Proteus: Großbritanniens erster autonomer Marinehubschrauber

Kein Pilot an Bord, aber auch keine Fernsteuerung von Hand. Sensorik und Software sollen den unbemannten Drehflügler durch seine Missionen steuern. Mit dem Proteus arbeiten die Royal Navy und Leonardo an einen vollautonomen Hubschrauber in Originalgröße. Nach dem erfolgten Erstflug im Januar stand der Demonstrator auf der Farnborough Airshow 2026 nun erstmals einem breiten Fachpublikum gegenüber.

Unbemannte Hubschrauberdrohne Proteus der Royal Navy im Flug vor bewölktem Himmel
Proteus bei seinem ersten und bisher einzigen Flug.
Foto: Royal Navy

Am 16. Januar 2026 hob Proteus vom Flugplatz Predannack in Cornwall zu seinem historischen Erstflug ab. Das Besondere: die auf einem zivilen Hubschrauber AW09 basierende Maschine flog ohne jeden menschlichen Eingriff in die Steuerung. Der Testpilot am Boden überwachte den Vorgang lediglich.

Geflogen ist die Maschine seitdem kein zweites Mal. Laut Nigel Colman, Chef von Leonardo Helicopters UK, war das auch nicht weiter nötig, da sich ein Großteil der Entwicklungsarbeit virtuell abbilden lasse. Bei einem weiteren Flug dabei sein zu können, hätten sich sicherlich viele Besucher der Farnborough International Airshow gewünscht. Es reichte allerdings nur für einen Platz auf dem Staticdisplay von Leonardo.

Der Proteus ist als modulare Mehrzweckplattform konzipiert, deren Laderaum sich je nach Mission umrüsten lässt: Im Zentrum steht die U-Boot-Abwehr, etwa durch den Abwurf von Sonobojen zur Unterwasserortung. Auch Versorgungsflüge auf See sowie klassische Luftaufklärung sollen bei der Royal Navy zukünftig durch unbemannte Systeme wie Proteus übernommen werden.

Unbemanntes Hubschraubersystem Proteus von Leonardo auf einem Messegelände mit Besuchern und Werbebanner im Hintergrund
Der Technologiedemonstrator Proteus von Leonardo und der Royal Navy auf der Farnborough International Airshow 2026.
Foto: CPM / Peter Felstead

Proteus soll lange, monotone oder gefährliche Einsätze übernehmen, während bemannte Hubschrauber sich auf Aufgaben konzentrieren, die menschliches Urteilsvermögen erfordern. Wichtig ist: Aktuell handelt es sich beim Proteus noch um einen reinen Technologiedemonstrator. Die laufende Erprobung dient vor allem dem Nachweis von Autonomie und Nutzlast-Modularität.

Technologiedemonstrator – Details des Proteus

  • Maximales Abfluggewicht: rund 3 Tonnen
  • Basis: Zelle des zivilen Einmotorenhubschraubers AW09 (ehem. Kopter SH09)
  • Rotor: fünfblättriger Hauptrotor, ummanteltes Heckrotorsystem (Fenestron-Bauweise)
  • Nutzlast: über 1.000 kg, modularer Laderaum für wechselnde Missionsausrüstung
  • Programm: vierjähriger Vertrag über 60 Mio. Pfund (RWUAS Phase 3A), Entwicklung und Bau komplett in Yeovil, UK

Digitaler Zwilling statt Dauertestflüge

Für die Weiterentwicklung setzt Leonardo gezielt auf neue Entwicklungsmethoden statt auf klassische Flugerprobung. Ein vollständiger digitaler Zwilling sowie additive Fertigungsverfahren sollen Fähigkeit, Kosten und Wartbarkeit von Proteus weiter verbessern.

