Forschung

Leistungsfähig, wenn es darauf ankommt

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Wer Bewerber auf Auswahlverfahren für spezialisierte Verwendungen vorbereitet, erkennt ein wiederkehrendes Muster: Je näher der Termin rückt, desto größer wird der Wunsch, Training härter, komplexer und möglichst prüfungsnah zu gestalten. Das ist nachvollziehbar. Das Auswahlverfahren ist ein konkretes Ziel, der Bewerber will wissen, was ihn erwartet, und der Trainer will die Leistung überprüfbar machen.

Soldaten des KSK seilen sich am Militärhistorischen Museum in Dresden bei einer Vorführung an einem Gebäude ab
Die Ausbildung und das Auswahlverfahren für Spezialkräfte ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Foto: Bundeswehr/Christian Thiel

Aus der Praxis ergibt sich daraus aber schnell eine falsche Gleichung: Je erschöpfender und je ähnlicher eine Einheit im Vergleich zu dem vermuteten Test, desto besser ist die Vorbereitung. Genau hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung. Körperliche Leistungsfähigkeit bleibt eine unverzichtbare Voraussetzung. Eine professionelle Vorbereitung muss jedoch mehr leisten, als Fitness zu maximieren oder bekannte Testformate stumpf zu wiederholen. Sie muss relevante Fähigkeiten systematisch entwickeln und sie zunehmend auch dann verfügbar machen, wenn Ermüdung, Zeitdruck, hohe Informationsdichte oder andere zusätzliche Anforderungen hinzukommen.

Dabei ist eine Grenze von Anfang an wichtig: Ein besserer Testwert ist nicht automatisch eine besser entwickelte Fähigkeit. Eine besser entwickelte Fähigkeit ist nicht automatisch eine bessere Leistung im Auswahlverfahren. Und eine bessere Leistung im Auswahlverfahren ist noch kein Nachweis besserer späterer beruflicher Leistung innerhalb der zukünftigen Verwendung. Zwischen diesen Ebenen können Zusammenhänge bestehen. Sie dürfen aber nicht einfach vorausgesetzt werden. Genau diese Trennung ist für die Arbeit als Trainer entscheidend. Ein Blick auf die aktuelle Forschung kann hier richtungsweisende Erkenntnisse bringen, ist aber nicht in allen Belangen direkt belastbar: Körperliche Tätigkeitsanforderungen sind vergleichsweise gut beschrieben, kognitive und wahrnehmungsbezogene Anforderungen deutlich weniger untersucht; direkte Evidenz für den Transfer auf Auswahlleistung oder spätere Einsatzleistung ist dagegen selten. Eine professionelle Vorbereitung muss also in der Praxis mit diesen Unterschieden arbeiten, statt sie einfach mit allgemeinen Begriffen wie „Belastbarkeit“ oder „Härte“ zu überspielen.

Die Prüfung ist nicht die Anforderung

Öffentlich zugängliche Anforderungsprofile deutscher Polizeibehörden für Verwendungen in spezialisierten Einheiten zeigen bereits, warum eine rein körperliche Betrachtung zu kurz greift. Bei spezialisierten Verwendungen werden neben körperlicher Leistungsfähigkeit und psychischer Belastbarkeit je nach Aufgabe unter anderem Wahrnehmung, Auffassungsgabe, Entscheidungsfähigkeit, Konzentration, Teamfähigkeit, technisches Verständnis, Orientierung oder situationsgerechtes Handeln genannt.

Daraus lässt sich allerdings kein einheitliches Profil einer vermeintlichen „Spezialkraft“ ableiten. SEK, MEK der einzelnen Bundesländer beziehungsweise des BKA, GSG 9 oder BFE/BFE+ erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Entsprechend unterscheiden sich auch die öffentlich beschriebenen Tätigkeits- und Anforderungsprofile. Wer diese Unterschiede verwischt, verliert genau das, was für eine gute Vorbereitung zuerst geklärt werden muss: die konkrete Zielanforderung.

