Evakuierungsdrohnen: Die Wahrheit über die Vorreiterrolle der Ukraine

Navid LinnemannNavid Linnemann

In einer gestern veröffentlichten Meldung behauptete das ukrainische Verteidigungsministerium, als erstes Land Evakuierungsdrohnen entwickelt zu haben. Ungeachtet des jüngsten ersten Einsatzes einer solchen Drohne spielen auch Systeme wie die Grille von Avilus eine Rolle. Die Behauptung des Ministeriums geht zu weit, wie der folgende Beitrag zeigt.

Evakuierungsdrohne: Ukrainisches Video zeigt die erstmalige Evakuierung eines Verwundeten via Drohne.
Ukrainisches Video zeigt die erstmalige Evakuierung eines Verwundeten via Drohne.
Screenshot: Verteidigungsministerium Ukraine

Unter der Überschrift „Ukraine is the first in the world to develop evacuation drones“ veröffentlichte das ukrainische Verteidigungsministerium gestern einen Beitrag zu Evakuierungsdrohnen. Darin heißt es, man sei „weltweit das erste Land, das unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs) zur Evakuierung als spezielle Fähigkeit entwickelt“ habe – ein Anspruch, der so nicht stimmt.

Ungeachtet dessen ist der Anlass für den Bericht richtig und bedeutsam: Vor wenigen Tagen konnte durch die Ukraine erstmals ein Verwundeter via unbemanntem Flugsystem evakuiert werden.

Rettung mit Einschränkungen

Laut Ministerium wurde ein Infanterist der 30. mechanisierten Brigade mit einem Hexakopter vom Typ Heavy Shot Ayudag-6 aus einer blockierten Stellung geholt. Die Vorbereitung dauerte Monate. Der Mann hatte sich selbst einen Unterschenkel amputiert, um zu überleben. Seine Kameraden waren längst gefallen.

Die für die Evakuierung notwendige Ausrüstung war dem Soldaten vorab ebenfalls von Drohnen abgeworfen worden; er musste sich selbst an der Seilwinde sichern. Benachbarte Einheiten starteten Bomberdrohnen, um gegnerische Abfangdrohnen vom Rettungsfluggerät abzulenken. Ein letztlich erfolgreicher Einsatz mit hohem Aufwand.

Dennoch zeigt die Rettungsaktion das Gegenteil eines Routineverfahrens. Berichte beschreiben den Flug über einen mittleren zweistelligen Kilometerbereich als außergewöhnlich: Der Passagier hing in einem offenen Gurtzeug, ohne geschlossenen Schutz und ohne medizinische Überwachung an Bord. Außerdem heißt es, die Rettung aus der Luft wurde nur versucht, da alle anderen Wege versperrt waren.

Das würde erklären, warum die Evakuierung überhaupt via Drohne versucht wurde. In einem Krieg, in dem das Gefechtsfeld gläsern geworden ist und fliegende Systeme an der Front ebenso zur allgegenwärtigen Bedrohung als auch Zielscheibe geworden sind, sinkt besonders für große Drohnen – und deren menschliche Passagiere – die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Evakuierungsdrohnen: Zwei ukrainische Systeme

Doch was einmal funktioniert, kann auch ein zweites Mal funktionieren. Daher ist das ukrainische Streben nach Evakuierungsdrohnen verständlich. Das Ministerium nannte gestern zwei Systeme, die hierzu entwickelt worden seien: Die Ayudag-6 ist jedoch kein speziell gebauter Rettungswagen für die Luft.

