Die INTEC Gruppe hat sich kürzlich einem umfassenden Rebranding unterzogen – doch das war erst der Anfang. Ihre Haupteignerin Armira hat vor kurzem mit AEGIRON eine neue große Defence-Plattform für den europäischen Markt gegründet, die auf fünf Säulen basieren soll. Christoph Otten, CEO der INTEC Gruppe und AEGIRON GmbH, erklärt im Gespräch mit Defence Network die ambitionierte Strategie, die Armira mit INTEC und der neuen Defence-Plattform AEGIRON verfolgt – von Performance-Based-Logistics über digitale Zwillinge bis zur eigenen Produktfertigung in Deutschland.
Können Sie einleitend ein paar Worte darüber sagen, wie Sie selbst in die Defence-Branche gekommen sind?
Nach 15 Jahren bei der Bundeswehr schied ich 2008 aus, weil in der Zeit der Friedensdividende die Mittel für Ersatzteile fehlten und viele Verbände aufgelöst wurden. Ich wollte allerdings mit Aufbau zu tun haben, nicht mit Abbau.
Ich kam zur ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH, wo ich das Programm-Management für Systeme wie P-3C Orion und Transall aufbaute. Nach sieben Jahren wechselte ich zu E.I.S. Aircraft, wo wir Red-Air-Training mit PC-9-Flotten betrieben und Forward Air Controller ausbildeten. Nach dem Verkauf an QinetiQ baute ich dort als Managing Director die QinetiQ Deutschland auf.
2020 kam ich als CEO zur ESG zurück und führte das Unternehmen durch eine erfolgreiche Weiterentwicklung bis zum Verkauf an HENSOLDT. Danach entstand die Idee, einen neuen Defence-Player aufzubauen.
Das war der Beginn Ihrer Karriere bei INTEC?
Genau. Mitte 2024 kam die Armira auf mich zu. Ich kannte die INTEC bereits als Unterauftragnehmer der ESG, unter anderem von der Zusammenarbeit in Nordholz. Nach Signing und Closing übernahm ich im Oktober 2024 die Geschäftsführung.
Die 1999 gegründete INTEC hatte da etwa 280 Mitarbeiter an 11 Standorten und war in ziviler Luftfahrt, Militär und Automotive aktiv. In den ersten 90 Tagen lernte ich die DNA des Unternehmens kennen. Im Januar und Februar 2025 kauften wir dann drei Tochtergesellschaften dazu und verdoppelten damit auf rund 500 Mitarbeiter.
Wir stellten uns komplett neu auf, aus einer GmbH wurde eine Holding und dann eine Gruppe. Auch inhaltlich wurde restrukturiert; gespiegelt am Bundeswehr-Setup Luft, Land, See, Cyber. Erst vor ein paar Wochen unterzogen wir die INTEC zudem einem umfassenden Rebranding.
Die heutige INTEC Gruppe ist ein Service- und Integrationshaus und steht für logistische Betreuungsleistungen sowie Systemintegration.
Sie sprachen das Rebranding an. Was wollten Sie damit erreichen?
Nach der Übernahme von drei Unternehmen im letzten Jahr brauchten wir eine gemeinsame Identität. Mit dem Rebrand tragen jetzt vier Gesellschaften das gleiche Trikot, und jeder hat seine Berechtigung und seinen Wert – zusammen sind wir ein starkes Team. Wir haben hohe Bewerberzahlen und bekommen Top-Leute, obwohl am Standort Oberpfaffenhofen große, in unserer Branche sehr bekannte, Akteure sitzen. Wir sind stark Entrepreneurship-getrieben, und junge Menschen wollen bei uns mitgestalten – genau das macht uns, denke ich, so attraktiv.
Wie arbeitet die INTEC heute?
Wir betreuen militärische Systeme über ihren gesamten Lebenszyklus – angefangen bei der Dokumentation über Konfigurationsmanagement bis hin zu logistischen Dienstleistungen, Materialbewirtschaftung und Systemintegration. Also klassisch – wir kümmern uns um die Herstellung der Einsatzreife sowie den Erhalt der Versorgungsreife.
Ein Beispiel hierfür ist unsere Unterstützung entlang der Material- und Instandhaltungslogistik. Dabei übernehmen wir Material aus industriellen Lieferketten und stellen es dem militärischen Nutzer im Rahmen eines Performance-Based-Logistics-Ansatzes bedarfsgerecht zur Verfügung. Ergänzend unterstützen wir das Monitoring und die Steuerung der Materialbewirtschaftung sowie Leistungen im Bereich der technischen Dokumentation.