Für die körperliche Seite ist dieser aufgabenbezogene Ansatz vergleichsweise gut untersucht. Job- und Task-Analysen sowie Studien zu berufsspezifischen Aufgaben zeigen, dass physische Anforderungen nicht durch einen einzelnen Fitnesswert beschrieben werden können. Je nach Aufgabe stehen aerobe und anaerobe Leistungsfähigkeit, absolute und relative Kraft, Explosivkraft, Agilität beziehungsweise Richtungswechselgeschwindigkeit oder Leistung unter Zusatzlast in unterschiedlichem Zusammenhang mit der Aufgabenleistung.

Für die Trainingsplanung folgt daraus eine einfache, aber wichtige Frage: Welche Fähigkeit begrenzt aktuell welche relevante Leistung? Nicht „Kraft oder Ausdauer“ im Allgemeinen, sondern: Welche Kapazität im Detail fehlt für die konkrete Anforderung?

Dabei hilft eine weitere Unterscheidung: Ein öffentlich genanntes Anforderungsmerkmal, eine empirisch beschriebene Tätigkeitsanforderung oder eine Fähigkeit, die statistisch mit berufsspezifischer Leistung zusammenhängt, sind drei verschiedene Evidenzebenen. Dass eine Behörde beispielsweise Teamfähigkeit oder Belastbarkeit fordert, macht dieses Merkmal zwar plausibel relevant. Die öffentliche Nennung zeigt aber noch nicht, wie ein Merkmal valide erfasst werden kann oder wie gut die spätere berufliche Leistung vorhersagt. Studien zu Persönlichkeitsprofilen und einzelnen Prädiktoren zeigen exemplarisch, warum Merkmalsbeschreibung und tatsächliche Vorhersageleistung nicht gleichgesetzt werden dürfen. Als Trainer hilft mir diese Trennung, konkrete und sinnvolle Teilziele festzulegen.

Selbst- und Kameradenhilfe ist ein wesentliches Element der psychosozialen Unterstützung und auch in Trainingskontexten nicht unerheblich.
Selbst- und Kameradenhilfe ist ein wesentliches Element der psychosozialen Unterstützung und auch in Trainingskontexten nicht unerheblich.
Foto: Bundeswehr / Jonas Weber

Bei kognitiven Anforderungen ist die direkte Evidenz kleiner, aber das Grundprinzip ähnlich. Forschung aus polizeilichen Anwendungssituationen weist darauf hin, dass Wahrnehmung, visuelle Aufmerksamkeitssteuerung und die Verarbeitung relevanter Informationen für Entscheidungen unter Belastung eine Rolle spielen. Das ist präziser als pauschale Begriffe wie „Stressresistenz“. Aus diesen genannten Beispielen wird deutlich, wie detailliert die Analyse der Anforderung und daraus resultierende Zielsetzung sein kann.

Für Bewerber bleibt das Bestehen des Auswahlverfahrens selbstverständlich ein konkretes übergeordnetes Ziel. Aus meiner Trainerperspektive ist es aber sinnvoll, zwischen der kurzfristigen Zielgröße „Auswahlverfahren bestehen“ und der längerfristigen Aufgabe „relevante Leistungsfähigkeit für die angestrebte Verwendung entwickeln“ zu unterscheiden. Das Auswahlverfahren ist dabei eher die Eintrittskarte in die anschließende spezialisierte Ausbildung als deren Endpunkt.

Leistung aufbauen, bevor man sie unter Druck prüft

Sind die Zielanforderungen geklärt, beginnt der eigentliche Leistungsaufbau. Gerade hier wird Härte oft mit Qualität verwechselt. Eine Einheit wird aber nicht dadurch besser, dass möglichst viele Anforderungen gleichzeitig auftreten. Komplexität, Variabilität, Zeitdruck und Ermüdung sind Trainingsvariablen. Sie brauchen einen Zweck.

Die Forschung zum motorischen Lernen spricht gegen einfache pauschale Regeln in beide Richtungen. Es ist zu starr, jede Fähigkeit zunächst vollständig isoliert entwickeln zu wollen. Relevante Bedingungen aus der Praxis und variable Übungsbedingungen können Retention- und Transferleistung unterstützen. Ebenso wenig folgt aber daraus, dass neue Fertigkeiten möglichst früh unter starker Ermüdung trainiert werden sollten. Insbesondere ausgeprägte neuromuskuläre Ermüdung kann den Erwerb motorischer Fertigkeiten beeinträchtigen.

