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Ukraine: Notwendigkeit einer stark dezentralisierten Ausbildung durch XR-Lösungen

Aus der Notwendigkeit heraus und nicht aufgrund einer bewussten Planung haben die ukrainischen Streitkräfte neue Wege der Ausbildung übernommen. Dazu gehört der umfangreiche Einsatz von Extended-Reality-Simulationslösungen (XR), aus denen letztlich auch die NATO-Verbündeten wichtige Lehren ziehen könnten. Der Beitrag erschien zuerst auf Warsight.

Die Ukraine sieht eine Notwendigkeit einer stark dezentralisierten Ausbildung durch XR-Lösungen
Fynd Reality hat sich mit dem finnischen Unternehmen Varjo sowie dem ukrainischen XR-Unternehmen Sensorama Lab zusammengetan, um immersive Trainingslösungen für die ukrainischen Streitkräfte zu erweitern.
Foto: Fynd Reality

Eine der Lehren aus dem Krieg in der Ukraine ist, dass die traditionelle Art der Ausbildung von Streitkräften unter solchen Bedingungen nicht funktioniert. Daher besteht die Notwendigkeit, eine stark dezentralisierte Ausbildungsinfrastruktur einzuführen, die zunehmend Lösungen aus den Bereichen virtuelle Realität, Augmented Reality und Mixed Reality – zusammenfassend als Extended Reality (XR) bezeichnet – nutzt, um effektiv zu sein.

Diese Einschätzung wurde am 27. August 2026 bei einer Online-Podiumsdiskussion von drei Unternehmen geteilt, die an der Bereitstellung solcher Ausbildungslösungen beteiligt sind: dem finnischen Technologieunternehmen Varjo, einem weltweit führenden Anbieter einsatzbereiter XR-Lösungen; Fynd Reality, einem norwegischen XR-Technologieunternehmen, das über seine Plattform Fynd CORE immersive Ausbildungs- und Kooperationslösungen anbietet; sowie dem australischen Unternehmen Applied Virtual Simulation (AVS), das Simulationssysteme für die individuelle Ausbildung, für Besatzungen und für die Ausbildung größerer Verbände in verschiedenen Bereichen entwickelt, integriert, produziert und unterstützt.

Die drei Unternehmen arbeiten intensiv zusammen, um Ausbildungslösungen für die Ukraine bereitzustellen. Anfang 2026 wurde Varjo als XR-Technologieanbieter für ein von Fynd Reality für die ukrainischen Streitkräfte durchgeführtes immersives Ausbildungsprogramm ausgewählt.

Dieses Programm ist Teil einer nordischen Kooperation im Bereich Verteidigungstechnologie und umfasst Einweisung, Verfahrensausbildung und Wartungsausbildung für verschiedene Militärfahrzeuge. Die Ausbildung reicht vom völligen Anfängerwissen bis zum Simulatorniveau beziehungsweise bis zur Ausbildung mit tatsächlicher Ausrüstung.

Dabei geht es um die Kampfpanzer Leopard 2A4 und Leopard 1A5 sowie den Mannschaftstransportwagen M113. Das Headset der Varjo-XR-4-Serie ist außerdem in den Horizon-Guardian-Simulator von AVS zur Abwehr unbemannter Luftfahrtsysteme (C-UAS) integriert. Dabei steuert ein Auszubildender eine First-Person-View-Drohne, während ein anderer versucht, sie mit einer Schusswaffe außer Gefecht zu setzen. Dies stellt in der Ukraine eine wichtige Ausbildungsanforderung dar, da Drohnen dort für 70–80 Prozent der Gefechtsverluste verantwortlich seien.