Hexakopter mit sechs Rotoren, sechseckigem Rahmen, roten Akkupaketen und zentraler zylindrischer Nutzlast im Flug vor hellem Himmel
Die ukrainsche schwere Transportdrohne Ayudag-6 transportierte 130 Kilogramm.
Foto: Gurzuf Defence

Die Drohne gehört zur Heavy-Shot-Reihe von Gurzuf Defence, die in erster Linie Fracht und Munition transportiert. Das Ministerium gibt ihr Gewicht mit 98 Kilogramm und die Nutzlast mit 130 kg an. Als Reichweite wurden 15 Kilometer genannt. Es soll eine solche Drohne gewesen sein, die für die erfolgreiche Evakuierung in der Ukraine verantwortlich war – spätestens hier fällt die Einschränkung durch die geringere Reichweite auf. In manchen Berichten heißt es daher, man habe speziell für diese Version zusätzliche Batterien verbaut.

Das zweite System – StarGate von SkyFall – wurde dagegen tatsächlich als Evakuierungsdrohne konzipiert. Das System soll in zehn Minuten einsatzbereit sein. StarGate trägt 150 Kilogramm bei bis zu 105 Stundenkilometer und beinhaltet auch ein Sanitätsmodul mit Trage.

KI-gestützte Software lässt es selbstständig eine Route planen und in einen sicheren Bereich zurückkehren, sollte die Navigation gestört werden. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums hätten Soldaten des Regiments CODE 9.2 die StarGate bereits für zwei Evakuierungen innerhalb einer Woche genutzt.

Die für CASEVAC-Einsätze entwickelte StarGate-Drohne aus der Ukraine.
Die für CASEVAC-Einsätze entwickelte StarGate-Drohne aus der Ukraine.
Foto: Skyfall

Die evakuierten Soldaten hätten sich fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt befunden, wo schwieriges Gelände, Wasserhindernisse und die Bedrohung durch FPV-Drohnen eine Rettung am Boden unmöglich gemacht hätten.

Die Evakuierungsdrohne stützt sich auf Starlink-Terminals und das eigene L-Link-System von SkyFall. Sie soll 15 Kilometer zum Verwundeten und zurückfliegen können.

Zeitleiste widerspricht Ministeriumsdarstellung

Der ukrainische Bericht nennt 2024 als Beginn der Entwicklung, als man folgende Anforderungen für Evakuierungsdrohnen aufgestellt habe:

  • Das unbemannte Flugzeug muss 130 Kilogramm zuverlässig über eine Strecke von mindestens 15 km transportieren können;
  • Um in einer EW-Umgebung überleben zu können, müssen die Drohnen über ein integriertes Kommunikationssystem (mindestens drei alternative Typen) verfügen.

Doch bereits in Folge des Libanon-Krieges 2006 formulierten die israelischen Streitkräfte einen operativen Bedarf an einer unbemannten VTOL-Plattform für Nachschub und medizinische Evakuierung von der Front. Die Antwort darauf war die Cormorant-Plattform von Tactical Robotics; einem Unternehmen, das den Betrieb heute eingestellt hat.

Unbemanntes Luftfahrzeug Cormorant von Tactical Robotics im Schwebeflug über einem Hallendach mit sichtbaren Mantelpropellern
Das unbemannte Senkrechtstart-Fluggerät Cormorant des israelischen Entwicklers Tactical Robotics wurde für Versorgungs- und Rettungseinsätze konzipiert.
Foto: Urban Aeronautics

Bei einer Vorführung 2018 flog die israelische Evakuierungsdrohne autonom mit einem medizinischen Dummy an Bord. Ein vom Chefarzt der IDF gestelltes Überwachungsgerät übermittelte Vitalwerte, und eine Kamera ermöglichte die Zwei-Wege-Kommunikation mit dem „Patienten“.

Weitere Entwickler folgten: So stellte BAE Systems im Februar 2024 auf der World Defense Show eine Casevac-Version seiner schweren Drohne T-650 vor. Im Oktober 2024 wählte das Army Applications Laboratory der US-Armee LIFT Aircraft und Near Earth Autonomy aus, um eine Nutzlast für Blutversorgung und Verwundetenevakuierung zu entwickeln.

