der Industriekooperation bei der Marktverfügbarkeit (wenn etwas nicht in DEU vorhanden ist, aber im Ausland, welche Rolle kann die nationale Industrie im Rahmen einer Kooperation spielen) hin. Kooperation kann aus seiner Sicht noch weiter gehen und in einem „Systemunterstützungszentrum (SUZ)“ enden, in dem Vertreter der Industrie, des Nutzers und des Amtes im Betrieb zusammenarbeiten. Hiermit würde das bereits im Verantwortungsbereich der Luftwaffe genutzte Modell auf die Marine übertragen. Martin Conrads von Bird&Bird wies darauf hin, dass der Rechtsrahmen der Beschaffung in den letzten Jahren viele Modifikationen erfahren habe. Weitere Entwicklungen des Rechtsrahmens stehen bevor. Hier komme es darauf an, dass das BMVg seine Anforderungen in die Entwürfe des Wirtschaftsministeriums einbringen könne. Für ihn käme es aber vor allem darauf an, den Vergabeprozess viel früher zu starten als aktuell durchgeführt und bereits in der Konzeption zu beginnen, um in weiteren Schritten die Lösungen immer weiter zu verschlanken. Markterkundung, Qualitätsbewertung auf Grund der Fähigkeitserfüllung von Lösungsvorschlägen, Marktorientierung statt Fähigkeitsorientierung sowie die möglichst frühzeitige Einbindung von fachlicher externer Expertise sind für ihn die Faktoren, eine weitere Beschleunigung der Beschaffung ermöglichten.

Ausgiebige Diskussionen, kontroverse Sichten und alles in allem informative Themen prägten die zwei Tage des Marineworkshops.

Rückblickend kann man wie folgt zusammenfassen: Eine äußerst wertvolle, durch viele Kontaktmöglichkeiten und teilweise kontroversen Informationsaustausch geprägte Veranstaltung.

 

Autor: Rainer Krug, Chefredakteur cpmFORUM

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