Wichtig hierbei ist, dass das Verhältnis von Beschaffungs- zu Nutzungskosten bei etwa 20-30 zu 70-80 Prozent liegt. Soll durch Optimierung Geld eingespart werden, muss also genau hier bei den Nutzungskosten angesetzt werden. Dafür sind wir der geeignete Partner.
Nutzung im Sinne von Ersatzmaterial oder Personal?
Nutzung im Sinne von Betriebskosten – wir sprechen von CAPEX versus OPEX. Die Flotte muss betrieben werden mit Kraftstoff, Personal, Wartung durch das Industrienetzwerk. Diese Betriebskosten machen eben 70 bis 80 Prozent der Gesamtkosten aus.
Sie erläuterten gerade die klassischen logistischen Dienstleistungen, die INTEC erbringt und erwähnten kurz die Systemintegration. Was sind hier die INTEC-Leistungsanteile?
Genau, unser zweiter Schwerpunkt ist die Systemintegration, bei der wir als OEM-unabhängiges und produktneutrales Unternehmen mit unserer Engineering-Kompetenz Produkte in Plattformen einbringen.
Ein Beispiel aus dem Bereich See: In Wilhelmshaven haben wir Ingenieurkompetenz für Ballistic Air Missile Defence aufgebaut, komplett mit Simulationsumgebung. Unser Team aus ehemaligen Marine-Operateuren kann Integrationen testen und Anomalien vermeiden. Dabei etablieren wir auch digitale Zwillinge der Systeme.
Im Landbereich haben wir in Mülheim zwei große Hallen für Container-Integration zur Verfügung und eine Partnerschaft mit ELA Container geschlossen. In diesem Setting sind wir bei namhaften Ausschreibungen dabei.
Mit digitalen Zwillingen bauen wir von Anfang an Datenbasen auf, die für verlässliche Prognosen sorgen. Je mehr Daten wir sammeln, desto besser funktioniert Predictive Maintenance. Wir haben dafür jüngst eine Partnerschaft mit Dataciders in Berlin geschlossen.
Zu den digitalen Zwillingen – konkrete Beispiele?
Wir wollen nicht wieder in die Tornado-Situation kommen, wo Ersatzteile fehlten und man gesteuerte Ausbauten machen musste – das war ein Riesenaufwand, der zu geringen Flugstunden führte. Bei der heutigen Komplexität der Systeme braucht es einfach digitale, KI-unterstützte Lösungen.
Die KI erkennt also frühzeitig, wann etwas ausgetauscht werden muss?
Genau. Je länger man die Plattform nutzt und je kontinuierlicher man Daten sammelt, desto besser kann man prognostizieren, wann welche Teile ausfallen werden. Bei der Entwicklung testet man die Mean Time Between Failure, und wenn ich weiß, dass etwas im nächsten Jahr kaputtgeht, kann ich früh reagieren, statt Teile unnötig im Lager zu binden oder überlagern zu lassen.
Mit Predictive Maintenance können wir vorhersagen, wann Ausfälle zu erwarten sind – und zwar bevor der Lieferant in eine günstige Situation kommt, in der er die Preise diktieren kann. Wenn man von unterschiedlichen Lieferanten bezieht, spart das eine Menge Geld. Nur so können wir diese 80 Prozent Betriebskosten wirklich sinnvoll nutzen.
Müssten wir da auch europäischer denken?
Definitiv. Ich versuche immer zu vermeiden, politische Statements öffentlich abzugeben, aber wir haben die Situation der „United States of America, Divided States of Europe“. Wenn man sich anguckt, wer alles F-35 beschafft, hätten wir gemeinsam eine Riesenflotte.
Mit Pooling und Sharing sollten wir hier europäisch arbeiten, frühzeitig Daten sammeln, gemeinsam einkaufen und mehrere Lieferanten haben, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Wir denken vielleicht europäisch, aber wir handeln nicht europäisch.
In welche Richtung geht die INTEC in der Zukunft?
Wir planen organisches und anorganisches Wachstum. Bis Ende 2026 wollen wir auf etwa tausend Mitarbeiter verdoppeln. Wir sehen uns als das deutsche OEM-unabhängige, produktneutrale Unternehmen – der ideale Partner, wenn größere OEMs nicht direkt zusammenarbeiten wollen. Die INTEC Gruppe soll das Servicehaus der Zukunft werden.
