Schon 2008 versprach die NATO der Ukraine einen Beitritt – passiert ist seitdem nichts. Jetzt erklärt ausgerechnet der frühere Oberbefehlshaber ihrer Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, öffentlich: Das wird nie etwas. Sein Blick richtet sich längst auf mögliche Bündnisse jenseits der NATO in Europa. Angesichts des Risikos Donald Trump gewinnt diese Frage auch für den Rest Europas an Bedeutung.

Bereits auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008 wurde der Ukraine eine Mitgliedschaft in der NATO in Aussicht gestellt. Es hätte – auf Drängen des damaligen US-Präsidenten George W. Bush – alles ganz schnell gehen können, doch Deutschland und Frankreich verhinderten es aus Rücksichtnahme auf Russland.
Nach einem kurzen „Ostkurs“ unter Wiktor Janukowytsch (2010 bis 2014) setzte die Ukraine wieder konsequent auf eine Westanbindung mit dem Ziel, der NATO beizutreten. Auf diese Zeit bezog sich jetzt der frühere ukrainische Oberbefehlshaber und heutige Botschafter in London, Walerij Saluschnyj, als er von seiner tiefen Kenntnis des nordatlantischen Bündnisses sprach.
Saluschnyj zweifelt am NATO-Beitritt
Bei einer Botschafterkonferenz in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw wurde laut dem Magazin European Pravda Saluschnyj überraschend deutlich: „Ich kenne die NATO sehr gut. Zwölf Jahre lang habe ich persönlich daran gearbeitet, dass wir die NATO-Standards erfüllen, und jedes Jahr hörte ich Gerüchte, wir stünden kurz vor dem NATO-Beitritt.“ Doch seiner heutigen Einschätzung nach werde das niemals passieren.
Als Begründung führte er an, dass sich das Bündnis in seiner Struktur und Handlungslogik noch immer an Doktrinen des Zweiten Weltkriegs orientiere, während die Ukraine sich von diesem Entwicklungsstand längst emanzipiert habe. Auch die militärischen Fähigkeiten der NATO bewertete er trotz der Mitgliedschaft von Staaten wie Großbritannien oder den USA äußerst kritisch.
Alternative Bündnisse schmieden
Interessant ist, wohin Saluschnyj stattdessen blickt: Er geht davon aus, dass sich mittelfristig ein eigenständiges europäisches Militärbündnis herausbilden wird, dem sich die Ukraine anschließen könnte. Als konkretes Beispiel für ein NATO-unabhängiges Bündnis nannte er die 2014 gegründete Joint Expeditionary Force (JEF) mit maritimen Fokus. Von Großbritannien angeführt soll die JEF mit eigenen Kommandostrukturen zehn nordeuropäische Staaten in gemeinsame Einsätze führen.
Saluschnyj räumte jedoch ein, dass die JEF militärisch noch nicht das nötige Niveau erreicht hat und anders als die NATO bislang keine verbindliche Beistandsklausel im Sinne einer kollektiven Verteidigung kenne. Zwar bedauerte der Botschafter, dass die Ukraine bislang nicht aktiv auf eine Anbindung an dieses Format hingearbeitet hätte, doch stimmt dies nicht ganz: Im Mai 2025 hatte JEF die Ukraine zu einer erweiterten Partnerschaft eingeladen; Selenskyj hatte sich demgegenüber offen gezeigt.
„Europäische NATO“ längst überfällig?
Die Einschätzung von General Saluschnyj dürfte auch andere Europäer zum Nachdenken anregen, die weit über die Ukraine hinausgehen: Ist eine wie auch immer zu bezeichnende „europäische NATO“ ohne verlässliche amerikanische Rückendeckung nicht längst auch für die bestehenden Mitgliedstaaten ein realistisches Zukunftsszenario?
Die USA haben unter Präsident Donald Trump wiederholt mit Truppenabzügen aus Europa gedroht, ihre Unterstützung im Bündnisfall an vorheriges Engagement der betroffenen Mitgliedsstaaten geknüpft und – im besonders krassen Fall Grönland – die territoriale Integrität eines Bündnispartners infrage gestellt.
Muss die (US-geführte) NATO also sterben, damit eine europäische NATO leben kann? Ein solcher Umbau wäre für Europa mit noch mehr Investitionen verbunden, als in den vergangenen vier Jahren bereits angestrengt wurden. Vorstellbar wäre er.
Kanada allerdings, geografisch nordamerikanisch, aber politisch traditionell eng an Europa gebunden, bliebe dabei in einer eigentümlichen Zwischenposition: zu weit weg für ein rein europäisches Bündnis, aber möglicherweise ebenso zunehmend auf sich gestellt wie die Europäer selbst.
Das Risiko der Ungewissheit
Ein Zerfall der NATO in den kommenden Jahren erscheint eher unwahrscheinlich – die Struktur ist zu tief verankert, die Bündnistreue der meisten Mitglieder zu stabil, ein US-Austritt aktuell nicht offiziell verfolgt.
Wahrscheinlicher ist ein schleichender Bedeutungsverlust: eine NATO, die formal fortbesteht, während sich in Europa parallel eigene, unabhängigere Verteidigungsstrukturen aufbauen. Nicht als Ersatz, sondern als Absicherung gegen genau jene Unsicherheit zur NATO-Zukunftsfähigkeit, die in Saluschnyjs Aussage eigentlich enthalten ist.
Neben der erwähnten JEF könnte auch die EU ihre militärische Bedeutung ausbauen – hier gibt es immerhin eine konkrete Beistandsverpflichtung und den Willen zur Europäisierung der Verteidigungsindustrie. Doch während Trump ein enormes Risiko für die NATO darstellt, könnte es ein Wahlsieg von Marine Le Pen in Frankreich auch für die EU werden.
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