Ein halbes Jahr nach dem Feuer auf dem MAN-Gelände in Erfurt sind die Täter noch immer auf freiem Fuß. Sechs Bundeswehr-Lkw wurden damals zerstört, der Schaden liegt im Millionenbereich. Der Fall zeigt: Bei Sabotage gegen Rüstungsinfrastruktur sind viele Unternehmen weiterhin schlecht geschützt. Eine heute veröffentlichte Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft warnt: Der physische Schutz deutscher Privatwirtschaft muss dringend verbessert werden.
Es ist bereits ein halbes Jahr her, doch die Täter sind noch immer auf freiem Fuß. In der Nacht zum 21. Juni 2025 drangen Unbekannte gewaltsam auf das umzäunte Gelände der MAN Trucks & Bus Service GmbH in Erfurt-Gispersleben ein. Dort setzten sie sechs militärische Fahrzeuge gezielt in Brand.
Drei Bundeswehr-Lkw wurden vollständig zerstört, drei weitere schwer beschädigt. Der entstandene Sachschaden liegt nach Angaben der Ermittler im Millionenbereich. Der Brandanschlag auf militär-industrielles Material beziehungsweise Rüstungsinfrastruktur beschäftigt die Ermittlungsbehörden weiterhin intensiv, vergangene Woche erhöhte das LKA Thüringen die Belohnung für zielführende Zeugenaussagen auf 10.000 Euro.
6 Bundeswehr-Lkws – Der Fall Erfurt
Nach aktuellem Kenntnisstand wurden Brandbeschleuniger gezielt an den Fahrzeugen angebracht. Brisant ist zudem die Parallele zu einem nahezu identischen Vorfall am selben Ort am 1. Juni 2024, bei dem ebenfalls sechs Militärfahrzeuge in Flammen aufgingen. Ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Taten gibt, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Zusätzliche Bedeutung erhält der Fall durch die spätere Veröffentlichung von Foto- und Videomaterial auf in Russland stark genutzten sozialen Netzwerken. Ein Teil der Aufnahmen entstand offenbar erst Tage nach der Tat, möglicherweise bei einem erneuten Betreten des Geländes.
Angriffe auf Rüstungsinfrastruktur – Keine Einzelfälle
Der Anschlag reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Sabotage- und Störhandlungen gegen militärische und rüstungsnahe Infrastruktur in Deutschland. Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhielten in den letzten zwei Jahren nicht nur mutmaßliche Sabotage von Bundeswehrliegenschaften, sondern auch Unternehmen.
Im Februar 2025 wurde bekannt, dass offenbar Unbekannte Metallspäne in den Antrieb der neuen Korvette „Emden“ gekippt hatten – in der Werft. Dazu Sabotageakte gegen Güterverkehr auf der Schiene und Drohnensichtungen über Industrieanlagen von Rüstungskonzernen. Beim Berliner Brand bei Diehl Defence war ebenfalls zunächst Sabotage vermutet worden, was sich nach Abschluss der Ermittlungen jedoch nicht bestätigt hatte.
IW-Studie: Privatwirtschaft trägt Verantwortung
Dennoch: Fabriken, Wartungsbetriebe, Logistikdienstleister und industrielle Servicezentren sind ein integraler Bestandteil der Verteidigungsfähigkeit – und damit potenzielle Ziele für den Gegner im längst angelaufenen hybriden Krieg.
Eine heute vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) vorgestellte Studie definiert „die Abwehr von direkten Risiken wie Sabotage, Spionage, Cyberangriffen oder physischen Angriffen auf die Produktionsanlagen“ als eine von vier Verantwortlichkeiten der Privatwirtschaft für die Gesamtverteidigung Deutschlands.
Die Studie konzentriert sich nicht bloß auf Unternehmen, die Dienstleistungen und Produkte für die Streitkräfte anbieten, sondern auf die gesamte Privatwirtschaft. Gleichzeitig ist jedoch zu beobachten, dass immer mehr Unternehmen, die traditionell keine Rüstungsunternehmen sind, in diesem Segment Fuß fassen (wollen). Hier fehlt es möglicherweise an Sensibilisierung.
In der IW-Studie wird deutlich, dass viele Unternehmen bisher noch keine Schutzmaßnahmen gegen Angriffe von außen vorgenommen haben. Lediglich 54 Prozent aller befragten Unternehmen gaben an, Maßnahmen gegen Sabotage ergriffen zu haben, beim Werksschutz waren es sogar nur 14,6 Prozent (bei den großen Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden: 33,2 Prozent).
Lediglich das Thema Cybersicherheit scheint – nach jahrelangem medialem Interesse … im Fokus der Wirtschaft zu stehen. Hier gaben 85,8 Prozent aller (und 96,8 Prozent der großen) Unternehmen an, bereits Maßnahmen getroffen zu haben.
Erfurt – eine Mahnung
Der Fall Erfurt zeigt, dass es am Schutz von Rüstungsinfrastruktur in Deutschland noch mangelt. Die Industrie ist aufgerufen, diesen Mangel abzustellen und dringend den physischen Schutz ihrer zivilen, aber sicherheitsrelevanten Standorte neu zu bewerten.
Die IW-Studie zeigt auch, dass hier weniger die großen Player gemeint sind als mittelständische Unternehmen, die bisher oft unter dem Radar liefen. Sie zeigt aber auch, dass die Mahnung gehört wurde und dass weitere Maßnahmen ergriffen werden sollen: Zusätzliche 9,1 Prozent der Unternehmen wollen in den Schutz vor Sabotage investieren, 5,5 Prozent in den Werkschutz.
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