Die bodengebundene Luftverteidigung sieht sich einer Vielzahl an neuen Bedrohungen gegenüber. Übersättigung durch Drohnenschwärme, ballistische Raketen, Einsatz von Stealth-Technologie und Täuschkörpern, massive Elektromagnetische Kriegsführung und hypersonische Flugkörper. Gleichzeitig ist das moderne Gefechtsfeld von einer nie dagewesenen Dynamik und Parallelität vernetzter Bedrohungen in allen Domänen Land, Luft, See, Cyber und Space geprägt. Entscheidungen müssen unter hohem Zeitdruck, massiven Störbedingungen und bei unvollständiger und gegebenenfalls manipulierter Informationslage getroffen werden. Lesen Sie im folgenden den Referentenreport von Matthias Will, Head of Integrated Air and MissileDefence, HENSOLDT AG, der heute auf dem GBAD-Summit in Berlin zum Thema vortrug.
Die heutige bodengebundene Luftverteidigung verfügt bereits über leistungsfähige Sensoren und taktische Datenlinks, um Daten in Echtzeit auszutauschen. Allerdings stammen die zugrundeliegenden Strukturen aus einer anderen Epoche. Sie sind plattformzentriert, domänenspezifisch und proprietär integriert. Die Sensorik ist eng an das jeweilige Waffensystem gebunden. Interoperabilität erfolgt über starre, teilweise jahrzehntealte Protokolle.
Um den benannten Bedrohungen der bodengebundenen Luftverteidigung erfolgreich begegnen zu können, müssen neue Fähigkeiten und Sensoren schneller und flexibler integriert werden. Starre Sensor-To-Shooter-Ketten befinden sich mehr und mehr in der Auflösung. Neuartige, smarte Abfangdrohnen benötigen beispielsweise eine Zieleinweisung bis sie mit bordeigenen Sensoren den Zielanflug übernehmen.
Die Sensoren der bodengebundenen Luftverteidigung könnten die notwendigen Daten bereits heute liefern. Jedoch mangelt es an schneller Updatefähigkeit, um neue Fähigkeiten zu integrieren. Darüber hinaus bieten die Sensoren der bodengebundenen Luftverteidigung wertvolle Daten, die in einem modernen domänenübergreifenden Gefechtsraum für viele weitere Kräfte von großem Nutzen sind. So produzieren moderne Radargeräte Signaturdaten gegnerischer Ziele, fassen deren Emissionen auf und können dank Multi-Mode-Fähigkeit (z.B. Artillerieortung) zu einem umfassenden Lagebild beitragen.
Zum Beispiel kann ein Schützenpanzer mit seiner leistungsfähigen Optik und Feuerkraft durchaus ihn bedrohende Zielaufklärungsdrohnen bekämpfen. Allerdings fehlt ihm die permanente 360°-Luftraumaufklärung auf größere Reichweiten. Hier können die Sensordaten der bodengebundenen Luftverteidigung helfen, diese Bedrohungen frühzeitig zu erkennen.
Im modernen Gefechtsraum wird die Leistungsfähigkeit der Streitkräfte zunehmend durch die Fähigkeit bestimmt, Systeme schnell anzupassen, Sensordaten plattform- und domänenübergreifend zu fusionieren, aufzubereiten und bereitzustellen.
Software-Defined Defence
Hier setzt das Prinzip der Software-Defined Defence an. Software-Defined Defence beschreibt die Entkopplung von Hardware, Software, Daten und Algorithmen. Plattform, Missionslogik, Sensorik und Effektorik werden nicht länger als feste Einheit verstanden, sondern als modular kombinierbare Komponenten innerhalb einer offenen Systemarchitektur. Hierdurch entstehen die Voraussetzungen für einen domänenübergreifenden Verbund unterschiedlicher Sensoren und Effektoren:
- Sensoren werden smarter, Daten werden semantisch im Waffensystem für eine Nutzung im Verbund aufbereitet
- Sensorinformationen verbleiben nicht isoliert in einzelnen Waffensystemen, sondern werden als Datenprodukt bereitgestellt
- Orchestrierungsplattformen fusionieren Daten durch Rückgriff auf verteilte Waffensysteme und erzeugen eine übergreifende Gesamtlage
- Effektoren werden ebenfalls intelligenter und können direkt aus der Gesamtlage angesteuert werden
- Verteilte Softwareservices werden kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt
Adaptionszyklen verkürzen sich damit von Jahren auf Wochen. Die militärische Plattform – das Waffensystem – tritt in den Hintergrund, die Sensorik und die Effektorik in den Vordergrund. Entscheidend wird die Fähigkeit, Informationen über alle Domänen hinweg zu erfassen, zu bewerten und in Wirkung zu überführen. Software-Defined Defence ist damit kein Ersatz bestehender Systeme – sondern das Architekturprinzip, das deren Leistungsfähigkeit erst systemisch nutzbar macht und für künftige Systeme als zentrales Designprinzip gelten muss.
