Zahlen wie 450.000 oder 1,4 Millionen sind kaum noch vorstellbar. Erst Vergleiche machen das Ausmaß von Russlands Verlusten im Ukraine-Krieg greifbar: So entsprachen alleine die durch Drohnen verursachten schweren Verluste im Jahr 2026 der Stärke der gesamten Bundeswehr. Warum Russlands Verluste inzwischen historische Dimensionen erreicht haben – und weshalb Moskau dennoch weiter angreift – die Antwort auf beides lautet Wladimir Putin.
Manche Zahlen brauchen Vergleiche, um greifbar zu werden, denn sie sind zu groß, um erfassbar zu sein. So kann das menschliche Gehirn kaum unterscheiden zwischen 100.000 oder einer Million, beide Zahlen liegen einfach mehr nicht im Bereich des Vorstellbaren.
Hier also ein Vergleich, der die enormen Verluste Russlands greifbar machen soll: Alleine durch Drohnen wurden bisher im Jahr 2026 russische Soldaten getötet oder schwer verwundet in einer Größenordnung, die der aktuellen Stärke aktiver Soldaten der Bundeswehr entspricht. Nur durch Drohnen. Nur in 2026.
Und ein weiterer Vergleich: Insgesamt belaufen sich die russischen Verluste (Verwundet, Getötet, Kriegsgefangenschaft) auf über 1,4 Millionen Soldaten, was der Größenordnung (Einwohnerzahl) von Köln plus Bochum entspricht und mehr ist, als sogar die USA überhaupt an Soldaten haben. Laut einer Analyse des amerikanischen Think Tanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) liegt dabei die Zahl der Gefallenen auf russischer Seite bei 450.000, was in etwa die 2,5-fache Stärke der Bundeswehr wäre.
Verhältnis der Verluste 8:1
Das Gedenkprojekt Ukrainian Losses spricht hingegen von Verlusten von etwas über 213.000 Soldaten auf ukrainischer Seite. Diese Zahl ist allerdings sicherlich zu gering gegriffen und beruht darauf, dass dort nur jene Verluste dargestellt werden, die den Betreibern auch gemeldet wurden. Weitaus wahrscheinlicher ist eine Größenordnung von 500.000 bis 600.000 ukrainischen Verlusten (Verwundet, Getötet, Kriegsgefangenschaft), welche unter anderem auch CSIS nennt.
„Die Verluste und Todesopfer auf russischer Seite sind deutlich höher als die der ukrainischen Seite“, beschreibt CSIS in einer aktuellen Analyse. „Während eines Großteils des Krieges lag das Verhältnis der Verluste zwischen Russland und der Ukraine zwischen 2:1 und 3:1 (zwei bis drei russische Verluste pro ukrainischem Verlust), doch in der ersten Hälfte des Jahres 2026 ist dieses Verhältnis wahrscheinlich auf fast 8:1 gestiegen.“
Und auch der amerikanische Think Tank muss zu einem Vergleich greifen, um diese Zahlen begreifbar zu machen: „Die Zahl der russischen Verwundeten und Gefallenen ist erschreckend hoch. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Großmacht in irgendeinem Krieg auch nur annähernd so viele Verwundete oder Gefallene zu beklagen gehabt, was Russland eine düstere und beispiellose Bilanz in der jüngeren Geschichte beschert. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten beispielsweise hat Russland in der Ukraine etwa viermal so viele Gefallene zu beklagen wie die Vereinigten Staaten in allen ihren Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen.“
So beliefen sich beispielsweise die US-Verluste im Vietnam-Krieg auf „nur“ knapp 60.000 Mann, wobei sich das „nur“ rein auf den Vergleich zum Ukraine-Russland-Krieg bezieht. Eine Zahl, die Russland aktuell alle zwei Monate erreicht – und die mittlerweile die russischen Rekrutierungen übersteigt, die bei etwa 27.000 pro Monat liegen sollen, während sich die Verluste Russlands auf teilweise weit über 30.000 Soldaten pro Monat belaufen – was wiederum der Einwohnerzahl von Idar-Oberstein entspricht und mehr ist, als die deutsche Luftwaffe aktuell an Soldaten besitzt. Pro Monat.
