Sturmausgangsstellung – Das Heer und die neue Realität

Es sind manchmal militärische Begriffe, die weit mehr erzählen als ganze Strategiepapiere. Bei der gestrigen Mitgliederversammlung des Förderkreis Deutsches Heer e. V. verwendete der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, einen solchen Begriff: „Sturmausgangsstellung“. Was er damit meinte und welche Veränderung er im Deutschen Heer anstrebt, lesen Sie in der Einschätzung von Tobias Ehlke.

Sturmausgangsstellung: Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, hier bei einem Besuch der Fallschirmjäger in Altenstadt.
Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, hier bei einem Besuch der Fallschirmjäger in Altenstadt.
Foto: Bundeswehr / Marco Dorow

Wer den Ausdruck kennt, weiß: Eine Sturmausgangsstellung ist kein Ort des Angriffs, sondern der Moment unmittelbar davor. Die Kräfte sind geordnet, die Versorgung steht, die Führung funktioniert, Reserven sind verfügbar und jeder kennt seinen Auftrag. Es ist der Zustand maximaler Bereitschaft.

Genau dieses Bild beschreibt die aktuelle Transformation des deutschen Heeres.

Dabei geht es nicht um einzelne Beschaffungsvorhaben oder organisatorische Anpassungen. Es geht um die Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit von Frieden auf Verteidigung umzuschalten und glaubwürdig abschrecken zu können.

Großverbände als ambitioniertes Ziel

Der Weg dorthin ist ambitioniert. Neue Fähigkeiten im Bereich Counter-UAS, elektromagnetischer Kampf, digitale Führungsfähigkeit, unbemannte Systeme und indirekte Wirkung sollen schnell aufgebaut werden. Dabei setzt das Heer bewusst auf pragmatische Zwischenlösungen statt auf die perfekte High-end-Lösung in ferner Zukunft.

Gleichzeitig werden 33 neue Einheiten und 26 Ausbildungszüge geschaffen, Wehrdienstleistende, aktive Truppe und Reserve enger miteinander verzahnt und der Heimatschutz strukturell gestärkt.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Rückkehr zum Prinzip vollständiger Großverbände. Freuding formulierte es unmissverständlich: Aus Brigaden sollen wieder Brigaden und aus Divisionen wieder Divisionen werden. Kampftruppe und Unterstützung – Artillerie, Pioniere, Logistik, Fernmeldekräfte – müssen wieder als geschlossenes System funktionieren.

Sturmausgangsstellung auf allen Ebenen

Doch eine Sturmausgangsstellung bedeutet auch, unnötigen Ballast abzulegen. Deshalb kündigte das Heer einen deutlichen Abbau kopflastiger Führungsstrukturen an und will Verantwortung wieder früher übertragen. Kompanien und Batterien sollen künftig wieder selbstverständlich von Hauptleuten geführt werden.

All dies folgt einer einfachen Erkenntnis: Abschreckung entsteht nicht durch Absichtserklärungen, sondern durch sichtbare, einsatzbereite Fähigkeiten. Sie lebt von politischer Entschlossenheit, industrieller Leistungsfähigkeit, gesellschaftlicher Resilienz und einer Truppe, die jederzeit handlungsfähig ist.

Vielleicht war genau deshalb der Begriff „Sturmausgangsstellung“ die prägendste Aussage des Abends. Er beschreibt kein aggressives Selbstverständnis des Heeres, sondern den Anspruch, so vorbereitet zu sein, dass ein potenzieller Gegner gar nicht erst versucht, die Entschlossenheit Deutschlands und seiner Bündnispartner zu testen.

Das deutsche Heer befindet sich auf dem Weg in genau diese Sturmausgangsstellung.

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