Rubio auf der MSC – Viel Vergangenheit, wenig Zukunft

Auf die Rede des US-amerikanischen Außenministers Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz erfolgte ein erleichtertes Aufatmen, kommentierte Wolfgang Ischinger, langjähriger Leiter der MSC. Im Gegensatz zu US-Vize-Präsident JD Vance im vergangenen Jahr griff Rubio die Europäer nicht offen an: Seine Kritik an der „Alten Welt“ war sorgfältig verpackt. Der US-Außenminister hielt dazu drei Reden zugleich: zwei davon mit warmen Worten, die dritte und entscheidende durch ihr Fehlen.

Marco Rubio auf der MSC 2026.
Marco Rubio auf der MSC 2026.
Foto: Screenshot Live-Stream MSC

Die Versöhnungsrede: „Wir sind Teil einer Zivilisation“

Die erste Rede war ein rhetorisches Geschenk an das europäische Publikum. Rubio beschwor die gemeinsamen Wurzeln, pries Mozart und Beethoven, die Beatles und die Rolling Stones. „Für die USA und für Europa ist klar, wir gehören zusammen“, betonte er und erinnerte daran, dass Amerika „immer ein Kind Europas bleiben“ werde. Es war die Rede eines Verbündeten, der Brücken bauen will – emotional, historisch verbindend, fast sentimental.

Christopher Columbus, italienische Entdecker, englische Siedler, deutsche Landwirte: Rubio zeichnete ein Bild der USA als europäisches Projekt auf fremdem Boden. „Meine Vorfahren lebten in Europa“, sagte er persönlich und verwies auf seine spanischen Wurzeln. Diese Passagen hätte auf jeder Sicherheitskonferenz der vergangenen Jahrzehnte Applaus erhalten.

Es waren auch genau die Momente, in denen das Publikum die Hände zusammenschlug – aber nur kurz, nicht frenetisch. Wenngleich Rubio den Großteil seiner Worte freundlich formulierte und auf Verbindendes setzte, blieben seine Einschübe nicht ungehört.

Man wolle keine schwachen Verbündeten in Europa, sondern „ein starkes Europa“, das sich selbst verteidigen kann. Eine Ansicht, die auf der Münchner Sicherheitskonferenz durchaus geteilt wird. Doch die Bitte um Begleitung auf dem Weg Präsident Trumps und der USA hat etwas von einer Drohung.

Die MAGA-Rede: Angriff auf die liberale Ordnung

Kritisch betrachtet könnte die eigentliche Botschaft der Trump-Administration in genau dieser zweiten Rede liegen. Warm und flauschig eingepackt, ohne die offen zur Schau gestellte Verachtung gegenüber Europa, wie sie JD Vance im vergangenen Jahr darbot. Dennoch zeigte sich das wahre Gesicht der MAGA-Bewegung in – diplomatisch verpackt – in Rubios Worten.

Die „Euphorie des Sieges“ nach dem Kalten Krieg habe zu „gefährlichen Illusionen“ geführt, so Rubio. Der Multilateralismus? Ein Fehler. Die regelbasierte Ordnung? Naiv. Die Vereinten Nationen? Ineffektiv und überflüssig. „Wir dürfen es nicht länger zulassen, dass diejenigen, die unsere Bürgerinnen und Bürger bedrohen, sich hinter abstrakten Fahnen des internationalen Rechts verstecken“, so Rubio. Keine ungewöhnliche Antwort für eine Administration, die in jüngster Zeit auf internationales Recht verzichtet.

Fast schon erwartbar: Rubios Attacke auf Wissenschaft und Klimapolitik. Er sprach von einem „Klimakult“, dem man gedient habe, während Gegner fossile Energien als Waffe einsetzten. Die Energiewende? Eine selbst verschuldete Schwächung des Westens. Was er meint: Man selbst hätte gerne wider besseres Wissen fossile Rohstoffe ausgebeutet.

