Europa plant den großen Wurf zur See: Mit der European Combat Vessel (ECV) soll erstmals eine gemeinsame Familie moderner Kriegsschiffe entstehen. Noch ist kein Stahl geschnitten, doch die Anforderungen sind definiert – modular, vernetzt und für den Krieg von morgen gedacht. Bei der European Defence Agency (EDA) fiel gestern der Startschuss für eine Kooperation, die Europas Marinen, Industrie und Machtprojektion nachhaltig verändern könnte. Die Rolle Deutschlands ist dabei bisher unklar. Das Defence Network hat sich die Vorstellung der Anforderungen in Brüssel angesehen.
Es ist noch ein langer Weg, bis aus der European Combat Vessel (ECV) ein tatsächlich schwimmendes Schiff entstanden ist. Doch irgendwo muss man einmal anfangen. Das werden sich auch die europäischen Industrievertreter gedacht haben, die gestern morgen in Brüssel dem Vortrag der EDA lauschten.
Bereits am 19. November 2024 unterzeichneten sieben EU-Mitgliedsstaaten – Spanien (Koordinator), Portugal, Italien, Belgien, die Niederlande, Zypern und Griechenland – einen Letter of Intend. Absicht: Die gemeinsame Entwicklung einer neuen Familie multi-modularer Kriegsschiffe zu entwickeln, die den zukünftigen Herausforderungen weltweit begegnen kann.
Im vergangenen Jahr wurden durch die Marinen der beteiligten Länder High Level Requirements definiert. Diese lagen dem Vernehmen nach bereits Mitte 2025 vor, konnten aber erst gestern Vertretern der Industrie präsentiert werden.
„Wir sprechen nicht über Lösungen“, erklärte Jürgen Scraback, Head of Unit Maritime Domain bei der EDA. „Wir sprechen über unsere Anforderungen.“ Man sei für jede Lösung der Industrie offen, solange sie in die Anforderungen passe. Das sei auch der Grund dafür, dass die symbolisch erstellten Grafiken, welche die EDA für das Thema ECV nutzt, sehr unterschiedlich, teils futuristisch ausfallen.
ECV mit „from systems to hull“-Ansatz
Die zweite Erkenntnis der aufgestellten Anforderungen lautet: Bei der European Combat Vessel geht es gar nicht um ein Schiff, sondern um eine Schiffsfamilie, die in drei unterschiedlichen Größen (etwa von 1.500 bis 8.000 Tonnen) definiert wird. Jede Größe muss unterschiedliche Anforderungen erfüllen – vom Tiefgang bis zur Anzahl mitzuführender Bordhubschrauber.
Als dritte Erkenntnis muss festgehalten werden, dass bei der European Combat Vessel mit einem „from systems to hull“-Ansatz vorgegangen wird. Nicht der Rumpf steht im Mittelpunkt, sondern ein offenes, modular aufgebautes Systemdesign, das unterschiedliche nationale Anforderungen zulässt. Für die ECV soll das Schiff um die Fähigkeiten herum gebaut werden.