3D-gedrucktes Modell des Hubschraubersystems Proteus an Spanndrähten in einem Windkanal zur aerodynamischen Untersuchung
Ein additiv gefertigtes Modell des Hubschraubersystems Proteus hängt für aerodynamische Untersuchungen an Spanndrähten in einem Windkanal.
Foto: Leonardo

Konkret arbeiten Ingenieure am Standort Yeovil bereits an 3D-gedruckten, modularen Windkanalmodellen, die sich bei Designänderungen binnen kurzer Zeit anpassen lassen – ein Vorgehen, das laut Leonardo künftige Iterationen der Nutzlast- und Aerodynamikentwicklung deutlich beschleunigen soll, ohne dass dafür zwingend neue Flugtests nötig wären.

Die deutsche Perspektive: Es fehlt an Wirkung

Während Großbritannien mit Proteus die Aufklärung hinter sich lässt, kämpft die deutsche Marine noch mit dem ersten Schritt. Der Kommandeur der Marineflieger, Kapitän zur See Broder Nielsen, brachte es bei einer BDLI-Veranstaltung in Berlin auf den Punkt: Es gebe derzeit kein potentes System in der Hubschrauberklasse, das tatsächlich Waffenwirkung entfalten könne (Defence Network berichtete).

Unbemannter Hubschrauber-Technologiedemonstrator Proteus von Leonardo auf dem Freigelände einer Luftfahrtmesse neben einer Infotafel
Der unbemannte Hubschrauber-Technologiedemonstrator „Proteus“ des Herstellers Leonardo auf dem Freigelände der Farnborough.
Foto: Leonardo

Zwar nehmen auch bei der Bundeswehr unbemannte Systeme zu, doch nicht in allen Teilstreitkräften gleich stark. So kommen mit der MQ-9B SeaGuardian bis zu 24 Aufklärungsdrohnen zur Marine, die theoretisch auch bewaffnet werden können. Doch bei unbemannten Drehflüglern für die U-Jagd klafft eine Lücke:

Der häufig angebotene VSR700 von Airbus Helicopters trägt nur rund 250 kg – ein Viertel des Proteus und für einen Einsatz mit Tauchsonar oder gar einen über 300 kg schweren Torpedo MU90 viel zu klein. Der britische Proteus spielt hier in einer völlig anderen Liga, ein Umstand, den Nielsen selbst mit Blick nach London registriert haben dürfte.

U145 vs. Proteus

Doch auch in Deutschland geht die Entwicklung unbemannter Drehflügler weiter. So zeigte Airbus Helicopters auf der diesjährigen ILA in Berlin erstmalig den U145 – die unbemannte Version des H145. Nicht explizit für die Marine entwickelt, soll der U145 in erster Linie logistische Aufgaben übernehmen.

Auf einer Freifläche ist ein militärischer Hubschrauber mit Tarnanstrich sowie Hersteller- und Modellbezeichnung ausgestellt. Im Hintergrund stehen mehrere Personen, darunter ein Soldat in Flecktarn-Uniform, hinter einer Absperrung vor einem Ausstellungsgebäude.
Auf einer Freifläche ist ein militärischer Hubschrauber mit Tarnanstrich sowie Hersteller- und Modellbezeichnung ausgestellt. Im Hintergrund stehen mehrere Personen, darunter ein Soldat in Flecktarn-Uniform, hinter einer Absperrung vor einem Ausstellungsgebäude.
Foto: Navid Linnemann

Mit einer möglichen Nutzlast von ca. 1,5 bis 1,8 Tonnen und einem maximalen Abfluggewicht von schätzungsweise 3.800 Kilogramm ist der U145 in derselben Klasse wie der Proteus von Leonardo zu verorten.

Proteus bleibt vorerst ein Technologiedemonstrator, kein einsatzbereites Waffensystem. Doch der Erstflug, der öffentliche Auftritt in Farnborough und die zunehmend digitale Entwicklungsmethodik zeigen, wie ernst Großbritannien den Umbau zur „Hybrid Navy“ nimmt – und wie groß der Abstand zu Marinen ist, die bei unbemannten Drehflüglern noch am Anfang stehen.

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