„Auch aus historisch-russischer und sowjetischer Perspektive sind die russischen Verluste und Todesopfer bemerkenswert“, analysiert CSIS. „Die Zahl der russischen Gefallenen in der Ukraine ist mehr als 28-mal so hoch wie die Zahl der sowjetischen Gefallenen in Afghanistan in den 1980er Jahren, mehr als 18-mal so hoch wie während des Ersten und Zweiten Tschetschenienkriegs in den 1990er und 2000er Jahren und mehr als neunmal so hoch wie in allen russischen und sowjetischen Kriegen zusammen seit dem Zweiten Weltkrieg.“
Das Betreten der Kill-Zone
Die großen Unterschiede an Verlusten lassen sich vor allem auf unterschiedliche Taktiken zurückführen. Zwischen den beiden Streitkräften hat sich eine sogenannte Kill-Zone etabliert, etwa 20 bis 40 km breit, die durch Aufklärung, Minen und unbemannte Systeme kontrolliert wird. Von beiden Seiten. Bei dieser Kill-Zone handelt es sich im Grunde um das berühmte gläserne Gefechtsfeld, in dem fast jeder Schritt dem Gegner bekannt ist und bekämpft werden kann.
Russland – in seiner Position als Angreifer – versucht immer wieder diese Kill-Zone zu durchschreiten. Meistens mit eher schlecht ausgerüsteten und trainierten Soldaten, die entweder tatsächlich durchbrechen oder zumindest das gegnerische Feuer auf sich lenken sollen, um gegnerische Stellungen zu identifizieren und bekämpfbar zu machen. Bei diesen Einheiten handelt es sich um kleine Gruppen, um eine sogenannte Infiltrationstaktik, statt eines großangelegten Angriffs.
Die Ukraine hingegen agiert in der Kill-Zone fast ausschließlich mit unbemannten Systemen, was allerdings auch dazu führt, dass die Geländerückgewinnung eher langsam und schleppend erreicht wird, da erst Russlands Fähigkeiten in der Kill-Zone zu zerstören sind, bevor die Boots on the Ground diese durchschreiten. Und doch kann in diesem Jahr erstmals von einer signifikanten Befreiung russisch-besetzter Gebiete durch die ukrainischen Streitkräfte gesprochen werden. Der Krieg entwickelt sich aktuell eindeutig zugunsten der Ukraine.
Russland verliert ohne aufzugeben
Und doch schließt beispielsweise der amerikanische Think Tank CSIS seine jüngste Bewertung mit einem nicht durchgehend positiven Ausblick: „Wie die Daten dieser Analyse zeigen, waren Russlands Fortschritte auf dem Schlachtfeld historisch gesehen äußerst schwach: Die russischen Verluste, Todesopfer und durchschnittlichen Vorstoßraten gehören zu den schlechtesten aller Großmächte in allen Kriegen seit dem Zweiten Weltkrieg. Trotz hoher Verluste kämpft Russland jedoch weiter – eine Entscheidung, die fest in Putins Hand liegt, der öffentlich keinerlei Hinweise dafür gegeben hat, dass er beabsichtigt, das Tempo zu drosseln, selbst wenn es immer schwieriger wird, die Kosten des Krieges vor einer russischen Öffentlichkeit zu verbergen, die wiederum erste Anzeichen von Ermüdung zeigt. Solange Putin bereit ist, diesen hohen Preis zu zahlen, kann Russland weiterhin auf einen großen Bestand an Menschen und eine Kriegswirtschaft zurückgreifen, die zwar unter Druck steht, aber noch nicht zusammengebrochen ist.“
Es steht und fällt also mit Russlands Präsident Wladimir Putin, wann und wie dieser Krieg endet. Vielleicht vermag es die NATO genug Druck aufzubauen, damit Russland sich mit einem Willen für Frieden an den Verhandlungstisch begibt.
Die Analysten des CSIS heben hervor: „Seit dem Zweiten Weltkrieg endeten zwischenstaatliche Kriege auf verschiedene Weise: 30 Prozent nach einem Waffenstillstand, 21 Prozent aufgrund eines Sieges einer Seite auf dem Gefechtsfeld, 16 Prozent durch ein Friedensabkommen und der Rest aus einer Vielzahl anderer Gründe. Für Europa und die Vereinigten Staaten sollte das Ziel darin bestehen, ein Friedensabkommen oder im schlimmsten Fall einen Waffenstillstand zu erreichen, indem sie die menschlichen und finanziellen Kosten eines langwierigen Krieges für Moskau erhöhen. Das bedeutet, der Ukraine weiterhin militärische und wirtschaftliche Hilfe zu leisten – und sogar den Umfang und die Qualität der militärischen Hilfe, wie beispielsweise bei Luftverteidigungssystemen, auszuweiten – sowie die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verschärfen.“
Der morgen beginnende NATO-Gipfel in Ankara könnte hierfür weitere Weichen stellen. Denn bis Russland nicht tatsächlich den Frieden will und von seiner Aggression ablässt, wird an der Front weiter gestorben. In der Kill-Zone und vor allem durch unbemannte Systeme.
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