Foto: Screenshot Live-Stream MSC
Applaus gab es nur für Rubios versöhnende Worte.
Foto: Screenshot Live-Stream MSC

Auch Migration brandmarkte Rubio als existenzielle Bedrohung: „nicht nur ein Nischenthema“, sondern „eine Bedrohung für unsere Gesellschaft und für das Überdauern unserer Zivilisation.“ An dieser Stelle zu schreiben, dass Rubio selbst ein Kind der Migration ist, genau wie 98,88 Prozent aller US-Amerikaner, wäre auch nur eine ermüdende Wiederholung.

Unterm Strich hätte Rubios zweite Rede auch auf einer Trump-Kundgebung in Pennsylvania nicht deplatziert gewirkt – wären dort nur nicht so nett verpackt gewesen. Inhaltlich lieferte auch der US-Außenminister nichts Neues. Es waren dieselben MAGA-Themen, die in Europa – außer bei Trumps rechtsradikalen Freunden – auf Ablehnung stoßen.

Die fehlende Rede: Worum es eigentlich gehen sollte

Die dritte Rede fiel aus – doch gerade sie wäre auf der MSC wichtig gewesen. Denn Rubio sprach auf der wichtigsten Sicherheitskonferenz der westlichen Welt, ohne die drängendsten Sicherheitsfragen substanziell zu behandeln.

Zur Ukraine? Ein Halbsatz, dass die USA dafür gesorgt hätten, „dass die beiden Seiten zumindest an einen Tisch gekommen sind, um über Frieden zu verhandeln.“ Keine Strategie, keine Zusagen, keine Vision für einen gerechten Frieden. Russland oder Putin erwähnte Rubio nicht einmal.

Zu China, der strategischen Herausforderung des 21. Jahrhunderts? Schweigen. Zu Grönland, über das Trump offen als potenzielle US-Akquisition spekuliert? Kein Wort. Zum Nahost-Konflikt? Nur die Behauptung, die UN hätten dort nichts geschafft, es sei nur der US-Führungsstärke zu verdanken, dass man dort einen „sehr zerbrechlichen Frieden“ etabliert habe. Wie es in Gaza oder mit dem Iran weiter geht? Auch hier blieb Rubio Antworten oder gar ein Konzept schuldig.

Stattdessen: Kulturkampf-Rhetorik, historische Reminiszenzen und ideologische Frontstellungen. Die eigentlichen geopolitischen Herausforderungen blieben außen vor. Es war, als hätte ein Außenminister auf einer Sicherheitskonferenz beschlossen, nicht über Sicherheit zu sprechen – und genau das erinnerte an den Auftritt von JD Vance im vergangenen Jahr.

Das freundliche Gesicht der MAGA-Bewegung und Europas Antwort

Marco Rubio ist das, was die Trump-Administration als ihr diplomatisches Gesicht präsentiert: kultiviert, mehrsprachig, historisch gebildet. Er ist sich der kulturellen Wiege der USA in Europa bewusst, spricht fließend Spanisch und kennt die europäische Geschichte.

Doch seine Münchner Rede zeigte: Auch das freundliche Gesicht der MAGA-Bewegung verkündet deren Kernbotschaften. Nur eben nicht mit Trumps polternder Direktheit oder Vance‘ Arroganz, sondern mit einem Lächeln und einem Verweis auf die Rolling Stones und die Beatles.

Rubios Rede war ein rhetorische Schmeichelei – aber auch eine Bankrotterklärung für die transatlantische Partnerschaft. Das gemeinsame Erbe, das er so wortreich beschwor, gilt für Washington nur noch dann, wenn es amerikanischen Interessen dient – oder besser: wenn es den Interessen der MAGA-Bewegung dient.

Die Frage, die Europa nach dieser Rede beantworten muss, ist nicht, ob Rubio höflicher ist als sein Präsident. Die Frage ist, ob der Westen noch eine gemeinsame Grundlage hat, wenn die USA ihre multilateralen Verpflichtungen für obsolet erklären und gleichzeitig von Europa „Ernsthaftigkeit und Gegenseitigkeit“ einfordern.

Wenn Europas Antwort auf diese Frage „Nein“ lautet, dann sollte die „Alte Welt“ nach Rubios MSC-Rede freundlich nicken und sich die restliche Konferenz über mit Sicherheitspolitik beschäftigen.

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