Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung grundlegend verändert. Während in der Ukraine ein konventioneller Abnutzungskrieg tobt, befindet sich der Rest Europas in einem hybriden Krieg mit Russland. Das Modell einer gemeinsamen Sicherheit mit Russland ist gescheitert.
Die neue Architektur setzt auf Abschreckung und eine stärkere militärische Eigenständigkeit Europas innerhalb der NATO. Länder wie Deutschland investieren massiv in ihre Verteidigungsfähigkeit, um auf die direkte militärische Bedrohung zu reagieren.
Die Verwundbarkeit europäischer kritischer Infrastruktur gegenüber russischen Abstandswaffen resultiert primär aus der hohen Reichweite und Präzision moderner Marschflugkörper sowie Hyperschallraketen. Gegenwärtige Luftverteidigungssysteme können gegenüber diesen Wirkmitteln noch keine flächendeckende und lückenlose Schutzgarantie gewährleisten.
Bedrohung aus der Luft
Das russische Luftangriffspotenzial gegen die Ukraine stützt sich auf eine massive Ausweitung der Rüstungsproduktion, die das Vorkriegsniveau mittlerweile übertrifft. Die monatliche Produktion beläuft sich auf etwa 100 bis 130 Lenkwaffen unterschiedlicher Typen.
Dazu gehören monatlich ca. 40 – 50 ballistische Iskander-M ballistische Lenkwaffen, 30 – 50 Kaliber-Marschflugkörper sowie etwa 50 Kh-101-Marschflugkörper. Jährlich entspricht dies einer Kapazität von bis zu 1’600 weitreichenden Systemen. Die Produktion von Shahed-Typ-Drohnen (russisches Derivat mit dem Namen Geran-2) wurde drastisch skaliert.
Schätzungen gehen von über 6’000 Einheiten pro Monat (ca. 170 pro Tag) aus, mit dem Ziel einer weiteren Steigerung auf 7’500 bis Ende 2025. Um die ukrainische Flugabwehr zu überlasten, setzt Russland auf kombinierte Angriffswellen aus Billigdrohnen und Hochpräzisionswaffen.
Ein begrenzender Faktor ist laut Analysten nicht der Nachschub an Flugkörpern, sondern die schwindende Anzahl einsatzfähiger Trägerplattformen und strategischer Bomber (Tu-160, Tu-95MS). Dennoch bleibt das Potenzial für grossflächige Angriffe auf die Energieinfrastruktur hoch, wie massive Attacken mit bis zu 700 Waffensystemen gleichzeitig belegen.
Schutz von kritischer Infrastruktur und Verbänden
Die bodengestützte Luftverteidigung erfüllt heute eine Doppelrolle: Im Gefecht sichert sie die Manövrierfreiheit eigener Verbände gegen Drohnen, Erdkampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Beim Schutz von ziviler und militärisch kritischer Infrastruktur (KRITIS) liegt der Fokus auf der Abwehr von Angriffsdrohnen (One-way-attack drones), Marschflugkörpern und ballistischen Lenkwaffen, um die Funktionsfähigkeit des Staates und die kriegswirtschaftliche Logistik zu erhalten.
Die grösste taktische Herausforderung stellt die Drohnenabwehr (C-UAS) dar, insbesondere unterhalb der Kriegsschwelle (Hybrid-Szenarien). Im Friedensbetrieb oder bei der inneren Sicherheit (Amtshilfe) gelten polizeirechtliche Schranken. Ein militärischer Waffeneinsatz gegen Drohnen über besiedeltem Gebiet ist oft nur bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben rechtlich zulässig.
Der Einsatz von Kanonensystemen oder Abfangraketen birgt das Risiko herabstürzender Trümmer oder Projektile in urbanen Räumen. Hinzu kommt, dass der Einsatz von teuren Lenkwaffen gegen Billigdrohnen ökonomisch nicht nachhaltig ist.
Anfänge der Schweizer Fliegerabwehr 1936
Die Anfänge der organisierten Schweizer Fliegerabwehr ab 1936 waren geprägt von einer erheblichen Ausrüstungslücke der Armee und einer paradoxen Situation der heimischen Rüstungsindustrie. Während Firmen wie Oerlikon-Bührle bereits weltweit exportierten, verfügte die Schweizer Armee zu Beginn der Bedrohungslage durch das Deutsche Dritte Reich kaum über moderne Abwehrsysteme.
