Es ist ein zentrales Thema im deutschen Sanitätsdienst; doch noch immer sind viele Fragen offen: Wie umgehen mit täglich rund 1.000 Verwundeten an einer möglichen NATO-Ostfront? Beim ersten NATO Medical Innovation Workshop in Budapest stellten Rheinmetall und Alstom ein bislang unbekanntes Projekt vor: den MedEvacTrain, einen modularen Zug für die Verwundetenevakuierung. Defence Network berichtet exklusiv.

Es solle um echte Innovationen gehen, Produkte, die wirklich etwas verändern, erklärte Generalarzt Jens Diehm, Director NATO MILMED COE, vergangene Woche beim ersten NATO Medical Innovation Workshop in Budapest. Eine solche Neuentwicklung haben Rheinmetall Project Solutions und Alstom Transportation Germany erstmals einer begrenzten Öffentlichkeit vorgestellt: den MedEvacTrain, einen rein modular aufgebauten Lazarettzug für die Evakuierung großer Verwundetenzahlen über mittlere und lange Distanzen.
Der Bedarf: bis zu 1.000 Verwundete pro Tag
Der Hintergrund des Projekts ist ernst. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr rechnet im NATO-Bündnisfall an der Ostflanke mit bis zu 1.000 Verwundeten, Verletzten und Erkrankten pro Tag. Eine Zahl, die wiederholt öffentlich genannt wurde. Binnen einer Woche kämen nach dieser Kalkulation rund 7.000 und binnen eines Monats etwa 30.000 Verwundete zusammen. Mengen, die sich vor Ort im Baltikum nicht versorgen lassen.
Der deutsche Sanitätsdienst – aber auch Partnernationen – planen dementsprechend die rasche Verlegung der Verwundeten ins Hinterland. Betroffene müssen dazu stabilisiert und in großer Zahl nach Deutschland, Frankreich, Italien etc. transportiert werden. Anschließend erfolgt die Verteilung auf zivile Krankenhäuser.

Genau diese Rettungskette hat die Bundeswehr zuletzt bei der Übung Medic Quadriga 2026 unter Beteiligung ziviler Hilfsorganisationen durchgespielt (Defence Network berichtete). Doch bei der Übung in Berlin kam für den Transport aus Litauen ein A400M zum Einsatz – fraglich, ob dieser im Kriegsfall Tag für Tag Verwundete ausfliegen kann, sei es aus mangelnder Verfügbarkeit oder fehlender Luftüberlegenheit.
Zwar sollen laut Bundeswehr auch Schiffe und Busse den Transport gewährleisten, doch für die Schiene gibt es bisher kein System. Dabei ist gerade der Schienenverkehr für den Massentransport am effizientesten.
Das plant die Bundeswehr
Dabei scheint es nicht am fehlenden Willen zu liegen. Bereits mehrfach hatte der Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst, Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, von der Wiedereinführung eines schienengebundenen Systems für den Verwundetentransport gesprochen. Während der angesprochenen Quadriga auch ganz konkret auf Nachfrage von Defence Network.
Zu Zeiten des Kalten Krieges verfügte die Bundeswehr über sogenannte Krankentransportzüge (KrTrspZg), die Verwundete von den Lazaretten in Frontnähe in den rückwärtigen Raum bringen sollten und überdies die Möglichkeit der mobilen Behandlung bieten sollten. Auch damals wurde aus Kostengründen nie ein eigener, fest gebauter Lazarettzug in Serie beschafft.

Stattdessen hielt die Deutsche Bundesbahn für den Mobilmachungsfall rund 180 umrüstbare Nahverkehrswagen vom Typ Bnrz724 vor, die von eigens dafür aufgestellten Krankentransportkompanien (Schiene) mit Betten für bis zu 296 liegende Patienten ausgestattet werden sollten. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung der Reservelazarettorganisation im Jahr 2007 wurde auch diese Struktur aufgegeben.
Heute verfolgt die Bundeswehr wieder einen ähnlichen Weg. So sollen im Verteidigungsfall drei ICE 3neo-Züge aus dem Regelbetrieb der Deutschen Bahn entnommen und zu Lazarettzügen mit einer Kapazität von je rund 30 Intensivplätzen umgerüstet werden. Doch konkret scheint das bereits seit 2022 bekannte Projekt noch immer nicht zu sein. Eine endgültige Beschaffungsentscheidung steht weiterhin aus.
Wie Defence Network aus den Reihen des Sanitätsdienstes erfahren konnte, erarbeite man momentan die konkrete Ausschreibung und definiere die eigenen Anforderungen. Diese solle demnach nicht so eng an die Deutsche Bahn und die Idee der drei ICE 3neo angelehnt sein, wie bisher vermutet.
MedEvacTrain von Rheinmetall und Alstom
Das wiederrum könnte den Weg für die Innovation von Rheinmetall und Alstom öffnen. Deren Grundprinzip unterscheidet sich deutlich von allem, was bisherige Konzepte in Europa vorsehen.

Statt der Umrüstung eines Personenzugs im Bedarfsfall setzen Rheinmetall und Alstom auf standardisierte 40-Fuß-Flachwagen vom Typ Sgmmns 40 Plus, auf die austauschbare Spezialcontainer aufgesetzt werden – Patiententransport, Versorgung oder Kommunikation. Die Konfiguration einzelner Waggons bzw. Container ließe sich beim MedEvacTrain exakt an die jeweilige Mission anpassen; auch weil die Waggonhülle immer gleich sei.
Ein integriertes Rampensystem an den Flachwagen erlaubt zudem den direkten Zugang zum Waggon, ohne dass Bahn-Infrastruktur wie ein Bahnsteig vorhanden sein muss (siehe Titelbild). Auch kleine Höhenunterschiede – wie beispielsweise Bahndämme – könnten mit den Rampen überwunden werden. Das erweitert den Zugang zum Krankentransportzug auf die gesamte Strecke.

Das Konzept sieht außerdem durchgängige Gangway-Brücken vor, die alle Wagen miteinander verbinden, sodass Personal und mobiles Notfallequipment auch während der Fahrt zwischen den Containern wechseln können. Da die Container den internationalen ISO-Normmaßen entsprechen, lassen sie sich neben der Schiene auch auf Lkw und Schiffen einsetzen.
Für die Demonstration des Konzepts in Budapest haben Rheinmetall und Alstom eine Bundeswehr-Konfiguration ausgearbeitet. Diese verfügt über Kapazitäten für 126 liegende Patienten in acht Waggons und acht Intensivpatienten in vier weiteren Wagen.

Laut Jan-Niklas Becht, Abteilungsleiter Medical Solutions bei Rheinmetall, ließen sich die einzelnen Wagen aber auch unterschiedlich ausstatten. So seien beispielsweise ebenso je drei Betten übereinander möglich, was zu einer Kapazität von 24 statt 16 Betten pro Wagen führen würde. Auch eine Teilbestuhlung für weniger stark verletzte Soldatinnen und Soldaten sei möglich.
Zentral für den Betrieb: die Stromversorgung
Ein zentrales Element ist die durchgängige Stromversorgung: Am Anfang und Ende des Zuges sitzt jeweils ein Energieversorgungswagen, der alle Container über eine zugdurchgehende elektrische Verbindung versorgt – unabhängig von der Zugmaschine. Das erlaubt es, einzelne Container auch abgesetzt vom Zug zu betreiben. Möglich wäre dies als mobiles Feldlazarett oder auf Lkw und Schiffen.
Als Zugmaschine ist im vorliegenden Konzept die TRAXX Universal von Alstom mit Last-Mile-Dieselfunktion vorgesehen – eine Lokomotive, die grenzüberschreitend im Korridor Deutschland–Polen–Tschechien–Slowakei–Ungarn–Bulgarien–Rumänien einsetzbar wäre, unter verschiedenen Stromsystemen fahren kann. Zudem bietet die Lok rund 250 Kilometer Reichweite ohne Oberleitung.

Diesellokomotiven dieser Bauart sind vergleichsweise günstig verfügbar, was dem Konzept im Ernstfall Flexibilität verschafft, ohne auf teure Spezialtechnik angewiesen zu sein. Lorenz Heller, Business Development Director bei Alstom, würde militärischen Kunden einen Mix aus direkter Lok-Beschaffung und Mietoptionen für den Ernstfall vorschlagen. So wäre die Fähigkeit des MedEvacTrains im Fall der Fälle schnell gegeben und könnte dann kurzfristig hochgefahren werden.
Bundeswehr-Konzept versus Rheinmetall-Lösung
Der Vergleich zwischen dem, was bisher in Sanitätsdiensten und in Medien diskutiert wurde, und dem, was Rheinmetall und Alstom jetzt präsentierten, unterscheidet sich deutlich voneinander. Die ICE-3neo-Lösung basiert auf einem geschlossenen Hochgeschwindigkeitszug, dessen Wageneinheiten fest miteinander verbunden sind. Der Umbau muss gesondert und ganzheitlich erfolgen; das Rheinmetall-Konzept bleibt durch seinen modularen Container-Bau flexibler – auch im Fall einzelner Ausfälle von Waggons durch Beschuss.
Dazu kommen Einschränkungen, die erst im Übungsbetrieb wirklich auffallen. Beispielsweise der Umstand, dass Personenzüge wie der ICE nie für den Ein- und Ausstieg via Patiententransportrage konstruiert wurden. In der Praxis führt das zu teils skurrilen Bildern, zu schmale Gänge und Türen führten bei einer gemeinsamen Übung von US Army und Bundeswehr in Polen kürzlich dazu, dass die Tragen durch geöffnete Fenster ins Innere des zweckentfremdeten Waggons bugsiert wurden.

Das ist nicht nur umständlich, sondern kostet auch wertvolle Zeit. Zeit, die 1.000 Verwundete täglich nicht haben, wenn sie von einer möglichen Ostfront im Baltikum über Polen nach Deutschland verlegt werden wollen.
Fazit und Ausblick
Nach Informationen von Defence Network stößt der MedEvacTrain bereits jetzt auf erhebliches Interesse bei hochrangigen Vertretern des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
Als eigenständige Neubeschaffung könnte das System in der Anschaffung teurer werden als die vergleichsweise kostengünstige ICE-3neo-Lösung. Andererseits lassen sich durch die Nutzung bewährter Technik wie den 40-Fuß-Flachwagen und der Nutzung handelsüblicher Lokomotiven, die erst im Ernstfall angemietet werden könnten, Kosten einsparen. Die medizinische Ausstattung sowie die einzubauenden Betten müssten für beide Lösungen beschafft werden.
Für das Konzept von Rheinmetall und Alstom spricht zudem die flexible Nutzung. Einmal beschafft ließen sich die Container auch ohne Zug und Gleise darunter nutzen – beispielsweise im Rahmen von Großschadenslagen im Bundesgebiet. Lkws würde für die Verbringung ausreichen.
Die nächsten Meilensteine des MedEvacTrains stehen jedenfalls fest: Am 18. und 19. November 2026 wollen die beiden Unternehmen das Konzept anhand eines Modells bei Bonn genauer vorstellen. Die Enthüllung eines ersten Prototyps planen Rheinmetall und Alstom für die Hannover Messe im April 2027.
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