Während GPS-Störungen längst Alltag sind, galt Starlink lange als nahezu unangreifbar. Jüngste ukrainische Erfolge an der Front und im russischen Kernland wurden auch darauf zurückgeführt, dass nur noch die Ukraine Zugang zum Satelliteninternet hat, Russland jedoch nicht (mehr). Doch in den letzten Wochen hat Moskau aufgeholt: Mit Systemen wie „Kalinka“ und „Volna Kupol Garant“. Wie lange hält der ukrainische Kommunikationsvorteil noch?

Spätestens seit Beginn der russischen Vollinvasion 2022 ist Starlink für die ukrainischen Streitkräfte weit mehr als ein Internetanschluss im Feld: Das Satelliten-Terminal von SpaceX ist heute zur zentralen Kommunikationsader für Drohnensteuerung, Aufklärung und Gefechtsführung geworden.
Während klassische GPS-Signale seit Jahren durch Elektronische-Kampfführung (EloKa) gestört und gespooft werden können wodurch die Navigation an der Front zunehmend unzuverlässig wird, galt die Verbindung über Starlink lange als vergleichsweise robust.
Denn anders als GPS-Satelliten in rund 20.000 Kilometern Höhe kreisen Starlink-Satelliten in einer erdnahen Umlaufbahn von nur etwa 550 Kilometern – mit tausenden Satelliten, die ständig wechseln, ist ein einzelnes Störsignal kaum in der Lage, die gesamte Verbindung dauerhaft lahmzulegen.
Auch wenn lokale Ausfälle einzelner Verbindungen grundsätzlich möglich sind, gilt Starlink aufgrund der schieren Masse an Satelliten als besonders zuverlässiges Kommunikationsnetz. Genau dieser technische Vorsprung ermöglichte es der Ukraine, weitreichende Drohnenoperationen tief im russischen Hinterland zu fliegen.
Russlands Antwort: Von Tobol zu Kalinka
Erste russische Versuche, Starlink zu stören, reichen bis 2023 zurück. Geleakte US-Geheimdienstdokumente belegten damals monatelange Tests mit dem System „Tobol“, das ursprünglich zum Schutz eigener Satelliten vor westlicher Störung entwickelt worden war und später für Angriffe auf Starlink umfunktioniert werden sollte.

