12 Milliarden Euro für Deutschlands Tiefschlagfähigkeit

Berlin will möglichst schnell eine der größten Lücken der Bundeswehr schließen: die Fähigkeit, Ziele weit hinter der Front zu treffen. Ein Blick in interne Planungsunterlagen zur deutschen Tiefschlagfähigkeit zeigt nach einem Medienbericht, wie ambitioniert – und wie teuer – dieses Vorhaben ausfällt. Grundlage bieten drei Teilpläne.

Eine Werfereinheit des Typhon-Systems  von Lockheed Martin verschießt einen SM6-Flugkörper. Auch die für Deutschlands Tiefschlagfähigkeit vorgesehene Tomahawk-Marschflugkörper können aus dem Senkrecht-Startsystem abgefeuert werden.
Eine Werfereinheit des Typhon-Systems von Lockheed Martin verschießt einen SM6-Flugkörper. Auch die für Deutschlands Tiefschlagfähigkeit vorgesehene Tomahawk-Marschflugkörper können aus dem Senkrecht-Startsystem abgefeuert werden.
Foto: US Army / Sgt. Perla Alfaro

Wenn es um die Fähigkeit geht, Ziele auch tief im Hinterland des Gegners zu treffen, so verfügt die Bundeswehr bisher lediglich über den Taurus. Der ist zwar extrem präzise und zudem bunkerbrechend – doch mit einer Reichweite von rund 500 Kilometern am unteren Rand der Kategorie „Tiefschlagfähigkeit“ zu verorten. Das soll sich ändern.

Das Onlinemedium „Politico“ hat nach eigenen Angaben Zugang zu internen Unterlagen des deutschen Verteidigungsministeriums erhalten und berichtet wie Deutschland seine Tiefschlagfähigkeit – also die Fähigkeit, gegnerische Ziele weit hinter der Front zu bekämpfen – aufbauen will.

Demnach beabsichtige Berlin in einem dreiteiligen Plan geschätzte zwölf Milliarden Euro zu investieren. Konkret ist noch nichts, schreibt auch Politico, doch man will interessante Details herausgefunden haben. So zeigen die Dokumente drei große Stoßrichtungen der Bundeswehr, die parallel verfolgt werden sollen: eine schnelle, kostengünstige Zwischenlösung, eine Überbrückung mit US-Technologie und ambitionierte Langfristprojekte gemeinsam mit Großbritannien.

Plan 1: Schnelle Beschaffung kostengünstiger Systeme

Die am schnellsten umsetzbare Säule des Programms zielt auf eine neue Klasse günstiger, in großer Stückzahl produzierbarer Marschflugkörper ab, die bereits ab 2027 zur Verfügung stehen sollen.

Der Ansatz orientiert sich unmittelbar an den Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine: Statt weniger teurer Präzisionswaffen sollen große Mengen günstigerer Systeme beschafft werden, die gegnerische Luftverteidigung durch schiere Masse überfordern können. Laut Politico unterliegen gleich drei Systeme in der ministeriumsinternen Betrachtung – die sich jedoch in Größe und Reichweite teils stark voneinander unterscheiden.

Anthem von Covenant Industries

Anthem ist das Flaggschiffprojekt des erst 2024 gegründeten Rüstungs-Start-ups Covenant Industries, einer amerikanischen Firma mit israelischer Tochtergesellschaft, die unter anderem von Investoren wie Peter Thiels Founders Fund unterstützt wird.

Test in Marokko: Marschflugkörper Anthem von Covenant Industries
Test in Marokko: Marschflugkörper Anthem von Covenant Industries.
Foto: U.S. Army / Capt. Jordan Beagle

Belastbare technische Kenndaten wie Reichweite, Gewicht oder Länge hat der Hersteller bislang nicht veröffentlicht – das Unternehmen arbeitete zunächst aus dem Verborgenen und hat bis heute keine offizielle Website. Bekannt sind jedoch die Kosten: Ein Anthem-Flugkörper soll im Bereich weniger hunderttausend US-Dollar liegen und damit deutlich günstiger sein als ein Tomahawk, dessen Stückpreis je nach Version bei rund zwei Millionen US-Dollar liegt.

Ein erster Live-Test fand am Anfang des Monats in der marokkanischen Wüste statt. Dabei wurden unter anderem Kommunikationssysteme, Startmechanismen und die Flugsteuerung erprobt.