MDOcore
MDOcore ist die zentrale Softwaresuite von HENSOLDT für Software-Defined Defence und bildet damit das digitale Fundament für Multi-Domain Operationen. MDOcore verbindet domänenübergreifend Sensoren und Systeme unterschiedlicher Generationen und Hersteller, fusioniert Daten in Echtzeit und verkürzt die Zeit von der Aufklärung bis zur Wirkung deutlich. Dank offener, modularer Architektur ermöglicht MDOcore schnelle Anpassungen und Updates auch im laufenden Einsatz, unabhängig von einzelnen Plattformanbietern. Damit schafft MDOcore die Grundlage für souveräne, interoperable und zukunftsfähige Verteidigungsarchitekturen.
Im Zentrum von MDOcore steht eine moderne service-orientierte Cloud-Fog-Edge-Architektur. Während Sensoren die Daten lokal, auf der Edge, vorverarbeiten und essenzielle Informationen weiterleiten, laufen im Hintergrund verteilte Knotenpunkte in kleinen Fog- oder großen Cloud-Rechenzentren. Containerisierte Services fusionieren Sensordaten, verdichten, bewerten und verteilen diese. Dabei werden Daten nicht wie bei traditionellen Datenlinks nach festen statisch festgelegten Regeln verteilt. Vielmehr geht es darum, die richtigen Daten zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben.
Die MDOcore-Architektur erlaubt es, eingeführte Services flexibel auf den Edge-, Fog- und/oder Cloud-Knoten auszuführen. Damit wird ein hohes Anpassungspotenzial erreicht, das es erlaubt, neue Fähigkeiten viel schneller einzuführen und zur Wirkung zu bringen. Dabei werden traditionelle Datenlinks und Schnittstellen nicht ersetzt, sondern über Gateway-Services eingebunden. Die offene Architektur ermöglicht eine herstellerübergreifende Einbindung von Sensoren, Effektoren und Services.
MDOcore in der Bodengebundenen Luftverteidigung
Im Folgenden wird exemplarisch gezeigt, wie sich mittels MDOcore neue Fähigkeiten im Zusammenspiel von passivem und aktivem Radar schnell realisieren lassen.
Bei einem koordinierten Angriff wird der Gegner im Rahmen seiner Suppression of Enemy Air Defence (SEAD) bekannte Radarstellungen zerstören oder durch Jamming niederhalten. Dadurch zwingt er das Radar einer Flugabwehreinheit zum aktiven Senden und kann es elektronisch aufklären und bekämpfen. Ein Passivradar mit Passive Coherent Location (PCL) kann durch elektronische Aufklärung hingegen nicht geortet werden.
Auf Grund seiner kompakten Bauweise ist es mobiler und besser tarnbar. Darüber hinaus erlaubt das PCL-Prinzip die Ortung von Stealth-Targets auf größere Entfernungen und bietet prinzipbedingt eine hohe Resistenz gegen elektronische Störmaßnahmen. Ziel ist es also eine möglichst passive Detektion und Verfolgung der gegnerischen Ziele.
Die Sensordatenfusion und das Sensor-Resource-Management in MDOcore erlaubt nun eine viel engere Verzahnung von aktivem und passivem Radar, als dies mit traditionellen Datenlinks möglich wäre. So wird das aktive Radar nur eingeschaltet, wenn die Genauigkeit der vom Passivradar gelieferten Zieldaten für den Bekämpfungsvorgang nicht ausreicht. Und auch dann sendet das aktive Radar nur in Richtung des Zieles und nur so lange bis die Genauigkeit der Zieldaten wieder im geforderten Bereich ist. Damit wird die Aufklärbarkeit des aktiven Radars gegenüber einem permanenten Rundumbetriebs erheblich herabgesetzt und die Überlebensfähigkeit massiv erhöht.
Zusammenfassung
Hochvernetzte Sensorik mittels der HENSOLDT-Softwaresuite MDOcore erhöht nicht nur die Effektivität und Überlebensfähigkeit der eigenen bodengebundenen Luftverteidigung, sondern schafft die Basis für die plattform- und domänenübergreifende Nutzung der Sensordaten. Auf einem hochdynamischen Gefechtsfeld ermöglicht sie die schnelle Integration neuer Fähigkeiten und erlaubt es, sich ändernde Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und schnell darauf zu reagieren.
Software-Defined Defence mit MDOcore, souveränen IT-Infrastrukturen und KI-gestützter Datenverarbeitung ist damit viel mehr als ein reiner Integrationsansatz. Es ist die digitale Basis für die erfolgreiche Durchführung von Multi-Domain Operations in hochkomplexen Einsatzszenarien und der Rahmen für eine souveräne und skalierbare Verteidigungsarchitektur für Europa.
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