Farnborough: Anduril enthüllt Thunder – massenhaft & ohne Pilot

„Er fliegt wie ein Apache, kämpft wie drei“ lautet das Versprechen der Hersteller. Mit dem Thunder zeigen Anduril und Archer Aviation auf der Farnborough Airshow einen neuen unbemannten Kampfhubschrauber, der Antworten auf das zukünftige Gefechtsfeld liefern soll. Doch es ist nicht Andurils einzige Kooperation, die in UK sichtbar wird.

Anduril Thunder Kipprotor-Drohne mit Raketenbehältern in einer Halle, beleuchtete Rotorblätter erzeugen kreisförmige Lichtspuren
Ein unbemanntes Kipprotor-Luftfahrzeug (UAS) mit Raketenbehältern unter den Tragflächen wird in einer abgedunkelten Halle präsentiert. Die rotierenden Propeller an den schwenkbaren Triebwerksgondeln erzeugen durch eine Beleuchtung an den Blattspitzen markante, kreisförmige Lichtspuren.
Foto: Anduril

Zum Auftakt der Farnborough International Airshow 2026 zog Anduril aus den USA mit Thunder ein System aus dem Hut, das die Zukunft des Kampfhubschraubers neu definieren soll: ein autonomes, senkrecht startendes Kipprotorflugzeug, entwickelt gemeinsam mit dem eVTOL-Spezialisten Archer Aviation.

„Die zunehmende Verbreitung von Drohnen in der Landkriegsführung hat die Manöverführung zum Stillstand gebracht und sowohl an Mensch als auch an Maschine erhebliche Verluste verursacht“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens als Begründung für die Entwicklung des Thunder.

Und weiter: „Kampfhubschrauber und ihre Besatzungen, die lange Zeit das Rückgrat der Manöverkriegsführung bildeten, sind zunehmend durch eine Kombination aus Loitering Munitions, kostengünstiger Luftverteidigung und allgegenwärtigen, permanenten ISR-Plattformen gefährdet, die den bodennahen Bereich zu einem der tödlichsten Orte auf dem Schlachtfeld gemacht haben.“

Um dem eine neue Entwicklung entgegenzusetzen, wollen die beiden Unternehmen mit dem neuen Dual-Use-Luftfahrzeug Besatzungen aus der gefährlichsten Zone des Gefechtsfelds herausholen, ohne dabei auf Feuerkraft zu verzichten. Seit 2024 wird an Thunder – bzw. Halo in der zivilen Variante – gearbeitet, jetzt steht ein Modell erstmals in voller Größe vor Publikum.

Unbemannte Transportdrohne HALO mit Kipprotor-Antrieb, geöffnetem Frachtraum und Transportkisten neben einer Person im Studio
Hier werden die Dimensionen der unbemannten Transportdrohne „HALO“ von Archer Aviation mit Kipprotor-Antrieb deutlich.
Foto: Archer Aviation

Thunder im Detail – Kampfhubschrauber der Gruppe 5

Thunder wird als unbemanntes Luftfahrzeug der Gruppe 5 eingestuft – jener Kategorie, in die das US-Militär die größten, schwersten und am höchsten fliegenden Drohnen einordnet.

Die Gruppenklassifizierung des Pentagon startet bei Gruppe 1 (Klein- und Kleinstdrohnen mit einem maximalen Startgewicht von unter neun Kilogramm und einer maximalen Flughöhe von rund 365 Metern über Grund). Gruppe 5 bezeichnet die größten unbemannten Luftfahrzeuge mit einem Startgewicht von über 600 Kilogramm (rund 1.320 lb), die zudem in Höhen über 5.500 Metern (18.000 Fuß) operieren können.

Damit spielt der Thunder durchaus in derselben Liga wie bemannte Kampfhubschrauber mit, auch wenn genaue Werte für Geschwindigkeit, Nutzlast, maximales Startgewicht, Reichweite bisher nicht genannt wurden.

Video: Anduril

Angetrieben wird das Fluggerät von einem seriellen Hybrid-Elektroantrieb mit drehzahlvariablen Kipprotoren, was ihm sowohl senkrechten Start und Landung als auch die Reichweite und Geschwindigkeit erlaubt, um mit schnellen Hubschraubern wie dem AH-64 Apache oder dem kommenden MV-75 Cheyenne II mitzuhalten.

Bei den Waffen zeigt sich Thunder extrem wandlungsfähig: Modulare Nutzlastbuchten im Rumpf und in der Nase lassen sich laut Anduril mit bis zu zehn Hellfire- oder JAGM-Lenkflugkörpern, 16 Altius-600-Loitering-Munitions, 76 ungelenkten 70-mm-Raketen oder Counter-UAS-Wirkmitteln bestücken. Das System lässt sich zudem in einem Standardcontainer verlegen und ist damit auch logistisch auf globale Einsätze ausgelegt.

