Ein eiskalter Wind weht über das Gelände des stillgelegten Fliegerhorstes in Erding, vereinzelte Schauer treffen zur Begrüßung die Besucher und Aussteller auf einem Platz, der den Charme einer verlassenen Kaserne verbreitet. Und doch bleiben selbst die hochrangigsten Vertreter der Bundeswehr bis zum Ende. Zu wichtig das Anliegen, zu knapp die Zeit. Denn die durch das Innovationszentrum der Bundeswehr organisierte Tech-Show MEGA findet nur einen einzigen Tag statt und soll doch die Systeme für die künftige Ausrüstung der Heeresflugabwehr zur Bekämpfung von Drohnen definieren. Denn von den in Erding vorgestellten Lösungen sollen einige priorisiert und dann im Heer getestet werden, um noch innerhalb dieses Jahres – so der Plan – in die Beschaffung und Lieferung zu gehen.
Es geht bei der Tech-Show MEGA zum einen um potentielle Milliarden-Aufträge, zum anderen aber vor allem um den notwendigen Technologiesprung im deutschen Heer, der die Heeresflugabwehr und somit die gesamten Einheiten des Heeres verteidigungsbereit aufstellen soll.
Marktsichtung für die Bundeswehr
Überaus vielfältig waren dementsprechend die gestern in Erding gezeigten Lösungen und Systeme und so wollte selbst der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, Mittags zur Halbzeit der Tech-Show noch keine Präferenzen nennen: „Das verrate ich jetzt noch nicht, ich bin ja noch nicht einmal die halbe Runde abgegangen und es sind viele unterschiedliche Lösungen.“
Der Inspekteur Heer führte allerdings weiter aus: „Ich glaube, dass wir auf unterschiedliche technologische Lösungen setzen müssen, die dann ineinandergreifen, die sich ergänzen, die komplementär wirken. Und dazu dient der heutige Tag, um sich einen Überblick zu verschaffen wie groß die Breite dessen ist, was Industrie an Leistungsfähigkeit bieten kann.“
Eines war dem Veranstalter der Tech-Show MEGA, das Innovationszentrum der Bundeswehr unter dessen Leiter Flottillenadmiral Christian Bock, allerdings wichtig: Jedes der in Erding gezeigten Systeme könnte innerhalb weniger Tage für Tests der Bundeswehr zur Verfügung stehen. Es waren explizit keine Powerpoints zu sehen, sondern nur Systeme deren Reifegrad eine zeitnahe Beschaffung möglich machen könnte.
Einige der hier präsentierten Lösungen zur Drohnenabwehr werde die Bundeswehr schließlich „als Zwischenfähigkeiten einführen“, so Flottillenadmiral Bock zum Hintergrund der Tech-Show. Als weitere Vorgehensweise nannte er: „Wir werden anschließend in den Streitkräften zusammen mit dem Bundesministerium der Verteidigung die weiteren Schritte besprechen, weil wir davon ausgehen, dass wir hier Fähigkeiten sehen werden die uns teilweise so noch nicht geläufig waren. Um dann zu betrachten, was davon in welcher Geschwindigkeit – und ob überhaupt – integrierbar in die Streitkräfte ist und dann gegebenenfalls zur schnellen Einführung in die Streitkräfte entsprechend genutzt werden kann.“
Die Tech-Show MEGA in Erding
„Mich freut es besonders, dass wir hier 60 Unternehmen aus zehn Ländern haben, unter anderem natürlich aus Deutschland, aber auch aus der Ukraine und aus Israel zum Beispiel“, sagte der Staatssekretär für Rüstung, Innovation und Cyber im BMVg, Jens Plötner, bei seinem gestrigen Besuch in Erding. „Unser Ziel ist, dass wir mehr und mehr Joint Ventures haben, wo deutsche Technologie, ukrainische Technologie und ukrainische Einsatzerfahrung zusammen einen Mehrwert für die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Aggression, aber auch für uns hier in Deutschland, für die deutsche Truppe konkret, bieten werden. Und wir sehen hier heute einmal mehr: Das noch junge Innozentrum wirkt. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie viel in wenigen Monaten hier schon auf die Beine gestellt worden ist.“
Die Neuaufstellung der Heeresflugabwehr
„Nur wenn es uns gelingt, bemannte Systeme aus der Luft auch in großer Anzahl und Schwärmen erfolgreich abzuwehren, nur dann können wir bewegliche Operationsführungen wieder andenken, nur dann können wir unsere technologische Überlegenheit ausspielen, unser Führungskönnen zur Geltung bringen“, betonte Generalleutnant Freuding gestern in Erding. „Im Heer haben wir zwei Zielsysteme zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft: Das sind der Skyranger und IRIS-T. Das sind die Zielsysteme, die genau die Fähigkeiten haben werden, die wir brauchen. Die müssen wir auch haben. Wir brauchen sie in der vorgesehenen Zeit und in der vereinbarten Qualität und Quantität. Wenn wir aber mit realistischem Blick auf die Zulaufdaten blicken, dann wissen wir auch, dass wir Zwischenlösungen brauchen, wenn wir im Fight Tonight bestehen wollen, die wir dann auch perspektivisch komplementär zu den Zielsystemen einsetzen werden. Hier kommen unterschiedlichste Lösungen in Betracht, über die wir nachdenken. Und deshalb haben wir heute hier in Erding eine Technologieshow als eine Art Marktsichtung.“
Die in Erding gezeigten Systeme lassen sich dabei grob in die vier Bereiche Wirkmittel (Interceptor-Drohnen, Laser, EloKa), Gesamtlösungen (meistens auf einem Fahrzeug vereint), Sensorik sowie Software zusammenfassen.
