Air Defence Summit: Luftverteidigung als Gesamtsystem

„Ein Gesamtsystem, das sich bewährt hat, sicherlich auch aufgrund potenter Partner“, attestierte Generalleutnant Lutz Kohlhaus“, die Funktionalität der israelischen Luftverteidigung als Gesamtsystem gegen den ersten direkten Angriff des Irans am vergangenen Wochenende. Auf dem heute Morgen begonnenen Ground Based Air Defence Summit in Berlin ging der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe auf die Erfahrungen ein, die Deutschland und die NATO aus diesem Angriff ziehen könnten.

Luftverteidigung als Gesamtsystem: Der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Lutz Kohlhaus, beim Air Defence Summit 2024 in Berlin.
Der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Lutz Kohlhaus, beim Air Defence Summit 2024 in Berlin.
Foto: cpm / Tom Specht

„Wir müssen nicht über die Bedeutung dieses Themas sprechen – die wird uns tagtäglich vor Augen geführt“, eröffnete Tobias Ehlke, Geschäftsführer der cpm GmbH und Veranstalter des GBAD-Summits, die Konferenz zur bodengestützten Luftverteidigung in Berlin. „So wie sich die Lage darstellt“, fuhr Ehlke fort, „wurde das gesamte Spektrum der israelischen Air-Defence-Fähigkeit abgefordert.“ Anfliegende Drohnen seien zwar mit Kampfflugzeugen vom Himmel geholt worden, doch „es wurden auch ballistische Raketen zerstört“ – vom Boden aus.

Luftverteidigung als Gesamtsystem

Wie auch im vorherigen Jahr sprach Generalleutnant Lutz Kohlhaus, der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, das Grußwort der Veranstaltung. Auch er unterstrich die Aktualität des Themas: „Trotz oder wegen der Vorwarnung der Iraner haben wir etwas gesehen, was die Luftverteidigung im Wesentlichen ausmacht: Es ist ein Gesamtsystem – eine Vernetzung – die sich bewährt hat.“

Beim iranischen Angriff mit über 300 Drohnen, ballistischen Raketen und Lenkflugkörpern auf Israel war das flächenmäßig kleine Land in der Lage, sich durch „eine Früherkennung nicht nur durch Satellitentechnik, sondern vor allen Dingen auch durch luftgeschützte Sensorik“ bestmöglich zu schützen.

„Das Gesamtsystem, die Vernetzung, die Frühwarnung, die Voreinweisung und ein intelligentes, Waffeneinsatzmanagement, das macht den Erfolg aus.“
– Generalleutnant Kohlhaus

Generalleutnant Kohlhaus leitete daraus Lektionen für die Luftverteidigung als Gesamtsystem ab, die es jetzt für Deutschland und die Partnernationen zu lernen gebe. Beim Blick auf die integrierte Luftverteidigung in Europa sei dies besonders das Zusammenspiel von luftgestützten und bodengebundenen Einsatzkräften, wie es in Israel erfolgreich angewandt wurde, um unterschiedliche anfliegende Ziele zu bekämpfen.

Der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Lutz Kohlhaus, beim Ground Based Air Defence Summit 2024 von cpm.
Der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Lutz Kohlhaus, beim Ground Based Air Defence Summit 2024 von cpm.
Foto: cpm / Tom Specht

„Wir sind im Rahmen der integrierten NATO-Luftverteidigung in Europa nicht in der Lage“, räumte Generalleutnant Kohlhaus ein, „einen vergleichsweisen Schutzschirm, eine vergleichsweise effektive Vernetzung mit vergleichsweise leistungsfähigen Sensoren der Vorwarnung in Betrieb zu nehmen und zum Ansatz zu bringen.“

Aus Krieg und Krise lernen

Nicht nur aus dem Angriff Irans auf Israel könne man viel lernen, sondern auch aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Hier nannte Generalleutnant Kohlhaus sogenannte FrankenSAM als Beispiel, also sowjetisch-westliche Mischsysteme, die wie Frankensteins Monster aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt sind.

Die Ukrainer fänden in bemerkenswerter Weise innovative Lösungen auch aus begrenzten Möglichkeiten für eine effektive Luftverteidigung als Gesamtsystem . „Wenn man keine Radare in ausreichender Anzahl hat, dann errichtet man beispielsweise Funkzellen mit Mobilfunkmasten an der Grenze entlang und nutzt dann auch deren Möglichkeiten der Sensorik“, nannte Generalleutnant Kohlhaus ein weiteres Beispiel.

Den Tiefflug üben – Kriegstüchtigkeit in der Luftverteidigung

Es reiche allerdings nicht, sich die Luftverteidigung als Gesamtsystem anderer Nationen anzusehen, man müsse das eigene Handeln auch üben. Bei der Betrachtung der Luftverteidigungsfähigkeit – das zeigt das Beispiel der israelischen Luftverteidigung als Gesamtsystem sehr gut – gehört neben den bodengebundenen Systemen auch ein fliegerischer Aspekt dazu. „Sie werden in Zukunft das Wort Tiefflug mal wieder häufiger hören“, prophezeite der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe.

„Wir müssen wieder üben! Über deutschen Mittelgebirgen – ich nehme da mal den Thüringer Wald beispielsweise, den Harz – in Richtung Ostflanke, bei Nacht, bei schlechtem Wetter, unter Stress, mit mehreren Luftfahrzeugen, im Tiefflug zu üben. Da werden wir nicht drum herumkommen.“

„Aber es ist notwendig. Es ist notwendig, und wir sehen, dass vor allen Dingen unter stressvollen Flugbedingungen, bei schlechtem Wetter, Dunkelheit und einem nach wie vor sehr engen, sehr vollem Luftraum über Mitteleuropa, dass wir diese Fähigkeiten, dieses Üben, dieses Vertraut machen mit dem Übungsgebiet verloren haben.“
– Generalleutnant Kohlhaus

Territoriale Flugkörperabwehr – Ein neues Kapitel der Luftverteidigung

Eine Prognose wagte Generalleutnant Kohlhaus in Bezug auf das sich in der Beschaffung befindliche Raketenabwehrsystem Arrow 3. Ungeachtet der Diskussionen um die Diskrepanz zwischen tatsächlich benötigten Fähigkeiten und den Möglichkeiten des Systems geht der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe davon aus, dass wir „in zehn, fünfzehn Jahren nicht die einzigen sein werden, die das Waffensystem Arrow 3 oder vergleichbar betreiben“.

Die aktuelle globale Entwicklung zeige den zukünftigen Bedarf deutlich. „Die wesentliche Botschaft ist aber“, schloss Generalleutnant Kohlhaus, „dass wir erstmals bei der Verteidigung Europas im Bündnisgebiet – zwar eine deutsche nationale Fähigkeit […] aber es ist der Einstieg in – eine territoriale Flugkörperabwehr in Europa, in der Integration der NATO haben werden.“

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