Für die Praxis ist daher eine Kontrollfrage hilfreicher als ein starres Stufenmodell: Warum kommt diese zusätzliche Anforderung jetzt in die Trainingseinheit? Soll sie das Training unterstützen, den Transfer auf eine ähnliche Aufgabe fördern oder eine bereits entwickelte Leistung unter zusätzlicher Belastung trainieren? Fehlt darauf eine klare Antwort, ist mehr Komplexität aus meiner Sicht zunächst nur zusätzliche Belastung, die sich im Trainingsplan interessant liest, aber wenig Nutzen verspricht.

Neue Stationen fordern die Bewerber nicht nur körperlich, sondern auch mental geht es oft bis an die Grenzen. Wer ist schneller und wer hält länger durch?
Neue Stationen fordern die Bewerber nicht nur körperlich, sondern auch mental geht es oft bis an die Grenzen. Wer ist schneller und wer hält länger durch?
Foto: KSK

Gerade bei fortgeschrittenen Bewerbern kann Variabilität sinnvoll sein, weil eine Fähigkeit nicht nur in einer einzigen, immer gleichen Situation funktionieren soll. Das ist aber etwas anderes als künstliches Chaos. Gute Variation verändert gezielt relevante Bedingungen, ohne das Trainingsziel aus dem Blick zu verlieren. Ein Training kann deshalb fordernd und komplex sein, ohne chaotisch zu werden. Ebenso kann eine technisch einfache Einheit hochspezifisch sein, wenn sie genau an einer leistungsbestimmenden Schwäche arbeitet.

Dasselbe gilt für Ermüdung. Ein deutlicher Leistungseinbruch während einer Einheit zeigt zunächst, dass die aktuelle Belastung Leistung reduziert hat. Allerdings bedeutet es nicht, dass wiederholtes Training unter genau dieser gleichen Belastung langfristig eine robustere Leistung erzeugt. Meiner Erfahrung nach unterstützen Variation, Skalierung und Progression die langfristige Leistungsentwicklung.

Wiederherstellung ist Teil der Leistungsentwicklung

Leistungsaufbau endet deshalb auch nicht mit dem Trainingsreiz. Schlaf, Energieversorgung und Gesamtbelastung gehören in dieselbe Betrachtung. Schlafrestriktion beeinträchtigt besonders zuverlässig Vigilanz und anhaltende Aufmerksamkeit und kann weitere kognitive wie körperliche Leistungsdimensionen treffen. Problematisch niedrige Energieverfügbarkeit und größere kumulative Energiedefizite können Trainingsanpassung und Leistung ebenfalls beeinträchtigen.

Das ist keine Einladung, jeden schlechten Trainingstag mit Schlaf oder Ernährung zu erklären. Es ist vielmehr eine Frage der Belastungssteuerung. In meiner Trainerpraxis zeigt sich regelmäßig, dass der Plan nur einen Teil der tatsächlichen Belastung abbildet. Dienst, Schichtsystem, Familie, Arbeitsweg, private Verpflichtungen und zusätzliches Training wirken in Summe auf den Bewerber.

Technische Messwerte können dabei helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen. Sie ersetzen aber nicht die subjektive Einordnung. Ein Wearable, ein HRV-Wert oder ein Fragebogen misst nicht allein zuverlässig, ob jemand „bereit“ ist. Meiner Erfahrung nach bleibt das offene Gespräch mit den Bewerbern deshalb ein wichtiges Werkzeug: Wie war die letzte Woche tatsächlich? Wie wurde geschlafen? Wie fühlt sich die Leistung an? Welche Belastung kommt außerhalb des Plans hinzu? Das ist Praxisarbeit als Trainer und erfordert Einfühlungsvermögen und eine gute Gesprächsführung. Es ist keine wissenschaftliche Messmethode, es ergänzt Daten aber um wichtigen Kontext.

