Die Reserve befindet sich erneut im Umbruch. Doch was bedeutet das Engagement zwischen Industrie und Verteidigung tatsächlich für den Einzelnen? Und wo gibt es Nachbesserungsbedarf? Defence Network sprach hierüber mit Jan-Phillipp Weisswange, Senior Expert Corporate Media Relations der Rheinmetall AG und Oberstleutnant d. R. (Heeresaufklärungstruppe). Die Fragen stellte Dorothee Frank.
Sie sind Pressesprecher des größten deutschen Rüstungskonzerns, Familienvater und Reservist, wie lässt sich das zeitlich überhaupt realisieren?
Dieses vielseitige Engagement funktioniert nur mit Kompromissen und viel Verständnis, insbesondere seitens der Familie. Rheinmetall sieht die Reserve grundsätzlich positiv. Es gibt unter anderem die Initiative „Taking Responsibility for Soldiers“. Viele Veteraninnen, Veteranen, Reservistinnen und Reservisten arbeiten bei Rheinmetall. Aber natürlich ist bei uns kein „Berufsreservistentum“ möglich, also mehrmonatige Reservedienstleistungen am Stück. Diese tragen aus meiner Sicht jedoch auch nicht zu einer sicherheitspolitisch und militärisch sinnvollen Reserve bei. Kurze Wehrübungen sind aber nach enger Abstimmung mit Arbeitgeber und natürlich der Familie möglich.
Warum halten Sie angesichts dieser Herausforderungen überhaupt an Ihrem Reservistenstatus fest?
Eine Reserve dient dazu, Aufwuchs- und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte zu ermöglichen und damit unsere Freiheit und Demokratie zu schützen. Dies erfordert, mein militärisches Mindset sowie meine militärischen Kenntnisse und mein soldatisches Handwerk auf aktuellem Stand zu halten: „Kämpfen können und kämpfen wollen, um nicht kämpfen zu müssen!“
Aktuell heißt es immer wieder, dass die Bundeswehr jeden Mann und jede Frau braucht, die sie bekommen kann. Fühlen Sie sich als Reservist tatsächlich abgeholt?
Nach meiner persönlichen Wahrnehmung sind – im Gegensatz zu vielen Kameradinnen und Kameraden – noch einige Teile des „alten Apparates“ der Bundeswehr immer noch nicht weit genug in der neuen sicherheitspolitischen Realität angekommen. Insbesondere beim Reservistenwesen gibt es noch viel zu tun. Nicht nur ich erlebe zahlreiche bürokratische Hürden, wenn es z. B. um Einplanungen geht. Aber es soll sich ändern.
Sollte es zu einem Krieg kommen, dann wären sowohl Rheinmetall als auch die Bundeswehr von entscheidender Bedeutung. Für wen von beiden würden Sie sich entscheiden?
Das ist sehr spekulativ. Sowohl als Rheinmetaller in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie als auch als Reservist in der Bundeswehr trage ich zur sicherheitspolitischen Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit unseres Landes bei, was einen Krieg hoffentlich verhindert.
Es wird oft nur das Negative gesehen und das Positive vergessen, deshalb zum Abschluss die Frage: Was gibt Ihnen die Reserve und die Bundeswehr ganz persönlich?
Mich erfüllt die Multiplikatorenrolle als Bindeglied zwischen Streitkräften und Gesellschaft. Dem Scharnhorst‘schen Ideal des „Staatsbürgers in Uniform“ kommt man als Reservist besonders nahe. Umgekehrt kann man auch Know-how von außerhalb in die Truppe einbringen. Als Reserveoffizier reizt mich darüber hinaus natürlich der Führungs-, Ausbildungs- und Erziehungsauftrag, Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu einsatzbereiten Soldatinnen und Soldaten zu machen, die unser Land und unsere Freiheit sowohl in der geistigen Auseinandersetzung, als auch nötigenfalls mit der Waffe in der Hand verteidigen können und wollen.
Und was würden Sie den jungen Männern mitgeben, die nun vor einer Wehrpflicht stehen? Warum lohnt es sich, sich für die Bundeswehr statt Zivildienst zu entscheiden?
Grundsätzlich halte ich auch den Zivildienst für eine sicherheits- und gesellschaftspolitische wertvolle Tätigkeit. Gleichwohl vermittelt ein sicherheitspolitisch und militärisch sinnvoll ausgestalteter Wehrdienst umfassende Kenntnisse und Fertigkeiten für das Bestehen auf dem Gefechtsfeld, die man sonst im Zivilleben wohl nie oder nur ausschnittsweise erlernen würde. Davon abgesehen ermöglicht die Bundeswehr nach dem aktiven Wehrdienst ihren Reservisten viele interessante Tätigkeiten und Einblicke. Ich würde mich jedenfalls wieder für den Wehrdienst entscheiden.
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