Auch in Deutschland fand eine entsprechende Entwicklung einer Evakuierungsdrohne statt. Laut dem Unternehmen Avilus evaluiert die Bundeswehr das UAV Grille bereits seit 2021 im Rahmen ihres Drone Innovation Hub, dessen zweiter Prototyp 9X-02 seinen Erstflug am 14. August 2024 auf dem Testgelände der WTD 61 in Manching absolvierte.

Als die ukrainische Anforderung an Evakuierungsdrohnen im Jahr 2024 festgelegt wurden, gab es bereits mehr als nur eine Plattform, welche die geforderten Fähigkeiten erfüllten oder wenigstens daran arbeiteten, sie zu erfüllen.

Die Grille

Die Grille ist ein unbemanntes Schwerlastfluggerät für Patiententransport und medizinische Evakuierung (Military Medicine berichtet bereits 2023). Sie verfügt über eine modulare Kabine mit Erste-Hilfe-Ausstattung, Überwachung der Vitalwerte im Flug und Videounterstützung für die psychologische Betreuung aus der Ferne. Sie fliegt vollautonom, mit störungsresistenter Navigation, redundanter Avionik und redundantem Antrieb sowie einem Notfallfallschirm.

Unbemannte Sanitätsdrohne Grille von Avilus mit Bundeswehr-Fleckentarnung im Flug über einer Baumreihe
Die unbemannte Sanitäts- und Rettungsdrohne Grille des Herstellers Avilus beim Erstflug 2024.
Foto: Avilus

Zwei Bediener können sie in 15 Minuten ohne Werkzeug einsatzbereit machen und sie passt in einen 20-Fuß-ISO-Container. Die aktuelle Grille 9X ist vollelektrisch, mit einer angegebenen maximalen Nutzlast von 175 kg, einer Reichweite von 51 km und einer Reisegeschwindigkeit von 86 Stundenkilometern.

Unter Gefechtsbedingungen wurde sie (soweit bekannt) bisher nicht getestet. Doch im April 2026 beauftragte die Bundeswehr Avilus mit der Lieferung zwei fliegender Systeme, Flugversuchen und Bedienerschulungen, damit das System an die Anforderungen des Sanitätsdienstes angepasst werden kann.

Evakuierungsdrohnen im Vergleich

Der Vergleich mit den bisher bekannten Systemen aus der Ukraine spricht bei Kabine, Überwachung und Reichweite für die Grille. Sie ist aber ein deutlich größeres Fluggerät (maximales Startgewicht 750 Kilogramm) und wurde in einem von FPV-Drohnen und Störsendern gesättigten Umfeld bisher nicht erprobt. Die ukrainischen Systeme haben, was der Grille fehlt: Einsatzerfahrung unter Beschuss.

Zwei unbemannte Flugsysteme, darunter die Grille von Avilus, operieren bei regnerischer Witterung im Herbst 2026 auf dem Truppenübungsplatz Bergen.
Video: CPM / Navid Linnemann

Soldaten in der Ukraine mögen den weltweit ersten Kampfeinsatz einer schweren Transportdrohne zur Evakuierung eines Verwundeten geflogen haben. Die erste Entwicklung von Evakuierungsdrohnen geht jedoch auf ein anderes Konto. Israel formulierte den Bedarf schon früh und entwickelte ein erstes System – andere folgten. Auch die deutsche Grille war bereits vor der ukrainischen Anforderung in Erprobung.

Dennoch gilt: Eine Evakuierung aus der Luft ist kein Allheilmittel. Die Mission mit der Ayudag-6 an der ukrainischen Front erforderte Monate der Vorbereitung und das Zusammenwirken mehrerer Brigaden. Der Passagier war Risiken ausgesetzt, die er kaum beeinflussen konnte. Eine Rettung aus der Luft sollte nur dann erfolgen, wenn bemannte Abholung und unbemannte Bodenfahrzeuge wirklich nicht infrage kommen.

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