Auch bei Nacht werden Spezialkräfte auf ihre Einsatzszenarien vorbereitet.
Auch bei Nacht werden Spezialkräfte auf ihre Einsatzszenarien vorbereitet.
Foto: Bundeswehr/KSK

Gerade im Schichtdienst kann sich die Belastung von Woche zu Woche deutlich verändern, ohne dass der Trainingsplan selbst angepasst wurde. Daraus folgt kein wissenschaftlich gesichertes Standardrezept für Nacht- oder Wechselschichten. Meine Erfahrung spricht dafür, die Trainingsdosis nicht nur nach dem Kalender zu steuern. Wenn Schlaf, Dienstbelastung und Trainingsleistung gleichzeitig in die falsche Richtung laufen und die Leistungsmarker schlechter werden, sollte der erste Reflex nicht automatisch eine weitere harte Einheit sein. Aufgabe des Trainers ist aus meiner Sicht, den Bewerbern diese Zusammenhänge zu vermitteln, damit sie Belastung, Erholung und Tagesform zunehmend selbst einordnen können und eine sinnvolle Autoregulation möglich wird.

Leistung muss unter relevanter Belastung verfügbar bleiben

Gut entwickelte Grundlagen sind wichtige Bausteine, reichen dennoch nicht aus, wenn die Zielanforderung verlangt, mehrere Fähigkeiten gleichzeitig oder unter zusätzlichen Belastungen abzurufen. Genau hier haben Doppelaufgaben, Ermüdung und psychologischer Druck ihren Platz.

Entscheidend ist die Belastung, die später gefordert wird, präzise zu benennen. Ein hoher Puls ist nicht dasselbe wie neuromuskuläre Ermüdung. Mentale Ermüdung ist nicht dasselbe wie Schlafmangel. Zeitdruck ist nicht dasselbe wie Bedrohungswahrnehmung. Multitasking ist nicht dasselbe wie psychologischer Druck. Wer alles unter dem schwammigen Begriff „Stress“ zusammenfasst, macht auch die Trainingssteuerung unscharf.

Die Forschung zu körperlicher und kognitiver Aktivität zeigt, warum diese Trennung nötig ist. Die pauschale Aussage, körperliche Belastung verschlechtere das Denken, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Akute Bewegung kann die kognitive Leistung im Durchschnitt sogar leicht verbessern. Gleichzeitig können längere oder kumulative Belastungen – etwa militärische Märsche unter Zusatzlast – einzelne kognitive Funktionen beeinträchtigen. Es handelt sich um unterschiedliche Belastungszustände, nicht um einen Widerspruch.

Gleichzeitige motorische und kognitive Anforderungen erzeugen häufig messbare Leistungseinbußen. Spezifische Leistung in Doppelaufgaben ist aber teilweise trainierbar. Auch kontrolliertes Training unter psychologischem Druck kann die spätere Leistung unter ähnlichen Bedingungen verbessern. Für polizeiliche Populationen ist die Datenbasis allerdings begrenzt und heterogen. Deshalb lässt sich daraus keine allgemeine „Stressresilienz“ als trainierbares Leistungsmerkmal ableiten.

Das ist ein typisches Transferproblem. Wenn jemand nach mehreren Trainingseinheiten eine bekannte Aufgabe unter Zeitdruck besser löst, ist zunächst genau das gezeigt: bessere Leistung in einer ähnlichen Aufgabe unter ähnlichem Druck. Ob daraus ein Vorteil in einem mehrstufigen Auswahlverfahren oder später in einer realen Lage entsteht, bleibt offen. Diese Grenze macht belastungsnahes Training nicht wertlos. Sie verhindert nur, dass ein spezifischer Trainingseffekt größer interpretiert wird, als die Daten es erlauben.

Der praktische Maßstab lautet damit nicht: Wie viel Stress lässt sich einer Einheit hinzufügen? Sondern: Welche Fähigkeit muss unter welcher zusätzlichen Anforderung noch zuverlässig verfügbar sein?

Wenn eine Fähigkeit später unter genau einer solchen Zusatzanforderung gebraucht wird, kann es aus Trainingssicht sinnvoll sein, Belastungsumfang und Belastungsnähe schrittweise zu erhöhen. Je größer dagegen die Distanz zwischen trainierter Aufgabe und späterer Leistung, desto vorsichtiger sollte der Transfer interpretiert werden. Eine bessere Leistung in einer wahllos trainierten Doppelaufgabe beweist noch keine höhere Wahrscheinlichkeit, ein komplexes Auswahlverfahren zu bestehen oder später in einer komplexen Einsatzlage effektiver zu handeln.

