Defizite in der Logistik zur Landes- und Bündnisverteidigung

Die Landes- und Bündnisverteidigung bedeutet lange Verlege- und Versorgungswege, nicht nur für das deutsche Heer. So erprobte die Luftwaffe etwa bei der Übung Pitch Black die Verlegung von sechs Eurofightern nach Australien, die Deutsche Marine entsendet Schiffe in den Indopazifik und die Luftverteidigung wäre im Ernstfall überall gefragt. Doch für die Unterstützung der Einheiten fern der Heimat braucht es geschultes Personal sowie eine ausreichende Anzahl an Verlegemitteln, um nur zwei Beispiele zu nennen. cpm Defence Network sprach mit dem Inspekteur der Streitkräftebasis (SKB), Generalleutnant Martin Schelleis, über die aktuelle Lage in der Bundeswehr. Das Interview führte Dorothee Frank.
Nur durch intelligente Poollösungen kann die Bundeswehr effizient logistisch unterstützt werden, betont Generalleutnant Martin Schelleis.
Nur durch intelligente Poollösungen kann die Bundeswehr effizient logistisch unterstützt werden, betont Generalleutnant Martin Schelleis.
Foto: Bundeswehr/In der Au

cpm: Es gab Überlegungen, beispielsweise die Logistik den einzelnen Teilstreitkräften zuzuordnen. Sie sagten beim DWT-Forum: Das geht nicht. Könnten Sie dies bitte erläutern?

Generalleutnant Schelleis: Ich kann den Wunsch nach tiefer Integration durchaus verstehen. Ich würde es begrüßen, wenn alle notwendigen Fähigkeiten in ausreichender Zahl bereits im Grundbetrieb integriert wären, aber dies ist derzeit nicht darstellbar. Wir haben von wichtigen, sogenannten enabling Fähigkeiten einfach zu wenig. Nehmen wir den Bereich der Transportfähigkeiten, z.B. den Straßentransport und die Ausstattung mit Straßentankwagen: diese braucht nicht nur das Heer, sondern auch die Luftwaffe, der Sanitätsdienst und sogar der Organisationsbereich CIR. Fast alle müssen über Land verlegen, dies kann mit unseren engen Ressourcen nur dimensionsübergreifend organisiert werden. Wir müssen also intelligente Poollösungen implementieren.

Würden die Fähigkeiten der Streitkräftebasis in diesem Zustand einer einzigen Dimension zugeordnet, also etwa dem Heer, selbst dann würden es nicht ausreichen, die Bedarfe der Landstreitkräfte vollständig zu decken. Aber selbst wenn sich diese eine Dimension über die Zeit saturieren könnte, dann hätten die anderen Dimensionen gar nichts. Die Logistiker der Heeresverbände könnten ihrem Inspekteur gegenüber allerdings im Ernstfall schlecht kommunizieren, dass sie statt der eigenen Einheiten welche von der Luftwaffe unterstützen. Deshalb muss eine übergeordnete Stelle eine intelligente Poollösung für alle militärischen Organisationsbereiche anbieten, damit unsere Streitkräfte im Ernstfall kriegstüchtig funktionieren.

 

cpm: Könnten die Fähigkeiten nicht einfach in allen Teilstreitkräften und militärischen Organisationsbereichen jeweils eigenständig aufgebaut und betrieben werden?

Generalleutnant Schelleis: Ja, natürlich ginge das in der Theorie. Aber wie lange dauert so etwas? Aktuell stellen wir allen Teilstreitkräften essentielle Unterstützungsfähigkeiten zur Verfügung, halten die Systeme und das Personal bereit. Und aktuell haben wir viel zu wenig von allem. Dies ist zum einen der früheren Ausrichtung auf den Einsatz mit seinen Kontingenten geschuldet, zum anderen aber auch erklärbar mit den engen personellen Ressourcen.

Wir kämpfen seit der Zeitenwende um die Bereitstellung der notwendigen Systeme und Dienstposten. Warum sollte dies, wenn diese Aufgaben jetzt z.B. an die Luftwaffe und die Marine und alle anderen gingen, warum sollte der Ausbau dann schneller gehen? Die Realität wird vielmehr sein, die Organisationsbereiche haben dann gar nichts – und zwar auf absehbare Zeit. Da wird sich nichts bewegen, weil diese Teilstreitkräfte ganz andere Sorgen haben. Der Inspekteur der Luftwaffe sagt richtigerweise: Was passiert, wenn Russland Finnland angreifen würde? Dann wäre das Heer nicht der First Responder, sondern die Luftwaffe. Also muss die Luftwaffe, müssen die Streitkräfte insgesamt und gemeinsam, mit diesen ohnehin schon zu schmal vorhandenen Ressourcen unterstützt werden. Das ist das entscheidende Argument: Die Streitkräfte gemeinsam denken, nicht eine einzelne Dimension.

 

cpm: Wie groß ist der Bedarf bzw. der Mangel in der Streitkräftebasis?

Generalleutnant Schelleis: Was wir aktuell besitzen und was wir jetzt angefordert haben – das im Grunde auch längst gebilligt, aber noch nicht präzise zugewiesen ist – reicht gerade aus, um aus dem gesamten streitkräftegemeinsamen Bedarfspaket die erste Division zu unterstützen. Da reden wir noch nicht von den 200 Flugzeugen, von den 40 Schiffen, von den Spezialkräften usw., deren Bedarfe noch obendrauf kommen.

Wenn aber politisch und militärisch eine zweite oder dritte Division gewünscht, oder der NATO zur Verfügung gemeldet wird, dann muss die Bundeswehr diese Divisionen auch unterstützen können. Das ist normalerweise die Aufgabe der Streitkräftebasis und da sind wir absolut unteralimentiert.

Diese Situation wird nicht dadurch besser, wenn wir jetzt anfangen, den vorhandenen Pool auch noch zu zersplittern. Darunter kann nur die Effektivität leiden. Wir brauchen eine zentrale Unterstützung und Logistik. Hier hat sich die Streitkräftebasis bewährt und wird sich auch in Zukunft bewähren. Man muss ihr allerdings auch die Chance dazu geben, indem sie auskömmlich mit Material und Personal ausgestattet wird. Aber unter dem Mangel leiden aktuell alle militärischen Organisationsbereiche.

Am 20. und 21. März 2024 findet in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz die LOG.NET 2024 – die größte deutsche Kommunikationsplattform zur Militärlogistik – statt. Weitere Informationen und eine Anmeldemöglichkeit gibt es hier.

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BundeswehrLogistikLV/BVSchelleisSKBStreitkräftebasis

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