Es wird allgemein angenommen, dass das Russland für eine Vielzahl der GPS-Störungen über der Ostsee und damit einer Behinderung des Schiffs- und Flugverkehrs verantwortlich ist. Das in Königsberg stationierte 14Ts227 Tobol könnte daran einen eheblichen Anteil haben.
Der eigentliche Technologiesprung für den russischen Umgang mit Starlink kam jedoch erst mit „Kalinka“. Nach Angaben der russischen Staatsagentur TASS wird Kalinka vom Zentrum für unbemannte Systeme und Technologien (CBST) entwickelt.
Anders als klassische Störsender, die mit roher Sendeleistung ganze Frequenzbänder überfluten, setzt Kalinka auf ein passives Wirkprinzip. Das System empfängt und analysiert die sogenannten Uplink-Signale – also jene Funksignale, die ein Starlink-Terminal am Boden zum Satelliten sendet.
Weil Kalinka selbst kaum eigene Signale aussendet, ist es für gegnerische Aufklärung deutlich schwerer zu orten als klassische Störsender. Der eigentliche Nutzen liegt allerdings nicht im direkten Blockieren oder Stören der Verbindung, sondern in der präzisen Ortung von Terminals – etwa an Bord unbemannter Boote oder Drohnen. Diese können dann gezielt bekämpft werden.
„Großes Geschütz“ – Volna Kupol Garant
Deutlich sichtbarer ist ein zweites System, das 2026 im Krieg auftauchte: „Volna Kupol Garant“ des Herstellers Russkiy Kupol. In einigen ukrainischen Berichten wird es auch als „Peresvet-M“ bezeichnet. Hier handelt es sich um klassische, leistungsstarke Störtechnik.
A Russian Kupol-Volna-Garant (Peresvet-M) electronic warfare system was hit in Kerch. The complex is designed to protect military and strategic infrastructure from UAV attacks by detecting, tracking and suppressing drone control channels, telemetry and satellite navigation… pic.twitter.com/EFpC1gG2FM
— NOELREPORTS 🇪🇺 🇺🇦 (@NOELreports) June 23, 2026
Laut Aussagen des Herstellers gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS zielt das System nicht auf die Verbindung zwischen Drohne und Satellit, sondern direkt auf den Satelliten selbst – es überflutet dessen Empfänger mit einem derart starken Störsignal im Frequenzband von 14–14,5 GHz, dass er die eigentlichen Signale der Bodenterminals nicht mehr herausfiltern kann.
Das System nutzt Anhänger, die mit zwei Satellitenantennen ausgestattet sind. Es verfolgt die Position des Starlink-Satelliten und sendet ein starkes Signal aus, das die Terminalkommunikation in einem Gebiet von bis zu 20 Quadratkilometern stört. Bildlich gesprochen wird der Satellit mit „Lärm“ überschüttet, sodass er die eigentliche Kommunikation nicht mehr versteht. Die Kosten pro Einheit werden auf etwa 1,65 Millionen Euro geschätzt.
Die Stärke des Störsignals von Volna Kupol Garant ist jedoch gleichzeitig der größte Nachteil des Systems. SpaceX, der Betreiber der Starlink-Satelliten, kann relativ schnell und einfach erkennen, dass eine bewusste Störung vorliegt. Mit anderen Satelliten kann dann die Quelle des Störsignals ausfindig gemacht werden.
Die ukrainische Gegenstrategie: Angriff
Die Ukraine weiß diese Daten zu nutzen. Im Juni zerstörte sie mutmaßlich eines dieser Systeme. Auf den dazu veröffentlichten Drohnenaufnahmen ist eine Konfiguration aus sechs Konstruktionen zu erkennen. Bei Kertsch auf der Krim zeigen Satellitenbilder eine Konfiguration aus acht Anhängern (siehe oben).
Die zwangsläufig hohen Sendeleistungen von Volna Kupol Garant macht den Starlink-Störsender zu einem attraktiven, gut ortbaren Ziel für die elektronische Aufklärung der Ukraine. Deren Einheiten – etwa das zu den Landstreitkräften gehörende 422. Regiment „Luftwaffe“ für unbemannte Systeme – haben nach eigenen Angaben bereits mehrere dieser Anlagen lokalisiert und zerstört; teils binnen weniger Stunden nach ihrer Inbetriebnahme.
❗️The 🇺🇦422nd Unmanned Systems Regiment “LUFTWAFFE” of the 17th Army Corps and the Special Operations Centre “A” of the Security Service of 🇺🇦Ukraine destroyed a 🇷🇺Russian electronic warfare (EW) station in the southern direction.
— 🪖MilitaryNewsUA🇺🇦 (@front_ukrainian) June 15, 2026
This station was designed to jam Starlink… pic.twitter.com/gH0f5ImoyD
Videoaufnahmen, die im Juni 2026 veröffentlicht wurden, zeigen mehrere aufgereihte, containerähnliche Trailer-Systeme, von denen eines nach einem Drohnenangriff in Flammen aufgeht. Video: Verteidigungsministerium Ukraine
Diese Dynamik – leistungsstarke, aber leicht ortbare Störanlage gegen präzise Aufklärungs- und Angriffsdrohnen – hat sich zu einem eigenen taktischen Katz-und-Maus-Spiel entwickelt: Kaum wird ein neues System in Stellung gebracht, beginnt bereits die Suche nach seiner Position.
Kommunikationsvorteil mit Verfallsdatum?
Was sich am Beispiel Starlink zeigt, ist ein Muster, das sich im gesamten Ukraine-Krieg immer wieder wiederholt hat: Technologische Überlegenheit ist selten von Dauer. Jede neue Fähigkeit provoziert binnen Monaten eine Gegenmaßnahme, die wiederum eine neue Antwort erzwingt.
Kalinka und Volna Kupol Garant sind dabei nur zwei Bausteine eines russischen Programms, das daran arbeitet, den einst als nahezu unangreifbar geltenden Kommunikationsvorteil der Ukraine zu untergraben. Die nächste Evolutionsstufe könnte erreicht sein, wenn es den Russen gelingt, die Fähigkeiten von Volna Kupol Garant auf kleineren, mobileren Einheiten unterzubringen.

Bemerkenswert am ukrainisch-russischen Hin-und-Her ist zudem, dass die Technologie nicht auf das ukrainische Kriegsgebiet beschränkt bleibt. Analysten vermuten, dass Teheran im Januar 2026 während der landesweiten Proteste eine experimentelle Variante des Kalinka-Systems einsetzte, um Starlink-gestützte Kommunikation der iranischen Protestbewegung zu unterdrücken.
Bestätigt ist das zwar nicht, doch es würde zeigen, wie schnell militärische Störtechnologie den Weg in ganz andere Kontexte finden kann. Zudem wäre es nur logisch: Auch die Ukraine liefert ihre Technologie zur Abwehr von Drohnen in den Nahen Osten, wo arabische Länder sie gegen iranische Shahed-Drohnen nutzen.
Für die Verteidigung der Ukraine bedeutet die aktuelle Entwicklung russischer Störtechnologie: Der derzeitige Vorsprung ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis eines ständigen Wettlaufs. Ein Wettlauf, der noch lange nicht entschieden ist.
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