Es steht bereits seit Monaten zur Debatte, doch ein Veto des VW-Großaktionärs Katar blockierte bisher den vollständigen Eintritt des Volkswagen-Konzerns in die Rüstungsindustrie. Am Standort Osnabrück will man Komponenten für Rafaels Iron Dome bauen – Grund für das Veto. Jetzt zeichnet sich ein Umweg ab, den das Land Niedersachsen ermöglichen soll.

Die Gespräche zwischen Volkswagen und dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems über eine Iron-Dome-Fertigung im Werk Osnabrück sind offenbar wieder in Fahrt gekommen. Wie Bloomberg heute unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtete, könnte in den kommenden Wochen eine Einigung stehen, auch wenn das keinesfalls sicher sei.
Kern des Problems bleibt Katar. Der Staatsfonds des arabischen Landes hält über zehn Prozent der VW-Anteile und 17 Prozent der Stimmrechte und blockiert die Kooperation mit dem israelischen Rüstungsunternehmen bislang. Katar und Israel unterhalten bis heute keine offiziellen diplomatischen Beziehungen, obwohl Katar bereits mehrfach als Vermittler zur Hamas aufgetreten ist. Außerdem gilt das Emirat als enger Verbündeter der Türkei, deren Spannungen mit Israel zuletzt immer offensichtlicher werden.
So soll Katar ausgeschlossen werden
Die Lösung im VW-Problem, die laut Bloomberg-Bericht nun im Raum steht, ist ein Konstrukt über drei Ecken: Das Land Niedersachsen soll Teile des Osnabrücker Standorts übernehmen und darüber ein eigenes Gemeinschaftsunternehmen mit Rafael gründen.
Volkswagen selbst würde damit nicht direkt mit dem israelischen Staatskonzern kooperieren und die Bedenken aus Doha liefen ins Leere, ohne dass Katar sein Vetorecht offen ausspielen müsste. Katar verfügt zwar über zwei Aufsichtsratssitze, aber keine Sperrminorität; könnte den Deal bei VW also ohnehin nicht im Alleingang stoppen.

Dass eine Lösung mit Unterstützung Niedersachsens angestrebt wird, passt auch zu dem Besuch des Ministerpräsidenten Olaf Lies am Mittwoch. Der kam nach Osnabrück und zeigte sich vorsichtig zuversichtlich: Es gebe „eine Perspektive für den Standort“, so Lies im VW-Werk.
Laut der „Hannoverschen Allgemeinen“ könnte der Einstieg des Landes in das Osnabrücker Werk ein Volumen von rund 200 Millionen Euro erreichen, womöglich mit Beteiligung des Bundes. Den Berichten zufolge könnte die Vereinbarung mit Rafael bereits im September stehen.
Das soll in Osnabrück vom Band laufen
Konkret geht es in Osnabrück nicht um die Abfangraketen des israelischen Luftverteidigungssystems Iron Dome selbst, sondern um die Logistik dahinter. Demnach plant Rafael in Deutschland die Fertigung von Schwerlastfahrzeugen für den Raketentransport, von Abschussrampen sowie von Stromgeneratoren. Die Raketen sollen auch weiterhin in Israel und den USA produziert werden.

Iron Dome ist ein von Rafael gemeinsam mit Israel Aerospace Industries entwickeltes mobiles Kurzstrecken-Luftverteidigungssystem, das bereits seit 2011 im Einsatz ist und Raketen sowie Artilleriegeschosse aus einer Entfernung von 4 bis 70 Kilometern abfangen soll. Es besteht im Kern aus drei Elementen – einem Erfassungs- und Verfolgungsradar EL/M-2084 von Elta, einem Gefechtsführungs- und Waffenleitsystem sowie den eigentlichen Abschusseinheiten mit der Lenkflugkörper-Familie „Tamir“.
Anders als klassische Flugabwehrsysteme mit zentralem Aufbau ist Iron Dome dezentral konzipiert: Einzelne, ferngesteuerte Abschussrampen mit je 20 Flugkörpern lassen sich verteilt aufstellen, eine Batterie mit drei bis vier Werfern kann so ein Gebiet von rund 150 Quadratkilometern abdecken.
Luftverteidigung bleibt TOP-Thema
Aufgrund der zahlreichen Kriege und Konflikte in und um Israel gilt Iron Dome als besonders einsatzerprobt. Funktionierende und breit aufgestellte Luftverteidigung ist nicht nur in der Ukraine, sondern auch im Nahen Osten ein Dauerthema.

Hier hat zuletzt der US-Krieg gegen den Iran und dessen Folgen die Bestände an Abfangraketen für US-amerikanische und israelische Luftverteidigungssystemen deutlich schrumpfen lassen. Die Nachfrage nach Iron Dome als Luftverteidigungssystem für kurze Reichweiten dürfte dies zusätzlich befeuern.
Deutschland selbst setzt derzeit nicht auf das System. Deutsche Luftverteidigung stützt sich auf Arrow 3, Patriot, IRIS-T und Skyranger für jeweils andere Layer.
Zukunft für Osnabrücker Werk
Sollte die Einigung für das Osnabrücker Werk tatsächlich zustande kommen, wäre das der erste echte Einstieg des VW-Konzerns in die Rüstungsproduktion – trotz Umweg über das Land Niedersachsen. Bislang wurden durch VW lediglich Fahrzeuge hergestellt, die anschließend von anderen Anbietern militarisiert wurden (Defence Network berichtete).
Freuen dürften sich insbesondere die 2.300 Beschäftigten: Im kommenden Jahr läuft in dem VW-Werk die Fertigung des T-Roc Cabriolet aus. Ein Deal mit Rafael wäre eine mögliche Rettungsleine.
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