In dieser kritischen Phase übernahmen private Industrieunternehmen eine Vorreiterrolle im Werkschutz. Da die Armee den Schutz ziviler und industrieller Anlagen nicht garantieren konnte, kauften Grossbetriebe auf eigene Kosten Geschütze direkt bei Herstellern, beispielsweise bei Oerlikon-Bührle (insbesondere die 20-mm-Kanone).
Diese private Initiative diente dazu, die eigenen Produktionsstätten vor Luftangriffen zu sichern, noch bevor der Bund eine flächendeckende staatliche Verteidigungsstruktur etabliert hatte.
Rheinmetall Produktlösungen
Rheinmetalls Luftverteidigungs-Portfolio adressiert mit den Systemen Skynex, Skyranger und Skyspotter die aktuelle Bedrohungslage in Europa, die insbesondere durch den massiven Einsatz von (Kamikaze-)Drohnen, Marschflugkörpern und präzisionsgelenkter Munition geprägt ist.
Skyspotter fungiert als mobiles Frühwarnsystem und ist optimiert für die Detektion kleiner, langsam fliegender Drohnen, die herkömmliche Radarsysteme oft übersehen. Skyspotter verfolgt einen etwas anderen Ansatz als die genannten Systeme. Während der Skyranger für den hochmobilen Einsatz entwickelt wurde, liegt der Schwerpunkt beim Skyspotter auf dem Schutz kritischer Infrastrukturen – sowohl im zivilen Bereich als auch im militärischen Umfeld.
In Friedenszeiten steht die Minimierung von Kollateralschäden im Vordergrund. Sollte die Situation jedoch eskalieren und militärische Mittel notwendig werden, verfügt Skyspotter über die Möglichkeit, Hardkill-Effektoren einzusetzen.
Das Oerlikon Skynex Air Defence System ist die neueste Lösung von Rheinmetall für die Luftverteidigung im Nahbereich. Mit seiner offenen und modularen Architektur setzt es neue Massstäbe in Bezug auf Flexibilität und Erweiterbarkeit. Das Oerlikon Skymaster Battle Management System ist der Kontrollknoten und das Herzstück des Systems. Je nach Missionsanforderung können verschiedene Sensoren und Effektoren modular miteinander verbunden werden.
Rheinmetall bietet mit der Oerlikon Skyranger-Familie ein hoch mobiles Flugabwehrsystem zum Schutz von mechanisierten Verbänden oder Konvois gegen Angriffe aus der Luft. Weiter besitzt der Skyranger Fähigkeiten zum Selbstschutz vor Angriffen am Boden. Der Skyranger ist mit modernen Such- und Folgesensoren ausgestattet, welche eine nahtlose Luft- und Bodenaufklärung ermöglichen und präzise Feuerleitdaten liefern.
Der Oerlikon Skyranger 762 ist eine fernbedienbare Waffenstation für die Flugabwehr im Nächstbereich. Er eignet sich auch zur Drohnenabwehr (C-UAS) – insbesondere gegen die gefürchteten Kleindrohnen der NATO-Klasse I. Das System Skyranger 762 kombiniert dabei die Fähigkeiten der bewährten Skyranger-Familie mit den modernsten autonomen Bodensystemfähigkeiten Rheinmetalls.
Der Mission Master CXT2 ist die nächste Generation der Mission Master-Familie. Er bietet modernste Unmanned Ground System (UGS)-Technologie, um extremes Gelände und selbst Gewässer-Hindernisse zu überwinden.
Alle Rheinmetall bodengestützten Luftverteidigungssysteme basieren auf der vernetzten Skymaster-Architektur, was einen nahtlosen Datenaustausch ermöglicht. In der Ukraine haben sich diese Systeme als kosteneffiziente Antwort auf billige Massendrohnen erwiesen, da die Kanonenmunition deutlich günstiger ist als hochwertige Lenkflugkörper.
Über den Autor
Beat Benz ist ein erfahrener Experte für Verteidigungstechnologie und derzeit als Sales Support & Product Portfolio Manager bei der Rheinmetall Air Defence AG in Zürich tätig. Der ausgebildete Kaufmann kombiniert technisches Fachwissen mit strategischer Marktanalyse im Bereich der Rüstungsindustrie. Durch seine langjährige Karriere bei Rheinmetall und seine Erfahrung als aktiver Oberst der Schweizer Armee gilt er als profilierter Kenner der modernen Luftkriegsführung sowie der bodengestützten Luftverteidigung.
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