Die Ursprünge des BOXER reichen in die 1990er Jahre zurück, als Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich gemeinsam die Idee eines flexiblen, modularen Radpanzers entwickelten. Ziel war es, ein Fahrzeug zu schaffen, das unterschiedlichste Einsatzszenarien abdecken kann – von Infanterietransport über Führungsunterstützung bis hin zu Sanitätsdiensten und Pionieraufgaben.
Am 10. Dezember 1999 wurde das BOXER-Programm offiziell in OCCAR integriert. Der Entwicklungsvertrag folgte kurz darauf, und 2006 wurde der erste Produktionsvertrag unterzeichnet.
Modularität und Plattformgedanke beim BOXER
Das zentrale Merkmal des BOXER ist seine modulare Architektur: Ein gemeinsames Fahrmodul wird mit austauschbaren Missionsmodulen kombiniert. Diese Trennung erlaubt eine enorme Variantenvielfalt und vereinfacht Wartung, Logistik und Weiterentwicklung. Die Plattform wurde von Anfang an als „Familie von Fahrzeugen“ konzipiert, die auf einem gemeinsamen Fahrgestell basiert und durch verschiedene Missionsmodule an spezifische Anforderungen angepasst werden kann.
Die Modularität ermöglicht es den Nutzerstaaten, ihre spezifischen Anforderungen umzusetzen, ohne die Grundstruktur des Fahrzeugs zu verändern. Gleichzeitig profitieren sie von gemeinsamen Entwicklungs- und Produktionsprozessen, was Zeit und Kosten spart. Die ersten Varianten – darunter Fahrertrainings-, Infanterietransport-, Führungs-, Sanitäts-, Transport- und Führungsfahrzeuge – wurden von Deutschland und den Niederlanden bestellt und ab 2009 ausgeliefert. Der Einsatz in Afghanistan zwischen 2011 und 2014 lieferte wertvolle Erkenntnisse für spätere Weiterentwicklungen.
Internationale Kooperation und Teilnehmerstaaten
Heute sind Deutschland, die Niederlande, Litauen und das Vereinigte Königreich aktive Teilnehmernationen im BOXER-Programm. Australien ist im Beobachter-Status eingebunden.
Insgesamt wurden über 1.620 Fahrzeuge inklusive Entwicklungskosten und logistischer Anteile im Wert von rund 11 Milliarden Euro beauftragt. Mehr als 740 BOXER wurden bereits ausgeliefert – darunter über 400 an Deutschland, über 200 an die Niederlande und über 90 an Litauen. Großbritannien hält mit über 600 Fahrzeugen die größte Bestellung, deren Auslieferung bis 2032 geplant ist.
Interoperabilität und Vorteile der Zusammenarbeit
Die internationale Zusammenarbeit im Kontext der OCCAR ermöglicht eine enge Abstimmung der Anforderungen, gemeinsame Beschaffung und den Austausch von Erfahrungen. Nationen profitieren von:
- Gemeinsamer Logistik: Ersatzteile und Wartungsprozesse können übergreifend genutzt werden.
- Economy of Scales: Gemeinsame Verträge senken die Stückkosten und verkürzen Lieferzeiten.
- Wissenstransfer: Erkenntnisse aus Einsätzen und Tests werden über OCCAR geteilt.
- Technische Standardisierung: Einheitliche Schnittstellen und Komponenten erleichtern die Integration in multinationale Einsatzverbände.
Programmmanagement und industrielle Kooperation
Die erfolgreiche Umsetzung des BOXER-Programms beruht nicht nur auf technischer Exzellenz, sondern auch auf einem hochprofessionellen Programmmanagement. Die BOXER Programme Division bei OCCAR besteht aus 31 multinationalen Experten, die eng mit dem Hauptauftragnehmer ARTEC GmbH – einem Joint Venture von KNDS Deutschland GmbH & Co. KG, Rheinmetall Landsysteme GmbH und Rheinmetall Defence Nederland B.V. – zusammenarbeiten.
Die Zusammenarbeit zwischen OCCAR, den Nationen und der Industrie ist geprägt von regelmäßigen Programmreviews, Ausschüssen und Boards, die strategische Entscheidungen und technische Abstimmungen ermöglichen. Darüber hinaus existieren zahlreiche informelle Austauschformate, die den Wissenstransfer und die Koordination fördern.