Spezifischer werden – ohne die Prüfung zu kopieren

Mit zunehmender Nähe zum Zieltermin darf die Vorbereitung spezifischer werden. Spezifität ist ein gut begründetes Trainingsprinzip: Anpassungen übertragen sich nicht beliebig auf entfernte Aufgaben. Effekte sind in der trainierten oder eng verwandten Aufgabe meist besser belegt als weitreichender Transfer.

Spezifität bedeutet jedoch nicht, vermutete Auswahlabläufe möglichst exakt nachzubauen. Hilfreich ist hier die Trennung zwischen Fähigkeitsentwicklung, aufgabenspezifischem Transfer, Familiarisierung und Testoptimierung.

Spezialisierte Polizeikräfte bei einer Übung des DRK Mittelhessen 2.
Spezialisierte Polizeikräfte bei einer Übung des DRK Mittelhessen 2.
Foto: DRK

Familiarisierung kann sinnvoll sein. Wer Instruktionen, zeitliche Abläufe, Aufgabenlogik oder eine angemessene Belastungseinteilung nicht versteht, kann vorhandene Fähigkeiten schlechter zeigen. Retest- und Practice-Effekte sind in der Eignungsdiagnostik gut dokumentiert und wurden auch bei Bewerbern für Polizeiverwendungen in Auswahlverfahren beobachtet. Selbst bei physischen Auswahltests können kurze Einweisungs- und Familiarisierungsmaßnahmen unmittelbar bessere Ergebnisse erzeugen – in einem Zeitraum, in dem noch keine relevante physiologische Anpassung stattgefunden haben kann.

Das macht Familiarisierung nicht wertlos. Sie sollte nur nicht mit Fähigkeitsentwicklung verwechselt werden. Für einen Bewerber kann es durchaus sinnvoll sein, vermeidbare Unsicherheit über öffentlich bekannte Rahmenbedingungen oder die Logik einer Aufgabe zu reduzieren. Danach muss die nächste Frage folgen: Steigt nur das Ergebnis im bekannten Format, oder zeigt sich die Verbesserung auch in verwandten Anforderungen? Erst diese zweite Beobachtung sagt mehr über die Transferleistung aus.

Auch simulierte Tests können nützlich sein. Als Standortbestimmung können sie zeigen: Wo bricht Leistung ein? Welche Anforderungen lassen sich noch nicht gut koppeln? Wo fehlt Vertrauen in einem Format? Die Aussagekraft einer solchen Simulation sollte allerdings nicht überbewertet werden. Eine Simulation des Tests zeigt zunächst die Leistung in genau dieser Situation.

Dabei sind Realismus, Repräsentativität und Spezifität nicht dasselbe. Eine Übung kann sehr realistisch wirken und dennoch die entscheidenden Informations- oder Handlungsanforderungen der Zielaufgabe schlecht abbilden. Umgekehrt kann eine vergleichsweise unspektakuläre Trainingsform sehr spezifisch sein, wenn sie genau die leistungsbestimmende Fähigkeit adressiert. “Härte” oder “Atmosphäre” sind daher keine Qualitätsmerkmale an sich.

Kurz vor einem gesetzten Leistungsziel wie einem Auswahlverfahren kommt schließlich die Frage hinzu, ob zusätzliche Belastung überhaupt noch der wichtigste Trainingsreiz ist. Die Taper-Forschung aus dem Sport zeigt relativ konsistent, dass eine gezielte Reduktion der Trainingsbelastung vor einem Leistungsziel die verfügbare Leistung verbessern kann. Ein universelles Taper-Protokoll für polizeiliche oder militärische Auswahlverfahren lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Praxis lässt sich daraus aber vorsichtig ableiten: Wer bis unmittelbar vor einem wichtigen Termin möglichst viel Ermüdung akkumuliert, riskiert, entwickelte Leistung am Zieltermin nicht vollständig verfügbar zu haben. Aus meiner Erfahrung als Trainer spricht deshalb wenig dafür, kurz vor einem wichtigen Leistungstermin versäumte Grundlagen durch zusätzliche harte Belastung nachholen zu wollen. Die Aufgabe verschiebt sich: Trainingsreize erhalten, unnötige Ermüdung reduzieren und dafür sorgen, dass die entwickelte Leistung am entscheidenden Tag auch tatsächlich abrufbar ist.