Berichten zufolge hatte das deutsche Verteidigungsministerium für seine Tiefschlagfähigkeit zuvor bereits Angebotsanfragen an Covenant gerichtet. Das Unternehmen plane zudem, Lieferketten und Fertigungslinien in Europa aufzubauen.

BARS von unbekanntem Ukraine-Hersteller

BARS ist eine strahlgetriebene ukrainische Angriffsdrohne beziehungsweise ein Mini-Marschflugkörper mit rund zwei Metern Spannweite, Doppeldeck-Leitwerk und einem Miniatur-Turbojet-Triebwerk über dem Rumpfheck. Gestartet wird das System vom Boden per Startrampe mit einem Feststoff-Booster.

Je nach Variante liegt das Startgewicht zwischen 135 und 220 Kilogramm, die vorgestellte Bars-RS-Variante trägt bei 135 Kilogramm Startgewicht einen 22-Kilogramm-Gefechtskopf und einen 95-Liter-Treibstofftank; für andere Varianten werden auch Sprengkopfmassen von 60 beziehungsweise 105 Kilogramm genannt. Die Reichweite wird meist mit 700 bis 800 Kilometern angegeben, in manchen Berichten auch mit bis zu 1.000 Kilometern.

Der Hersteller wird bis heute nicht öffentlich genannt. Das System für die Tiefschlagfähigkeit wurde bereits mehrfach für Angriffe tief in russisches Gebiet eingesetzt, unter anderem im Mai und Juni 2026 auf Moskau.

Deutschland finanziert die Produktion bereits und hat im Juli 2026 am Rande des NATO-Gipfels in Ankara eine Vereinbarung zur gemeinsamen Fertigung unterzeichnet. In der ersten Phase sollen alle produzierten Systeme an die ukrainischen Streitkräfte gehen, mittelfristig ist aber eine Fertigung auch für die Bundeswehr im Gespräch.

Flamingo von Fire Point

Die FP-5 Flamingo des ukrainischen Unternehmens Fire Point ist mit rund sechs Tonnen Startgewicht, zwölf bis 14 Metern Länge und sechs Metern Spannweite mit Abstand die schwerste und größte ukrainische Langstreckenwaffe.

Angetrieben wird sie von einem AI-25TL-Turbofan-Triebwerk, gestartet über einen Feststoff-Booster; die Reisegeschwindigkeit liegt bei 700 bis 900 Stundenkilometern, die Höchstgeschwindigkeit bei rund 950 Stundenkilometern, die Flughöhe liegt laut Hersteller bei bis zu 10.000 Metern.

Eine Legende aus der Ukraine: Der Flamingo von Fire Point auf der Eurosatory 2026
Eine Legende aus der Ukraine: Der Flamingo von Fire Point auf der Eurosatory 2026
Foto: Navid Linnemann

Zur Navigation nutzt sie GPS-gestützte Trägheitsnavigation, auf aufwendigere Zielsuchsysteme wird zugunsten niedriger Kosten und einfacher Fertigung verzichtet. Herstellerangaben zufolge liegt die maximale Reichweite bei bis zu 3.000 Kilometern – bei tatsächlichen Einsätzen gegen russische Ziele lag die geflogene Distanz bislang meist eher im Bereich von 1.000 bis 1.500 Kilometern. Der Gefechtskopf bringt rund 1.150 Kilogramm auf die Waage.

Das System wurde bereits im Kampfeinsatz gegen russische Industrieziele eingesetzt, unter anderem gegen eine Sojus-Raketenfabrik. Mit Fire Point sollen laut den Politico vorliegenden Unterlagen bereits Vertragsgespräche laufen, parallel werden Rahmenverträge für eine spätere Serienproduktion vorbereitet.

Tiefschlagfähigkeit – Auswahlkriterien unklar

Bemerkenswert ist, dass keine deutschen Anbieter im Politico-Beitrag genannt werden. Dabei gäbe es sie: So will beispielsweise das Joint Venture Rheinmetall Destinus Strike Systems laut einer Rheinmetall-Meldung bereits in diesem Jahr die Lieferbereitschaft der beiden Marschflugkörper Kryla und Ruta Blok 3 mit Reichweiten von 800 bzw. 2.000 Kilometern herstellen. Konträr dazu heißt es allerdings von Destinus, man beginne bei Ruta Blok 3 erst 2027 mit Testflügen.