Wirkmittel zur Drohnenabwehr: Laserwaffen
Gleich mehrere Aussteller präsentierten der Bundeswehr Laser als Wirkmittel, darunter beispielsweise MBDA mit seinem bereits beim GBAD-Summit vor wenigen Wochen präsentierten Lasereffektor zur Drohnenabwehr. Laserwaffen bieten mehrere Vorteile: Äußerst geringe Kosten pro Schuss plus keinerlei Bevorratung der Munition. Geben die meist aus Kunststoff bestehenden Drohnen sind sie zudem überaus wirksam.
Besonders interessant war unter anderem ein Roboter mit Laserwaffe und Interceptor-Drohne, den Inleap in Zusammenarbeit mit Stark präsentierte. Von Stark sollen die Interceptor-Drohnen stammen, von Inleap der Laser und die Software. Und wie ein Vertreter von Inleap gegenüber Defence Network betonte, käme es beim Laser gerade nicht darauf an, wie viel KW dieser besitzt, sondern wie gebündelt der Strahl auf das Ziel wirkt und wie gut das Tracking das Ziel halten kann. Ihre Lösungen habe in Tests bereits mehrfach Kleindrohnen in rund einem Kilometer Entfernung zum Absturz gebracht. Die Laserwaffe soll zudem in den nächsten Monaten in die Ukraine gehen.
Allerdings sei der Effektorenmix entscheiden, so der Vertreter von Inleap. Weshalb bei der in Erding gezeigten Roboterlösung auch die Drohnen von Stark – dargestellt mit den Tubes – ergänzt worden seien.
Vielfalt an Interceptor-Drohnen
Bei den Interceptor-Drohnen waren mehrere Lösungen aus der Ukraine in Erding zu sehen, diese Unternehmen wollen allerdings aus Sicherheitsgründen weder genannt noch im Bild gezeigt werden. Es handelte sich allerdings meistens um bekannte Unternehmen, deren Systeme bereits durchgehend kampferprobt sind und ihre Wirksamkeit vor allem gegen Shahed und ähnliche russische Angriffsdrohnen fast täglich beweisen. Sie ähneln optisch und technologisch der am Stand von Twentyfour Industries gezeigten MEROPS, die in der Ukraine bereits weit über 4.000 russische Shahed-Drohnen nachweislich erfolgreich bekämpfte.
Twentyfour Industries ist dabei der deutsche Partner im deutsch-ukrainisch-amerikanischen „Perennial Autonomy“ und könnte in dieser Partnerschaft industrielle Kapazitäten stellen, es hat zudem ein Konzept entwickelt, um die Führungsfähigkeit in der Truppe herzustellen. Das deutsche Unternehmen kommt dabei ursprünglich aus dem Quadcopter-Bereich.
Jetantrieb für Interceptor-Drohnen
Eine Interceptor-Drohne mit Jetantrieb war wiederum auf dem Stand von Cambridge Aerospace zu sehen. Fast alle Interceptor-Drohnen besitzen aktuell einen elektrischen Antrieb, können dadurch aber nicht die Geschwindigkeiten von Jet-getriebenen Shahed- und anderen russischen (oder iranischen) Angriffsdrohnen mitgehen. Diese Lücke schließt nun Cambridge Industries, wobei besonders die USA, Großbritannien und Länder aus dem Nahen Osten nach den jüngsten Erfahrungen aus dem Iran-Krieg großes Interesse haben, wurde Defence Network durch Vertreter des Unternehmens berichtet.
Erste Tests hätten bereits in Jordanien und in Polen stattgefunden, organisiert durch die britischen und US-Streitkräfte. Großbritannien habe danach einen Beschaffungsvertrag gezeichnet, mit einem weiteren aus den USA werde bald gerechnet, so die Aussagen gegenüber Defence Network.
Der besondere Vorteil der Lösung von Cambridge System sei – neben der nachweislich wirksamen Performance gegen jetgetriebene Angriffsdrohnen – der geringe Preis. „Es gibt nichts in diesem Level was so günstig ist“, betonte ein Vertreter des Unternehmens. „Wir liegen im sehr niedrigen 5-stelligen Bereich pro Interceptor.“
Produktionslinien sollen in Deutschland, Polen und Großbritannien entstehen, wobei der Plan ist, dass Deutschland und Polen für den europäischen Markt produzieren, während aus UK der britische und amerikanische Markt sowie der Nahe Osten bedient werden. Die ersten Systeme gehen in zwei Wochen an die britischen Streitkräfte, auch die Ukraine soll bis Ende des Jahres Interceptor-Drohnen erhalten. Großbritannien hatte nach dem Iran-Krieg die Prioritäten verschoben.
Diese Beispiele zeigen, welche Vielfalt an Lösungen die Vertreter der Bundeswehr bei der gestrigen Marktsichtung in Erding zu sehen bekamen. Defence Network war vor Ort und wird über die weiteren in Erding gezeigten Systeme und Möglichkeiten zur Drohnenabwehr ebenfalls hier berichten. Stay tuned.
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