Ebenso modular wird bei der Entwicklung vorgegangen. Die EDA sieht sechs Arbeitsgruppen vor, an denen sich Unternehmen mit ihren Ideen beteiligen können. Hier soll der Fokus der Arbeit liegen. Diese ECV-Arbeitsgruppen sind:
- Arbeitsgruppe: Navigationsfähigkeit
Stabilität, Seetüchtigkeit, Manövrierfähigkeit, Aufbauten, Tiefgang, Reichweite und Ausdauer, Unterbringung
- Arbeitsgruppe: Kampfsystem
Wahrnehmungsfähigkeiten (Sensoren), Kampfmanagementsystem, taktische Datenverbindungen, Effektoren (Waffensysteme)
- Arbeitsgruppe: Luftfahrtfähigkeit
Flugbetrieb, Flugdeck, Hangar, UAS-Fähigkeit
- Arbeitsgruppe: Kommunikations- und Informationssysteme
C5ISRT, Satellitenverbindung, Funkfähigkeiten
- Arbeitsgruppe: Rumpfkonstruktion
Kiel?, Tragflügelboote!, Katamaran/Trimaran?, Disruptive Materialien…
- Arbeitsgruppe: Sonstiges
Cyber-Resilienz, kleine Boote, Spezialeinsätze, CBRN, RAS-Fähigkeiten, medizinische Einrichtungen, Modularität
Herauskommen soll eine ECV-Familie, die von Beginn an auf Interoperabilität innerhalb von EU und NATO ausgelegt ist. Die Schiffe sollen je nach Ausrüstung für die Luftverteidigung, den Über- und Unterwasserkampf oder als Führungsplattform eingesetzt werden können. Ballistic Missile Defence, kooperativer Zielbekämpfung sowie der Integration bemannter und unbemannter Systeme in allen Domänen inklusive.
„Die europäischen Marinekampfschiffe bieten eine perfekte Gelegenheit, die Wertschöpfungsketten der europäischen Industrie weiter zu integrieren“, ist Scraback überzeugt. Die European Combat Vessel habe das Potenzial, „weitreichende Auswirkungen auf die technologische und wirtschaftliche Bedeutung Europas“ zu haben.
Was macht Deutschland?
Noch Ende des Monats soll ein Call for Papers der EDA folgen. Unternehmen können sich dann mit ihren Ideen für die einzelnen Workgroups bewerben. Hierbei gilt ausdrücklich nicht, dass nur die Unternehmen der beteiligten sieben Nationen zum Zuge kommen sollen.
Als „bedeutender Systemintegrator im Bereich des Baus von Überwasserkampfschiffen“ steht beispielsweise die NVL bereit, mit den „Partnern der europäischen Vereinigung SEA Naval aktiv mitzugestalten und voranzutreiben“, wie das Unternehmen auf Nachfrage von Defence Network mitteilte. Man unterstütze bereits im Rahmen der SEA Naval bei der Technologieanalyse und die Entwicklung eines Business Case ECV.
Die NVL bewertet die von der EDA angestrebte „Harmonisierung und Standardisierung der maritimen Plattformarchitektur“ sowie „die Integration der neuesten Technologien mit gemeinsamen Subsystemen für verschiedene Größen- und Leistungsklassen“ als positiv – für die Marinen als auch die Industrie.
Deutschland selbst ist keine Partnernation bei der ECV und hat den Letter of Intent nicht unterzeichnet. Wenngleich in Brüssel zu hören ist, dass die deutsche Industrie sich genau dafür stark gemacht habe. Zumindest je einen Beobachter schickten das Verteidigungsministerium und die deutsche Marine zur EDA – man wolle sich alle Optionen offen halten.
Leinen los zum nächsten Hafen
Als Koordinator verfolg Spanien den Ansatz, aus der European Combat Vessel ein PESCO-Projekt zu machen, um weitere Finanzmittel zu erhalten und die Staatsspitzen der beteiligten Nationen enger an das Projekt zu binden. Diese Möglichkeit soll in diesem Jahr geprüft werden.
Nach dem bereits erwähnten Call for Papers soll im Mai ein Industrie-Workshop folgen, bei dem konkret und detailliert über die Anforderungen gesprochen wird. Der Plan der EDA sieht vor, bis Dezember 2027 den Business Case erstellt zu haben, um dann von 2028 bis 2035 in die Phase des Prototypings überzugehen.
Ab 2035 soll die Initial Operating Capability (IOC) vorhanden sein – eine erste European Combat Vessel mit Erstbefähigung. Die ursprünglich vereinbarte Roadmap sah noch eine Fertigstellung des ersten Schiff in den 2040er Jahren vor. Doch einige der beteiligten ECV-Nationen drängen zur Eile, hieß es in Brüssel.
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