Loyal Wingman: Konzept für Drehflügler

Anduril und Archer Aviation wollen mit dem Thunder das Prinzip des „Loyal Wingman“ bedienen. Das Konzept, welches auch aus der Kampfjet-Welt bekannt ist, soll die Fähigkeiten von Piloten deutlich erweitern.

Video: Anduril

Anduril beziffert die Möglichkeiten so: „Beispielsweise kann eine Kampfhubschrauberbrigade durch den Einsatz von drei Thunder-Flugzeugen mit jedem Apache-Hubschrauber die verfügbare Munition verdreifachen.“

Künftig sollen die Piloten ganze Schwärme autonomer Systeme kommandieren, die sich dann eigenständig ins Gefecht einfügen oder vorgelagerte Missionen durchführen. Gesteuert wird der Verbund über Andurils Missionssoftware Lattice, die Formationsflug, Kollisionsvermeidung und die Koordination mit bemannten Luftfahrzeugen autonom übernimmt. Piloten müssen die Drohnen also nicht manuell fliegen, sondern geben lediglich Missionsziele vor.

Anime-Ästhetik zeigt Einsatzkonzept

Passend zur Enthüllung veröffentlichte Anduril – wie schon bei früheren Produkten des Unternehmens – ein aufwendig produziertes Video im Anime-Stil. Gezeigt wird eine fiktive Angriffsoperation, bei der mehrere Thunder-Systeme gemeinsam mit kleineren unbemannten System und bemannten Hubschraubern gegnerische Stellungen ausschalten.

Video: Anduril

Die Bildsprache erinnert bewusst an japanische Anime-Produktionen und ist damit weit entfernt von der nüchternen Optik klassischer Rüstungswerbung. Inhaltlich transportiert der Clip vor allem eine Botschaft: den Generationswechsel vom klassischen, bemannten Kampfhubschrauber hin zu unbemannten, KI-gesteuerten Systemen, die als Wingmen an der Seite menschlicher Piloten kämpfen, ohne selbst Besatzungen zu gefährden.

Thunder – Wie geht es weiter?

Bislang existiert Thunder nur als maßstabsgetreues Modell, das in Farnborough erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde – ein flugfähiger Prototyp fehlt noch. Anduril peilt den Erstflug für 2027 an. Die USA gelten als zukünftiger Kunde.

Auch wenn Anduril mit Messeauftritt und Video im Anime-Stil der große Paukenschlag gelungen ist: ganz neu sind weder Technik noch Einsatzkonzept. Bemerkenswert ist der Auftritt in Farnborough allerdings wegen des britischen Programms „Project NYX“. Im Vereinigten Königreich sucht man derzeit unbemannte Systeme für die eigene Apache-Flotte. Anduril und Archer könnten mit dem Thunder ins Rennen gehen – eine offizielle Bestätigung gibt es derzeit jedoch nicht.

Anduril: Kooperation mit Embraer

Ebenfalls auf der Farnborough Airshow haben Anduril und Embraer aus Brasilien eine Absichtserklärung unterzeichnet, um Andurils palettengestützten Marschflugkörper Barracuda-500M in den Militärtransporter C-390 Millennium zu integrieren. Ziel ist es, das bislang auf taktische Lufttransportaufgaben ausgelegte Flugzeug künftig auch für den Abwurf von Wirkmitteln zu nutzen.

Anduril-Drohne auf einem Ausstellungsständer vor der geöffneten Heckklappe einer Embraer KC-390 Millennium auf einem Flugplatz
Ein unbemanntes Luftfahrzeug des Herstellers Anduril steht auf einem Ausstellungsständer vor der geöffneten Heckklappe eines militärischen Transportflugzeugs vom Typ Embraer KC-390 Millennium auf einem Flugplatz.
Foto: Embraer

Luftauswurfverfahren, um „Wirkeffekte in der Fläche“ zu erzielen. Der C-390 Millennium gilt als moderner Militärtransporter mit einer Nutzlast von bis zu 26 Tonnen und einer Reisegeschwindigkeit von 470 Knoten und ist bereits bei den Luftstreitkräften mehrerer Länder im Einsatz, darunter Brasilien, Portugal, Österreich, Tschechien und Schweden.

Die Barracuda-500M hat bereits im September 2024 ihren ersten erfolgreichen Flugtest in der palettierten Version absolviert; seither folgten zahlreiche weitere Tests, unter anderem zur vernetzten autonomen Zielansteuerung und zur Nutzlastvalidierung.

Mit WhatsApp immer auf dem neuesten Stand bleiben!

Abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal, um die Neuigkeiten direkt auf Ihr Handy zu erhalten. Einfach den QR-Code auf Ihrem Smartphone einscannen oder – sollten Sie hier bereits mit Ihrem Mobile lesen – diesem Link folgen:

Beitrag teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwendete Schlagwörter

AndurilApacheArcher AviationFarnboroughKampfhubschrauberLoyal WingmanMV-75 Cheyenne IIUKUSAVTOLVTOL-UAV
Index