Professionelle Vorbereitung ist eine Steuerungsaufgabe

Aus den dargestellten Prinzipien und den Studienergebnissen entsteht kein universeller Trainingsplan. Dafür unterscheiden sich Verwendungen, Ausgangslagen und Zielanforderungen zu stark, und die direkte Forschung zu Leistungen in Auswahlverfahren ist zu begrenzt.

Was sich ableiten lässt, ist ein Entscheidungsrahmen. Er ersetzt aus meiner Erfahrung keine individuelle Trainingsplanung, sondern strukturiert die Entscheidungen dahinter. Gerade bei langen Vorbereitungszeiträumen ist das wichtiger als eine starre Sammlung vermeintlich „spezifischer“ Einheiten.

Welche konkrete Leistungsanforderung soll vorbereitet werden? Welche zugrunde liegende Fähigkeit begrenzt die Leistung derzeit? Wird diese Fähigkeit tatsächlich entwickelt – oder verbessert sich vor allem ein bekanntes Testergebnis? Unter welcher zusätzlichen körperlichen, kognitiven oder psychologischen Anforderung muss die Leistung später verfügbar bleiben? Welchen Zweck erfüllt zusätzliche Komplexität? Tragen Schlaf, Energieversorgung und Gesamtbelastung die geplante Trainingsdosis? Und erhöht zunehmende Spezifität den relevanten Transfer – oder vor allem die Vertrautheit mit einem Format?

Zwei Einsatzkräfte einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Bundespolizei. Auch diese Einheit wird zu den spezialisierten Kräften gezählt.
Zwei Einsatzkräfte einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Bundespolizei. Auch diese Einheit wird zu den spezialisierten Kräften gezählt.
Foto: Bundespolizei

Diese Fragen sind weniger eingängig als ein besonders hart wirkendes Trainingsprogramm. Sie liegen aber näher an der eigentlichen Aufgabe des Trainers. Er steuert nicht nur Belastung, sondern auch Prioritäten, Reihenfolge, Trainingsbedingungen, Belastungsformen und Wiederherstellung.

Dazu gehört auch, Grenzen anzuerkennen. Nicht jede Trainingsmethode, die in einer kleinen Studie funktioniert, verbessert deshalb die Leistung eines einzelnen Bewerbers. Nicht jede Erkenntnis aus Sport, Polizeiforschung oder Militär lässt sich auf deutsche Polizeieinheiten übertragen.

Fazit: Leistungsfähig, wenn es darauf ankommt

„Belastbarkeit“ oder „Härte“ als Trainingsziele klingen griffig, können aber die Komplexität der damit verbundenen Trainingsprinzipien verdecken. Gezielte Leistungsentwicklung ist weniger auffällig, aber anspruchsvoller zu steuern.

Sie beginnt bei den tatsächlichen Anforderungen, entwickelt die zugrunde liegenden Fähigkeiten, setzt Komplexität und zusätzliche Belastung mit einem klaren Zweck ein, berücksichtigt Regeneration als Teil des Anpassungsprozesses und wird zum Ziel hin spezifischer, ohne Testleistung mit allgemeiner Eignung oder späterer beruflicher Leistungsfähigkeit gleichzusetzen.

Das Auswahlverfahren bleibt ein konkretes Ziel. Professionelle Vorbereitung sollte aber nicht am Test enden. Sie zeigt sich nicht darin, möglichst viel Belastung zu erzeugen, sondern darin, die richtige Fähigkeit zum richtigen Zeitpunkt unter den richtigen Bedingungen verfügbar zu machen.

 

Autor: Niklas Voss, Gründer und Geschäftsführer von PPF Germany,
Anbieter für die Vorbereitung auf Auswahlverfahren von Polizei- und Militär-Spezialkräften mit 12 Trainern aus 8 Spezialeinheiten. PPF Germany ist als einziger Anbieter der Branche nach der ISO-9001-Norm für Qualitätsmanagement vom TÜV Süd zertifiziert.

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