Studie: Welche Aufträge hat die chinesische Volksbefreiungsarmee?

Der amerikanische Think Tank RAND Corporation, der 1948 zur Beratung der amerikanischen Streitkräfte gegründet wurde, veröffentlichte kürzlich eine ausführliche Analyse zur Taktik der chinesischen Volksbefreiungsarmee (VBA) und welche Maßnahmen die USA ergreifen könnten, um diese zu stören. Welche Ziele verfolgt die VBA und mit welchen Aufträgen sollen diese erreicht werden?

Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee VBA bei einer Übung in der Mongolei.
Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee VBA bei einer Übung in der Mongolei.
Foto: US-Marine Corps/Hilda Becerra

Zum ersten Mal nach Ende des Kalten Kriegs sehen sich die USA einem ebenbürtigen Gegner gegenüber: der Volksrepublik China und der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Zwar ist das Risiko eines Kriegs mit einer direkten Konfrontation zwischen den beiden Supermächten – beispielsweise in Folge einer Eskalation in Bezug auf die Taiwan-Frage – nach wie vor gering, doch das Risiko von Konflikten mit niedriger Intensität besteht im Indopazifik zweifelsfrei.

Die Autoren der RAND-Studie führen an, dass es bereits zahlreiche Studien zu Szenarien eines großen Krieges gäbe, während ein Konflikt niedriger Intensität bisher wenig erforscht sei, obwohl „einige Analysten hybride, irreguläre und andere Varianten eines Krieges niedriger Intensität für eine wahrscheinlichere Form des Konflikts zwischen den USA und China als einen groß angelegten konventionellen Krieg halten, da die Kosten eines solchen Konflikts für beide Seiten überwältigend wären.“ Sie betonen jedoch auch, dass es bisher noch keine öffentlich zugänglichen Informationen darüber gäbe, dass die chinesische Regierung überhaupt an einer Konfrontation mit den USA interessiert wäre – gerade Konflikte niedriger Intensität (auch außerhalb des Indopazifiks durch die Volksbefreiungsarmee oder Stellvertreter im Nahen Osten oder Südamerika) sind nicht auszuschließen.

Analyse der Aufträge, Aufgaben und potenziellen Schwachstellen der Volksbefreiungsarmee

In der Nationalen Verteidigungsstrategie der USA für das Jahr 2022 hieß es, China stelle „die umfassendste und ernsthafteste Herausforderung für die nationale Sicherheit der USA“ dar, da es versuche, „die indopazifische Region und das internationale System so umzugestalten, dass es seinen Interessen und autoritären Präferenzen entspricht.“

Die RAND-Studie konzentriert sich eben auf diese Umgestaltung und überlegt, mit welchen Einzelaufträgen die VBA diese erreichen könnte. Exemplarisch werden 16 unterschiedliche Aufträge genannt, die von der Landesverteidigung und dem Schutz der kommunistischen Herrschaft vor separatistischen bzw. revolutionären Bestrebungen im Inneren bis zu gewaltsamen Stürzen von als bedrohlich wahrgenommener Regierungen anderer Staaten reichen. Unterschieden werden diese möglichen Aufträge in defensive und offensive Ausprägungen, sowie nach Wettbewerb in Friedenszeiten und in einen amerikanisch-chinesischen Konflikt niedriger Intensität.

Beispiel eines angenommenen Auftrags

Als möglicher Auftrag der chinesischen Volksbefreiungsarmee im Konflikt niedriger Intensität mit offensivem Charakter beschreibt die RAND-Studie beispielsweise die Bedrohung von Territorium und Souveränität eines Verbündeten oder Partners der USA im Indopazifik. Als Beispiel wird Myanmar genannt, wo seit dem Militärputsch 2021 ein Bürgerkrieg mit zahlreichen Separatistengruppen herrscht. Eine Unterstützung seitens China soll hier Waffenlieferungen und möglicherweise auch die Ausbildung durch VBA-Personal umfassen. Letztendlich soll so die Kontrolle über die von der pro-chinesischen United Wa State Army (USWA) kontrollierte Region zugunsten Chinas gesichert werden. Außerdem fungiert die USWA als Mittler zwischen China und anderen bewaffneten Gruppen in Myanmar, für die sie Waffenlieferungen organisiert. Bei Erfolg könnte Peking versuchen, ein solches Vorgehen auch anderswo zu wiederholen. Rivalisierende und mit den USA kooperierende Staaten könnten so bestraft werden.