Das Joint Venture zwischen Rheinmetall und Destinus wurde erst im April gegründet – doch es soll schnell gehen mit den Marschflugkörpern. Hier im Bild: Ruta Blok 2 auf der Eurosatory 2026 in Paris.
Das Joint Venture zwischen Rheinmetall und Destinus wurde erst im April gegründet – doch es soll schnell gehen mit den Marschflugkörpern. Hier im Bild: Ruta Blok 2 auf der Eurosatory 2026 in Paris.
Foto: Mark Cazalet

Auch andere vergleichbare Systeme wie der Crossbow von MBDA fehlen in der Politico-Liste. Grund dafür könnten höhere Preise sein, sodass sich die Bundeswehr für ihren ersten Plan tatsächlich nur für Masse und einen günstigen Stückpreis interessiert.

Plan 2: Tomahawk als Brückenlösung

Die zweite Säule deutscher Tiefschlagfähigkeit setzt auf bereits erprobte US-Technologie, um die Fähigkeitslücke schneller zu schließen, als es mit neu entwickelten europäischen Systemen möglich wäre. Möglich machen soll das vermutlich RGM/UGM-109M Tomahawk Block Vb von US-Hersteller RTX.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Juli 2026 im Bundestag erklärt, Deutschland habe beim NATO-Gipfel in Ankara mit Washington eine Vereinbarung über die Beschaffung und Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern getroffen. Zwischenzeitlich war dieses bereits 2024 initiierte Vorhaben infrage gestellt worden, da die USA infolge ihres Angriffs auf den Iran mit erheblichen Munitionsmängeln zu kämpfen haben.

Die Systemkomponenten des bodengestützten Raketenstgartsystems „Typhon“.
Die Systemkomponenten des bodengestützten Raketenstgartsystems „Typhon“.
Grafik: U.S. Army

Gestartet werden sollen die Tomahawks über das bodengestützte US-System Typhon. Drei davon soll Deutschland beschaffen; inklusive 400 Tomahawks für insgesamt 1,35 Milliarden Euro. 1,15 Milliarden davon bezahlen die Marschflugkörper selbst, was einen Stückpreis von rund 2,85 Millionen Euro ergibt. Dieser ist teurer als bei einem Verkauf an die US-Navy. Die erste Feuereinheit soll 2029 einsatzbereit sein.

Plan 3: Deutsch-britische Langfristprojekte

Die dritte und finanziell größte Säule deutscher Tiefschlagfähigkeiten entsteht im Rahmen der deutsch-britischen Verteidigungskooperation unter dem sogenannten Trinity-House-Abkommen. Geplant sind ein neuer, hochleistungsfähiger Marschflugkörper mit Einsatzfähigkeit um das Jahr 2032 sowie eine gemeinsam entwickelte Hyperschall-Gleitwaffe, die Mitte der 2030er-Jahre einsatzbereit sein soll.

Beide Systeme sollen Ziele in einer Entfernung von mehr als 2.000 Kilometern erreichen können. Für Entwicklung und Beschaffung dieser Systeme veranschlagt das Ministerium laut Politico rund neun Milliarden Euro, hinzu kommen weitere 182 Millionen Euro für den späteren Betrieb – der mit Abstand größte Einzelposten des gesamten Programms.

Offene Fragen der deutschen Deep-Strike-Fähigkeiten

So ambitioniert der Plan zur Erlangung deutscher Tiefschlagfähigkeit klingt, so viele Fragen bleiben offen: Das Geld ist bislang nicht bewilligt, der parlamentarische Prozess steht noch aus. Zwölf Milliarden Euro sind derzeit eine Planungsgröße, keine beschlossene Summe. Welches der drei Kandidatensysteme in Plan 1 wird den Zuschlag erhalten oder werden es mehrere? Was ist mit deutschen Systemen und lässt sich der ambitionierte Zeitplan von ersten Beschaffungen im kommenden Jahr überhaupt einhalten?

Beim Tomahawk-Programm stellt sich die Frage, wie belastbar die Vereinbarung mit Washington angesichts knapper US-Bestände und eines wankelmütigen Präsidenten tatsächlich ist. Auch bei den deutsch-britischen Langfristprojekten für Tiefschlagfähigkeit ist mehr als fraglich, ob Entwicklungszeiten von sechs bis neun Jahren angesichts der aktuellen Bedrohungslage nicht etwas zu großzügig ausgelegt sind.

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