Sie gehen derzeit allerdings einen Schritt weiter …
Das ist die eigentliche Story: Wir haben gerade über der INTEC Gruppe eine Armira-Defence-Plattform aufgebaut: die AEGIRON GmbH. Armira ist eine deutsche Investmentholding aus München, die Unternehmerkapital für unternehmerische Partnerschaften mit langfristigem Horizont bereitstellt.
Der entscheidende Unterschied gerade zu Start-ups in der Defence-Branche ist: Wir setzen auf nachhaltiges Wachstum und müssen profitabel sein – es gibt keine wiederkehrenden Finanzierungsrunden. Die AEGIRON ist die strategische Plattform von Armira für Defence & Security und sieht sich als der strategische Partner für Europas Sicherheit. Sie übernimmt Strategie- und Beratungsdienstleistungen für die Tech-, Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie deren Investoren.
Ich repräsentiere die AEGIRON GmbH gemeinsam mit Jens Westernhagen, Partner bei Armira, Dr. Stefan Zoller, ehemaliger Airbus-Deutschlandchef, und General a.D. Christian Badia.
Neben der INTEC Gruppe als Servicehaus haben wir zudem gerade ein weiteres Unternehmen aufgestellt, das sich auf eigene Produkte konzentriert: die EUROBOTICS GmbH.
Das klingt spannend. Welche Produkte werden die Firmen der AEGIRON, respektive die EUROBOTICS, dann auf den Markt bringen und wofür steht die EUROBOTICS?
Die EUROBOTICS steht für integrierte unbemannte Systeme, die nicht isoliert arbeiten, sondern als vernetztes Gesamtsystem gedacht sind. Unser Ziel ist es, Multi-Domain-Operationen technisch beherrschbar, interoperabel und einsatzbereit zu machen.
Wir haben beispielsweise eine Partnerschaft mit einem australischen Unternehmen geschlossen, dessen Unterwasserdrohnen wir dann in Deutschland mit der EUROBOTICS produzieren können. Dazu wird unsere Produktpalette auch Überwasserdrohnen, fliegende Drohnen, Landsysteme und UGVs umfassen. All diese Produkte sind vernetzt, haben gemeinsame Software und werten die Daten intelligent aus.
Wir denken also nicht in einzelnen Plattformen, sondern in Systemarchitekturen. Entscheidend ist nicht das einzelne unbemannte Fahrzeug, sondern das Zusammenspiel aus Plattformen, Sensorik, Führungsarchitektur und Missionssoftware.
Unser Anspruch ist es, operative Lücken zu schließen und Entscheidungsfähigkeit zu erhöhen – mit zuverlässigen, skalierbaren und langfristig betreibbaren unbemannten Systemen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg. Unser Ansatz dabei ist „smart, many & affordable“ – also hohe Stückzahlen, die in Deutschland produziert werden. Wir bauen eine Produktionsstätte auf und haben in Mülheim bereits die Assembly-Infrastruktur.
Wohin geht für Sie die Reise noch?
Die Reise hat gerade erst begonnen. Mit AEGIRON formen wir aus klaren Säulen eine kraftvolle Defence-Plattform, die Erfahrung, Innovationskraft und Geschwindigkeit vereint: Die INTEC Gruppe als verlässliches Servicehaus, EUROBOTICS mit ihren smarten Produkten – und weitere Säulen, die folgen werden. So entsteht ein moderner Akteur mit Haltung, Substanz und Ambition, der Verantwortung übernimmt und Zukunft gestaltet.
Wir entwickeln den Mittelstand weiter, statt ihn zu ersetzen. Denn es sind genau diese Unternehmen, die über Jahrzehnte Verantwortung getragen und die Bundeswehr – oft im Schatten der Aufmerksamkeit – auch in schwierigen Zeiten verlässlich unterstützt haben. Diese Erfahrung verbinden wir jetzt mit Innovationskraft, intelligenten und skalierbaren Produkten und der Entschlossenheit eines Start-ups.
So entsteht etwas Neues aus Bewährtem: ein Ökosystem, das Tradition und Zukunft vereint. Nicht laut, sondern wirksam. Nicht kurzfristig, sondern dauerhaft. Und immer mit dem Anspruch, Verantwortung nicht nur zu tragen – sondern sie aktiv zu gestalten.

Hinweis: Ab morgen wird die EUROBOTICS auf der XPONENTIAL Europe in Düsseldorf zum ersten Mal auftreten und freut sich auf einen Besuch in Halle 1, Stand D69.
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