Das tragbare Horizon-Guardian-System kombiniert Mixed Reality, Tracking mit geringer Latenz und speziell entwickelte C-UAS-Software, ohne dass das Ausbildungskonzept an ein bestimmtes Waffensystem gebunden ist. Für die Ausbildung von Kampfpiloten wird die Technologie von Varjo in Mixed-Reality-Simulatoren eingesetzt, die vom tschechischen Unternehmen Dogfight Boss entwickelt wurden. Mehrere Mixed-Reality-Trainingscockpits mit Headsets der Varjo-XR-4-Serie wurden der Ukraine gespendet.

Die hohe Klangqualität der Varjo XR-4-Headsets hat eine umfassende Einführung von XR-Trainingslösungen bei den ukrainischen Streitkräften ermöglicht.
Die hohe Klangqualität der Varjo XR-4-Headsets hat eine umfassende Einführung von XR-Trainingslösungen bei den ukrainischen Streitkräften ermöglicht.
Foto: Varjo

Aus der Not heraus entstandenes System in der Ukraine

Mikko Luhtava, Chief Marketing Officer von Varjo, stellte fest, dass zumindest in Bezug auf die Ukraine die traditionelle Art der Ausbildung von Streitkräften nicht mehr funktioniert. Bei diesem traditionellen Modell verfügen die Soldaten über Ausrüstung, an der sie trainieren können, feste Ausbildungsstätten und einen sich nur langsam verändernden Lehrplan.

„Ich denke, es gibt eine sehr deutliche Veränderung dahingehend, wie Ausbildung heutzutage stattfinden muss, und die Ukraine hat uns dabei viel gelehrt“, sagte er. In der Praxis befinde sich jedes einsatzbereite Fahrzeug an der Front. Soldaten hätten keine Gelegenheit, die jeweilige Plattform vorher kennenzulernen, bevor sie darauf eingesetzt würden.

Feste Infrastruktur sei ein Ziel in der Ukraine. Ausbildungsgebiete und Schießstände seien in der Ukraine bereits angegriffen worden. Außerdem sei es offensichtlich riskant, große Mengen an Personal und Ausrüstung an einem einzigen Ort zu konzentrieren. Auch die Taktiken zur Drohnenabwehr änderten sich ständig. Die Kriegsführung insgesamt verändere sich laufend, weshalb Ausbildungsmaterialien sehr schnell veralteten.

Diese Veränderungen stellten neue Anforderungen an die Ausbildung: Sie müsse dort stattfinden, wo sie benötigt werde. Sie müsse dezentral statt zentral organisiert sein, einen möglichst kleinen logistischen Fußabdruck haben und dürfe nicht von einer bestimmten Plattform abhängig sein. „Man braucht also das richtige Werkzeug für die jeweilige Aufgabe – und es gibt heute mehr Aufgaben als je zuvor. Genau das lernen wir dort [in der Ukraine].“ Kristine Kvam, Chief Technology Officer von Fynd Reality, ergänzte, dass es besonders wichtig sei, das Personal so zu verteilen, dass es nicht zu einem einzigen Ziel werde.

Das zentrale Konzept der Plattform bestehe darin, Menschen räumlich zu verteilen und ihnen beispielsweise die Möglichkeit zu geben, als Panzerbesatzung zu trainieren, während sich der Ausbilder in Norwegen, Finnland oder an dem Ort befindet, aus dem die gespendete Ausrüstung stammt. Auf diese Weise könnten die Soldaten ihre Ausbildung fortsetzen, ohne dass sie sich versammeln oder ihre Truppen außer Landes schicken müssten, wie es zu Beginn des Krieges der Fall gewesen sei.

Derzeit arbeite man mit verschiedenen Arten von Landfahrzeugen, aber auch mit Luftfahrzeugen, Drohnen und maritimer Ausrüstung. Für Fynd Reality sei deshalb die gute Zusammenarbeit mit den ukrainischen Unternehmen besonders wichtig, die Inhalte für die Plattform entwickelten. Ebenso wichtig sei es, das Feedback der Nutzer kontinuierlich aufzunehmen, das System entsprechend zu verbessern und die Erkenntnisse auch an Varjo weiterzugeben.

