Es sollte ein Paradebeispiel für schnelle Beschaffung sein: Der Boxer mit Lance-Turm – in der Bundeswehr „Schwerer Waffenträger Infanterie“ genannt – aus australischer Produktion. Das Rückgrat der Mittleren Kräfte des deutschen Heeres sollte dieses Fahrzeug bilden. Schnell, wirksam, direkt in Serie verfügbar. Doch wie das BAAINBw nun bekannt gab, befindet sich das im Mai 2024 übergebene Nachweismuster weiterhin im Test.
Mit dem „Nachweismuster Schwerer Waffenträger Infanterie“ würden „aktuell intensive Tests durchgeführt, um sicherzustellen, dass die geforderten Leistungskriterien erfüllt werden“, berichtet das BAAINBw. „Mögliche Abweichungen können so identifiziert und im Zuge eines Retrofits vor der Serienproduktion behoben werden.“ Der letzte Satz beinhaltet den eigentlichen Zündstoff, da dies bedeutet, dass die Serienproduktion eben noch nicht angefangen hat. Fast zwei Jahre nachdem das Nachweismuster unter großer Beteiligung von Bundeswehr, Politik und Industrie im Frühjahr 2024 von Australien an Deutschland übergeben wurde.
Bei dieser Übergabe am 2. Mai 2024 hatte Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Abteilungsleiter Rüstung im BMVg, noch gesagt: „Jetzt ist die Industrie am Zuge abzuliefern und genau dafür zu sorgen, dass wir nächstes Jahr die 19 weiteren Fahrzeuge für die Truppe bekommen und in Jahresscheiben von jeweils 25 den Schweren Waffenträger auch in das deutsche Heer einführen können.“
Doch es ist nicht die Industrie, die das Projekt verzögert, sondern die weiterhin stattfindende Nachweisprüfung. Zudem spricht das BAAINBw in der jüngsten Aussage zum Schweren Waffenträger Infanterie explizit von einem „Retrofit vor der Serienproduktion“, obwohl es bei der Beschaffung im Jahr 2024 noch hieß, dass eine tatsächliche Germanisierung ausdrücklich nicht stattfinden solle.
Fähigkeiten Schwerer Waffenträger Infanterie
Der Schwere Waffenträger Infanterie basiert auf dem Combat Reconnaissance Vehicle (CRV), dem Radspähpanzer der australischen Streitkräfte, welcher von Rheinmetall in Australien produziert wird. Dabei handelt es sich um ein 8×8-Fahrmodul des Boxers mit einem Radspähpanzer-Missionsmodul, das aus dem Zwei-Mann-Turm Lance besteht. Als Hauptwaffe dient die Maschinenkanone MK30-2 ABM, die auch im deutschen Schützenpanzer Puma verbaut ist.
Der Radpanzer dient, als Nachfolgesystem des Waffenträgers Wiesel 1, der direkten taktischen Feuerunterstützung und weitreichenden Panzerabwehr für die Infanterieverbände der Bundeswehr. Laut Informationen aus dem BAAINBw vereint der gewählte Schwere Waffenträger Infanterie die Fähigkeiten von bisher zwei Wiesel 1-Varianten sowie der zum Munitionstransport eingesetzten Zusatzfahrzeuge in einer einzigen Plattform und stellt somit einen idealen Mix aus hoher Verfügbarkeit, Schutz und Modularität dar. Der Schwere Waffenträger Infanterie wird dementsprechend ein Kernelement der neuen Mittleren Kräfte des Deutschen Heeres sein.
Verzögerung im Vorzeigeprojekt
Der ursprüngliche Zeitplan sah vor, dass – nach der herausragend schnellen Lieferung des Nachweismusters durch Australien bzw. Rheinmetall im Mai 2024 – die ersten 19 Serienfahrzeuge im Jahr 2025 in der Bundeswehr eintreffen sollten. Bis 2030 war der Zulauf der restlichen 103 Fahrzeuge geplant, mit 25 Stück pro Jahr.
Es handelte sich um eines der Vorzeigeprojekte des damaligen Inspekteurs Heer, Generalleutnant Alfons Mais, der mit seinem Weckruf „Das Heer steht blank da“ die Beschaffung beschleunigen wollte, um seine Teilstreitkraft von blank auf kriegstauglich umzustellen. Hierfür bot sich die Beschaffung der australischen Boxer an, um zum einen Produktionskapazitäten außerhalb Deutschlands zu nutzen und zum zweiten ein eingeführtes und bewährtes System zu beschaffen, das dementsprechend schnell in der Bundeswehr eintreffen könnte.
Wie wirksam der entsprechende Boxer mit Lance Turm ist, bewies das Fahrzeug über die Jahre. „Die Boxer haben sich bereits bei unseren großen Übungen bewährt und dabei außergewöhnlich gut abgeschnitten“, betonte etwa Major Jessica Ward von der Australischen Armee, die als Stv. Verteidigungsattaché Australiens an der Schlüsselübergabe des Nachweismusters im Mai 2024 teilnahm. „Ich weiß, dass die Boxer sehr leistungsfähig sind. Der Boxer als Infantry Fighting Vehicle ist ideal geeignet für unsere Zwecke und ich bin davon überzeugt, dass er auch für die deutschen Streitkräfte herausragende Leistung zeigen wird.“
Doch in Deutschland konnte der Schwere Waffenträger Infanterie das Stadium der Erprobung des Nachweismusters bisher – nach fast zwei Jahren – immer noch nicht verlassen. Und dies, obwohl das BAAINBw selber in Bezug auf diese Beschaffung betont: „Zeit ist unser handlungsleitender Faktor!“ Der zweijährige Test eines in anderen Streitkräften bewährten Systems lässt an dieser Ausrichtung allerdings gewisse Zweifel aufkommen.
Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!
Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:














