„Golden Hour funktioniert hier nicht“ – Ukrainischer Militärarzt rüttelt NATO wach

In Budapest zeigte ein ukrainischer Ukrainischer Militärarzt den versammelten NATO-Ärzten und Industrievertretern Videos vom Gefechtsfeld. Die Gefahr lauert überall; ein Entkommen ist kaum möglich. Wer von FPV-Drohnen getroffen wird, weist andere Verletzungen auf, als bisher in militärischen Konflikten üblich. Oberst Dr. Roman Kuziv macht klar: Der Drohnenkrieg, wie man ihn im russischen Angriff gegen die Ukraine sieht, hat die Militärmedizin für immer verändert.

Teilnehmer in Anzügen unterhalten sich bei einer Konferenz des NATO MILMED COE, ein Mann mit blauem Schlüsselband hält eine Kaffeetasse
Beim ersten NATO Medical Innovation Workshop sprach Oberst Dr. Roman Kuziv über seine Erfahrungen als leitender Militärarzt in der Ukraine.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Dr. Roman Kuziv ist Ukrainischer Militärarzt, Oberst der ukrainischen Streitkräfte und Kommandeur des Militärmedizinischen Klinikzentrums der Region Ost (VMKTs SR) in Dnipro. Der Chirurg leitete zuvor das mobile Militärhospital in Pokrowsk und übernahm anschließend das Kommando über das Militärhospital Saporischschja. Seine Eindrücke aus der unmittelbaren Nähe zur Front sind wertvoll für westliche Sanitätsdienste. Beim NATO Medical Innovation Workshop sprach der für das WEM-Fund-Team anwesende Oberst Kuziv Klartext.

Im Budapester Bálna Defence Centre – einer Art Mall für das ungarische Militär – vermittelte er, was die NATO-Sanitätsdienste dringend aus dem größten Krieg in Europa seit 1945 lernen müssen. Kuziv warnte sein Publikum gleich vorab: Er habe keine „magische Lösung“ mitgebracht, sondern könne nur das berichten, was seine Einheiten unter Beschuss gelernt haben.

Drohnenkrieg – Der unsichtbare Feind

Kuziv, der laut eigener Aussage in seinem Frontabschnitt für rund 600.000 Soldaten und neun Millionen Zivilisten mitverantwortlich ist, machte unmissverständlich klar, womit man es in der Ukraine zu tun habe: mit einem ganzen Ökosystem aus Luft-, See- und Bodendrohnen, das die Kampfzone in einen tödlichen Flickenteppich aus Aufklärern, Drohnen-Mutterschiffen und glasfasergesteuerten Kamikaze-UAVs verwandelt hat.

Die Reichweiten reichen nach seinen Angaben von wenigen Kilometern bis zu weit über einhundert Kilometern hinter der Frontlinie. Die Kosten liegen dabei nur bei einigen Hundert Dollar pro Fluggerät. Besonders alarmierend: Der Anteil unbemannter Systeme steigt stetig an. Während in seinem Zuständigkeitsbereich als Ukrainischer Militärarzt nur 1,5 Prozent der Verletzungen von Schusswaffen herrührten, sind es 75 Prozent Verletzungen durch Drohnen.

Referent hält bei einer Fachkonferenz einen Vortrag über Wehrmedizin und komplexe Verletzungsmuster durch Drohnen und Splittermunition
Oberst Dr. Roman Kuziv sprach beim ersten NATO Medical Innovation Workshop in Budapest auch über das durch den Drohnenkrieg veränderte Verwundungsbild.
Foto: CPM / Navid Linnemann

Auf diesen in den vergangenen zwei bis drei Jahren enorm gestiegenen Anteil folgte noch eine andere Entwicklung: Das Verletzungsbild wurde komplett auf den Kopf gestellt, berichtete Oberst Kuziv. Die Soldaten (und Zivilisten) erlitten Verbrennungen, Splitterverletzungen und Explosionstraumata gleichzeitig. Besonders drastisch sei die Zunahme von Kopf- und Halsverletzungen, die inzwischen einen weit höheren Anteil ausmachten als noch vor der Zeit der Massendrohnen.

Sein nüchterner Schluss: Die persönliche Schutzausrüstung der Soldaten, die noch aus den Erfahrungen des Irak- und Afghanistankriegs stammt, müsse komplett neu gedacht werden.

Wenn die „Golden Hour“ nicht mehr zählt

„Golden Hour funktioniert hier nicht“, brachte Kuziv das zentrale Dilemma auf den Punkt. Manchmal werde aus der Golden Hour ein Golden Day oder gar eine Golden Week, je nachdem, wie lange ein Verwundeter unter Feuer bleibe. Der Grund: In einem etwa zwanzig Kilometer breiten Frontstreifen könne laut Kuziv praktisch jede Bewegung binnen Sekunden von einer Drohne entdeckt und bekämpft werden.

Die klassische Rettungskette – entdecken, melden, planen, evakuieren – funktioniert in dieser Zone schlicht nicht mehr. Schon die Bergung eines einzigen Verwundeten bindet nach seinen Angaben oft zwei bis vier Kräfte, die sich dabei selbst tödlicher Gefahr aussetzen. Eindrucksvoll demonstriert dies ein von Oberst Kuziv gezeigtes Video.

Ukrainische Soldaten fahren im weißen Pick-up mit Werbeaufschrift über ein zerbombtes Feld. Höchstgeschwindigkeit auf matschigen Spurrillen. Anspannung. Der Wagen hält; Sprung über die Wagenkante. Vier, fünf Meter Sprint zum Verwundeten. Ein Unterschenkel fehlt. Keine Zeit für eine Trage, keine Zeit für irgendwas. Drei Kameraden zerren an der Uniform. Wie ein Sack wird der Verletzte auf die Ladefläche geworfen. Aufsitzen, während der Fahrer Gas gibt. Schlamm spritzt. Einfach weiter; einfach weg. Zehn Meter, zwanzig Meter, dann ist sie da: eine russische FPV-Drohne explodiert unmittelbar neben dem Pick-up. Glassplitter schießen durch das Bild – keine 45 Sekunden nach Beginn des Videos.

Roboter statt Soldaten – Wie UGVs Leben retten

Was also tun? Der ukrainische Lösungsweg setzt auf unbemannte Bodenfahrzeuge (UGVs), die in Massen für unterschiedlichste Aufgaben eingesetzt werden – auch für die Evakuierung verletzter Soldaten.

MAUL, ein UGV von AIDrones aus der Ukraine, welches speziell für die Evakuierung Verwundeter entwickelt wurde.
MAUL, ein UGV von AIDrones aus der Ukraine, welches speziell für die Evakuierung Verwundeter entwickelt wurde.
Foto: AIDrone

Eines von mittlerweile über 50 verschiedenen UGV-Systemen stellte Oberst Kuziv vor: ein ukrainisch entwickelter „Drohnen-Krankenwagen“, der Verwundete über Dutzende Kilometer bergen kann, ganz ohne dass sich medizinisches Personal der Gefahrenzone nähern muss.

Bisherige Systeme nutzen ein oder zwei Tragen, die auf einem UGV montiert sind. Das System „Maul“ setzt hingegen auf eine – man muss es leider so beschreiben – „sargähnliche“ Box, in der der Verwundete transportiert wird. Eine integrierte Kamera überwacht den Zustand des Verwundeten während des gesamten Transports.

Bei einem der ersten großen Einsätze durch ein solches UGV gelang es nach Kuzivs Schilderung, einen seit Wochen in einer belagerten Stadt eingeschlossenen Verwundeten per Drohnenoperation zu bergen – nach acht bis zehn Stunden Vorbereitung und rund sechs Stunden reinem Einsatz.

Auch wenn solche Missionen einen enormen Planungsaufwand und geschickte Hände bei der Steuerung erforderlich machen, wird der Einsatz von UGVs nach Kuzivs Überzeugung in den kommenden Jahren noch deutlich an Bedeutung gewinnen.

In Sicherheit – tief unter der Erde

An der Einführung einer anderen Maßnahme zum Schutz verwundeter Soldaten war Oberst Roman Kuziv unmittelbar beteiligt: unterirdische Krankenhäuser. Gemeinsam mit dem Industriekonzern Metinvest baute Kuziv 2024 die erste unterirdische Feldklinik der Ukraine.

Militärarzt Dr. Kuziv in einem unterirdischen Metinvest-Stahlbunker mit medizinischer Ausrüstung zur Erstversorgung
Der ukrainische Militärarzt Oberst Dr. Roman Kuziv im unterirdischen Feldlazarett von Metinvest.
Foto: Metinvest

Die Kliniken greifen auf Metinvests Expertise aus der Initiative „Steel Front“ zurück, bei der stählerne Schutzbunker produziert wurden. Solche, an liegende Dosen erinnernde Module wurden für das unterirdische Projekt rund sechs Meter tief vergraben. Ausgestattet mit Operationssälen und Intensivstation wurde das Projekt gegen diverse Angriffe getestet.

Laut Metinvest wurden allein im ersten Betriebsjahr mehr als 6.000 Verwundete in der ersten unterirdischen Feldklinik behandelt. Ein zweites Zentrum folgte 2025, mindestens 20 weitere sind vom Verteidigungsministerium genehmigt.

Ukrainischer Militärarzt: App soll bei Diagnose unterstützen

In Budapest konnte Oberst Kuziv noch eine weitere Ankündigung machen: Für die Zukunft plane er – unterstützt von Dritten – ein digitales Werkzeug für die Weitergabe medizinischen Wissens an den Start zu bringen. Militärmedizinische Erfahrung aus der Ukraine solle via App direkt zu Sanitätern und Feldärzten weltweit gelangen. Der Name der geplanten App TAAA – „Tactical Aid Assist“.

Grundlage ist „Noble Slave“, eine Online-Plattform, die sich als geschlossene, international ausgerichtete Fachplattform versteht, auf der verifizierte Fallstudien, Behandlungsprotokolle und Trainingsmaterialien aus dem Krieg gebündelt werden. Ähnlich der Technologie-Plattform TrophyLab erfolgt der Zugang erst nach Prüfung der professionellen Zugehörigkeit der Nutzer.

Sanitätsdienst muss sich weiter vorbereiten

Nach eindrücklichen Schilderungen und der grausigen Realität des Krieges – von Sprengfallen, Attacken durch Drohnen bis zu Kopfschüssen verletzter Russen durch ihre Kameraden – blieb das Publikum teils sprachlos zurück.

Der dramaturgisch perfekte Moment für ein unmissverständliches Fazit von Oberst Roman Kuziv: Wer im nächsten Krieg überleben wolle, müsse schon heute anfangen, anders zu denken – nicht erst dann, wenn die eigenen Verwundeten in der durch FPV-Drohnen unzugänglichen Frontzone verbluten.

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