Herausforderungen der Variantenvielfalt
Trotz der Vorteile bringt die Variantenvielfalt auch Herausforderungen mit sich. Nationenspezifische Anpassungen erfordern zusätzlichen Entwicklungsaufwand, komplexe Logistik und sorgfältige Konfigurationskontrolle. Aktuell sind 19 Varianten im Programm, darüber hinaus neue Entwicklungen wie z.B. ein „Joint Fire Support Team schwer“ für Deutschland. Die Konfiguration und das Management technischer Abhängigkeiten, Änderungen und Obsoleszenz sind zentrale Aufgaben des Programmmanagements.
Die Entwicklung neuer Varianten umfasst nicht nur technische Aspekte, sondern auch vertragliche, logistische und operationelle Fragestellungen. OCCAR stellt sicher, dass diese Prozesse effizient und transparent ablaufen und die Interessen aller Beteiligten wahrgenommen werden.
Neue Entwicklungen im Oktober 2025
Am 17. Oktober 2025 wurde ein bedeutender Meilenstein erreicht: OCCAR unterzeichnete in Bonn einen neuen Vertrag über zusätzliche BOXER-Fähigkeiten für Deutschland und die Niederlande im Wert von 4,5 Milliarden Euro.
Insgesamt werden 270 weitere Fahrzeuge beschafft. Für Deutschland sind neue Fahrertrainings- und Sanitätsvarianten vorgesehen, ausgestattet mit dem neuen D-LBO Führungsfunkgerät der Bundeswehr – und verbesserter visuellen Ausstattung sowie hochentwickelter medizinischer Ausrüstung zur Verbesserung der medizinischen Versorgung im Einsatz.
Ein zentrales Highlight in diesem neuen Vertrag ist die gemeinsame Entwicklung eines neuen Infanteriekampffahrzeugs (IFV) namens SCHAKAL, das den fortschrittlichen RCT30-Turm (verwendet im PUMA-Programm) mit dem BOXER-Fahrgestell kombiniert. Insgesamt werden 222 SCHAKAL-Fahrzeuge beschafft. Diese neue Variante vereint hohe Feuerkraft, verbesserte Sensorik und Schutzfähigkeit mit der Flexibilität der BOXER-Plattform und stellt eine technologische Fusion zweier leistungsfähiger Systeme dar. Wegweisend im Streben nach möglichst großer technischer und operativer Standardisierung ist auch die Tatsache, dass Deutschland und die Niederlande den SCHAKAL in derselben Konfiguration bestellen.
Die Verträge beinhalten zudem eine Erstversorgung für den Beginn der Nutzung. Diese neue BOXER-Variante basiert darüber hinaus erstmalig auf der neuesten und leistungsfähigsten Version des BOXER-Fahrmoduls, das künftig von allen Teilnehmernationen genutzt werden soll.
Diese Initiative stärkt nicht nur die Einsatzfähigkeit Deutschlands und der Niederlande, sondern unterstreicht auch die Zukunftsfähigkeit des BOXER als modulare Lösung für die Anforderungen aktueller und zukünftiger Gefechtsfelder.
Technologische Weiterentwicklung und Zukunftsperspektiven
Die letzten Jahre haben gezeigt, dass der BOXER kontinuierlich weiterentwickelt wird, um den sich wandelnden Anforderungen gerecht zu werden. Die Plattform ist offen für neue Technologien und Varianten, darunter bspw. Brückenleger, Berge- und Reparaturfahrzeuge und Drohnenabwehr.
Die Fähigkeit des BOXER, sich technologisch weiterzuentwickeln und neue Anforderungen zu integrieren, macht ihn zu einem zukunftssicheren System. Die Kombination aus Modularität, internationaler Kooperation und OCCARs effizientem Management stellt sicher, dass der BOXER auch in den kommenden Jahrzehnten eine zentrale Rolle in der europäischen Verteidigung spielen wird.
Fazit
Das BOXER-Programm ist ein prominentes Beispiel für erfolgreiche europäische Rüstungskooperation. Es vereint technologische Innovation, wirtschaftliche Effizienz und strategische Flexibilität. Die Plattform hat sich in über 25 Jahren als robust, anpassungsfähig und interoperabel erwiesen. OCCAR hat mit dem BOXER gezeigt, wie multinationale Programme effektiv gemanagt und weiterentwickelt werden können – ein Modell für zukünftige europäische Verteidigungsprojekte.
Autor: Salim Chehab, Business Development Officer, OCCAR
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