„Deutschland, Sachsen und Leipzig haben uns ihre Unterstützung zugesagt, und wir betrachten diese Anlage als unseren Dreh- und Angelpunkt für Europa; wir hoffen, hier über viele, viele Jahre hinweg zu wachsen“, erklärte der Mitgründer und Co-CEO von Covenant, Michael Kaufman, bei der heutigen Eröffnung. Sein erst zwei Jahre wennaltes Unternehmen hat sich nach Produktionsstandorten in Israel und den USA für Deutschland als drittes Standbein entschieden.
Ein Gelände von mehr als einem Hektar im Leipziger Norden soll sämtliche Unternehmensfunktionen des deutschen Ablegers Covenant Industries GmbH unter einem Dach vereinen: von der Produktion über IT und Geschäftsentwicklung bis hin zu Personal und Kommunikation. Damit soll der heute offiziell eröffnete Standort flächenmäßig sogar die bestehende US-Anlage in Dallas (Texas) übertreffen.
Doch der Zeitplan ist eng getaktet. Erst vor fünf Monaten fiel die Standortentscheidung, bereits im ersten Quartal 2027 soll die Serienproduktion anlaufen, mit dem Ziel von 1.000 produzierten Einheiten im Jahr 2027 und einem anschließenden Hochlauf auf bis zu 5.000 Marschflugkörpern bereits im zweiten Jahr. Das geht nicht ohne eine ausreichende Infrastruktur vor Ort.
„Wie Sie wissen“, betonte Abby Denburg, President und Chief Growth Officer von Covenant, „handelt es sich um eine Fläche von 10.000 Quadratmetern, auf der wir hier in Leipzig lokale Arbeitskräfte beschäftigen werden, um den unglaublichen Talentpool zu nutzen und eine wirklich wichtige Fähigkeit voranzubringen.“ Ausschlaggebend für die Investition von 250 Millionen Euro in den Standort Leipzig seien neben der industriellen Basis und den Forschungseinrichtungen auch die logistischen Vorteile sowie die Lebensqualität der Region.

Das Unternehmen setzt trotz seiner US-Herkunft auf eine europäische Lieferkette, um gegen eventuelle Einschränkungen abgesichert zu sein. Der anhaltende Krieg der USA gegen den Iran hat insbesondere die Bestände an Flugkörpern für die Luftverteidigung, aber auch Marschflugkörpern und Raketen sowie einzelnen Komponenten und dafür benötigte Rohstoffe schrumpfen lassen.
Anthem: Langstreckenflugkörper von Covenant
Bei der Produktion im Leipziger Norden geht es um den Marschflugkörper Anthem. Der Flugkörper kombiniert nach Unternehmensangaben eine hohe Nutzlast mit großer Reichweite und soll dabei zu einem Bruchteil der Kosten vergleichbarer Systeme gefertigt werden.
Covenant selbst nennt eine mittlere sechsstellige Zahl, während bekannte Marschflugkörper wie der Taurus von MBDA aus Deutschland und Tomahawk aus den USA jenseits der Millionengrenze liegen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass diese Systeme je nach Konfiguration über die doppelte Nutzlast verfügen. Wenngleich nicht offiziell bekannt, gehen Beobachter bei Anthem von einer Nutzlast im Bereich von 200 bis 300 Kilogramm aus.

Für Vergleiche interessant ist beim Thema Deep Precision Strike sicherlich auch die Reichweite. Beim Taurus ist diese mit über 500 Kilometern recht kurz (die Stärken des deutschen Systems liegen eher bei seiner Fähigkeit, auch verbunkerte Ziele zu bekämpfen und durch extremen Tiefflug von gegnerischen Radaren unerkannt zu bleiben). Beim Tomahawk ist die Reichweite erneut von der Konfiguration abhängig und wird mit bis zu 2.000 Kilometern angegeben. Für Anthem gibt es keine offiziellen Zahlen, doch beziffern Beobachter die Reichweite mit bis zu 1.500 Kilometern.
Anthem absolvierte zahlreiche Tests
Anthem ist als umfassende Tiefschlag-Lösung konzipiert, bei der Covenant ein Gesamtpaket liefern möchte: Transport, Lagerung und Start vom Boden aus wurden mit dem Ziel minimalen Aufwands für den Endnutzer entwickelt. Ergänzt wird das System durch eine eigens entwickelte Software für Missionsplanung sowie Führungs- und Einsatzsteuerung, die koordinierte Massenstarts ermöglichen soll.

Seit seinem Erstflug im August 2025 hat Covenant den Marschflugkörper in mehr als 200 Tests erprobt, darunter mehrere Flugtests mit dem US-Militär auf amerikanischem Boden und im Ausland.
Neben einem bereits bestehenden europäischen Erstauftrag steht Covenant nach eigenen Angaben mit mehreren weiteren verbündeten Nationen in Vertragsverhandlungen; weitere Abschlüsse werden noch vor Jahresende erwartet.
Deep Precision Strike – Fähigkeitslücke bei europäischen Streitkräften
Die Markteinführung von Anthem fällt in eine Phase, in der die Tiefschlagfähigkeit europäischer Streitkräfte zunehmend als strategische Schwachstelle diskutiert wird.
„Covenant hat ein kostengünstiges Langstreckensystem entwickelt“, erklärte Denburg, „ein System für Deep Precision Strike, das darauf ausgelegt ist, den dringenden Bedarf innerhalb der NATO zu decken.“ Für die Bundeswehr ist das Thema besonders relevant. Nicht ohne Grund dürfte im Publikum der Eröffnungsfeier auch der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, gesessen haben.
Zur Schließung der Fähigkeitslücke „Tiefschlagfähigkeit“ plant Deutschland, 12 Milliarden Euro mit drei sich ergänzenden Plänen zu investieren (Defence Network berichtete). Anthem von Covenant soll neben zwei ukrainischen Systemen zu jenen Marschflugkörpern gehören, welche die Bundeswehr für eine schnelle und günstige Beschaffung in hohen Stückzahlen betrachtet.

Zur Schließung der Lücke will die Bundeswehr kurzfristig rund 400 Tomahawk-Marschflugkörper aus den USA beschaffen – der Vertrag ist noch nicht in trockenen Tüchern – und langfristig, gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich, einen eigenen Marschflugkörper entwickeln. Marschflugkörper wie der Anthem von Covenant ließen sich ebenfalls kurzfristig beschaffen, sollte der Hersteller mit seinem Produktionsstart Anfang 2027 Wort halten.
Die heute in Sachsen offiziell eröffnete Produktionsstätte für Langstreckenflugkörper hat demnach das Potenzial, diese Fähigkeitslücke der Bundeswehr und vieler europäischer Partner zu schließen.
„Wir möchten zu den wichtigsten Lieferanten von Rüstungsgütern und -systemen für Europa gehören“, erklärte Kaufman und deutete an, weitere Investitionen in Deutschland zu tätigen zu wollen. Lesen Sie morgen mehr über das Angebot von Covenant an die Bundeswehr, im Interview von Mitgründer und Co-CEO Michael Kaufman und President und CGO Abby Denburg mit dem Defence Network.
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