Der AVS Horizon Guardian Counter-UAS-Trainer (AVS) schult Personal darin, UAS-Bedrohungen durch realistische Waffenhandhabung und virtuelle Szenarien zu erkennen, zu verfolgen und abzuwehren, ohne ausschließlich auf reale Übungen angewiesen zu sein.
Der AVS Horizon Guardian Counter-UAS-Trainer (AVS) schult Personal darin, UAS-Bedrohungen durch realistische Waffenhandhabung und virtuelle Szenarien zu erkennen, zu verfolgen und abzuwehren, ohne ausschließlich auf reale Übungen angewiesen zu sein.
Foto: AVS

Entwicklung des Horizon-Guardian-Trainers

Martin Carr, Gründer und Direktor von AVS, erläuterte, wie sein Unternehmen den Horizon-Guardian-Trainer zur Abwehr von Drohnen entwickelte. Im Gespräch mit ukrainischen Soldaten, insbesondere in besonders intensiven Frontabschnitten wie Pokrowsk im vergangenen Sommer, habe man festgestellt, dass die Soldaten ihr eigenes Geld dafür verwendeten, Schrotflinten für die Drohnenabwehr zu kaufen.

Als ehemaliger Armeeoffizier habe er sich gedacht, dass ein Soldat wohl kaum sein eigenes Geld ausgeben und eine schwere Waffe mit in den Kampf nehmen würde, wenn dies keinen praktischen Nutzen hätte. Aus den Gesprächen mit den Soldaten und dem Verständnis dafür, dass es sich um eine tatsächlich nutzbare Waffe und Technik handele, habe man einen erheblichen Ausbildungsbedarf erkannt – wie bei jeder neuen Ausrüstung, neuen Taktik oder neuen Form der Kriegsführung.

Daraufhin entwickelte AVS einen Trainer zur Drohnenabwehr mit einer Schrotflinte, der sich hauptsächlich darauf konzentriert, kleine unbemannte Flugsysteme mit einer Schrotflinte oder einem ähnlichen Waffensystem abzuwehren. Das Headset der Varjo-XR-4-Serie wurde dafür eingesetzt, weil zur Simulation eines sehr kleinen Ziels, das sich mit hoher Geschwindigkeit über den Himmel bewegt, ein extrem hochwertiges, am Kopf getragenes Display erforderlich ist.

Die Darstellung sollte der Wahrnehmung des menschlichen Auges möglichst nahekommen. Ein hoher Anteil an XR-Ausbildung

Auf die Frage von Warsight, wo die Grenzen beim Ersatz praktischer Ausbildung mit echter Ausrüstung durch XR-basierte Ausbildung liegen und in welchem Verhältnis beide Ausbildungsformen stehen, schätzte Kvam das Verhältnis für die ukrainischen Streitkräfte auf etwa 80:20.

Die Ukrainer würden demnach etwa 80 Prozent ihrer Zeit mit der Vorbereitung verbringen und nur 20 Prozent mit der tatsächlichen Ausrüstung, weil diese schlicht nicht ausreichend verfügbar sei. Kvam betonte, dass vor allem ein mentaler Wandel notwendig sei, um zu verstehen, wie diese Technologie die Ausbildung und die Durchführung bestimmter Tätigkeiten verändern könne.

Wenn man eine Tätigkeit beispielsweise 100-mal in einer simulierten Umgebung übe, sei es anschließend wesentlich leichter, sie einmal korrekt mit der tatsächlichen Ausrüstung auszuführen. Sie erwartet daher eine Veränderung der Ausbildungsweise. Dabei gehe es weniger um einen technologischen als um einen mentalen Wandel. Die Erfahrungen aus der Ukraine seien insbesondere für die nordischen Länder sehr lehrreich. Carr ergänzte: „Simulation ist kein Ersatz für die Live-Ausbildung; sie ist eine Ergänzung dazu.“

Bestimmte Dinge müssten weiterhin unter realen Bedingungen trainiert werden. Eine Simulation könne die reale Welt naturgemäß nur begrenzt vollständig abbilden. Als Beispiel nannte er, dass es sehr schwierig sei, den Rückstoß einer Schrotflinte im Kaliber 12 mit einer Nachbildung realistisch zu erzeugen. Letztlich komme es jedoch auf Effektivität und Effizienz an.