Schwachstellen der chinesischen Volksbefreiungsarmee

Aus der bisherigen Erfahrung vorheriger Konflikte niedriger Intensität mit chinesischer Beteiligung und der Analyse anderer Studien stellen die Autoren der RAND-Studie auch Schwachstellen der chinesischen Volksbefreiungsarmee fest. Die zunächst allgemein formulierten Punkte werden in der Studie je nach untersuchtem Auftrag betrachtet.

Mögliche Schwachstellen der VBA:

  • Befürchtung einer innerchinesischen Instabilität, durch Verschärfung interner Spannungen in China aufgrund übermäßiger Repression, Politisierung des Militärs, hohen Verlusten oder peinlichen militärischen Fehlschlägen
  • Sorge vor einer ungewollten Konfliktausweitung in Kombination mit Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Aussichten Chinas
  • Furcht vor Reputationsverlust Chinas könnte Handlungen der VBA beeinflussen
  • Geringe Unterstützung von Verbündeten, da diese fehlen oder wenig bis keine Motivation haben, China zu verteidigen
  • Eingeschränkte Fähigkeit der VBA, militärische Operationen fernab des chinesischen Festlandes durchzuführen, was wiederum Stellvertreterkonflikte beispielsweise in Südamerika unwahrscheinlich mache
Marine Corps General Joseph F. Dunford Jr., damaliger Generalstabschef der USA, trifft General Song Puxuan von der chinesischen Volksbefreiungsarmee in deren Stützpunkt in Shenyang/China im August 2017. Foto: U.S. Navy/Dominique A. Pineiro
Gesprächskanäle existieren auch beim Militär: Marine Corps General Joseph F. Dunford Jr., damaliger Generalstabschef der USA, trifft General Song Puxuan von der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf deren Stützpunkt in Shenyang/China im August 2017.
Foto: U.S. Navy/Dominique A. Pineiro

Handlungsmöglichkeiten der USA werden aufgezeigt

Auch wenn möglicher Erfolg und Ressourcenansatz nicht berücksichtigt werden, so geht die RAND-Studie dennoch auf mögliche Handlungsansätze der USA ein. Basierend auf den oben genannten Schwachstellen der chinesischen Volksbefreiungsarmee wird vorgeschlagen, die chinesischen Ziele durch Verbündete zu stören, selbst zu vereiteln und den Boden für eigene Strategien zu ebnen. So weit, so verständlich. Konkret werden die vier defensiven und vier offensiven Aufträge der VBA im hypothetischen Konflikt niedriger Intensität zwischen den USA und China am Ende der Studie zusammengefasst und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen.

Die Autoren nennen ihr Konzept strategic disruption (strategische Störung) und verstehen darunter gezielte US-Kampagnen zur Störung der VBA, um Chinas Verwirklichung eigener Kernziele zu verzögern, zu beeinträchtigen oder zu verhindern. Je nach Auftrag der chinesischen Volksbefreiungsarmee könnten die USA Druck auf chinesische Partnerstaaten aufbauen oder die Einschätzung der Kosten-Nutzen-Rechnung Chinas zu dessen Ungunsten beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise eine Konzentration auf negative Folgen chinesischer Interventionen. Um im oben erwähnten Beispiel Myanmar zu bleiben, könnten die USA international den Fokus auf die Drogenproduktion der UWSA oder die Verstrickungen des stellvertretenden Oberbefehlshabers Bao Ai Chan in chinaschädlichen Cyber-Betrug lenken.

Die RAND-Studie ist lediglich ein kleiner Baustein des Bildes, welches derzeit das Verhältnis zwischen den USA und China beschreibt. Doch sie macht deutlich, dass seitens der Amerikaner hart daran gearbeitet wird, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Neben der Möglichkeit eines heißen Krieges mit der chinesischen Volksbefreiungsarmee – beispielsweise nach einer Eskalation um Taiwan – kann dies ebenso ein Konflikt niedriger Intensität an einem anderen Ort im Indopazifik sein.

Navid Linnemann

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