Bei der Ausbildung von Soldaten zur Abwehr von Drohnen mit einer Schrotflinte erklärte Carr, dass ein Soldat ohne praktische Erfahrung auf einem Schießstand wahrscheinlich alle drei ihm zur Verfügung gestellten Drohnen verfehlen würde. Durch wiederholtes Training in der Simulation könne dagegen eine grundlegende Kompetenz aufgebaut werden. Wenn die Soldaten anschließend mit echter Munition trainierten, müssten sie möglicherweise weniger Schüsse abgeben und könnten die begrenzte Live-Ausbildung für anspruchsvollere Einsatzsituationen nutzen.

Darüber hinaus gebe es Szenarien, die unter realen Bedingungen zu gefährlich wären, sich aber in einer Simulation trainieren ließen. Beispielsweise könne eine Drohne im Simulator auf eine Weise angreifen, die bei einer echten Übung mit scharfer Munition zu Verletzungen führen würde. Solche risikoreichen Einsatzprofile könnten daher innerhalb des Simulators trainiert werden.

Kvam nannte außerdem die Erfahrungen von Fynd Reality bei der Ausbildung ukrainischer Soldaten zum Fahren von Kampfpanzern mit VR-Headsets. Die Teilnehmer absolvierten zunächst einen ganzen Tag lang kurze Trainingsmodule. Sie übten beispielsweise das Auf- und Absetzen des Headsets sowie verschiedene Abläufe in der virtuellen Realität. Nach einem Tag sagte der Ausbilder: „Okay, ihr werdet den Panzer von A nach B fahren.“

Die Teilnehmer hatten zuvor noch nie einen Panzer aus der Nähe gesehen und keinerlei praktische Erfahrung damit gesammelt. „Das würde in Norwegen natürlich niemals passieren, aber in der Ukraine müssen sie es versuchen; sie müssen lernen, indem sie es tun.“ Alle Teilnehmer waren anschließend in der Lage, den Panzer zu fahren. Es lief zwar nicht perfekt und hätte für eine Prüfung nicht ausgereicht, aber sie konnten die Ausrüstung bestimmungsgemäß bedienen. Vor allem gab ihnen die Erfahrung das nötige Selbstvertrauen, weiterzumachen.

Fazit

Die ukrainischen Streitkräfte waren aufgrund der Notwendigkeiten des Krieges gezwungen, ihre Ausbildung anzupassen und grundlegend zu verändern. Dabei setzen sie zunehmend XR-Technologie ein, um unter stark eingeschränkten Bedingungen möglichst effektive Ausbildungslösungen bereitzustellen.

Obwohl die ukrainischen Streitkräfte bei der Ausbildung eine deutlich höhere Risikobereitschaft aufweisen als andere NATO-Streitkräfte, können die NATO-Verbündeten dennoch wichtige Lehren aus den ukrainischen Erfahrungen ziehen.

Dazu gehören insbesondere die dezentralisierte Ausbildung, die optimale Nutzung der jeweils verfügbaren XR-Technologie sowie die kontinuierliche Anpassung und Weiterentwicklung der Ausbildung, um das Maximum aus den vorhandenen Möglichkeiten herauszuholen.

 

Autor: Pete Felstead, Warsight
Peter Felstead ist seit mehr als drei Jahrzehnten als Verteidigungsjournalist tätig. Nach seiner Tätigkeit als dienstältester Chefredakteur der Janes Defence Weekly machte er sich 2022 als freier Journalist selbstständig und ist heute stellvertretender Chefredakteur von Warsight.

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